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Champions League: Champions League-Analyse - Drei Titel für Bayern?

Ist zweimal sieben gleich drei? Hat Bayern nach dem 7:1 gegen Hoffenheim und dem 7:0 gegen Basel nun wieder die Chance auf alle drei Titel? Wir bewerten die Aussichten in Champions League, Bundesliga und DFB-Pokal und haben eine Gesamtwahrscheinlichkeit errechnet. Nebenbei erklären wir gerne, warum es "Treble" heißt.

14 Tore in vier Tagen. Anlass genug, die Bayern-Krisengeschichten erstmal auf der Festplatte abzulegen (aber nicht löschen, nach der nächsten Niederlage gleich veröffentlichen!). Spaß beiseite: Der FC Bayern hat für eine Mannschaft in der Krise relativ feinen Fußball gezeigt - zum Leidwesen der Kollegen und Ex-Bayern Markus Babbel in Hoffenheim und Heiko Vogel in Basel.

Wir sind nicht dafür bekannt - so hoffen wir zumindest - Momentaufnahmensportjournalismus (Legen Sie das mal bei Scrabble, Game over) zu praktizieren. Aber jetzt eine nüchterne Geschichte à la "Die Gegner waren natürlich auch nicht so stark" zu machen? Bayern hat zweimal in Folge sieben Tore geschossen! Euphorie, Autokorso, wildfremde Menschen liegen sich in den Biergärten in den Armen.

Deshalb greifen wir nach den Sternen und sprechen mal das größtmögliche Wort aus, das uns zur Saison des FC Bayern einfällt: Treble. Weil ohnehin viele Beschwerden kommen werden, ist das der Moment für einen kurzen linguistischen Exkurs. Wir markieren für alle, die nur über Bayern lesen wollen, Anfang und Ende unseres Ausflugs. Bis gleich.

EXKURS

In Deutschland sagen fast alle "Triple", wenn sie vom Gewinn dreier Titel in einer Saison reden wollen. Warum? Niemand weiß es. Aber alle machen es nach. Der klassische Herdentrieb, Variante Lemmingherde. Warum ist das falsch? Weil es das Wort im Englischen gar nicht gibt. Im Deutschen übrigens auch nicht. Anders als das Wort "Double", das im Englischen als Substantiv seinen festen Platz hat. Es bedeutet einerseits einfach "Das Doppelte", andererseits ist es auch in der Sportsprache als fester Begriff für den Gewinn von Meisterschaft und Pokal in einer Saison etabliert.

Aber "Triple"? Das gibt es nur als Adjektiv, es bedeutet "dreifach". Bayern kann aber nicht "das dreifach" gewinnen. Was Bayern gewinnen kann, ist das "Treble". So nennt man in Großbritannien den Gewinn dreier Titel in einer Saison. Manchester United hat es 1999 geschafft, mit dem Gewinn der Premier League, dem Sieg im FA Cup-Finale gegen Newcastle United und dem Sieg im Champions League-Finale. Womit wir wieder beim FC Bayern wären. Wie elegant ist das denn?

EXKURS ENDE

Bayern steht nun im Viertelfinale der Champions League, im Halbfinale des DFB-Pokals und ist Zweiter in der Bundesliga. Wenn alles glatt läuft, dann haben die Münchner bis Anfang Mai jede Woche zwei Pflichtspiele. So nah an der Treble-Chance wie 2010 sind sie übrigens noch nicht, als Louis van Gaal Meisterschaft und Pokal gewann und erst im Champions League-Finale von Inter geschlagen wurde.

Aber angesichts der beeindruckenden Darbietungen der letzten beiden Spiele wäre es seltsam unbayerisch, zu sagen: "Wir setzen uns nicht unter Druck, wir müssen gar nichts gewinnen." Also, drei Wettbewerbe, drei Titelchancen, drei Analysen: Wie gut sind Bayerns Chancen?

1) BUNDESLIGA

Noch nie hat eine Mannschaft in der Drei-Punkte-Ära einen Sieben-Punkte-Vorsprung an den letzten zehn Spieltagen noch aus der Hand gegeben. Damit Bayern noch Meister wird, müsste also wahrhaft Historisches passieren. Was für die Münchner spricht: Das Restprogramm ist relativ leicht - mit Ausnahme des Spiels in Dortmund nach Ostern. Aber das muss die Mannschaft sowieso gewinnen, wenn sie noch Meister werden will. Der BVB hat es viel schwerer, mit Spielen gegen Bayern, Schalke und Gladbach direkt nacheinander.

Zu einer historischen Aufholjagd gehören aber zwei Teams: eines, das unfassbar gut in Form ist. Und eines, das unfassbar schlecht drauf ist und einbricht. Ob wirklich beide Faktoren zusammenkommen in diesem Fall? Erstens hat Borussia Dortmund seit einem halben Jahr kein Bundesligaspiel mehr verloren und macht nicht den Eindruck, als stünde man kurz vor einer Krise. Und zweitens hat der BVB keine Champions League-Spiele, die Aufmerksamkeit und Kraft kosten.

Bayern wiederum hat 2012 auswärts nur ein einziges Spiel gewonnen, und das im Pokal in Stuttgart. Die beiden hohen Siege daheim müssten also eine Art umgelegter Schalter für Auswärts gewesen sein, damit nun eine Serie gestartet werden kann. Positiv immerhin: Das kommende Auswärtsspiel in Berlin sollte tatsächlich gewonnen werden können, nach menschlichem Ermessen.

Fazit: Es müsste viel zusammenkommen, damit Bayern noch Meister wird. Als Fan oder als Spieler denkt man immer: "Warum sollten wir nicht ab jetzt alle Spiele gewinnen?" Als neutraler Beobachter denkt man: "Weil das in dieser Form noch nie jemandem gelungen ist, sind die Chancen eher gering."
Titelchance: 25 Prozent

2) CHAMPIONS LEAGUE

Da die ausstehenden Gegner hier, anders als in der Bundesliga, noch nicht bekannt sind, spielt das Losglück logischerweise eine große Rolle. Gegen APOEL Nikosia wäre Bayern haushoher, gegen Benfica oder Marseille klarer Favorit. Gegen Milan wäre es schon enger, wenn auch mit leichten Vorteilen für die Bayern. Gegen Barcelona aber ist niemand Favorit, und auch gegen Real Madrid müsste - den Viertelfinaleinzug vorausgesetzt - schon viel passen, damit Bayern über zwei Spiele als Sieger vom Platz geht.

Entscheidender Faktor für Bayerns Chancen ist also tatsächlich der Weg ins Finale. Spielen die Münchner bis dahin nicht gegen Barcelona oder Madrid, dann stehen die Chancen in einem Spiel im eigenen Stadion relativ gut - oder zumindest as good as it gets. Vorher über zwei Spiele Barcelona oder Real Madrid schlagen? Nicht unmöglich, aber sehr, sehr schwer. Mag sein, dass Bayern die drittbeste noch im Wettbewerb vertretene Mannschaft ist (wofür, ohne Milan zu unterschätzen, einiges spricht).

Aber das heißt nicht, dass Jupp Heynckes und seine Mannschaft, gerade bei ihrer jüngst gezeigten Auswärtsschwäche, auf Augenhöhe mit den Clasico-Giganten wären. Eine solche Aussage ruft erfahrungsgemäß immer Widerspruch hervor, solange sie noch nicht durch Ergebnisse im direkten Vergleich verifiziert worden ist. Aber das liegt auch am oben beschriebenen Phänomen der Fanperspektive und ihres inhärenten Optimismus.

Halten wir ihr noch ein paar Rahmendaten entgegen: Von José Mourinho trainierte Mannschaften haben in den letzten drei Jahren in Hin- und Rückspiel nur gegen einen einzigen Gegner verloren: Barcelona (Copa del Rey 2012, Supercopa 2011, Champions League 2011). Barcelona hat, seit Josep Guardiola 2008 Trainer wurde, in der Champions League nur ein einziges Mal nach Hin- und Rückspiel verloren: gegen José Mourinhos Inter 2010.

Zudem liegen paradoxerweise beide spanischen Teams Bayern nicht, trotz ihrer unterschiedlichen Herangehensweise. Barcelona hat (und das sogar schon vor Guardiola) ausschließlich gegen extrem defensiv eingestellte Mannschaften Probleme bekommen. Ballbesitzorientierte Teams wie Bayern waren hingegen selten ein ernsthaftes Hindernis. Real Madrid wiederum darf als beste Kontermannschaft der Welt gelten und trifft auf eine Bayern-Defensive, die einiger Umstellungen bedürfte, um genau darauf eingestellt zu sein.

Fazit: Viertel- und Halbfinale ohne Barcelona und Madrid = gute Aussichten aufs Finale, in dem dann ein halbes Heimspiel. Was nicht heißen soll, dass Bayern nun auf einmal  keinen anderen Gegner fürchten müsste. Aber es hat schon stärkere CL-Viertelfinalfelder gegeben als dieses Jahr, das könnte ein Vorteil sein.
Titelchance: 15 Prozent

3) DFB-POKAL

Das Beste zum Schluss. Einzige offene Frage ist hier, ob Fürth oder Dortmund ein möglicher Endspielgegner wäre. Nehmen wir mal an, dass es der BVB wird. Dann muss Bayern natürlich immer noch in Mönchengladbach gewinnen, bei der Mannschaft, die in dieser Saison sechs Punkte gegen die Münchner gesammelt hat. Nicht gerade ein Selbstgänger.

Überhaupt muss man sagen, dass ausgerechnet die beiden Clubs, die in jüngster Zeit das scheinbar beste Rezept gegen Bayern gefunden hatten, die mutmaßlichen beiden Kontrahenten sind, die für den Pokalsieg ausgeschaltet werden müssen. Gladbachs Formkurve zeigt jedoch aktuell nicht gerade nach oben, anders als die der Bayern, die selbst bei der Niederlage in Leverkusen keinen schlechten Fußball zeigten.

Auch gegen Dortmund im Finale sehen wir Bayern - bei allen Problemen, die die Münchner gegen Jürgen Klopps BVB seit zwei Jahren haben - als leichten Favoriten. Mehr aber auch nicht. Kombiniert mit der relativ geringen Wertigkeit, die der Pokal für Bayern im Vergleich mit der Champions League hat, ist dieser Titel also auch noch nicht in trockenen Tüchern.

Fazit: Bayern ist von der absoluten Klasse her die beste Mannschaft, die noch im Wettbewerb ist. Und muss nur zwei Spiele gewinnen, um den DFB-Pokal zu holen. Das klingt nach keiner schlechten Ausgangslage. Stimmt. Sind aber dennoch zwei anspruchsvolle Aufgaben. Es sei denn, Fürth steht im Finale (was nicht völlig undenkbar ist).
Titelchance: 60 Prozent

Wenn unsere Annahmen stimmen, was die einzelnen Titelchancen angeht, dann ergäbe sich eine Treble-Chance der Bayern von 2,25 Prozent. Klingt viel zu pessimistisch, finden Sie? Sie können natürlich sagen, im Fußball geht immer alles, und was sind schon Zahlen und Statistiken. Wir können dann sagen: Die Chancen, dass auf einmal alles ganz anders wird und Bayern im Rest der Saison praktisch alle Pflichtspiele gewinnt, erscheinen uns geringer als die Chance, dass die Probleme, die  das bisher verhindert haben, auch weiterhin zur Geltung kommen werden.

Anders formuliert: außer der nicht zu unterschätzenden Rückkehr Bastian Schweinsteigers: Worin sollte der "Schalter-umleg-Faktor" denn bestehen? In der mentalen Selbstgewissheit, die aus zweimal sieben erzielten Toren entsteht? Wenn Fußball doch nur so einfach wäre.

Sollte Bayern aber das Treble gewinnen, dann bekommen Sie von uns einen Mea Culpa-Artikel, in dem sich Zerknirschtheit, Demut und Abbitte die rhetorische Klinke in die Hand geben werden. Artikelchance: 2,25 Prozent.

Daniel Raecke 

sportal.de / sportal

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