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Champions League: Roberto di Matteo - die Erfolgsgeschichte des Chelsea-Trainers

Nicht einmal zwei Monate nach Amtsübernahme hat Roberto di Matteo schon Weltstarstatus als Trainer erreicht und wird in einem Atemzug mit José Mourinho genannt. Wer ist der Mann, der Chelsea ins Champions League-Finale geführt hat? Rolf Fringer weiß es schon, alle anderen können hier nachlesen.

Im Mai 2009 schoss der 35-jährige norwegische Stürmer Tore Andre Flo einen Elfmeter gegen die Latte und kostete sein Team Milton Keynes Dons den Aufstieg in die zweite englische Liga. Das Elfmeterschießen in den Aufstiegsplayoffs ging an Scunthorpe United.

Nicht einmal drei Jahre später steht Flos damaliger Trainer Roberto di Matteo im Finale der Champions League - dank eines gegen die Latte geschossenen Elfmeters von Lionel Messi. Diese Namen dokumentieren den spektakulären Aufstieg in der Trainerkarriere Di Matteos, der nach siebeneinhalb Wochen auf der Trainerbank von Chelsea die Blues ins wichtigste Spiel des Weltfußballs geführt hat.

Als Chelsea zum bisher einzigen Mal im Champions League-Finale stand, hatte John Terry im Elfmeterschießen den entscheidenden Strafstoß an den Pfosten gesetzt. Genau der John Terry, dessen dumme Rote Karte in Barcelona eigentlich erneut das Ende für sein Team hätte sein müssen. Di Matteo ist es in wenigen Wochen gelungen, den Abwehrchef im Team zu rehabilitieren - und sich von ihm zu emanzipieren und trotz seines Aussetzers das Finale zu erreichen. Wer ist dieser Mann eigentlich?

Jedes Jahr eine Liga höher trainiert

Di Matteo stieg nach dem verpassten Aufstieg mit den MK Dons in seinem ersten Trainerjahr persönlich dennoch auf und wurde Manager bei West Bromwich Albion. Mit dem Traditionsclub stieg er gleich im ersten Anlauf in die Premier League auf. Nach einer kleinen Formkrise wurde Di Matteo im Februar 2011 entlassen, obwohl West Brom nicht auf einem Abstiegsplatz stand. Damals galt der in Schaffhausen geborene Italiener als talentierter Trainer, aber kaum jemand hätte wohl geahnt, welch kometenhaften Aufstieg er nur ein gutes Jahr später als Interimscoach in Chelsea erleben sollte.

Anfang März wurde Di Matteo zum Nachfolger des entlassenen André Villas-Boas ernannt - eines Managers, der eigentlich den modernen Fußball in London einführen sollte und mit den Vorschusslorbeeren einer famosen Saison in Porto kam, wo er Meistertitel, Pokal und die Europa League gewonnen hatte. Schadensbegrenzung war die Devise, als die Blues sich schließlich von AVB trennten. Für die neue Saison ist die Managerposition bis heute vakant.

Der ehemalige Chelsea-Spieler Di Matteo, der immer noch großes Ansehen bei den Fans genoss und 2000 mit erst 30 seine aktive Karriere nach einem dreifachen Beinbruch hatte beenden müssen, war eine symbolische Rückkehr zur Clubgeschichte an Stelle des ambitionierten Neuanfangs. Als erste Amtshandlung holte RDM seinen Assistenten Eddie Newton ins Team - auch er ein langjähriger Chelsea-Profi, der schon in Milton Keynes und bei WBA mit Di Matteo im Trainerstab gearbeitet hatte.

Verriegelte Stamford Bridge

Dann rehabilitierte er die unter Villas-Boas nach und nach an den Rand gerückten Altstars Frank Lampard, John Terry und Didier Drogba. Und er stellte das Spielsystem erstaunlich schnell um: Von einem pressingorientierten Fußball mit hoch stehender Abwehrkette und offensiv orientierten Außenverteidigern hin zu einer defensiveren Ausrichtung, in der bei gegnerischem Ballbesitz zwei Viererketten hinter dem Ball stehen.

Gegen Barcelona waren es sogar jeweils neun Feldspieler, die sich den Angriffen der Katalanen entgegenstellten. Nach dem Platzverweis gegen Terry hieß das im Rückspiel, dass Chelsea fast eine Stunde lang ohne Stürmer spielte. Mit Erfolg. Der Einzug ins Finale der Champions League krönt die furiosen Wochen der bisherigen Amtszeit Di Matteos, in denen Chelsea nur eines von 15 Pflichtspielen verlor. AVB hatte zehn von 40 verloren. Anders gesagt: Unter Villas-Boas verlor Chelsea jedes vierte Spiel. Unter Di Matteo nur jedes fünfzehnte.

Wir nennen nicht umsonst die Niederlagen als relevante Größe. Es ist eben vor allem die defensive Stabilität, die Chelsea in der neuen vermeintlichen Interimsära auszeichnet. Wenn es nötig ist, stimmt aber auch die Offensivleistung. So etwa beim 4:1 im Achtelfinalrückspiel gegen Napoli oder beim 5:1 im Pokalhalbfinale gegen Tottenham Hotspur. Zwei Finals hat Chelsea noch erreicht, und sogar Platz vier in der Liga und damit die erneute Qualifikation für die Champions League ist noch drin.

Absurde UEFA-Regel droht

Damit würde Chelsea verhindern, dass eine der absurdesten UEFA-Regularien erstmals zur Anwendung kommt. Wenn nämlich Chelsea die Champions League gewinnen sollte, aber in der Premier League schlechter als Platz vier abschneidet, so verliert der Viertplatzierte nachträglich seine Startberechtigung in der Königsklasse, der Dritte muss dann in die Qualifikation. Grund sind - wieder einmal - die Fernsehgelder, die pro Land nur durch die vorher bestimmte Anzahl an Clubs geteilt werden dürfen.

Sportlich gäbe es für die Umsetzung keine Rechtfertgung, weshalb auch 2005, als es zum ersten Mal einen solchen Fall gab, Liverpool als fünfter Club aus der Premier League per Sondergenehmigung in die Champions League durfte - als Titelverteidiger. Das muss Chelsea aber natürlich nicht stören, und erst recht nicht Roberto di Matteo - wenn er dann noch im Amt ist, wofür es immer noch keine Bestätigung gibt.

Dagegen wetten, dass Chelsea auch das Finale gewinnt, sollte man nicht. Roberto di Matteo, der übrigens 1993 unter Rolf Fringer mit dem FC Aarau Schweizer Meister wurde, ist ein echter Finalspezialist. Im FA Cup-Finale 1997 erzielte er nach 43 Sekunden das 1:0 gegen Middlesbrough, der heutige Assistent Eddie Newton stellte später den 2:0-Endstand sicher. Ein Jahr später traf Di Matteo in der Verlängerung des Ligapokalendspiels, wieder gegen Middlesbrough, 2000 gelang ihm das Goldene Tor bei einem weiteren FA Cup-Sieg gegen Aston Villa. 1998 stand Di Matteo auch in der Chelsea-Elf, die den Europapokal der Pokalsieger gegen Joachim Löws VfB Stuttgart gewann.

Ein Finale verloren hat Roberto di Matteo in seinem ganzen Leben noch nicht - weder als Spieler noch als Trainer. Im Finale von München wäre es sowohl gegen Real Madrid als auch auswärts gegen den FC Bayern keine Schande, zu verlieren, nach einer so großen Saison. So oder so ist Di Matteo schon jetzt einer der erfolgreichsten Interimstrainer des europäischen Fußballs. So erfolgreich, dass es schon jetzt absurd anmutet, wenn Chelsea sich von ihm trennen sollte und etwa Laurent Blanc verpflichten würde.

Noch im Winter bewarb sich Di Matteo erfolglos um einen Trainerjob beim Zweitligisten Birmingham City. Jetzt ist er der einzige Coach neben José Mourinho, der Josep Guardiolas Barcelona jemals einen Champions League-Titel gekostet hat.

Daniel Raecke

sportal.de / sportal

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