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Anmerkungen aus der Fußballprovinz: Die angeblich heile Welt der "Bergtour"

Der Finaleinzug der Deutschen ist ein großer Erfolg, doch ihre Leistungen bei der EM waren schwankend. Kritiker finden wenig Gehör, zumal das Team von Wohlfühljournalismus, Bergtourrhetorik und Event-Fans eingelullt scheint. Ein Stimmungsbericht von der Basis.

Von Oliver Fritsch

Nach langer Sichtung vieler Medien, epischen Diskussionen in meinem Blog und vielen Gesprächen stelle ich fest: Es gibt Parallelgesellschaften in Deutschland – die Anhänger der Nationalmannschaft sind in zwei Lager gespalten, die auseinanderdriften. Grob skizziert: Zum einen sind das die Event-Fans der Partygesellschaft, die letzten Montag zigtausendfach am Brandenburger Tor Fähnchen schwenkten, um den EM-Zweiten zu empfangen. Man könnte auch sagen, um einer großen Marketing-Veranstaltung des DFB beizuwohnen. Zum anderen gibt es die kritischen Fans, die die ungewöhnlich großen Defizite der Mannschaft diskutieren, die bei der EM deutlich sichtbar geworden sind. Gegenseitig haben sich die beiden Gruppen nicht viel zu sagen, allenfalls werfen sie sich wahlweise Oberflächlichkeit oder Miesmacherei vor.

Das ist zunächst ein unspektakulärer und nicht ganz neuer Befund. Und es soll auch niemandem das Recht abgesprochen werden, sich den Fußball so anzueignen, wie es ihr und ihm beliebt. Autokorsos? Public Viewing? Mitglied im DFB-Fan-Club powered by Coca Cola? Meinetwegen. Neu ist allerdings, dass die Event-Fans die Meinungshoheit erreicht haben. Von Torsten Frings ist zu vernehmen, dass er mit großem Unverständnis auf die Kritik der Presse reagiert, insbesondere der überregionalen Tages- und Wochenzeitungen und deren Online-Redaktionen. Es sei Herrn Frings aber gesagt, dass sich selbst die angeblich so kritische Presse noch maßvoll verhält im Vergleich mit vielen derjenigen, die der Nationalelf seit Jahren und Jahrzehnten verbunden sind. Offenbar tut es der Mannschaft nicht gut, in der heilen Welt des Mannschaftshotels abgeschottet zu werden, der Bergtourromantik Oliver Bierhoffs und der Teamgeistrhetorik Joachim Löws ausgesetzt. Von ARD und ZDF sind sie ohnehin Wattebauschjournalismus gewohnt, sogar die Bild-Zeitung hat im Moment Beißhemmung und schwelgt in Heldenstimmung, und vom Stammtisch um Matthäus und Neururer hört man komischerweise auch nichts.

Doch die kritischen Fans reagieren sensibler. Heulten sie bei der WM 06 nach der knappen Niederlage im Halbfinale und schworen den Italienern Rache, zeigten sie nach dem lethargischen 0:1 gegen Spanien im EM-Finale keinerlei körperlichen und emotionalen Regungen. Nicht dass sie mit einer knappen Niederlage im Finale nicht leben könnten. Es ist bloß der Eindruck entstanden, es könnte für lange Zeit das letzte gewesen sein. Ein Leser in meinem Blog schreibt: "Dies war mein zwölftes Finale mit deutscher Beteiligung. 66 vergoss ich Tränen, sonst machte ich alles durch: Jubel, Wut, Purzelbäume, Leere. Ein Finale war psychische und physische Tortur, Achterbahn oder Folterkammer. Meistens beides. Und diesmal? Nie hat mich ein Endspiel, eine Niederlage so gefühllos hinterlassen."

Den meisten ist sogar entgangen, dass der DFB-Elf in der 90. Minute von Schiedsrichter Rosetti die Riesenchance zum Ausgleich genommen wurde, als er ein angebliches Foul von Gomez im spanischen Strafraum ahndete. Die Deutschen wurden von den Spaniern zu Statisten degradiert. Das kann vorkommen, doch es war nicht die Ausnahme bei dieser EM.

Liegt irgendwo eine tiefere Wahrheit vergraben?

Die erste Halbzeit im Halbfinale gegen die Türkei war schockierend, es war ein gefühlter 0:3-Pausenstand. Ihr Streichergebnis, das man allen Mannschaften in einem Turnier zugesteht, hatte sie sich zu dieser Zeit längst in der Vorrunde beim blassen 1:2 gegen Kroatien genommen. Anschließend noch der Minimalfußball gegen Österreich. Entweder ist in der Mannschaft irgendetwas vorgefallen, wovon wir nichts wissen, irgendein Wurm drin, irgendeine tiefere Wahrheit vergraben. Oder sie ist einfach nicht besser. Kaum ein Spieler hat sich in diesem Turnier besonders verdient gemacht oder auf die Listen der großen ausländischen Klubs gespielt (einer, Gomez, wurde vermutlich sogar von diesen gestrichen). Gut, Podolski hat das gezeigt, was er kann: schießen und flanken – und das fest und genau. Doch seine Grenzen beim Spiel ohne Ball hat man oft gesehen. Lahm hatte viele lichte Momente, war aber ein ungewohnt nachlässiger Verteidiger. Und Ballack gewährt den größten Deutungsspielraum: Ist er ein Möchtegernführungsspieler? Oder ist er zu viel damit beschäftigt, die Lücken zu schließen, die andere hinterlassen? Frings, Lehmann, Mertesacker, Klose – alle ein wenig oder ein wenig mehr von ihrer 2006-Form entfernt. Und dann war da noch Metzelder...

Joachim Löw wird nun in den Brennpunkt geraten. In der B-Note, die da heißt moderner Angriffsfußball, und die er zwei Jahre lang betonte und betone, hat er seine Vorgabe weit verfehlt; daran ändert der Sieg gegen Portugal im Viertelfinale wenig. Der alte Vorwurf, dass der "nette Herr Löw" harte Entscheidungen meide, lebt wieder. Nun ist der Zweifel an seiner Fähigkeit hinzugekommen, ob er ein laufendes Spiel durch Coaching und Auswechslungen zu seinen Gunsten beeinflussen könne. Fehlt ihm das Radikale und Rücksichtslose von Jürgen Klinsmann? Ist er der perfekte Co-Trainer (was nicht abwertend gemeint ist)? Lässt er sich von Ballack in die Aufstellung reinreden? Das sind Fragen, mit denen er erstmal wird leben müssen.

Vor vier Jahren, nachdem Deutschland gegen ein tschechisches Reserveteam aus der EM ausgeschieden war, hieß es: Deutschland ist am Boden, wird den Anschluss an die Spitze nicht mehr finden. In der (kurzen) Zwischenzeit ist die deutsche Nationalmannschaft WM-Dritter und EM-Zweiter geworden. Das ist ein großer Fortschritt, den die Reformer Klinsmann und Löw eingeleitet haben. Man hatte jedoch das Gefühl, dass es drei Schritte vor (WM) und einer zurück (EM) geworden sind.

Mode-Fans sind übrigens nicht treu. Dreht der Wind, drehen sie die Richtung; Fans im traditionellen Sinn aber sind im besten Fall immer auch ein Seismograph für Entwicklungen. Doch dieses Korrektiv könnte nun wegfallen, wenn die Mannschaft glaubt, an der Basis sei man froh und heiter, also, wenn sie die Fraktion "Brandenburger Tor" für ihre Basis hält. Noch mal mein Leser: "Spanien hat uns gedemütigt. Basta. Meine vom Event-Fußball kommenden Freunde diskutierten fünf Minuten nach Ende über gutes und schlechtes Cholesterin und Blutdruck. War mir egal, meiner war wenigstens normal. Und trotzdem: eine riesengroße Enttäuschung. Aber, wie gesagt, 130/80, völlig ok."

Diese Art von Fans, die fähig sind zu Freude, Leiden, aber auch zur Mündigkeit, sollte die Elf zurückerobern.

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