Anmerkungen aus der Fußballprovinz Holland fliegt früh raus - und dann?


Für die Holländer ist nach der EM-Vorrunde Schluss - das ist klar. Und die deutsche Mannschaft? Zuviele Spieler laufen ihrer Form hinterher, Lehmann ist ein Unsicherheitsfaktor. Ob das für den Titel reicht? Und was ist mit Frankreich, Italien und den vielen Geheimfavoriten? Eine Prognose.
Von Oliver Fritsch

Nachdem ich lange sehr optimistisch war, zweifle ich nun daran, dass die deutsche Mannschaft ihr höchstes Niveau erreichen wird, etwa das aus dem Frühjahr 2007, als sie glanzvoll in Tschechien 2:1 gewann. Es gibt zu viele Problemfälle: Christoph Metzelder, Miroslav Klose, Torsten Frings Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger haben eine durchwachsene oder gar schwierige Saison hinter sich, Bernd Schneider fehlt gar ganz. Auch glaube ich nicht, dass man die Gegner mit David Odonkor nochmals wird überraschen können wie die Polen und die Argentinier bei der WM 2006. Schon die klugen Italiener hatten sich im Halbfinale auf seine Einwechslung eingestellt.

Die vielen kritischen Stimmen, wonach der lange Zeit höchstgelobte Bundestrainer Joachim Löw das Leistungsprinzip zumindest teilweise außer Kraft gesetzt habe, sind nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen. Macht Löw den gleichen Fehler, den man Rudi Völler nachsagt, nämlich dass er alte Verdienste zu hoch angerechnet habe?

Warum hat Wenger Lehmann aussortiert?

Etwa im Tor, wo deutsche Bundestrainer traditionell und schädlicherweise zu lange an Bewährtem festhalten, siehe Illgner 94, Köpke 98, Kahn 04. Dass Jens Lehmann, die aktuelle Nummer 1, keine Spielpraxis hat, ist die eine Sache. Die wohl gar nicht so schwer wiegt, weil sich alle zu Turnierbeginn drei bis vier Wochen nicht auf Wettbewerbsniveau gemessen haben werden und Nationalmannschaften ohnehin nicht so gut eingespielt sind wie Klubteams. Bedenklicher sollte jedoch stimmen: Warum verzichtet Arsène Wenger, einer der besten Trainer der Welt, dauerhaft auf Lehmann und lässt ihn nun nach Stuttgart ziehen? Trauen wir Wenger tatsächlich zu, dass er andere als sportliche Gründe geltend macht?

Ausgerechnet auf der Position, wo die Auswahl in Deutschland am größten ist, setzt Löw also auf einen Ersatzspieler. Oder wird es Lehmann dem Handballer Henning Fritz gleichtun, der sich 2007 die gleichen Zweifel anhören musste, bevor er mit überragender Leistung seinem Team den Weltmeistertitel sicherte? Als gute Entscheidung wird sich bestimmt erweisen, Oliver Neuville verpflichtet zu haben. Er wird sicher eine größere Rolle spielen, als viele das einem 35-jährigen Zweitligastürmer zutrauen. Neuville ist zeit seiner Karriere unterschätzt worden. Welch ein Fehler von Rudi Völler, ihn 2004 nicht in den EM-Kader berufen zu haben, stattdessen Fredi Bobic und Christian Ziege! Vielleicht sehen wir ihn sogar auf der Problemposition im rechten Mittelfeld, so wie Podolski vielleicht im linken – wenn wir Scout Urs Siegenthaler glauben dürfen, der uns mehr mitzuteilen hat als Udo Lattek, Günther Netzer und Lothar Matthäus zusammen, ist das der neueste globale Trend: Stürmer auf der Außenbahn.

EM-Titel für Deutschland wäre Überraschung

Es wäre eine Überraschung, sollte Deutschland den EM-Titel erringen. Ein Michael Ballack und das gespenstische Losglück dürften zu wenig sein. Andererseits, Löw ist ein kluger Trainer, der systematisch arbeitet und ein gutes Mitarbeiterteam um sich versammelt hat. Ihm ist sehr viel zuzutrauen. Fazit: Halbfinale.

Wen habe ich sonst noch auf der Rechnung? Die feinen Techniker aus Frankreich natürlich: auch Halbfinale; die Portugiesen unter Weltmeistermacher Scolari und mit Weltstar Cristiano Ronaldo: Finale; die Holländer weniger, weil ihnen ein „6er“ auf höchstem Niveau zu fehlen scheint: Vorrundenaus. Soll ich nach dem Diesmalsindsieaberwirklichdranmotto auf Spanien setzen, um mich dann nach einer leidenschaftslosen Viertelfinalniederlage eines besseren belehren zu lassen? Kroatien und Rumänien werden als Geheimtipps gehandelt; Kroatien deswegen auch zurecht, weil Trainer Slaven Bilic, Gitarrist einer Heavy-Metal-Band mit Jura-Abschluss, mit allen Wassern gewaschen zu sein scheint. Ich bin mir sicher, dass seine Truppe eine stachlige Einheit sein wird: Viertelfinale. Vielleicht gelingt dies ja auch dem erfahrenen Leo Beenhakker (gibt’s einen schöneren Fußballernamen?) mit den Polen. In Zeiten des globalisierten Fußballs kann man jeder Profimannschaft modernes Verteidigen beibringen. Die EM wird es mit knappen Ergebnissen wieder beweisen.

Italien wird Europameister

Auch die Russen sind da, besonders wegen Trainer Guus Hiddink, der schon mit kleineren Kalibern (Südkorea 2002, Australien 2006) erfolgreich auf Großwildjagd gegangen ist: Viertelfinale. Griechenland sollte man aus dem gleichen Grund nicht schon abgeschrieben haben. Otto Rehhagel kann jedem Dorf eine Asterix-Mentalität einimpfen. Selbst wenn er Journalisten noch so herablassend behandelt – despektierliche Meinungen über sein veraltetes Spielsystem verbieten sich angesichts der Sensation 2004, als in manchen deutschen Zeitungen die perfide These zu lesen war, der EM-Titel sei auf die gute Arbeit von Rehhagels Dolmetscher zurückzuführen. Dennoch wird es ein zweites Portugal für die Griechen nicht geben. Was machen die Gastgeber? Auf das Understatement der Österreicher fallen wir nicht herein; sie werden zu gut sein, um sich gemäß ihren larmoyanten Voraussagen an hohen Niederlagen in Serie zu ergötzen. Aber vermutlich auch zu schlecht, um die Vorrunde zu überstehen. Und die Schweiz? Keine Ahnung, ich muss nicht auf alles eine Antwort haben.

Europameister wird Italien. Tipp ich eigentlich immer. Nicht aus Sympathie, aber auch das Gegenteil ist mir fremd - im Gegensatz zu vielen meiner Landsmänner. Doch wir Deutschen sollten uns an der hohen Trainings- und Trainerschule der Italiener orientieren und weniger auf unsere angebliche moralische Überlegenheit pochen. Und für den folgenden Satz wird man mir wohl endgültig jegliche Qualifikation zum Experten absprechen: So defensiv, wie alle tun, spielen die Italiener gar nicht.


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