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EM 2012: EM-Favoriten - Die Niederlande und das System van Marwijk

Die Stürmer-Diskussion um Klaas-Jan Huntelaar und Robin van Persie überschattet die EM-Vorbereitung der Niederländer. Pünktlich zum Anpfiff wird die Mannschaft aber voll konzentriert sein, denn für einige Spieler kann nur der Titel eine verkorkste Saison retten.

Im letzten Teil unseres Favoriten-Checks widmen wir uns dem deutschen Gruppengegner und Dauerrivalen Holland. Neben Spanien und Deutschland werden die Niederlande als Topfavorit auf den Titel gehandelt. Zuallererst muss das Team von Bert van Marwijk aber die Todesgruppe überstehen. Kann Oranje nach 1988 den zweiten Euro-Triumph feiern? Wir haben erneut drei Pro- und drei Contra-Argumente gesammelt.

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Das Offensivpotenzial

Traditionell liegt die Stärke des niederländischen Kaders in der enormen Offensiv-Power. Und auch bei der Euro in Polen und der Ukraine wird es Oranje im Angriff an nichts mangeln. Die Mannschaft von Bert van Marwijk kann an guten Tagen jede Abwehrreihe in Verlegenheit bringen und ist mit flexibel einsetzbaren Top-Spielern gespickt. Mit Robin van Persie und Klaas-Jan Huntelaar stehen gleich zwei Torschützenkönige internationaler Topligen im Kader der Elftal. Van Marwijk gab bereits bekannt, dass van Persie bei ihm gesetzt ist. Obwohl sich Huntelaar nach seiner Ausbootung bockig zeigte, wird der erfolgreichste Torschütze der EM-Qualifikation, unabhängig von seiner Gemütslage, alles geben, sobald er die Chance bekommt. Somit können die Niederlande auf zwei Spieler setzen, die eine enorme Torgefahr ausstrahlen.

Auch die offensive Dreierreihe hinter der einzigen Spitze kann sich sehen lassen. Mit Wesley Sneijder als Spielmacher und Arjen Robben als rechtem Flügelmann besitzt Holland zwei absolute Weltstars auf den kreativen Positionen. Je nach Spielsituation können die beiden durch einen spiel- oder laufstarken Offensiven auf links ergänzt werden.

Die spielstarke Variante heißt Ibrahim Afellay. Beim FC Barcelona kam dieser zwar nur zu Kurzeinsätzen, aber in der EM-Qualifikation konnte der 26-Jährige immer wieder überzeugen und im Testspiel gegen Nordirland steuerte Affelay zwei Tore und eine Vorlage zum deutlichen 6:0-Sieg bei. Affelays Form stimmt und er könnte eine der Überraschungen der Euro werden. Momentan scheint auf links aber Dirk Kuyt die Nase vorn zu haben. Der Noch-Liverpooler ist eine kampf- und laufstarke Alternative zu Affelay und hat bei van Marwijk seinen Stammplatz eigentlich sicher. Mit Rafael van der Vaart, Luuk de Jong und Luciano Narsingh gibt es weitere torgefährliche Akteure im Kader.

Blindes Verständnis

Wenn man sich die Startaufstellung des WM-Endspiels 2010 gegen Spanien anschaut, fällt ein weiterer Punkt auf, der den Ausschlag zugunsten der Niederländer geben könnte: Ihre Eingespieltheit. Die voraussichtliche Formation gegen Dänemark unterscheidet sich gegenüber der Anfangself von Johannesburg nur auf einer Position. Giovanni van Bronckhorst, der im Finale 2010 sein letztes Spiel für Oranje bestritt, wird auf der Linksverteidiger-Position bei der Euro wohl von Youngster Jetro Willems ersetzt.

Die personelle Konstanz führt dazu, dass die Niederlande bei der EM ein eingespieltes Team stellen, das sich seit Jahren kennt und schon mehrere Turniere zusammen bestritten hat. Ein Großteil der Spieler, die diesmal Jagd auf den Titel machen, war sogar schon bei der EM 2008 dabei. Während zum Beispiel im DFB-Team in den vier Jahren viel Fluktuation herrschte und nur sechs Spieler des jetzigen Kaders schon bei der EM in Österreich und der Schweiz dabei waren, können bei der Elftal gleich 13 Akteure auf diese Erfahrung zurückgreifen.

Hungrige Spieler

Der Titelhunger im Team ist groß. Die Topspieler van Persie, Robben, Sneijder, Huntelaar, Joris Mathijsen, Mark van Bommel und van der Vaart konnten dieses Jahr gemeinsam nicht einen einzigen Titel holen. Die Final-Niederlage bei der WM dürfte ihr übriges zum Appetit beigetragen haben. Das Team will einen internationalen Titel holen und geht selbstbewusst in das Turnier. Wenn die Elftal die Vorrunde übersteht, ist ihnen einiges zuzutrauen. Für Robben und Sneijder könnte der EM-Titel der versöhnliche Abschluss einer bisher enttäuschenden Saison werden. Spieler wie van Bommel und Kuyt wissen, dass dieses Turnier ihre letzte Chance auf einen Titel mit der Nationalmannschaft ist.

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Die Abwehr

Anders als in der Offensive fehlt es den Niederlanden in der Abwehr an Klasse und Alternativen. Einzig Abwehchef Joris Mathijsen, der beim FC Malaga unter Vertrag steht, und Rechtsverteidiger Gregory van der Wiel von Ajax Amsterdam genügen den Ansprüchen einer Europameisterschaft ohne Abstriche. Johnny Heitinga und Willems, die die Vierekette beim ersten EM-Spiel wohl komplettieren werden, erfüllen diese Anforderung nicht.

Zu allem Überfluss verletzte sich Mathijsen im Testspiel gegen Bulgarien am Oberschenkel und ist erst seit Dienstag wieder im Mannschaftstraining. Ein Wechsel in der Innenverteidigung würde einen enormen Qualitätsverlust zur Folge haben. Der 33 Jahre alte Wilfred Bouma vom PSV Eindhoven hat seit der letzten EM kein Länderspiel mehr bestritten, Ron Vlaar von Feyenoord Rotterdam ist zwar ein physisch starker Spieler, hat aber kein internationales Format und Khalid Boulahrouz vom VfB Stuttgart wird in der Liga nur auf der rechten Seite eingesetzt.

Die Spielweise

Seit 2008 hat das Nationalteam unter van Marwijk seine Philosophie entscheidend verändert: Weg vom Spaßfußball, hin zu einer defensiveren Grundordnung. Marco van Basten, Europameister von 1988 und Vorgänger van Marwijks, gibt im Kicker zu: "Wir haben von den Deutschen gelernt, was Kondition und Kraft, Disziplin und Organisation betrifft." Tatsächlich entfernt sich Oranje immer weiter von der Spielweise, die sie in den 70er und 80er Jahren so stark gemacht hat. Das Ganze gipfelte 2010 im WM-Endspiel gegen Spanien, in dem die Niederlande vielmehr durch ihre harte Gangart (einige nennen es Brutalität) als durch gefällige Kombinationen auffiel. Der Kung-Fu-Tritt Nigel de Jongs gegen die Brust von Xabi Alonso sorgt bei Fußballfans noch heute für Albträume.

Die wichtigsten Säulen des Defensiv-Systems, das auf Stabilität und Laufarbeit setzt, sind seit der WM natürlich nicht jünger geworden. Abwehrchef Mathijsen ist inzwischen 32 Jahre alt und Aggressiv-Leader van Bommel gehört mit seinen 35 Jahren zu den Oldies bei der EM. Ob eine Spielweise, die dem Charakter des niederländischen Fußballs dermaßen widerspricht und der auch personell eigentlich die Basis fehlt, bei der EM erneut funktioniert, ist durchaus fraglich.

Die Form der Spieler

Die Vorbereitung des holländischen Teams lief alles andere als optimal. Neben Mathijsen musste auch Sneijder wegen einer Verletzung zwischenzeitlich aussetzen. Diese Pause wird der Form des Inter-Spielers nicht gerade zuträglich gewesen sein, zumal Sneijder ohnehin eine durchwachsene Saison in der Serie A hinter sich hat. Wie es nach dem doppelten Elfmeter-Trauma um Robben bestellt ist, wird sich auch erst während des Turniers herausstellen. Hinter der Form des Bayernspielers steht aber zumindest ein Fragezeichen.

Mit Kuyt und Nigel de Jong stehen zusätzlich zwei Spieler in der Startelf, die bei ihren Vereinen in dieser Saison keine Stammspieler waren. De Jong bestritt bei Manchester City lediglich sieben Spiele über die volle Distanz und durfte ansonsten oft nur für die letzten Minuten eingreifen. Ähnlich verlief die Spielzeit für Kuyt, der zwar auf 34 Spiele für den FC Liverpool kommt, aber nur zehn Mal durchspielen durfte.

Schlüsselspieler

Da Wesley Sneijder und Arjen Robben wie erwähnt nicht in bester Verfassung sind, lastet offensiv umso mehr Verantwortung auf den Schultern von Robin van Persie. Wenn der Arsenal-Akteur damit fertig wird, könnte er einer der Spieler des Turniers werden. Dass er das Zeug dazu hat, konnte er in diesem Jahr eindrucksvoll beweisen. Mit 30 Toren und 14 Vorlagen wurde van Persie nicht nur Torschützenkönig der Premier League, sondern auch von Journalisten und Spielern jeweils zu Englands Spieler des Jahres gewählt.

Stimmung im Land

Die begeisterungfähigen Oranje-Fans lechzen ebenso wie ihr Team nach dem ersten Titel seit van Basten und Co. Die Entscheidungen des Nationaltrainers werden derzeit heftig diskutiert. Laut einer Umfrage des Online-Portals Voetbalprimeur.nl wollen über 70 Prozent der Fans einen Stammplatz für Huntelaar und sehen van Persie auf der Bank. Es ist bezeichnend, dass die niederländischen Anhänger bei der wichtigsten Personal-Entscheidung im Nationalteam eine vollkommen andere Meinung als ihr Nationaltrainer vertreten. Van Bommel spricht im Kicker zurecht von "16 Millionen Bundestrainern". Der niederländische Fußball-Verband erwartet den Einzug ins Halbfinale, gibt die Favoritenrolle aber an Spanien und Deutschland weiter.

Philip Dehnbostel

sportal.de / sportal

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