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Fünf Fragen und Antworten zum Italien-Spiel: Spielt Reus? Tritt Neuer zum Elfmeter an?

Das EM-Halbfinale ist für die DFB-Auswahl auch eine Revanche für 2006. Wen lässt Jogi Löw gegen Italien ran? Und: Welcher Spieler ist besonders gefordert? Das müssen sie vor Anpfiff wissen.

Von Klaus Bellstedt, Warschau

Noch nie hat eine deutsche Nationalmannschaft bei einer EM oder WM ein Spiel gegen Italien gewinnen können. "In den Köpfen der Spieler spielt das keine Rolle", hat Teammanager Oliver Bierhoff kurz vor der Abreise des DFB-Trosses von Danzig nach Warschau angemerkt. Trotzdem: Italien ist der Angstgegner, vielleicht sogar noch mehr als Spanien. Das liegt vor allem an 2006: Das ganze Land weinte, als in Dortmund das Sommermärchen in der Verlängerung von den beängstigend effektiven Azzurri beendet wurde. 0:2 hieß es am Ende. Eine Niederlage, die noch heute schmerzt. Auch wenn das kaum einer zugeben mag. Wie Bastian Schweinsteiger, Miro Klose und Philipp Lahm stand in dieser flirrenden Nacht auch Lukas Podolski auf dem Platz. "Man kann die Situation damals und heute nicht vergleichen. Jetzt haben wir eine andere Philosophie, ein anderes System – und eine andere Qualität", sagt der Ex-Kölner. Das muss die Mannschaft im Halbfinale dieser EM jetzt beweisen. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Spiel.

1. Welche Startelf bietet der Bundestrainer auf?


Im Vergleich zum Griechenland-Spiel wird Joachim Löw vermutliche wieder ordentlich rotieren lassen. Aber das hat mehr mit dem Gegner als mit Kräfteschonen zu tun. Reus und Schürrle waren gegen die griechische Mauer mit ihrer Beweglichkeit und dem Offensivdrang auf den Außenbahnen die geeigneteren Spieler. Aber Italien spielt anders: schnell und nach vorne. Deshalb rechnen viele mit einer Rückkehr von Lukas Podolski und Thomas Müller in die Startelf. Beide arbeiten mehr nach hinten. Noch wichtiger ist, dass das Duo international erfahren ist. Gegen die abgezockten Italiener braucht es genau das. Dass Miro Klose in der Mannschaft bleibt, scheint ebenso sicher. Sein Zusammenspiel mit Mesut Özil klappt besser als das von Mario Gomez und dem Spielmacher der DFB-Elf. Davon konnte man sich beim Viertelfinale eindrucksvoll überzeugen. Die Frage nach der Aufstellung dürfte also beantwortet sein. Jetzt fragt sich nur noch, wer sie als erstes ausplaudert. Stichwort: Maulwurf…

2. Auf welchen deutschen Spieler kommt es gegen Italien besonders an?


Auf Bastian Schweinsteiger. Ausgerechnet. Im letzten Gruppenspiel gegen Dänemark war der Vizekapitän wieder mit dem rechten Fuß umgeknickt, an dem er sich im Februar einen Außenbandriss zugezogen hatte. Schweinsteiger musste eine Trainingspause einlegen und fiel beim 4:2 im Viertelfinale gegen Griechenland mit vielen Fehlpässen negativ auf. Am Ende wurde er von seinen Kollegen durchgeschleppt. "Es gibt das eine oder andere Problem mit dem Sprunggelenk", berichtete er Anfang der Woche in einem von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommenen Hörfunk-Interview. Schnelle Drehungen oder Außenristpässe bereiten ihm Probleme. Er könne derzeit auch keine Außenristpässe spielen. Das hörte sich dann doch ein bisschen besorgniserregend an. Außenristpässe muss Schweinsteiger gegen Italien zwar nicht spielen, aber gegen diesen laufstarken und kompakt stehenden Gegner ist seine Handlungsschnelligkeit besonders gefordert. Genau das also, was dem Bayern-Profi zuletzt abging. Passmaschine Pirlo, Alleskönner de Rossi und Dauerrenner Montolivo werden Schweinsteiger alles abverlangen. Es muss eine Leistungssteigerung her. Der Mann wird gebraucht. Wie nie zuvor bei dieser EM.

3. Ist es ein Vorteil, dass die deutsche Mannschaft vor diesem Halbfinale zwei Tage mehr Regenerationszeit hatte als Italien?


Auf jeden Fall! Die Italiener sind zwar bemüht, das Thema im Vorfeld nicht zu hoch zu kochen, aber die Verärgerung ist da. "Mit diesem Problem muss sich die Uefa für das nächste Turnier beschäftigen", fordert Cesare Prandelli. "Entweder muss man das Turnier verlängern oder andere Lösungen finden. Ansonsten wird man Endspiele ohne große Klasse haben", warnt der Trainer. Bei den Deutschen hält man sich diesbezüglich mit Kommentaren zurück. "Es ist gut für uns, so lange Zeit zu haben. Aber letztlich spielen viele Faktoren zusammen, die über Sieg oder Niederlage entscheiden, dass ich nicht unbedingt von einem Vorteil sprechen würde. Trotz der Verlängerung und zwei Tagen weniger Regenerationszeit werden die Italiener ihre Spieler hinbekommen", so Yann-Benjamin Kugel zu stern.de. Aber der Fitnesscoach der Nationalmannschaft sagt auch: "Sie sind eine etwas ältere Mannschaft. Man muss da mal abwarten, ob die nach 60, 70 Minuten nicht doch anfangen, müde zu werden."

4. Hat sich die DFB-Auswahl auf ein eventuelles Elfmeterschießen vorbereitet – und: Hat Torwarttrainer Andi Köpke einen Zettel für Manuel Neuer vorbereitet?


Zweimal Nein! Manuel Neuer hatte schon vor dem Viertelfinale gegen Griechenland betont, dass er keinen Wert auf einen Zettel im Stutzen wie einst Jens Lehmann bei der WM 2006 gegen Argentinien legen würde. "Ich merke mir alles und sehe dann, welcher Schütze auf mich zukommt." Vor dem Kräftemessen mit den Italienern hat man sich im DFB-Quartier durchaus mit einem möglichen Elfmeterschießen beschäftigt. Dies würde aber nicht bedeuten, unterstreicht Köpke, dass die Mannschaft das explizit trainiert. "Das ist schwer im Training zu üben. Das bringt nicht so viel. Im Training schießen die Spieler die Bälle rein, aber man kann den Druck nicht simulieren", sagt der Europameister von 1996. Übrigens: Manuel Neuer würde bei einem Shootout auch selber vom Punkt antreten: "Es kommt darauf an, wer noch auf dem Platz steht. Aber ich hätte keine Probleme damit."

5. Und der Schiedsrichter?


Hat hoffentlich das schlechteste Spiel seiner Karriere schon hinter sich! Bei der WM 2010 pfiff Stephane Lannoy das skandalöse Gruppenspiel zwischen Brasilien und der Elfenbeinküste (3:1). Ein eindeutiges Handtor von Luis Fabiano ließ der Franzose damals gelten, zwei Rote Karten nach brutalen Fouls ivorischer Profis gab er nicht. Kaká schickte er schließlich mit einer zweifelhaften Gelb-Roten Karte vom Platz. Bei der EM hat Lannoy bislang allerdings überzeugt. Und die Deutschen haben bei diesem Turnier ja auch schon ihre Erfahrung mit dem 42-Jährigen gesammelt. Der Franzose aus Boulogne-sur-Mer, dem Heimatort von Franck Ribéry, leitete das erste Gruppenspiel der DFB-Auswahl gegen Portugal in Lwiw ruhig und sicher. Aber Vorsicht: Bei Lannoy sitzen die Karten locker. In dieser Partie verteilte er insgesamt vier Gelbe Karten (Holger Badstuber, Jérôme Boateng, Fabio Coentrão, Hélder Postiga). Bei seinem zweiten EM-Einsatz im Duell zwischen den Griechen und den Tschechen waren es sogar sechs.

Von Klaus Bellstedt

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