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Frauen-WM: Mit Ecken und Kanten

China - ein Herbstmärchen? Gut möglich! Um 14 Uhr startet für die deutschen Fußball-Frauen die Mission WM-Titelverteidung. Im Eröffnungsspiel geht es gegen Argentinien. Der stern stellt die deutschen Ladys um Superstar Birgit Prinz vor.

Von Iris Hellmuth

Früher gab es nur blöde Sprüche, dann kam verhaltene Anerkennung, immerhin. 2003 war das, als sie Weltmeister wurden. Aus der Anerkennung der Deutschen wurde im Lauf der Jahre Respekt, doch selbstverständlich ist er nicht, sie müssen ihn sich immer wieder neu erkämpfen: die Fußballfrauen. Der Titelgewinn in den USA, der 2 : 1- Finalsieg gegen Schweden: für den deutschen Frauenfußball war das so wichtig wie der Triumph von 1954 für die Männer. 13 Millionen Deutsche schauten sich das Finale von Carson City im Fernsehen an. Das Land begann sich für seine Fußballfrauen zu interessieren. Bis zu 20 000 Fans kommen inzwischen zu den Länderspielen. Früher waren es nicht mal 5000.

Aufmerksamkeit bedeutet im Sport Geld. Viele Nationalspielerinnen haben Verträge mit Ausrüstern und Sponsoren, sie können inzwischen vom Fußball leben. Und sie müssen nicht mehr in sackartigen Männertrikots auflaufen - nur für diese Foto-Produktion streiften sie sich noch einmal Retro-Shirts über. Es ist viel passiert seit 2003. Auch im Team. Spielerinnen sind zurückgetreten, andere hinzugekommen, 2005 übergab Trainerin Tina Theune-Meyer das Kommando an ihre Assistentin Silvia Neid. Die hat eine neue Gruppe geformt, eine Mischung aus alter Garde und jungen Wilden, die nun ab dem 10. September bei der WM in China den Titel verteidigen will. Als der stern zum Shooting einlud, hieß es aus der Mannschaft einstimmig: bloß keine Modestrecke, bitte keinen Firlefanz, lieber zurück auf den Bolzplatz. Auch das ein Ausdruck des gewachsenen Selbstbewusstseins. Es sind vor allem vier Spielerinnen, die den Charakter und das Bild dieser Mannschaft prägen: eine nachdenkliche Spielführerin, eine gebürtige Kosovarin, die dem deutschen Frauenfußball ein neues Gesicht gibt, eine Weltmeisterin, die bei null anfängt, und ein Talent, das die berüchtigten deutschen Tugenden verkörpert. Der stern stellt sie vor.

Birgit Prinz

Sie tritt aus der Tür heraus und sieht die Menschenmenge. Sie geht nach links, da stehen die ersten Fans, sie knipst ein Lächeln an, nicht sehr locker, aber es ist ein Lächeln. "Birgit, Birgit", fiept ein Mädchen, der Papa drückt auf den Auslöser. 5 : 0 hat die Nationalmannschaft an diesem Abend in Gera gewonnen, zwei Tore von Birgit Prinz, ein Test gegen Tschechien, kein großes Spiel. Birgit Prinz, 29, hat sich gewöhnt an diesen Trubel um ihre Person. Es hat seine Zeit gebraucht. 2003 wurde Birgit Prinz zur "Weltfußballerin des Jahres" gewählt. Eine deutsche Stürmerin auf einem Podest mit Zinédine Zidane, dieses Bild ging um die Welt. Doch es war ein seltsamer Ruhm, er ist es bis heute. Sie wusste lange nichts mit ihrem Ruhm anzufangen, die Fans nichts mit ihrer spröden Heldin. Deutschland entdeckte gerade den Frauenfußball, sie sehnten sich nach einem Idol, das ihn verkörperte, eine Prinzessin am Ball. Birgit Prinz war nie eine Prinzessin. Und ihre Seele nicht so robust wie ihr Körper. Doch es war das Jahr 2003, und Birgit Prinz musste alles auf einmal sein: Botschafterin ihres Sports und Vorbild für die Jugend, nebenbei noch ein Stürmerstar, am besten ein umgänglicher. "Ich stehe ständig im Mittelpunkt, für einen Teamsport ist das nicht gut", sagte sie. Es muss eine Qual für sie gewesen sein, aus einer Mannschaft herausgestellt zu werden, in deren Gefüge sie am liebsten versunken wäre. Im Fernsehen wirkte sie lustlos und schnippisch, man legte die Maßstäbe des Männerfußballs an, was Unfug war. Und ihr fehlten die Floskeln, in die sie sich hätte flüchten können. "Bekannt und erfolgreich zu sein sind keine Werte, die mich glücklich machen", sagte sie damals, es waren nachdenkliche Worte. Nur wollte sie niemand hören.

Sie strahlt Gelassenheit aus

Birgit Prinz ist dreimal in Folge Weltfußballerin geworden, sie hat mehr Länderspiele gemacht als Lothar Matthäus und dabei mehr Tore geschossen als Gerd Müller, 110 sind es mittlerweile. Doch der Ruhm ist ein Fluch für sie. Ständig werde sie angesprochen, "oder einfach nur angegafft". Männliche Fußballer ihrer Klasse verdienen Millionen, Birgit Prinz verdient gut, aber sie muss an die Tage nach dem Fußball denken. "Ich habe Respekt vor dieser Zeit", sagt sie. Das millionenschwere Angebot des Männer-Profiklubs AC Perugia schlug sie einst aus. "Wenn sie immer everybody’s darling wäre, könnte Birgit vielleicht jetzt schon ausgesorgt haben", sagt ihr Berater Siegfried Dietrich. "Aber das wollte sie eben nie sein." Seit zwei Jahren studiert Birgit Prinz Psychologie. "Ein spannendes Fach", sagt sie. Es habe ihr geholfen, sich besser zu verstehen und das, was die Öffentlichkeit verlange, sagt ihr Berater. "Sie setzt sich jetzt nicht mehr unter Druck." In Mainz, ein paar Tage nach dem Match in Gera, sitzt Birgit Prinz im Auto vor dem Teamhotel, in wenigen Minuten fängt das Training an, und plötzlich ist da ein Lächeln auf ihrem Gesicht, es ist ein entspanntes Lächeln. Birgit Prinz scheint ihren Frieden gefunden zu haben - und damit hat sich auch ihre Rolle im Team verändert. Sie ist jetzt nicht mehr nur Tormaschine; als Kapitänin macht sie den Neulingen in der Nationalelf Mut. Sie strahlt Gelassenheit aus. Die Bundestrainerin sagt: "Davon profitiert das ganze Team." Birgit Prinz sagt: "Ich habe eine schwierige Zeit gehabt, die Erwartungen an mich waren enorm. Aber ich bin froh, dass ich das durchgemacht habe." Es klingt sehr befreit.

Fatmire "Lira" Bajramaj

Ihr Blick wandert die Wand entlang, bis er dort angekommen ist, wo ihre Geschichte beginnt, beim schwarzen Adler des Kosovo. #link;http://www.stern.de/sport/fussball/lira-bajramaj-91182027t.html;Lira Bajramaj,# 19, sitzt auf einer Ledercouch in Mönchengladbach, Stadtteil Rheydt, hier ist sie aufgewachsen und zur Schule gegangen, hier hat sie ihren Freund kennengelernt. Der hölzerne Adler wacht über das Wohnzimmer, keine Chance, ihm zu entkommen. Lira stammt aus dem Kosovo. Sie ist fünf Jahre alt, als ihre Familie nach Deutschland flüchtet. Jeder hat eine Tasche dabei, mehr nicht. Niemand spricht ein Wort Deutsch, sie schlüpfen bei Verwandten unter. Nach ein paar Jahren findet die Mutter Arbeit in einer Bäckerei, der Vater als Busfahrer. "Du sollst etwas Schönes machen im Leben", sagt er zu seiner kleinen Tochter, als diese eingeschult wird. "Tänzerin vielleicht. Oder Schauspielerin." Es hätte Lira gut gestanden, das Leben als Ballerina, aber Lira hatte für sich schon eine andere Bühne entdeckt, kein Theater, sondern einen Bolzplatz. Sie leiht sich heimlich Schuhe von einer Freundin, ihr Vater soll es nicht wissen, nur der große Bruder ist eingeweiht, einer muss ja auf sie aufpassen. Alles geht gut, Lira ist sogar so gut, dass sie bald in einem kleinen Verein kickt. Bis eines Tages ihr Trainer vor ihrem Vater steht.

Lira steht für die neue Generation an Spielerinnen

"Lira ist talentiert, sie braucht einen richtigen Klub", sagt er zu Herrn Bajramaj. Der blickt erstaunt. "Lira spielt Fußball? Sie wird doch Tänzerin", sagt er. Das war in der dritten Klasse. Heute ist Lira Bajramaj Sportsoldatin, Spielerin beim FCR 2001 Duisburg und die erste Muslima in der Frauennationalmannschaft. Streng gläubig ist sie nicht. Wenn es etwa nur Schweinefleisch am Büfett gibt, dann isst sie auch das. Lira hat ein schönes Gesicht und eine schöne Geschichte. Sie ähnelt stark der Filmstory aus "Kick it like Beckham". Und Lira steht für die neue Generation an Spielerinnen. Lira Bajramaj ist, wenn man so will, der Gegenentwurf zu Birgit Prinz. Sie kleidet sich und schminkt sich wie ein Model, an spielfreien Wochenenden zieht sie durch die Clubs. Und wer Fußball noch heute für einen Mannsweibersport hält, muss Lira auf dem Platz zuschauen. Sie dribbelt wie ihr Vorbild Ronaldinho, ihr Pferdeschwanz wedelt dabei genauso frech durch die Luft. Wenn sie loswetzt, ist plötzlich Abenteuer im Spiel. Bundestrainerin Silvia Neid hat sie nach nur sechs Länderspielen für die WM nominiert. Als Liras Vater von ihrem Ticket nach China erfuhr, hatte er Tränen in den Augen. Er wird jedes Spiel am Fernseher verfolgen, gemeinsam mit Eshref Durmishi, ihrem Freund, einem Schauspieler, gerade in "Eduard" im Kino zu sehen. Der hat es geschafft. So wie Lira. Sie macht auch etwas Schönes im Leben.

Linda Bresonik

Das Finale der WM 2003 hat sie im Fernsehen gesehen, und um ihr Gefühl dabei zu beschreiben, braucht sie gerade mal zwei Wörter: "Ziemlich beschissen." Gemeinsam mit der Mannschaft war die damals 19-Jährige in die USA gereist, im zweiten Spiel verletzte sie sich und flog nach Hause. Ein Schritt, den sie bitter bereut. "Es war ein Fehler, einfach abzuhauen", sagt sie, "keine Ahnung, was in mich gefahren war." Für die Statistik ist Linda Bresonik, 23, Weltmeisterin, aber sie hat sich nie wie eine gefühlt. Nach der WM wurde sie von der Mannschaft verstoßen. 2005 starb ihre Mutter an Krebs, der Todeskampf dauerte mehrere Monate. Danach hatte Linda Bresonik keine Kraft mehr. Sie nahm sich eine Auszeit, ein knappes Jahr spielte sie keinen Fußball - dann kam der nächste Schlag. Ihre Lebensgefährtin Inka Grings begann eine Affäre mit dem Fußballtrainer Holger Fach, die Beziehung der beiden Nationalspielerinnen war am Ende. Es ist vor allem diese Geschichte, die über Linda Bresonik in den Zeitungen steht.

"Ich bin wieder glücklich"

"Das bizarre Liebes-Dreieck des deutschen Fußballs", nannte es die "Bild"-Zeitung im Februar 2006, als plötzlich Linda Bresonik selbst und nicht Inka Grings an der Seite von Holger Fach auftauchte. Ihre Vielseitigkeit auf dem Platz interessierte niemanden mehr, ihre sexuellen Vorlieben dafür jeden. Über das Hin und Her zwischen den Dreien schweigt sie. Holger Fach und sie sind heute noch ein Paar. Linda Bresonik sagt: "Ich bin wieder glücklich." Sie gibt sich jetzt kraftvoll, souverän. Sie hat es wieder ins Nationalteam geschafft. Es war die Entscheidung von Silvia Neid, Linda Bresonik zurückzuholen. Niemand hatte etwas dagegen. Inka Grings ist nicht mehr dabei. Die Bundestrainerin sagt: "Ich kenne Linda seit Langem und weiß, was für ein klasse Typ sie ist. Jeder hat das Recht, einen Fehler zu machen." Linda Bresonik kennt die alten Weltmeisterinnen, aber eigentlich fühlt sie sich wie ein Neuling. Bei dieser WM fängt Linda Bresonik wieder bei null an.

Annike Krahn

Sie spricht, wie sie Fußball spielt: hart, geradlinig, schnörkellos. Sie wohnt in Bochum, und die Leute dort kommen ja ohnehin oft so herzlich-ruppig daher. Annike Krahn ist die geborene Verteidigerin. "So lange ich denken kann, habe ich hinten gespielt", sagt sie, "erst Libero, dann Manndecker, am Ende dann in der Viererkette." Bis heute ist das ihre Rolle geblieben. Auch außerhalb des Platzes. Wenn sie einen Raum betritt, schaut man hin, ihren Oberkörper hält sie aufrecht, die Arme leicht abgespreizt, das lässt sie noch muskulöser aussehen. Wenn sie ihre Haare mit einem Stirnband aus dem Gesicht zieht, sieht sie ein bisschen aus wie Torsten Frings. Gleicher Habitus, gleicher Typ. Auch Annike Krahn ist auf dem besten Wege, ein Anführer zu werden. Erst 22 Jahre alt, organisiert sie in ihrem Heimatverein, dem FCR 2001 Duisburg, bereits die Abwehr.

"Ich muss Kommandos geben"

In der Nationalelf ist sie das beste Beispiel dafür, dass selbst Weltmeisterinnen ersetzbar sind, dass der deutsche Frauenfußball keine Nachwuchssorgen hat. Als Routinier Steffi Jones im März 2007 ihren Rücktritt bekannt gab, übernahm Krahn prompt ihren Platz im Kader. Annike Krahns Spiel ist der Kampf, ihre Ansprache deutlich. "Ich kann nicht still sein", sagt sie, "ich muss Kommandos geben." Dass sie dabei nicht so eine gute Figur macht wie Lira Bajramaj, ist ihr egal. Annike Krahn will nicht gefallen, sie will erfolgreich sein. Und nur darum geht es, auch im Frauenfußball.

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