Fußball-Nationalmannschaft Zurück in den Alltag


Ein ganz normales Länderspiel war es letztlich doch nicht - zu sehr standen Nationalelf und Publikum noch unter dem Eindruck des Selbstmordes von Robert Enke. Torjubel und Anfeuerung blieben verhalten. Das 2:2 gegen eine starke Elf von der Elfenbeinküste war dennoch ein erster Schritt zurück in die Normalität.
Von Stefan Osterhaus, Gelsenkirchen

Auf den oberen Rängen klafften große Lücken. Ausverkauft war die Arena "AufSchalke" nicht, als die deutsche Nationalmannschaft vor dem Länderspiel gegen die Elfenbeinküste letztmals Abschied von Robert Enke nahm. Der Videowürfel unter dem Stadiondach zeigte noch einmal Szenen aus dem Leben des Torhüters. Enke machte darin als Falkner eine ebenso gute Figur wie auf der Rennbahn. Auch seine besten Paraden waren zu sehen; Paraden, die auch einem wie Oliver Kahn zur Ehre gereicht hätten, so unglaublich wirkte es, was Enke da alles hielt.

Dann wurde der Fußballklassiker "You'll never walk alone" gespielt. Eine unglückliche Wahl. Hatte Enke in seinem letzten Moment nicht allein gestanden? Bei der Trauerfeier in Hannover am Sonntag hatten die 35.000 im Stadion noch kräftig mitgesungen. Doch das Schalker Publikum hatte ein bemerkenswertes Gespür für die Situation. Es schwieg - und sorgte so für eine würdevollen Augenblick, ehe die Mannschaft wieder zum Sport zurückkehren konnte.

Ausgleich als Slapstick-Nummer

Auf der Bank lag ein Trikot mit der Nummer eins, es wäre Enkes Trikot gewesen. Und in jenem Tor, in dem vielleicht Enke gestanden hätte, stand in der ersten Halbzeit Tim Wiese von Werder Bremen, der wenig zu tun bekam; in der zweiten Halbzeit war es Manuel Neuer, der seinen zweiten Einsatz im DFB-Trikot vor heimischer Kulisse absolvieren durfte. 2:2 hieß es am Ende nach einer teilweise sogar rasanten Partie durch zwei Tore von Lukas Podolski (11, 90+3.) und Emmanuel Eboue (57.) sowie Seydou Doumbia (85.), der einen nicht gut aufgelegten Philipp Lahm aussteigen ließ. Dass Neuer in der zweiten Hälfte mehr zu tun bekam, lag vor allem daran, dass der Gegner eine beeindruckende Ballsicherheit in Torchancen ummünzen konnte.

Lukas Podolski, der beste Deutsche, hatte die DFB-Elf per Foulelfmeter, verursacht am zweitbesten Deutschen (Stefan Kießling), in Führung gebracht. Er jubelte verhalten, zeigte mit dem Finger Richtung Himmel. Der Ausgleich durch Eboue hatte Slapstick-Qualitäten: Ausgerechnet Neuer hatte einen etwas unglücklichen Eindruck hinterlassen, als er einen hoch riskanten Rückpass seines Klubkollegen Heiko Westermann klären wollte. Eboue bekam den Ball vor den Körper, der Ball hatte Schmackes, er prallte zurück und ins Tor. Neuer nach dem Spiel ganz ritterlich: "Den nehme ich auf meine Kappe." Dabei hätte Westermann sich den Gegentreffer genauso gut zuschreiben können, doch Neuer blieb bei seiner Selbstanklage: "Normalerweise kann mir der Heiko jeden Ball zurückspielen. Das kann er auch beim nächsten Spiel mit Schalke wieder machen, und dann ist es kein Tor."

"Die Tore waren für Robert"

Pluspunkte konnte in diesem Spiel vor allem einer sammeln, der gar nicht dabei war: René Adler. Der Leverkusener Keeper war wegen einer Augenentzündung nicht im Kader. Konkurrent Tim Wiese wollte jedenfalls keine Prognose abgeben, ob er als Nummer eins in Südafrika in Frage kommt: "Ich kann nur meine Qualitäten anbieten, mehr kann ich nicht tun." Und als er gefragt wurde, wie die Zeit mit dem Nationalteam nach dem Suizid Enkes gewesen sei, sagte er: "Diesen Lehrgang würde ich am liebsten schnell vergessen. Das waren die schlimmsten Tage in meiner Karriere." Womöglich hat er inzwischen realisiert, dass er durch Enkes Suizid mit hoher Wahrscheinlichkeit zur WM fahren wird - was sonst ungewiss gewesen wäre.

Bundestrainer Joachim Löw bescheinigte seiner Mannschaft eine gute Leistung - und das nicht nur in Anbetracht der besonderen Umstände. "Das konnte ich auch während des Spiels nicht ausblenden", sagte Löw, der die Spielfreude und das "enorme Potenzial" von Lukas Podolski in den Mittelpunkt seiner Analyse stellte. Ebenso lobte er den äußerst mannschaftsdienlichen Leverkusener Stürmer Stefan Kießling, der erstmals in der Startelf stand. Podolski würdigte den Anlass in der ihm eigenen Knappheit: "Alle wissen ja: Ich bin Katholik. Die beiden Tore waren für Robert." Dann verschwand der Mann, der im Klub nur ein passabler Bundesligaspieler und in der Nationalmannschaft ein Weltklasseathlet ist. Nebenbei freute sich Podolski über ein paar "gute Aktionen". Die Nationalspieler sind auf dem Weg zurück in den Alltag - ohne die Nummer eins.


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