Fußball-Presseschau Alles noch viel schlimmer


Wer ist schuld an der Bayern-Krise? Der Vorstand! Der hat dem Team Leidenschaftslosigkeit, Antriebslosigkeit und gut kaschierte Anspruchslosigkeit infiltriert. stern.de und indirekter-freistoss.de blicken in die Gazetten.

Das 0:1 der Bayern gegen Hannover veranlasst die Presse, unerbittliche Bilanzen zu erstellen. Heinz-Wilhelm Bertram (Financial Times) kramt in der jüngeren Vereinsgeschichte und wirft der Führung vor, das Leistungsprinzip geschwächt, wenn nicht sogar abgeschafft, zu haben: "Seit dem 6. Februar 2002, dem Tag der 1:2-Niederlage beim FC St. Pauli mit anschließender Scampi-Affäre verkneift es sich Uli Hoeneß, öffentlich Druck auf die Spieler auszuüben. Mit genau dieser Politik schaffen die Bosse den Spielern eine Freizone, die diese genüsslich auskosten.

Die Leidenschaftslosigkeit, die kollektive Antriebslosigkeit und die stets gut kaschierte Anspruchslosigkeit, die dieser Mannschaft infiltriert wurden, dürften für den ehrgeizigen Owen Hargreaves ein wichtiges Motiv für seinen Wunsch zu wechseln sein. Rummenigge und Hoeneß haben sich mit dem Gesamtsystem arrangiert. Sie möchten sich nicht unbeliebt machen. Sich nicht dem Vorwurf aussetzen, dass sie in den vergangenen Jahren kein feines Näschen und kein glückliches Händchen bei den Neueinkäufen gehabt hätten. Die Krise der Mannschaft ist eine Krise des Vorstands."

Andreas Lesch (Berliner Zeitung) verlangt mehr Innovation und Tatendrang von Felix Magath: "Böte der Trainermarkt Alternativen, würde München sich jetzt wohl an einer lebhaften Trainerdebatte erfreuen. Magath verantwortet schließlich nicht nur einen gruseligen Saisonauftakt. Er muss sich auch vorhalten lassen, dass sich kaum ein Spieler unter seiner Führung positiv entwickelt hat. Magath ist der Trainer des selbsternannten deutschen Branchenführers. Wenn er so uninspiriert wirkt wie jetzt, muss sich niemand mehr über die internationale Bedeutungslosigkeit des deutschen Fußballs wundern."

Ausbruch von Adrenalin

Der Schalke-Sieg in Mönchengladbach steht im Schatten der Slomka/Rost-Debatte. Dass der versetzte Torhüter in den Jubel beim 2:0 einbezogen worden ist (und der Trainer nicht), werten viele Journalisten als Affront. Andreas Morbach (Tagesspiegel) schreibt über Gustavo Varela: "Weil alle seine Kollegen mit ihm mitstürmten und keiner daran dachte, auch den Rost-Degradierer Mirko Slomka einzubeziehen, wirkte das Ganze wie eine konzertierte Spieleraktion, die den Trainer bloßstellen sollte." An anderer Stelle heißt es: "Die Profis machen Slomka lächerlich." Die FAZ titelt: "Gefeierter Ersatztorwart Rost, einsamer Cheftrainer Slomka". Sicher, es war eine Geste Varelas an Frank Rost, vielleicht auch gegen den Trainer. Doch was an dieser Debatte über den angeblich viel sagenden Jubel unverständlich ist: Erstens handelte es sich, gemäß den TV-Bildern, nur um den Torschützen, einen zweiten Spieler und ein paar Umstehende, die sich um Rost versammelten - von einer Solidaritätsbekundung der "ganzen Mannschaft" kann keine Rede sein. Zweitens ist es doch unüblich, nach dem Tor seinem Trainer an den Hals zu springen. Das würde sich mancher Trainer sogar verbitten. Drittens muss man dem Torjubel von Fußballern nicht unbedingt so viel Bedeutung beimessen, sondern ihn als das betrachten, was es ist: der Ausbruch von Adrenalin.

Die Hamburger verlieren 0:2 in Stuttgart, dürften aber aus der Leistung und der restlichen Spielstatistik neuen Mut schöpfen, bestätigt ihnen Roland Zorn (FAZ): "So stand der HSV zwar wieder einmal mit leeren Händen, aber wenigstens mit der Erkenntnis da, einem Spitzenteam immer noch gewachsen zu sein - was Sekundärtugenden wie Ballbesitz, gewonnene Zweikämpfe, gelungene Pässe, Torschüsse angeht. Acht gestandene Spieler fehlten wegen Verletzungen - und dennoch präsentierte sich der HSV nach Wochen der spielerischen Dürre mal wieder als eine robuste Einheit in der Abwehr und im Mittelfeld. Wenn die Hamburger jetzt noch einen Stürmer hätten, der das Toreschießen nicht nur vom Hörensagen kennt, es wäre viel gewonnen. Von einem wie Mario Gomez können sie nur träumen."

Simunic, der Entertainer

Gerd Schneider (FAZ) verkühlt sich beinah die Finger, als er den Bremer 2:1-Sieg in Nürnberg schildert: "Was die Münchner beunruhigen wird, ist das Gefühl, der Konkurrent habe tatsächlich zu ihnen aufgeschlossen - wenn nicht sogar sie schon überholt. Eine Schwächephase ohne größeren Schaden zu überstehen, das war bis dato eine typische Qualität für den Fußball der Bayern, also ein Meistermerkmal. In Nürnberg zeigten die Bremer, dass sie sich inzwischen auch auf diese Kunst verstehen. Zwei Chancen, zwei Tore, drei Punkte: Das war alles, was vom Auftritt der Hanseaten übrig blieb."

Von allen Seiten belächelt und gerügt wird der Berliner Josip Simunic, weil er beim Führungstreffer der Bielefelder das Spielen und Laufen einstellte, nachdem er die Fahne des Linienrichters gesehen hatte. Dazu eine Ergänzung: Verwerflicher ist doch, dass er sich überhaupt erst zum Linienrichter umgedreht (und zwar um mehr als 180 Grad) hat. Allerdings: Recht hatte Simunic schon. Es war kein passives, sondern aktives Abseits, weil Torschütze Zuma einen Vorteil aus seiner Position zog; von einer neuen Spielsituation konnte keine Rede sein. Josef Kelnberger (SZ) fordert ohnehin Applaus für Simunic: "Beim HSV glänzte er, damals Ersatzspieler, mit einer Solonummer in der Halbzeit. In langen Sequenzen drosch er den Ball immer wieder mit voller Wucht kerzengerade in den Hamburger Himmel. Volley, ohne die Kugel zu stoppen oder springen zu lassen. Noch heute reden die Fans davon. Bei der WM 2006 tat sich Simunic mit Schiedsrichter Graham Poll zusammen. Der zeigte ihm im Spiel gegen Australien eine Gelbe Karte, dann noch eine, dann eine dritte. So gilt Joe als erster WM-Teilnehmer, der in einem Spiel dreimal Gelb sah. Nun halten viele den langen Kroaten für den Trottel des Tages, weil er eine Grundregel des Fußballs missachtete: Weiterspielen, bis der Schiri pfeift. Dabei sollte man ihn als Entertainer feiern."


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