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Fußball-Presseschau: Komfortzone Karlsruhe

Beim KSC herrschen paradiesische Zustände, es knirscht im Getriebe von Borussia Dortmund, der VfB Stuttgart strauchelt, und der HSV hat seinem Rafael van der Vaart den Flirt mit Valencia schon verziehen. stern.de und indirekter-freistoss blicken in die Gazetten.

2:0-Sieg in Schalke, Tabellenplatz 2 - Thomas Kistner (SZ) beschreibt den geschützten Lebensraum, in dem das Pflänzchen Karlsruher SC von seinem Trainer gehegt und begossen wird: "Einer wie Edmund Becker muss nicht allabendlich an die Quartalszahlen für die Aktionäre denken. Er muss nicht überlegen, wie er sich durchs nächste Spiel schummelt - oder auf die nächstliegenden Boni und Prämien spekulieren. Einer wie Becker verkörpert den Klub, dem er seit Jugendzeit angehört, für den er als Profi selbst jahrelang im Mittelfeld aufräumte. Schaaf ist Bremen, Klopp ist Mainz, Finke war Freiburg - und Becker ist der KSC. Ein Biotoptrainer. Und in dieser Rolle auf dem Sprung, Vorgänger Winfried Schäfer abzulösen (der prompt scheiterte, als der Klub das hybrische Programm 'KSC 2000' ausrief). Biotoptrainer ist kein Job, sondern Berufung. Und weil der KSC (erst Regionalliga, dann Dauergast in der Zweitliga-Abstiegszone) seinem Trainer statt Geld freie Hand gibt, sind alle Ingredienzien für den Erfolg gegeben. Blanke Klubchefs zwingen einem keine Podolskis auf, weil das gut fürs Klubmarketing ist. Was sich aber aus der zähen Marktmasse mit zehn, fünfzehn Millionen zusammenkaufen lässt, findet ein fähiger Teamgestalter sowieso preiswerter abseits der großen Bühnen."

Andreas Wagner (Welt) fügt hinzu: "Es ist die Geschlossenheit der Mannschaft, die den Erfolg möglich macht. Es gibt keine Stars, die hofiert werden. Auch finanziell werden die Spieler in etwa auf einem Level entlohnt, Neid und Missgunst gibt es kaum. Stattdessen lebt der Aufsteiger von der Euphorie in Stadt und Umland, sowie vom enormen Selbstbewusstsein."

An die Arbeit!

Roland Zorn (FAZ) rät dem Deutschen Meister, der gegen Hannover erneut verloren hat, Ruhe und Geduld:

"Mag sein, dass die Stuttgarter bei ihren Neuverpflichtungen kein besonders glückliches Händchen hatten; mag sein, dass den Spielern der harte 'englische' Rhythmus zwischen Meisterschaft und Champions League zu schaffen macht; mag sein, dass sich auch Armin Veh hier und da schon mal falsch entschieden hat - wichtig für die Rückkehr zur alten Qualität wird die Wahrung der schwäbischen Zuverlässigkeit in der alltäglichen Arbeit sein. Wenn hier und da schon an den 1. FC Nürnberg erinnert wird, der 1968 Deutscher Meister wurde und 1969 abstieg, muss man sich beim VfB daran nicht stören. Die Stuttgarter sind letztlich aus einem anderen Holz als die Klubs, die am Ende der Saison zweitklassig sein werden. Dass sie nicht noch einmal so weit vorn landen würden wie im Mai, war sowieso absehbar. Bis auf die Bayern, für die das Wort Titelverteidigung selbstverständlicher Auftrag und keine 'mission impossible' ist, hat es mit der Ausnahme von Borussia Dortmund 1996 kein anderer Klub in der jüngeren Vergangenheit geschafft, die Meisterschaft zu wiederholen."

Spanische Verirrung überwunden

Roland Zorn (FAZ) stellt beim 1:0 in Bielefeld fest, dass die Hamburger ihrem Liebling Rafael van der Vaart seinen Flirt mit Valencia längst verziehen haben:

"Er ist nicht nur der spielerisch beste, torgefährlichste und professionellste Spieler im Kader des HSV, er ist auch längst wieder eine Galionsfigur des Vereins - geliebt von den Fans und geachtet bei den Kluboberen. Wie selbstverständlich und mit welcher rasch wieder aufgeflammten Freundlichkeit er seine jüngsten Erfolge feiert und kommentiert, verrät viel über die Qualität dieses stürmischen Stars, der in der glorreichen Geschichte des norddeutschen Klubs seiner spanischen Verirrung zum Trotz jetzt schon zu den ganz großen Spielern zu zählen ist. (...) Der HSV ist auf dem richtigen Weg, die Arminia muss erst wieder in die richtige Spur finden. Das 1:8 von Bremen spukte immer noch in den Köpfen mancher Spieler herum. Die Bielefelder wollen die zwei Wochen Ligapause zur endgültigen Rückkehr in die Normalität nutzen. Falls nicht, droht die fünfte Niederlage in Serie: Am 21. Oktober geht es zum Überraschungsaufsteiger des Jahres. Der Karlsruher SC ist Tabellenzweiter - das waren die Bielefelder vor ein paar Wochen auch schon mal. Lang, lang ist's her."

Im Mittelmaß angekommen

Freddie Röckenhaus (SZ) schließt sich dem Realismus des BVB-Anhangs an und spöttelt über den Medienboykott der Spieler:

"Die gesamte zentrale Achse des BVB, mit der schwachen Innenverteidigung, der wacklig besetzen 6 im defensiven Mittelfeld und dem praktisch nicht vorhandenen Spielmacher hinter den Spitzen scheint höchstens durchschnittlich besetzt zu sein. Dortmund ist nach drei Jahren Rück- und Umbau des Kaders offenbar im Mittelmaß angekommen. So ganz will das niemand wahrhaben. Aber die Ahnung davon hat inzwischen auch die treuesten Fans ergriffen. Man freut sich in Dortmund inzwischen auch wieder riesig über die Siege gegen potentielle Abstiegskandidaten wie den VfL Bochum. (...) Dass das Reden über die eigenen dürftigen sportlichen Darbietungen für Wörns und Kollegen offenbar eine größere Strapaze ist, als die Reise nach München zum feuchtfröhlichen Oktoberfest, gehört wohl zur neuen Lässigkeit, die sich in Dortmund breitgemacht hat. Und gegen die selbst der Chefetage der Dortmunder scheinbar nur die Faust in der Tasche als Reaktion bleibt."

Dämlich

Die Bundesliga verhandelt offenbar wieder mit Leo Kirch über TV-Milliarden, und Arnd Festerling (FR) rauft sich die Haare:

"Alles schon vergessen? Die Liga wolle Bankbürgschaften als Sicherheit, heißt es. Wahrscheinlich von genau den Instituten, die 2002 Kirch den Kredithahn zugedreht haben. Na dann, viel Glück. Denn Kirch fantasiert dieselben absurden Vermarktungskonzepte zusammen, die schon einmal in die Hose gegangen sind. An die deswegen auch niemand glauben mag. Außer ein paar Leuten bei der DFL. Alte Kumpel womöglich. Oder sollte man sagen: Kumpane? Bleibt die Frage, wie dämlich Geldgier eigentlich machen kann."

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