Fussball Versteckte Fouls


Der jetzt bekannt gewordene Vertrag zwischen dem FC Bayern und Leo Kirch trifft die Bundesliga in ihrer schwersten Krise. Mit immer neuen Skandalen verspielt die Fußballzunft ihr Ansehen - und damit auch Geld

Die Nerven liegen blank in der Bundesliga. Auf den hinteren Rängen tobt der Kampf gegen den Abstieg, vorne balgen sich die Klubs um Plätze im Europacup, wie etwa beim Derby zwischen Schalke und Dortmund. Aber die Fußball-Profis kämpfen wenigstens mit offenem Visier.

Die Macher im Kick-Business dagegen ziehen ihre Fäden im Verborgenen, dort, wo Fair Play kein hohes Gut ist. Die vergangene Woche vom "Manager-Magazin" aufgedeckten heimlichen Doppelpässe zwischen Bayern München und der Kirch-Gruppe sind nur der jüngste Beleg: Im deutschen Fußball wird mächtig gemauschelt. Die Enthüllung trifft die Bundesliga zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt.

Finanzskandale ruinieren den Glauben der Fans an ihre Klubs, die ungeklärte Zukunft der TV-Rechte verunsichert die Manager - und jetzt wird auch noch der Branchenprimus als Trickser entlarvt.

Bayerns Exklusivvertrag wurde im Dezember 1999 geschlossen, nachdem der wichtigste Klub überraschend der Zentralvermarktung der Bundesliga-Rechte zugestimmt hatte. Die Kirch-Sender Premiere und Sat1 ("ran") bekamen so das attraktivste Produkt, mit dem sich Kunden im deutschen Markt ködern lassen. Insgesamt 21,5 Millionen Euro hat der Verein von der inzwischen insolventen Kirch-Gruppe erhalten - als Gegenleistung dafür, dass er nicht weiter gegen die Zentralvermarktung opponierte? Am Ende wären 97 Millionen Euro geflossen - ein traumhafter Deal für die Münchner.

Als der publik wurde, reagierten die Bosse kleinerer Vereine wie Hannover und Cottbus zunächst mit Empörung. Bis die Deutsche Fußball-Liga (DFL) sie zurückpfiff. In einer Dringlichkeitssitzung in Frankfurt legten deren Funktionäre vorigen Freitag das Krisenmanagement fest. Seitdem kickt der Fußball auf Zeit. In aller Ruhe wird man die Details des 18-seitigen Vertragswerks prüfen und klären, ob Bayern gegen die DFL-Statuten verstoßen hat.

Der Klub um Manager Uli Hoeneß spielt die Affäre herunter - trägt aber zur Aufklärung kaum etwas bei. Im Gegenteil: Bei genauerem Hinsehen stößt man auf immer neue Ungereimtheiten. So wollte der stern im Amtsgericht in München die Handelsregisterakte der FC Bayern Sport-Werbe GmbH einsehen - jener Tochterfirma, an die Kirchs Zahlungen gegangen waren. Doch zur Verblüffung der dortigen Sachbearbeiter ist die gesamte FC-Bayern-Akte, Aktenzeichen HRB 140 475, unauffindbar, auch die Bilanzen waren Anfang der Woche spurlos verschwunden, wenn sie denn jemals hinterlegt waren. Schlamperei vom Amt? Oder haben die Bayern noch mehr zu verbergen, was partout nicht bekannt werden soll? Jedenfalls lässt sich vorerst nicht nachvollziehen, wie die Millionen bilanziert wurden und was es noch für Einnahmen gab.

Natürlich kann der Rekordmeister diese Affäre selbstbewusst und selbstgerecht wie immer überstehen. Denn auch wenn manche Fanseele kocht - die Münchner dürften ihre Lizenz nicht verlieren und auch keine Punkte. Wie der stern erfuhr, wird sich die DFL allenfalls zu einer Geldstrafe durchringen, die den Möglichkeiten des Liga-Krösus angemessen scheint.

Womöglich müssen die Bayern allerdings noch mehr bluten. Denn der Verteilungsschlüssel der TV-Gelder aus der Zentralvermarktung dürfte zugunsten der klammeren Vereine geändert werden. Von den 290 Millionen Euro bekommen die 18 Erstligavereine in dieser Saison 232 Millionen. Die Hälfte dieser Summe wird gleichmäßig an die Klubs verteilt, die andere Hälfte nach einem komplizierten Schlüssel ausgeschüttet; je erfolgreicher der Verein war, desto höher ist sein Anteil. Der FC Bayern bekam in der vergangenen Saison 23,8 Millionen Euro, Borussia Mönchengladbach nur 8,07 Millionen.

Ein DFL-Mann rechnet nun damit, dass die Davids der Bundesliga den Goliath Bayern mit der Wucht der Moral in die Knie zwingen. Als Lösung ist denkbar, dass in Zukunft drei Viertel der Lizenzgelder gleichmäßig verteilt werden. Und zwar schon ab der kommenden Saison - zur Wiedergutmachung.

Doch viel spricht dafür, dass die Affäre damit keineswegs ausgestanden ist. Denn die Bayern-Kungelei wirft ein grelles Licht auf jenes fein gesponnene Netz der Macht, das sich der öffentlichen Sicht weitgehend entzieht. Dieses Netz warfen einst Leo Kirch und seine Manager aus; darin verfangen haben sich viele, die im Fußball etwas zu sagen haben.

Franz Beckenbauer und Fedor Radmann, der Vizepräsident der WM-Organisation, stehen oder standen bei Kirch-Firmen unter Vertrag. Im Falle Beckenbauer hat man sich längst daran gewöhnt, dass für ihn keine Regeln gelten; zu oft verfranzte er sich schon zwischen "Bild"-Sottisen, "Premiere"-Fachgeschwätz, persönlichen Werbeverträgen und Bayern-Geraune. Radmann erhielt einen sechsstellig dotierten Beratervertrag, kurz nachdem er mitgeholfen hatte, die WM 2006 nach Deutschland zu lotsen. Kirch besaß damals die TV-Rechte an dem Turnier, die zu Hause noch lukrativer sind.

Offenbar waren solche "Schmutzgeschäfte", wie DFL-Geschäftsführer Wilfried Straub die verborgenen Privatkontrakte nennt, im Kirchschen Imperium nicht ungewöhnlich. Nach Informationen des stern könnten noch mindestens zwei ranghohe Funktionäre des deutschen Fußballs auf Kirchs Payroll gestanden haben. Ein Eingeweihter, der jahrelang die Verhandlungen begleitete, sagt: "Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis endlich alle Sauereien von Kirch und deutschen Fußball-Machern ans Tageslicht kommen."

Schon seit Jahren ziehen die Big Deals des Fußballs, von denen viele die Handschrift des einstigen TV-Tycoons tragen, misstrauische Fragen der Beobachter nach sich. Jüngstes Beispiel war im Sommer 2002 die Neuvergabe der Bundesliga-Rechte - an die damals schon insolvente Kirch-Gruppe. Als Konkurrent war der Münchner Filmhändler Herbert Kloiber angetreten, der die Rechte an die ARD weiterverkaufen wollte. Kloiber machte das höhere Angebot. Doch die DFL-Manager und deren Aufsichtsrat stimmten für den Pleite-Konzern.

Die Senderechte liegen zurzeit bei der schweizerischen Firma Infront, die von Kirchs Insolvenz-Managern das Sportrechtegeschäft erst vor wenigen Wochen erwarb. Hinter Infront stehen der ehemalige Adidas-Sanierer und FC-Bayern-Verwaltungsbeirat Robert Louis-Dreyfus, Kaffee-Erbe Christian Jacobs und als Aushängeschild Ex-Kicker Günter Netzer. Infront - beziehungsweise dessen Ableger, die Buli GmbH - muss für die Saison 2003/2004 der Bundesliga 290 Millionen Euro überweisen.

Wie Sauerbier bietet Infront derzeit die Free-TV-Rechte auf dem Markt an. Bislang ohne Erfolg: Sat 1 will die 80 Millionen Euro, die bislang pro Spielzeit fällig waren, künftig nicht mehr zahlen. Aber auch kein anderer Sender zeigt Interesse. Folge: Nach dem Kirch-Kollaps, der die Liga schon um 400 Millionen Euro ärmer machte, droht nun erneut ein Beben. Schon heute ächzen die 36 Profiklubs der ersten und zweiten Liga unter einer Schuldenlast von geschätzten 600 Millionen Euro. Wenn die Fernseheinnahmen weiter einbrechen, könnte das für manchen Verein die Pleite bedeuten.

Dabei hatte sich die Liga erhofft, mit Infront endlich einen krisenfesten Partner gefunden zu haben. Das Geschäft sei problemlos zu refinanzieren, hatte Kirchs Insolvenztruppe den Käufern vorgegaukelt. Mehr noch: Der interne Kirch-Verkaufskatalog - mit Unterstützung der Bank UBS Warburg und den Beratern von Roland Berger erstellt - prognostizierte der Buli GmbH Jahreseinnahmen von über 340 Millionen Euro und damit satte zweistellige Gewinne.

Von solchen Renditen jedoch sind Netzer und Co. weit entfernt. Nicht einmal die DFL-Vertragssumme spielen sie ein: Premiere zahlt 148 Millionen Euro, Sat 1 noch 80, ARD und ZDF gemeinsam 19 - die Bundesliga ist für Infront ein gewaltiger Verlustbringer.

Kaum jemand in der Branche teilt den demonstrativ zur Schau getragenen Optimismus der Liga, dass die Zahlungen per Vertrag bis 2004 gesichert seien und Infront allein auf den Miesen sitzenbleiben werde. "Die werden ihrerseits mit einer Pleite drohen, um den Preis zu drücken", sagt ein Insider. Und auch Premiere-Chef Georg Kofler ist überzeugt: "Das wird Infront nicht lange mitmachen."

In Wahrheit sind die Liga-Funktionäre längst alarmiert - denn die Zukunft des deutschen Fußballs ist fast so ungewiss wie nach der Kirch-Pleite im vergangenen Jahr. Einige Klubmanager liebäugeln daher in diesen Tagen mit einem alten "Masterplan zur TV-Vermarktung der Fußball-Bundesliga", den der ehemalige Ufa-Manager Hans-Roland Fäßler für Bayer Leverkusen skizzierte. Fäßler hatte der Liga schon vor der Kirch-Pleite nahegelegt, direkten Kontakt zu TV-Sendern und Kabelnetzbesitzern zu suchen, um sich im Notfall möglichst schnell selbst zu vermarkten.

Doch dafür könnte es nun zu spät sein, und das wäre eine weitere Folge des Bayern-Skandals: Der EU-Kommission behagt die zentrale Vermarktung schon seit längerer Zeit nicht. In Brüssel duldete man das Kartell bisher, weil sich die starken Klubs mit den schwächeren offenbar aus freien Stücken solidarisch zeigten. Dass sich die Bayern ihren Großmut vergolden ließen, dürfte die EU nun argwöhnisch machen. Schon schwant einem Infront-Juristen: "Die zentrale Vermarktung könnte fallen." Wenig populäre Klubs wie Bielefeld, Bochum oder Cottbus erfüllt diese Vision mit Schrecken. Der DFL-Vorsitzende Werner Hackmann vertraut dagegen darauf, dass die EU der Bundesliga eine Ausnahmegenehmigung erteilt: "Das System hat sich als das beste bewährt."

Umso verheerender, dass ausgerechnet die Bayern, bislang Inbegriff seriösen Wirtschaftens, jetzt in Erklärungsnot stecken. Selbst Hackmann, der sich als früherer Politiker auf die Kunst des Verschlüsselns versteht, sagt: "Wir müssen aufpassen, dass der Fußball von den Fans nicht nur noch als Geldbeschaffungsmaschine angesehen wird."

Das dürfte vor allem die Spieler treffen. Im Schnitt machen deren Gehälter 44 Prozent eines Erstliga-Klub-Etats aus. Nach Berechnungen der DFL müssten die Profis auf 18 Prozent ihres Einkommens verzichten, um eine weitere Verschuldung zu verhindern. Durchschnittskicker kassieren derzeit inklusive Prämien 34 000 Euro im Monat. 18 Prozent weniger bedeuteten noch gut 27 000 Euro - mehr als die meisten Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens verdienen. Allen Beteiligten steht nun eine Rosskur bevor. Ein "Diktat der Vernunft" erwartet Hartmut Zastrow, Geschäftsführer von "Sport und Markt", dem führenden Institut für Sponsoring-Erfolgskontrolle. "In der Bundesliga sind noch immer fast 50 Prozent Dilettanten am Werk", sagt er. "Einige Manager können Ihnen jeden Linksfuß in Brasilien beschreiben, aber wenn es um Marketing geht, ist da ein weißes Blatt Papier."

Solche unbegreiflich offenen Flanken werden im Sponsoring, der zweiten großen Einnahmequelle neben den TV-Rechten, zurzeit noch gnädig überdeckt: Die Euphorie um die WM 2006 in Deutschland ist zu groß, alle bedeutenden Markenartikler wetteifern darum, ihre Claims abzustecken.

Irgendwie wird der deutsche Fußball bis dahin schon überleben. Fragt sich, zu welchem Preis. Mitte März beginnt das neue Lizenzierungsverfahren der DFL - und bei vielen Vereinen das große Zittern. Die Saison dürfte noch spannend werden.

Rüdiger Barth/ Giuseppe Di Grazia/Johannes Röhrig Mitarbeit: Andreas Grosse Halbuer, Sabine Letz, Brigitte Zander


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