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GESPERRT! HSV-Vorstandsvorsitzender Bernd Hoffmann: Das Prinzip Hoffmann

Er ist ein Mann der Zahlen, die Herzen der Fans erreicht er nicht. Bernd Hoffmann, Chef des Hamburger SV, hat den Machtkampf gegen den beliebten Sportdirektor Beiersdorfer gewonnen. Nun braucht der Alleinherrscher Erfolge - sonst wird es schnell eng für ihn.

Von Mathias Schneider

Bernd Hoffmann sieht abgekämpft aus an diesem Freitagmorgen um halb neun, aber es ist ja auch kein Wunder. Alles muss er selbst machen in diesen Tagen, seit der Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer weg ist. Und dann auch noch seinetwegen. Hatte einfach genug von ihm, der Didi. Seitdem fehlt es Hoffmann an Schlaf, man sieht es ihm an. Zuletzt hielt ihn der schwedische Stürmer Marcus Berg wach. Der FC Groningen wollte ihn nicht ziehen lassen, nun haben sie endlich eingelenkt. Neun Millionen Euro sind fällig. Ein bisschen teuer ist Berg geraten, aber was will man machen. Hoffmann, 46, muss Transfererfolge vorweisen, der Druck steigt, an der Basis rumort es. Gut, dass da wenigstens die Mannschaft Konturen annimmt, wenn auch recht spät. Eigentlich sollte sich das komplette Team längst einspielen.

Hoffmann will eigentlich nicht reden. Schon gar nicht über Beiersdorfer, das Thema sei doch durch. Er tut es dann doch. Soll niemand glauben, er habe etwas zu verbergen. Seit sechs Jahren gibt er nun den Vorstandsvorsitzenden beim Hamburger SV. Er hat ihn wirtschaftlich fit gemacht, die Bilanzen sind wieder stabil, nachdem es zur Jahrtausendwende noch ziemlich düster aussah. Der Umsatz stieg von 66 auf 180 Millionen Euro. Der Verein ist jetzt ein echtes Fußballunternehmen. Man ist wieder wer. Und er der starke Mann mittendrin. Es könnte alles so schön sein. Wenn nur das Problem mit seinem Führungsstil nicht wäre. Wenn nur diese hässlichen Vorwürfe nicht wären. Sie halten sich wie ein übler Geruch. Sie zielen nicht auf Hoffmanns Geschäftsgebaren, sondern auf seine soziale Kompetenz.

Von E-Mails ist die Rede, die er an Beiersdorfer vorbei direkt in dessen Stab entsandt haben soll. Von Sitzungen über die Kaderplanung, die absichtlich anberaumt worden seien, als der Sportchef außer Haus weilte. Hat er am Ende in Beiersdorfers Kompetenzbereich gewütet, weil er den Glauben an seinen Sportchef verlor? "Dietmar Beiersdorfer war über jeden Vorgang zu jeder Zeit informiert. Da kann man nur etwas Negatives konstruieren, wenn man gezielt etwas streuen will", sagt Hoffmann. Ob er cholerisch sei? Berichten doch Mitarbeiter, dass er öfter laut werde. Ein Tritt gegen einen Schrank komme schon mal vor, wenn es nicht nach seinem Kopf gehe. "Grundsätzlich wird mir im Verein Emotionalität immer wieder abgesprochen. In diesem Fall soll es ein Fehler sein?", antwortet Hoffmann. Warum versteht die ganze Welt da draußen nicht, dass er einfach nur gewinnen will, wie die Fans in der Kurve. Und alles dafür tut.

Kühler Chef

Aber die Fans lieben ihn einfach nicht. Respekt, ja, Respekt bringen sie ihm entgegen. Er könne verhandeln wie kein Zweiter, knallhart. So einen braucht man, das schon, aber so einem vertraut man nur ungern seinen Klub an. Zumindest nicht ihm ganz allein. Zu unnahbar, zu kühl, dieser Hoffmann. Zwei Vorstandsmitglieder hat er im vergangenen Jahr verschlissen, vor Beiersdorfer bereits den Fanvertreter Christian Reichert. Dann ist im Mai auch noch der Trainer Martin Jol über Nacht zu Ajax Amsterdam getürmt. Reichert weg, Beiersdorfer weg, Jol weg und diese blöden Niederlagen gegen Werder Bremen im Halbfinale des Uefa- und DFB-Pokals. Da kommt einiges zusammen und der Fan schon mal ins Grübeln.

Die Sehnsucht nach einem Titel nach 22 Jahren, das war der Kitt für diesen Klub. Stattdessen Häme, ausgerechnet aus Bremen. Das war zu viel, vor allem für den Boss selbst, der Niederlagen persönlich nimmt. Heftig ging er Beiersdorfer im Mai an, es war der eine Konflikt zu viel.

Beiersdorfer muss die schleichende Entmachtung gespürt haben, er ist ein sensibler Mensch. Schon lange war Hoffmanns Glaube in seine Entschluss- und Urteilskraft erschüttert. "Wenn man am 2. Januar weiß, dass der Stürmer Ivica Olic den Verein verlässt, und man bekommt am 27. Mai eine Liste mit 88 Namen, dann ist mir das nicht fokussiert genug. Es gab inhaltliche Defizite, die über sechs Jahre angesprochen wurden", sagt Hoffmann heute.

Schwerer Verlust für die Fans

Dass die Transferbilanz seines sportlichen Leiters insgesamt durchwachsen ausfällt, missfiel dem Chef seit Langem. Jährlich wurde der halbe Kader ausgetauscht. Die Entwicklung einer Mannschaft fördert so etwas nicht. Zu lange hielt Beiersdorfer 2006 am hilflosen Trainer Doll fest. Im Frühjahr 2008 konnte man sich ein halbes Jahr nicht auf einen Nachfolger für den Trainer Huub Stevens einigen. Am Ende fühlte sich Beiersdorfer umzingelt, und es fällt schwer herauszufinden, wo die Grenzen zwischen Mobbing und Paranoia verliefen. Schon Hoffmanns Ton muss für ihn ein Affront gewesen sein. Dessen Vorwurf, er habe ihm, Hoffmann, in den gut sechs Jahren nie klar gesagt, was ihn im Binnenverhältnis störe, entlockt Beiersdorfer heute nur ein verächtliches Schnauben. "Wir haben genug gestritten, und er wusste genau, was mich störte."

Nun ist er weg, ausgerechnet Beiersdorfer, der für alle doch der Didi geblieben war. Er war für die echten Fans die Gewissheit, dass alles noch ein bisschen ist wie früher. Er stand beim letzten HSV-Pokalsieg 1987 noch im Trikot auf dem Platz, als Kapitän. Ihr Didi, das war gehobene Fußballfolklore. Er war ihr Fundi zum Realo Hoffmann. Sie tragen schwer am Verlust. Auf der Mitgliederversammlung brüllten sie irgendwann "Hoffmann raus", eher aus Enttäuschung denn aus Überzeugung. Der Mann der Zahlen, der kurzweilig und selbstironisch sein kann, er ist ihnen noch immer fremd mit seiner Highspeed-Rhetorik. In den nächsten Wochen wird er vom Aufsichtsrat einen neuen Partner zur Seite gestellt bekommen. Der Rat wird bei der Berufung darauf achten, dass Beiersdorfers Nachfolger auch in der Kurve funktioniert, nicht nur in der Loge.

Viel hängt für den Verein davon ab, wie der Neue mit Hoffmann und dessen Vertrauter Katja Kraus auskommt, die ebenfalls im Vorstand sitzt und den Bereich Marketing und Kommunikation verantwortet. Sie gilt als Hoffmanns Regulativ und wirkte manches Mal als Puffer zwischen Beiersdorfer und dem Chef. Vor allem aber berät sie Hoffmann, spürt Strömungen in Verein und Öffentlichkeit für ihn auf und lenkt ihn, so gut es geht. Schon deshalb ist sie eine mächtige Frau, die sich gern im Hintergrund hält. Derart gut funktioniert das System der Gewaltenteilung, dass einflussreichen Hamburger Medien eine große Nähe zum Chef nachgesagt wird. Weite Teile des Aufsichtsrates sind Hoffmann ebenfalls zugetan. Es sind die Strategien des Machterhalts, man kann sie Hoffmann nicht vorwerfen. Nicht in einem Verein, in dem vor Hoffmann in den vergangenen 22 Jahren kein Präsident länger als drei Jahre durchhielt.

Der vorbelastete Trainer

Der neue sportliche Leiter trifft auf einen Trainer, der selbst noch auf der Suche nach seiner Identität ist. Zum starken Mann hat Hoffmann Bruno Labbadia trotzdem gleich gemacht. "Labbadia ist für die sportliche Handschrift verantwortlich", sagt Hoffmann über seinen Trainer. Er entscheide über Transfers mit dem Vorstand zusammen. Labbadia fungiert damit als eine Art Übergangsmanager, ein großer Vertrauensvorschuss für einen, der zuletzt nach einem Jahr in Leverkusen einen Großteil der Mannschaft gegen sich aufgebracht hatte. Mit langatmiger Rhetorik habe er Spieler in die innere Emigration getrieben. Wechselfehler, zu wenig Verständnis für die Truppe, es kam einiges zusammen am Schluss. Er ist noch ein Lernender, der dringend das Feedback eines erfahrenen sportlichen Leiters benötigt, soll sich die Geschichte nicht wiederholen. Doch sein Beiersdorfer, mit dem er sich blendend verstand, ist schon wieder weg, kaum dass er selbst in Hamburg ankam. Man hätte ihn gern nach Beiersdorfer gefragt und auch nach den Vorwürfen aus Leverkusen, doch Labbadia lehnte ab. Die Unruhe im Klub ist so schon groß genug.

Die Frage ist, welche Strategie dieser HSV jetzt verfolgt. Im großen Stil hat Hoffmann in die Mannschaft investiert. Er weiß, wem das Gebrüll aus der Kurve diesmal gilt, sollte der Start in die Hose gehen. Also hat er fast 20 Millionen für die zwei Nachwuchskräfte in die Hand genommen, neben Berg kam noch der Niederländer Elia. Dazu noch der ehemalige Bayern-Profi Zé Roberto, 35, der rund vier Millionen Euro verdienen soll. Es ist jetzt eine teure Mannschaft. Sie wird Zeit brauchen. Zeit, die sie nicht hat, rüstet sich doch die halbe Liga für den Kampf ums internationale Geschäft. Selten war die Dichte in der Bundesliga an der Spitze ähnlich groß. Hoffmann reizt hoch. Am 30. Juli beginnt die Saison mit der Qualifikation zum Uefa-Cup, der jetzt Europa League heißt. Dann werden die Karten aufgedeckt. Hoffmanns Joker sollten besser stechen, denn Champions League, die wollen sie in Hamburg endlich wieder mal erleben, nach Jahren im Uefa-Cup. "Das wäre wichtig, für den ganzen Verein und auch für die Fans", sagt der Nationalspieler Piotr Trochowski.

Er sitzt im vereinseigenen Restaurant "Die Raute". Die Beine brennen ihm noch immer vom Radtraining zwei Tage zuvor. In einer Stunde beginnt bereits die Nachmittagseinheit. Labbadia lege ein intensives Training auf, erzählt er. Das Potenzial der Mannschaft einzuschätzen, fällt ihm noch schwer. Zu früh. Aber optimal sei das ständige Kommen und Gehen natürlich nicht. "Vier Trainer in vier Jahren, das ist schon eine ganze Menge. Das bringt nicht eben Konstanz rein." Trochowskis Treffer in der 91. Minute am letzten Spieltag in Frankfurt hat ihnen allen in letzter Sekunde noch internationalen Fußball beschert. Die Freude darüber hält sich in Grenzen. Ein Trostpflaster, mehr ist es nicht für ihn.

Alles wird gut

Seit vier Jahren spielt er nun in dieser Mannschaft. Er zählt zu den Erfahrenen, dabei ist er selbst erst 25. Er will eine Führungsrolle in dieser umgestalteten Elf übernehmen. Die WM im nächsten Jahr in Südafrika, das ist sein Thema, möglichst als Stammspieler will er da hin. Dazu braucht er einen starken HSV, das hat er mit seinem Präsidenten Hoffmann gemeinsam. Wenn sich bloß alles irgendwie in Wohlgefallen auflöst, darauf hofft er, darauf hoffen sie alle, vor allem der Chef.

Noch ist der Aufsichtsrat auf Kurs. Man sei überzeugt von Hoffmanns Kompetenz, sagt der Aufsichtsratsvorsitzende Horst Becker. Eine Trennung von ihm habe nie zur Diskussion gestanden, natürlich nicht. Dann mahnt er aber doch ein bisschen, sozusagen als erzieherische Maßnahme: "Er überzieht im Ton, da muss er sicher an sich arbeiten. Der ist manchmal grenzwertig." Auf der Mitgliederversammlung hat Becker bereits dem aufgebrachten Auditorium versprochen, man werde Hoffmann bei der Zusammenarbeit mit dem neuen Manager genau beobachten. "Wir werden darauf achten", sagte Becker, "dass der Schüler Bernd in der nächsten Klasse vernünftig mit seinen Schülern zusammenarbeitet."

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