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International: Serie A - Der Titelkampf

Wird Enrique vom Denkmal, an dem er sägt, erschlagen? Hat Gasperini genug Autorität, um sich gegen die mächtigen Inter-Spieler zu behaupten? Wo landet Klose und wer wird überhaupt Meister? Wir analysieren die Stärken und Schwächen der Topteams der Serie A.

Die harten Worte von Milans Vize-Präsident Adriano Galliani dürften Wasser auf die Mühlen der zahlreichen Serie A-Kritiker gewesen sein. "Wir sind von einem Gourmetrestaurant zu einer Pizzeria abgestiegen", schimpfte er laut NZZ. Der Funktionär kritisierte damit nicht nur den Bedeutungsverlust, den italienische Clubs in der letzten Saison auf europäischem Parkett erlitten hatten.

Er sprach damit zusammenhängend auch die Tatsache an, dass die italienische Liga mittlerweile nicht mehr Kristallisationspunkt der Sehnsüchte großer Stars ist. Stattdessen verlassen sie Italien leichten Herzens, lassen sich aus anderen Ligen abwerben. Alexis Sanchez wechselte für 26 Millionen nach Barcelona, Javier Pastore zog es für 43 Millionen nach Paris und Samuel Eto'o heuerte in Dagestan an.

Klar, mit den ganz teuren Zutaten wird derzeit in Italien nicht mehr gekocht. Doch kann nicht auch Hausmannskost, eine gut gemachte, einfache Pizza nicht auch ein Gaumenschmaus sein? Spannung verspricht die Saison 2011/12 in der Serie A auf jeden Fall. Und das nicht nur, weil durch den wohl nicht zu verhindernden Spielerstreik der lang ersehnte Start noch weiter hinauszögern wird. Denn lange war das Rennen um den Titel nicht mehr so offen wie in diesem Jahr.

Die jahrelange Inter-Dominanz wurde in der Vorsaison durchbrochen, die Spitzengruppe ist näher zusammengerückt, die Nerazzurri starten erstmals seit langer Zeit nicht als absoluter Topfavorit. Diese Position hat natürlich Titelverteidiger Milan inne. "Sie haben den Trainer nicht gewechselt, davon werden sie profitieren", ist sich Ex-Nationaltrainer Marcello Lippi laut skysport24.it sicher.

Milan und Napoli sieht er daher im Vorteil, dahinter gruppieren sich dann seiner Meinung nach Juventus, Inter und Roma. Wir nehmen die sechs Kandidaten für die vorderen Plätze einmal genauer unter die Lupe und analysieren ihre Stärken und Schwächen.

AC Milan

Da die Rossoneri keine wesentlichen Abgänge – Andrea Pirlo hatte seinen Stammplatz ohnehin längst verloren – zu verzeichnen haben, ist die Mannschaft eingespielt und auf Methoden, System und Taktik von Max Allegri geeicht. Zudem konnte der Trainer einen Teamspirit etablieren, der die Mannschaft auch in schwierigeren Phasen zusammenhielt – selbst schwierige Charaktere wie Antonio Cassano muckten nicht auf, wenn sie sich auf der Bank wiederfanden.

Die Zugänge um Innenverteidiger Philippe Mexes (Roma), den derzeit verletzten Linksverteidiger Taye Taiwo (Marseille) und Youngster Stephan El Shaarawy (Genoa) dürften die Qualität des Teams im Vergleich zum Vorjahr deutlich heben. Zudem erwartet man bei Milan kurz vor Transferschluss traditionell noch Mister X, wird es diesmal vielleicht Alberto Aquilani?

Die Vorbereitung verlief trotz Gewinn der Supercoppa gegen Inter durchwachsen, was aber auch daran lag, dass Allegri viel experimentierte und Optionen ausprobierte bzw. musste. Denn kurz vor Saisonstart plagen den Coach große Verletzungssorgen. Die angeschlagenen Ibrahimovic, Taiwo, Mark van Bommel, Mathieu Flamini und Kevin Prince Boateng sind für den Ligastart in Cagliari fraglich. Doch trotz dieser leichten Sorgen zu Beginn, im Kampf um den Scudetto führt an Milan kein Weg vorbei.

Napoli

Dahinter kommen die Verfolger, angeführt von Napoli – der Überraschungsmannschaft der letzten Saison. Den Versprechungen folgten entsprechende Taten, die die Grundlage dafür legten, dass die Süditaliener um den Titel mitspielen werden. Trainer blieb der bewährte Walter Mazzarri, die Schlüsselspieler (Marek Hamsik, Ezequiel Lavezzi und Edinson Cavani) konnten gehalten werden.

Mit den Neueinkäufen Miguel Britos (Bologna), Blerim Dzemaili (Parma), Marco Donadel (Fiorentina), Gökhan Inler (Udinese) und Mario Santana (Fiorentina) wurde nicht nur für die dringend notwendige Kaderverbreiterung, um die Doppelbelastung mit der Champions League zu verkraften, sondern auch ein erheblicher Qualitätsschub erreicht. Auch für Mazzarri, der mehr Möglichkeiten zur Rotation bekommt und diese auch nutzen will. Die Basis ist gelegt, jetzt müssen die Spieler auf dem Platz ihren Teil erfüllen und an die Heimstärke der letzten Saison anknüpfen, aber vor allem auch in den Duellen mit den Spitzenteams ihre Nerven im Griff behalten und punkten.

Noch greifen aber nicht alle Räder ineinander, wie die 0:5-Testklatsche gegen den FC Barcelona bewies. Für Milan-Coach Allegri sagt das klare Ergebnis in Bezug auf Napolis Ambitionen jedoch wenig aus. "Das will nichts heißen außer, dass Napoli auf internationaler Ebene eben noch ein bisschen Erfahrung fehlt und Barcelona was den Stand der Vorbereitung betrifft natürlich schon viel weiter ist", analysiert er im Corriere dello Sport und zählt die Partenopei zu den schärfsten Titelanwärtern. Auch wenn Mazzarri das Wort Scudetto nicht in den Mund nimmt und auf stattdessen auf Inter schiebt.

Inter

Es wäre tatsächlich fahrlässig, nicht auch Inter zumindest zum erweiterten Kreis dazu zu zählen. Denn natürlich ist der ohnehin Kader hervorragend besetzte Kader mit Ricky Alvarez, Jonathan und Luc Castaignos auch noch gut verstärkt worden. Trotzdem gib es bei den Nerazzurri derzeit noch zu viele Fragezeichen. Wie kann der Abgang von Samuel Eto'o, des besten Stürmers der letzten Jahre verkraftet werden, wird Wesley Sneijder letztlich doch den Club verlassen? Wie kommen die Spieler unter Wettkampfbedingungen mit dem 3-4-3-System des neuen Coaches Gian Piero Gasperini zurecht? Beim gewonnenen TIM Cup sah das eigentlich Erfolg versprechend aus.

Sorgen macht aber immer noch die Defensive, die in der letzten Saison schon zu anfällig gewesen war und auch in der Vorbereitung nicht immer einen sattelfesten Eindruck machte, zudem in die Jahre gekommen ist. Maicon kämpft mit Verletzungen und hat wie Lucio, Cristian Chivu, Ivan Cordoba, Javier Zanetti und Walter Samuel die 30 bereits überschritten. Andrea Ranocchia hat noch lange nicht seine Bestform wieder erreicht, die er vor seiner Knieverletzung hatte.

Fraglich ist auch, wie sich Gasperini langfristig im Haifischbecken Inter schlagen wird? Denn seine Systemumstellung wird viele Stunden harten Trainings erfordern, um sie zu perfektionieren. Und schon unter Rafa Benitez hatten die Spieler gegen dessen Neuerungen opponiert und den Coach letztlich sein Amt gekostet. Und wie reagiert das Präsidium, sollten die Erfolge ausbleiben? Angesichts all dieser Problemfelder dürfte der Meistertitel dieses Jahr außer Reichweite, ein Platz in der Champions League aber durchaus realistisch sein.

Juve

In diesem Bereich dürfte sich am Ende auch Juventus platzieren, die nach der völlig verkorksten Saison dank eines kompletten Facelifts mit Ex-Kapitän Antonio Conte als neuen Trainer wieder ernsthaft um einen Platz in der europäischen Königsklasse wird mitspielen können. Dazu hat sich die Alte Dame mit Ausnahme der schon stark und breit besetzten Torhüterposition in allen Bereichen erheblich im Vergleich zur Vorsaison verstärkt.

Vor allem im Mittelfeld wurde aufgeräumt. Momo Sissoko und Felipe Melo mussten gehen, geholt wurden Andrea Pirlo und Arturo Vidal, die Conte für sein 4-2-4 mit schnellen Pässen und viel Ballbesitz geeigneter erscheinen. Auch die Außenpositionen in der Viererkette wurden neu besetzt. Die Schweizer Zange Reto Ziegler links und Stefan Lichtsteiner rechts sollen die letztjährige Achillesferse stärken. Beendet sind die Transferaktivitäten aber noch lange nicht. Neben Mirko Vucinic wurde mit Emanuele Giaccherini noch ein Flügelstürmer verpflichtet.

In den Vorbereitungsspielen hat Juve mit viel Ballbesitz und schnellen Angriffen bereits einen Eindruck der neuen Spielanlage vermitteln können. Vor allem der bei Milan aussortierte Pirlo zeigte mit vielen präzisen Pässen und seiner Fähigkeit den Ball zu halten, dass er noch lange nicht zum alten Eisen gehört und zumindest beim Offensivspiel perfekt in das System passt – defensiv hat er jedoch einige Probleme. Ein anderes Problem, das Conte bisher noch nicht abstellen konnte, ist die Anfälligkeit der Alten Dame bei Standardsituationen. Für den Titel wird es am Ende nicht reichen, die Qualifikation für die Champions League oder zumindest Europa League ist aber realistisch.

Lazio

Darauf schielen auch die Laziali, werden sich letztlich aber wohl mit der Europa League begnügen müssen. Obwohl Coach Edy Reja sich mit Bayerns Edelbankdrücker Miroslav Klose und Djibril Cisse (Panathinaikos) auf der letztjährigen Problemposition Angriff den Namen nach prominent verstärkt hat.

Doch einige Abgänge dürften schwer wiegen, wie der Wechsel von Lichtsteiner zu Juve und der Transfer des starken Keepers Fernando Muslera in die Türkei. Was Ersatzmann Federico Marchetti nach einem Jahr auf der Tribüne bei Cagliari noch leisten kann, wird der Saisonstart zeigen.

Zudem muss abgewartet werden, wie die Mannschaft mit der Doppelbelastung aus Europa League und Serie A zurechtkommen wird. Auf zwei Hochzeiten zu tanzen wird eine neue Herausforderung für Rejas Team werden. Schlagen die Neuzugänge ein, trifft Klose als einzige Spitze im 4-2-3-1-System wie in den Testspielen und zuletzt in der Europa League, kann Lazio in etwa wieder das Ergebnis der letzten Saison erreichen. Ein fünfter Platz dürfte das Optimum darstellen.

Roma

Damit würde Lazio aus unserer Sicht aber immerhin vor dem Lokalrivalen landen. Denn mehr als der sechste Platz dürfte für die Roma dank neuem Besitzer, neuem Trainer, neuer Philosophie und neuen Spielern wohl nicht drin sein. US-Investor Thomas Di Benedetto will bei der Roma langfristig wirken, ein junges Team mit einer neuen Spielphilosophie angelehnt an den FC Barcelona aufbauen. Und das wird nicht von heute auf morgen klappen.

Dazu kam in Walter Sabatini einer der besten Talente-Entdecker Italiens als Sportdirektor und mit Luis Enrique ein junger Trainer, zwar ohne Erstligaerfahrung, aber mit Insider-Erfahrung vom FC Barcelona. Mirko Vucinic und Jeremy Menez wurden gegen hohe Ablösesummen abgegeben, dafür vor allem junge aufstrebende, gleichwohl hoch talentierte aber noch lange nicht etablierte Kicker wie Bojan Krkic(20), Jose Angel (21) und Erik Lamela (19) geholt.

Da die jungen Neuzugänge noch Zeit zur Eingewöhnung brauchen, der betagte Gabriel Heinze deutliche Defizite im Vergleich zum abgewanderten Philippe Mexes aufweist, lässt sich ein wirklicher Qualitätsgewinn derzeit nur beim neuen Keeper Maarten Stekelenburg erkennen. Die Vorbereitung mit einigen schwachen Freundschaftsspielen, aber auch die Niederlage im Europa League-Hinspiel in Bratislava zeigte, dass die Umsetzung des neuen Konzeptes noch Zeit in Anspruch nehmen wird.

Zum Problem könnte werden, dass der in der Europa League-Partie lange auf der Bank schmorende Francesco Totti, der mit seiner Spielweise auch nicht unbedingt in das Enrique-System passt, bereits offen gegen den neuen Kurs wetterte – und von den Fans recht bekam. "Über Totti diskutiert man nicht, man liebt ihn", protestierten sie auf Plakaten gegen die befürchtete langsame Ausmusterung des alternden Stars durch den Trainer, der bereits ankündigte, dass bei ihm niemand eine Sonderrolle bekommen wird.

Totti genießt in Rom Heldenstatus, ist für die Anhänger die personifizierte Roma. Daher stehen sie bedingungslos hinter ihm. Wer sich mit Totti anlegt, hat bei den Giallorossi keine große Zukunft, Claudio Ranieri kann ein Liedchen davon singen. Der Fall Totti könnte zum Stolperstein für Enrique werden, Unruhe in den Club bringen und den Neuaufbau erheblich gefährden.

Udinese Calcio

Für eine Überraschung in der Spitzengruppe ist natürlich auch Udinese Calcio immer gut, auch wenn an eine Saison wie die letzte wohl nur grenzenlose Optimisten glauben.

Die Friulani haben ihre zentrale Spieler Innenverteidiger Cristian Zapata (Villarreal), Mittelfeldass Gökhan Inler (Napoli) und Topstürmer Alexis Sanchez (Barca) verkauft, werden aber dank ihrer weltweit operierenden Talentsichtung sicher wieder den einen oder anderen Shooting-Star aus dem Hut zaubern, der in die Bresche springen und Oldie-Torjäger Antonio di Natale und Trainer Francesco Guidolin beim Favoritenärgern tatkräftig unterstützen wird.

Malte Asmus

sportal.de / sportal

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