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Jens Lehmann: Der Wahnsinnige kommt zur Ruhe

Sein Abgang aus Dortmund wirkte wie eine Flucht, aber bei Arsenal London hat er sein Glück gefunden. Jens Lehmann, Deutschlands Torwart Nummer 1b, standen bisher sein verbissener Ehrgeiz im Weg, die Ablehnung der Fans - und Olli Kahn. Das soll sich ändern.

Beim Spiel gegen den FC Chelsea passiert es wieder: Als Jens Lehmann einen Schuss mit seinen Fäusten abwehrt, erheben sich die Zuschauer und jubeln. Die Sonne steht tief an diesem Nachmittag über dem Stadion in Highbury, wo Lehmann seit diesem Sommer das Tor von Arsenal London hütet - und zu dieser Jahreszeit manchmal so geblendet ist, dass er nicht jeden Ball kommen sieht. Deshalb der Applaus für jeden Schuss, jede Flanke, die er wegfaustet statt zu fangen. Und deshalb auch keine Pfiffe, als er dann doch einen Ball an sich vorbeifliegen lässt zum 1 : 1. Lehmann sieht nicht gut aus in diesem Moment, und irgendwem muss er die Schuld geben, die Sonne kann er kaum anklagen, also ruft er dem Schiedsrichter zu, Torschütze Hernan Crespo habe aus dem Abseits geschossen. Die Kappe hat er dabei tief ins Gesicht gezogen, die Brust aufgepumpt wie ein Rekordtaucher, bevor er ins Wasser springt, und in Deutschland hätte er jetzt eine gelbe Karte bekommen. Der englische Referee ignoriert das Gehabe des 1,90 Meter großen Torhüters, zeigt auf den Anstoßpunkt, das Tor zählt. Am Ende gewinnt Arsenal trotzdem 2 : 1 gegen Chelsea, ist vorübergehend Tabellenführer der Premier League, und die Fans entlassen die Spieler mit Getöse in den Feierabend.

Seit 16 Jahren arbeitet Lehmann als Profifußballer, doch das ist neu für ihn: Die Fans achten ihn. "In Dortmund bin ich mit Hass empfangen worden, in Arsenal dagegen mit Applaus - das ist eine schöne Erfahrung", sagt er einige Tage nach dem Spiel bei einem Spaziergang mit der Familie durch den gediegenen Stadtteil Hampstead. Auf einer Wiese laufen seine Frau Conny und Sohn Lasse einem Ball hinterher. Lehmann steht mit seinem jüngsten Sohn Mats auf einem Hügel namens Primrose Hill. Von hier aus hat er ganz London im Blick; die Stadt, in die er gekommen ist, um mindestens zwei Dinge zu beweisen: erstens, dass er dauerhaft im Ausland bestehen kann - sein erster Abstecher in eine andere Liga, nach Italien zum AC Mailand, endete bereits nach sechs Monaten. Zweitens will er zeigen, dass er das Zeug hat, endlich die Nummer eins in der Nationalmannschaft zu werden. "Wenn ich so weitermache, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich es schaffe", sagt er und lächelt.

Es könnte ein weiter Weg werden

, und die Frage ist, ob dem 34-Jährigen noch genügend Zeit dafür bleibt - immerhin ist Olli Kahn nur ein halbes Jahr älter. Lehmanns Alltag in der Nationalmannschaft sieht bislang so aus: Im Training vor dem Länderspiel gegen Frankreich zum Beispiel muss er sich auf den Rasen werfen, um die Bälle der Spieler in den roten Leibchen abzuwehren. Seiner Miene ist abzulesen, dass er es nur schwer erträgt, die Schüsse der Ersatzspieler zu fangen, während sich am anderen Ende des Platzes Oliver Kahn so benimmt, als ginge es schon heute um die Europameisterschaft. Wenn Kahn einen Ball aus der Luft holt, sieht er aus wie ein Leibwächter, der sich schützend vor einen Präsidenten wirft. Jens Lehmann dagegen wirkt, als pflücke er einen Apfel vom Baum. Auch deswegen wurde er von seinen Mitspielern schon häufig ein Schnösel genannt.

Zwischen den beiden Torhütern spaziert Sepp Maier über den Platz und sammelt Bälle ein, die im Nirgendwo gelandet sind. Sepp Maier ist Torwarttrainer des DFB - und der von Bayern München, er hat fast täglich mit Oliver Kahn zu tun, und über die Ambitionen von Lehmann sagt er: "Solange der Olli da ist, hat der Jens Pech." Das Verhältnis der beiden beschreibt er als kollegial, aber nicht freundschaftlich: "Sie sitzen selten beieinander."

Einmal nur hat sich Lehmann zu Kahn gesetzt

, nach dem WM-Endspiel gegen Brasilien, in dem Kahn einen Schuss von Ronaldo nicht festhielt und sich deshalb für die Niederlage schuldig fühlte. Da tröstete ihn die so genannte Nummer 1b auf ihre Weise: "Ich wäre schon deshalb gern Weltmeister geworden, weil du dann in der Nationalmannschaft aufgehört hättest." Die Nummer 1 antwortete, dass er damit wohl Recht habe. Als Kahn dann nach der WM in ein sportliches und privates Formtief geriet, verließ Lehmann seine Lauerstellung und sagte im Interview mit der englischen Zeitung "Daily Telegraph": "Ich denke, ich sollte spielen. Ich bringe zurzeit bessere Leistungen als die Nummer eins." Sepp Maier sagt zu solchen Äußerungen: "Ein bisschen lästig sind diese Querschüsse schon. Ich sage dem Olli dann immer: Ärger dich nicht." Später hat Lehmann seine Aussage widerrufen. Auf einer Sache aber beharrt er: "Ich respektiere Leistung. Dementsprechend verlange ich von anderen, dass sie meine Leistung genauso achten. Niemand, egal wie er heißt, kann sich längere Zeit eine mittelmäßige Leistung erlauben. Dann ist er irgendwann weg. Ich bin guter Hoffnung, dass ich irgendwann in der Nationalmannschaft spielen werde." Sepp Maiers Kommentar: "Jens könnte in jeder anderen Nationalmannschaft der Welt die Nummer eins sein." Das ist ja sein Drama. Im Freundschaftsspiel gegen die Franzosen in der Schalke-Arena wird Jens Lehmann seinen Stammplatz bei der Nationalmannschaft einnehmen - auf der Ersatzbank. Die deutsche Mannschaft verliert 0 : 3, und Kapitän Oliver Kahn wirkt schon während des Spiels, als wolle er kein Teil dieses Teams sein. Direkt nach der Partie verweigert er jeden Kommentar. Auch Lehmann schweigt. Er geht duschen und bricht direkt auf, zurück nach England.

Wer ist zur Zeit der beste deutsche Torwart?

In London die Nummer eins, bejubelt, geachtet; in Deutschland der Mann, der Kahn den Job wegnehmen will - zwischen diesen Polen bewegt sich Jens Lehmann, der Unvollendete, der seit seinem 15. Lebensjahr nach Perfektion strebt. Damals beschloss er, Profi zu werden, und er richtete sein Leben ganz danach aus: Er trinkt fast nie Alkohol, hat bis heute keine Zigarette angerührt, und wenn er als Teenager mit Freunden ausging, war um halb elf für ihn Schluss, weil er vor dem Schlafengehen noch Sprungübungen machen wollte.

Mit 17 wurde Lehmann Torwart bei Schalke 04, zehn Jahre später holte er mit der Mannschaft den Uefa-Pokal. Nach der Zwischenstation beim AC Mailand kehrte er ins Ruhrgebiet zurück, ausgerechnet zu Borussia Dortmund, wo er als ehemaliger Schalker von den Fans mit Skepsis empfangen wurde, die bald in Abneigung umschlug. Als er sich mit Conny Hompesch, der ehemaligen Lebensgefährtin eines BVB-Spielers, anfreundete, entfalteten einige Zuschauer im Dortmunder Stadion ein Transparent, dessen Wortlaut Lehmann heute nicht mehr veröffentlicht sehen will: Die Fans hatten Conny Hompesch unterstellt, sie sei ein leichtes Mädchen, das sich nun mit einem Ex-Schalker eingelassen hat. "Meine Frau hat ein dickes Fell", ist alles, was Lehmann heute dazu sagen möchte.

Solch ein Fell hat er selbst auch, er ließ die Schmähgesänge der eigenen Fans über sich ergehen, ist erst ausgerastet, als sie seinen Sohn Mats in ihren Hohn mit einbezogen. Und so kam es bei einem Freundschaftsspiel sogar zu einer Prügelei. "Ein Fan stand hinter meinem Tor und pöbelte mich an - irgendwann hab ich ihn am Schlafittchen gepackt." Lehmann kam mit einer Kopfnuss davon, der Pöbler mit einem Stadionverbot, der Höchststrafe für einen Dortmund-Anhänger.

Sein früherer Mannschaftskollege Lars Ricken erinnert sich an die Härte der Abneigung, die Lehmann ertragen musste. "Als Feldspieler kannst du dich vielleicht noch verstecken, als Torwart nicht", sagt er. Und eines erstaunt Ricken immer noch: "Normalerweise verblassen im Fußball die negativen Erinnerungen an einen Spieler. Beim Jens scheinen nur die positiven Erinnerungen zu verblassen."

Vergangene Saison zeigte Lehmann die beste und konstanteste Leistung seiner Karriere. Er ist kein Keeper, der durch Spektakel auffällt, er stürzt nicht nach dem Ball wie Kollege Kahn. Vielmehr ist seine Stärke, dass er vom Tor aus das Spiel liest, die Abwehrspieler dirigiert und manchmal auch so weit herausgeht, dass er die Situation klärt, bevor sie brenzlig wird.

Er ist ein agierender Torwart mit sehr gutem Reaktionsvermögen, Kahn dagegen ein Reaktionsgenie mit eingeschränktem Aktionsradius - und vielen Titeln. Lehmanns Leistung machte ihn für Trainer Arsene Wenger interessant, der beim FC Arsenal einen Nachfolger für David Seaman suchte. Englands Torhüterlegende war mit 39 Jahren zu alt für die Ansprüche von Wenger, der einen Torwart brauchte, der, wie er sagt, starken Druck gewöhnt sei und mit dem er kein Risiko eingehe. "Und ich glaube nicht, dass wir das mit Lehmann getan haben." Seit Juli lebt Lehmann in London. Für manche sah sein Weggang wie eine Flucht aus. Es müssen Dinge in Dortmund passiert sein, über die alle Beteiligten Stillschweigen vereinbart haben. Lehmann sagt beim Spaziergang, man dürfe nicht den Fehler machen, den Spieler Matthias Sammer mit dem Trainer Sammer zu verwechseln. Und die Nachfrage, ob Sammer nicht mehr als eine dauerhafte Notlösung sei, beantwortet Lehmann diplomatisch: "Das Thema Borussia Dortmund ist für mich abgeschlossen."

Lehmann ist einfach nur rechtzeitig abgehauen. Bevor Dortmund sich auch im Uefa-Pokal blamierte. Lars Ricken sagt, Lehmanns Weggang sei nicht das beste Signal gewesen für die Mannschaft; schon deshalb nicht, "weil Jens sich unter Druck nicht zurückzieht". Er schaffe, sagt Ricken, ein Reizklima. Das allerdings nicht nur im positiven Sinn. "Er legt seine Finger gern in die Wunden anderer." Beispiel? "Wenn Jens ein paarmal zu spät zum Training erschienen ist und dafür gerügt wurde, hat er von allen verlangt, dass sie von nun an pünktlich zum Training kommen sollten." Und Sepp Maier fügt hinzu: "Vielleicht macht die Bestätigung in England den Jens ruhiger." Derzeit Tabellenzweiter, 14 Ligaspiele, keines verloren, viermal zu null gespielt, zehn Gegentore - Arsenals Rekordserie gibt ihm Ruhe.

In einem Cafe beim Regent‘s Park bestellt er sich ein Stück Schokoladentorte, seine Söhne essen Waffeln mit Smarties. Sie erzählen, wie unglaublich es ist, dass es an Londoner Schulen noch Läuse gebe. Immer wieder hat Lehmann gesagt, dass er privat ein anderer Mensch sei als auf dem Platz. Es sähe auch seltsam aus, wenn er mit den gegnerischen Stürmern so liebevoll umginge wie mit seinen Söhnen.

Auf dem Platz ist er ein Einsamer, der von den Zuschauern bewundert wird für seinen Wahnsinn - aber niemals in die Herzen geschlossen. "Man wird nicht Torwart, weil man geliebt werden will", sagt Lehmann. Er hat sich mit dieser Einsamkeit abgefunden - mit ihren Folgen jedoch nicht immer: Wenn er im Fernsehen Szenen sieht, wie er einen Schiedsrichter beschimpft, mit den Armen fuchtelt, auf den Gegner losgeht und manchmal auch auf Mitspieler, dann denkt er: "Toll war das nicht. Aber für den Erfolg vielleicht wichtig." Das sagt er auch seinem Sohn Lasse, wenn der von der Schule nach Hause kommt und sagt "Papa, die haben erzählt, du wärst verrückt gewesen auf dem Platz."

Ist er ein Verrückter?

"Ich dachte immer, Arsenal wird mich nicht nehmen, wenn sie Szenen zu sehen bekommen, in denen ich die Beherrschung verliere. Ein Freund hat mir dann aber gesagt: Genau so etwas lieben die hier!"

Nur einmal ist er bislang verspottet worden in England: Nach einem Patzer gegen Dynamo Kiew, bei dem er weit vor seinem Tor ins Stolpern geriet und den Ball auf die Füße des gegnerischen Angreifers Walentin Belkewitsch passte, schrieb das Boulevardblatt "The Sun": "Lehmann the Lemon" - Lehmann, die Zitrone. Mittlerweile hat die Mannschaft ihre Fehler in der Champions League wieder gutgemacht, zuletzt mit einem triumphalen 5 : 1 bei Inter Mailand - einem Sieg, an dem auch Lehmann wichtigen Anteil hatte: Mit den Fingerspitzen konnte er einen Freistoß ins Toraus lenken. Ohne die Tat wäre Arsenal kurz vor der Pause in Rückstand geraten, und das Spiel hätte einen anderen Verlauf genommen. Auch dafür empfingen ihn die Fans in Highbury am Sonntag danach im Ligaspiel gegen Fulham mit einem Applaus wie man ihn nur in England erlebt. Auf dem Gesicht von Jens Lehmann, dem Mann, der ein Schnösel sein soll, war ein Lächeln zu erkennen.

Oliver Creutz / print

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