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Umweltbewusstsein Klimasünder Bundesliga: Was der Fußball besser machen kann

"Das Gesamtbewusstsein ist leider unterentwickelt": Klimasünder Fußball-Fans
"Das Gesamtbewusstsein ist leider unterentwickelt": Klimasünder Fußball-Fans
© ULMER / Picture Alliance
Die Fußball-Bundesliga hat in Sachen Klimabewusstsein einen gewaltigen Nachholbedarf, auch wenn es erste Ansätze für ein Umdenken gibt. Das Problem: Für einen ernsthaften Wandel müssten die Vereine ihr Geschäftsmodell anpassen.

Wie stark das Bewusstsein für den Klimawandel im Profifußball ausgeprägt ist, zeigte die deutsche Nationalelf nach dem Länderspiel gegen Spanien in Stuttgart Anfang September. Um zur nächsten Partie nach Basel zu gelangen, charterte der DFB kurzerhand ein Flugzeug für das Team und seinen Tross – für eine Autobahn-Distanz von 260 Kilometern. Eine Fahrt im Bus sei für die Regeneration der Spieler nicht optimal gewesen, lautete die fadenscheinige Begründung. Für das Klima war der Flug auf jeden Fall die schlechtere Wahl.

"Das Gesamtbewusstsein ist leider unterentwickelt", bestätigt Norman Laws vom Institut für Nachhaltigkeitssteuerung an der Uni Lüneburg dem stern. Er meint damit aber nicht nur den DFB und die Nationalmannschaft, sondern den gesamten deutschen Profifußball. Zahlen, die das unterstreichen, lieferte im vergangenen Jahr die Klimaberatungsfirma CO2OL in einer Studie mit Modellrechnungen: An einem normalen Spieltag verursachen die Bundesliga und ihre etwa 400.000 Zuschauer in den Stadien 7753 Tonnen CO2-Emissionen. Rund zwei Drittel der Emissionen werden durch die Fahrten zum Stadion verursacht. Je weiter die Fans reisen müssen, desto höher ist der CO2-Wert. Andere Faktoren wie die Stadionwurst oder das Bier verursachen etwa ein Drittel (Die Zahlen stammen aus dem vergangenen Jahr, also der Vor-Corona-Zeit. Während der Pandemie sinken sie logischerweise vorübergehend).

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Es gibt positive Ansätze

Zum Vergleich: Der CO2-Ausstoß pro Kopf betrug in Deutschland zuletzt knapp acht Tonnen laut Berechnungen des Umweltbundesamtes. Ein Flug von Berlin nach New York und zurück verursacht 3,87 Tonnen CO2, der durchschnittliche Jahresverbrauch an Strom pro Haushalt 3,7 Tonnen.

Das sind erst einmal die nackten Zahlen, die verdeutlichen: Die Bundesliga ist ein Klimasünder – und das nicht zu knapp. "Das ökologische Bewusstsein ist gering" stellt Patrick Fortyr von der Klimaberatungsfirma CO2OL gegenüber dem stern fest, aber "dennoch hat sich einiges in den vergangenen Jahren verbessert". Seine Firma berät kleine und mittelständische Unternehmen in Fragen des Klimaschutzes. In der Bundesliga zählt der VfL Wolfsburg zu den Kunden. Der Klub veröffentlicht immerhin alle zwei Jahre seinen CO2-Fußbdruck. Das sei ein erster Schritt, weil man eine Zahlenbasis habe, auf der man aufbauen könne, sagt Fortyr. 

Positiv tritt auch der SC Freiburg in Erscheinung. Dessen neues Stadion wird über eine Solaranlage verfügen und damit beim Stromverbrauch eine positive Energiebilanz aufweisen. "Überhaupt hat man beim SC Freiburg eine ernste Wahrnehmung des Klimaproblems", sagt Wissenschaftler Laws. Als Vorreiter sieht sich auch der 1. FSV Mainz 05. Das Stadion verfügt schon seit 2004 über eine Solaranlage, der Verein fördert über die Tickets die Anreise mit dem ÖPNV und unterstützt ausdrücklich die Fridays-for-Furture-Demonstrationen.

Doch bei allen zaghaften Fortschritten sei vieles noch "Bekenntnisrhetorik" (Laws) und eine "ernste Klimaschutz-Strategie" bei den meisten Vereinen nicht zu erkennen (Fortyr).

DFL sollte Lizenzierungsverfahren an ökologische Standards koppeln

Was also tun? Ein handfester Schritt wäre es zum Beispiel, das Lizenzierungsverfahren durch die Deutsche Fußball Liga (DFL) zu verändern und neben ökonomischen auch ökologische Standards einzufordern. Daneben könnten die Klubs von sich aus mehr auf ihre Energieeffizienz achten, Ökostrom nutzen oder Autoparkplätze in Fahrradstellplätze umwandeln. Fortyr schätzt, dass nach wie vor ein Großteil der Fans mit dem PKW zum Stadion kommt. Denkbar seien auch mehr vegetarische Essensangebote. "Ein entscheidender Hebel, den Klubs haben, ist der Kontakt zu den Fans", sagt Fortyr. Darüber könne man noch viel stärker einen "Bewusstseinswandel fördern". Man müsse die Fans mitnehmen und Alternativen anbieten.

Beide Klimaexperten sind sich darin einig, dass für einen grundlegenden Wandel hin zu einer wirklich klimabewussten Bundesliga weitere Schritte folgen müssen. Laws betont, dass sich im Fußball bislang nicht viel geändert habe, weil "sich das Geschäftsmodell nicht geändert hat". Dazu gehöre auch die Auswahl der Sponsoren. Gerade die Coronakrise "habe deutlich gemacht, wie abhängig die Klubs von diesem Geld sind", sagt Fortyr. Ökologische Kriterien spielen da meist keine Rolle. Gleiches gilt für die "Lebensstilmodelle", die die Profis häufig vorlebten. Wer diverse Luxusautos in seiner Garage ansammelt, ist nicht gerade ein Vorbild im ökologischen Sinn.

Quelle: CO2OL, Deutschlandfunk, Umweltbundesamt


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