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Analyse

Rücktritt vom DFB-Team: Özils Rundumschlag: Wo er sich widerspricht - und wie er mit Ehrlichkeit allen hilft

Mesut Özil feuert in seiner Rücktrittserklärung um sich - vor allem DFB-Präsident Reinhard Grindel geht er scharf an. Die Aussagen und Anschuldigungen des Fußballers in der Analyse. 

Mesut Özil spielt nicht mehr für die DFB-Elf

Mesut Özil wird nicht mehr für die DFB-Elf spielen

Mesut Özil hat seine Karriere in der deutschen Nationalmannschaft mit einem großen Knall beendet. In einem dreiteiligen Statement verteidigte er sein Treffen mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, attackierte Medien, Sponsoren und den DFB scharf und erklärte schließlich seinen Rücktritt wegen "Rassismus und Respektlosigkeit", die ihm entgegenschlagen würden. Das ausführliche - und in englischer Sprache veröffentlichte - Statement enthält hochbrisante Anschuldigungen und Aussagen. Die Analyse.

Özils Grindel-Attacke

Im Zentrum von Özils Attacke auf den DFB steht Präsident Reinhard Grindel. Özil kritisiert, in Grindels Augen sei er als Nationalspieler "deutsch, wenn wir gewinnen, aber ein Migrant, wenn wir verlieren". Özil wolle "nicht mehr als Sündenbock für seine (Grindels, Anm.) Inkompetenz und Unfähigkeit, seinen Job ordentlich zu machen, herhalten". Ein brisanter Vorwurf steckt zudem zwischen den Zeilen.

Mit grünem Cap und weißen Kopfhörern um den Hals geht Mesut Özil im roten T-Shirt mit Arsenal-Wappen an einem Bus vorbei

 

Grindel, so kann man es lesen, hat verhindert, dass sich Özil öffentlich erklärt. Özil schreibt wörtlich: "Joachim Löw hat mich gebeten, meinen Urlaub zu verkürzen um eine gemeinsame öffentliche Erklärung (joint statement) abzugeben." Grindel habe Özil daraufhin aber nicht zugehört, Özils Ansichten über seinen kulturellen Hintergrund nicht akzeptiert und versucht, seine Meinung zu Erdogan durchzusetzen. Grindels "Art sei herablassend" gewesen - und erst dann hätten sie sich darauf verständigt, dass es "das Beste sei, sich auf Fußball zu konzentrieren". Darum, so Özil, habe er dann verzichtet, am DFB-Medientag vor der WM teilzunehmen. Zudem habe er sich beim Treffen mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit diesem geeinigt, eine gemeinsame Erklärung abzugeben. Grindel aber sei "verärgert" gewesen, dass nicht sein Team das erste Statement in der Causa veröffentlichen durfte. Sowohl nach dem DFB-Krisentreffen als auch nach dem Steinmeier-Besuch gab es keine gemeinsame Erklärung mit Özil. Steinmeier zitierte in seinem Facebook-Statement zum Treffen lediglich, der Fußballer habe ihm gesagt, er stehe zu Deutschland. 

Diese Lesart der Özil-Passage würde bedeuten: Özil wollte etwas sagen, er wollte damals vielleicht schon betonen, dass er Sportler und kein Politiker sei. Unabhängig davon, ob man das kritisieren darf: Grindel hat diese Meinung offenbar nicht akzeptiert. Und dieser Grindel stellt sich Wochen später hin und sagt, Özil solle sich endlich äußern, nachdem er nach Özils Darstellung dafür gesorgt hat, dass es nicht zu einer früheren Erklärung kam. Sollten diese Vorwürfe zutreffen, wäre Grindel als DFB-Präsident nicht mehr haltbar. 

Mesut Özil steht im schwarzen DFB-trikot auf dem Platz und jubelt, Jérôme Boateng beglückwünscht ihn

Wo Özils Argumentation hinkt

Özil erklärt das Foto mit Erdogan mit dem "Respekt vor dem Amt". Er habe keine politische Botschaft senden und keinen Wahlkampf machen wollen. Es wäre schlicht respektlos seinem kulturellen Erbe gegenüber gewesen, wenn er abgesagt hätte. Das ist - nahezu wortgleich - das, was auch schon Ilkay Gündogan sagte. Die Frage muss erlaubt sein: Wie konnte Özil sich nicht mit dem DFB auf ein Statement einigen, Gündogan aber schon? Die Schuld für die schlechte Krisen-PR nun ausschließlich dem DFB zu geben, ist daher wenig glaubwürdig - zumal Fußballer zumeist von einer ganzen Armada an Beratern und Managern betreut werden. Vielleicht waren in Özils Fall also beide nicht fähig, den Kompromiss zu finden.

An einem weiteren Punkt widerspricht sich Özil. Er sagt, er sei Sportler und eben kein Politiker. Anschließend rechtfertigt er sein Erdogan-Treffen mit denen zwischen der Queen oder der britischen Premierministerin mit dem türkischen Präsidenten, also: mit den Treffen zwischen Staatsoberhäuptern bzw. Politikern. Zudem setzt er selbst in der Folge ein extrem politisches Statement ab, spricht Rassismus an und sagt, er sei nicht "in der Gesellschaft" akzeptiert. Das IST ein politisches Statement. Spätestens danach muss er es sich gefallen lassen, wenn man ihn dafür kritisiert, keine Haltung zur türkischen Politik zu haben.

Ein dritter zentraler Widerspruch: Selbt wenn er nicht politisch argumentieren würde, und sich nur auf sein Leben als Sportler beziehen würde. Auch und gerade als Sportler hätte er wissen können, dass das Timing des Fotos mit Erdogan, einen Tag vor der Nominierung des vorläufigen deutschen WM-Kaders, nicht klug gewählt war. Egal ob das Treffen von der Premier League organisiert war oder nicht.

Rassismus-Vorwurf

Özil beschreibt, wie er von einem SPD-Kommunalpolitiker als "Ziegenficker" beleidigt wurde, wie Fans ihn nach dem Schwedenspiel im Stadion als "Scheiß-Türkensau" beschimpften, wie er und seine Familie via Mail, Telefon und soziale Medien attackiert wurden. Er wirft diesen Menschen vor, das Foto benutzt zu haben, "um ihre latenten rassistischen Tendenzen auszuleben". 

Es ist beschämend für Deutschland, dass ein Nationalspieler so etwas schreiben muss. Der Vorwurf des Rassismus ist in nicht wenigen Fällen völlig berechtigt. Der DFB hat hier auf ganzer Linie versagt, weil sich in diesen Fällen niemand laut und stark genug vor den Spieler gestellt hat. Was Özil allerdings auslässt: Natürlich darf man ihn für das Foto mit Erdogan kritisieren, ohne dass das einen rassistischen Hintergrund hat. Özil benutzt hier die widerliche Hetze gegen ihn auch, um pauschal alle Kritik abzublocken. Das wiederum macht es leider auch Rechten leicht, Argumente gegen sein Statement zu finden.

Davon uneingenommen ist Özils vehementer Vorwurf ein sehr ernstzunehmendes Alarmsignal. Wenn schon ein Fußballer, der mit Deutschland Weltmeister geworden ist, der also viel für die Integration getan hat, geradezu hilflos fragt: "Warum akzeptieren die Leute nicht, dass ich Deutscher bin?", wie sieht es dann in all den jungen Deutschen mit ausländischen Wurzeln aus, die in diesem Land aufwachsen? Auch sie werden tagtäglich Rassismus ausgesetzt, mal in homöopatischen Dosen, mal offen und unverhohlen. Wenn eines ihrer großen Vorbilder in dieser Offenheit Alarm schlägt, muss man als Gesellschaft sehr genau zuhören.

Mangelnde Selbstkritik

Ein zentraler Kritikpunkt an Özils Erklärungen ist, dass er die Schuld nur bei anderen suche, nicht bei sich selbst. Diesen Vorwurf wird er sich gefallen lassen müssen. Hätte er hier und da eigene Versäumnisse eingeräumt, wären seine Aussagen womöglich besser aufgenommen worden. Was viele Kommentatoren aber übersehen, die eine Entschuldigung von Özil fordern: Er muss natürlich niemanden um Verzeihung bitten. Wir leben in einem freien Land, wir können Fotos machen, mit wem wir wollen. Wir dürfen den türkischen Präsidenten sogar toll finden, wenn uns danach ist. Die eigene Ansicht aber zur einzig wahren Meinung zu erklären und Andersdenkende zu kritisieren, bis sie einlenken und sich gefälligst entschuldigen, klingt eher nach Erdogans Türkei. 

Stilfrage

Özil hat seinen großen Paukenschlag nach allen Regeln der Kunst inszeniert. Die dreiteilige Erklärung wurde an einem Sonntagnachmittag in Abständen von jeweils mehreren Stunden veröffentlicht. Deutlich mehr Zeit ließ er sich für das entscheidende Rücktritts-Posting am Schluss. Stunden der Ungewissheit, in denen zwar bereits absehbar war, was folgen würde, in denen es dennoch Raum für Spekulationen gab. In seinem Statement beschwert er sich auch über den Umgang der Medien mit ihm. Nach Wochen, in denen er ständig neue Artikel über sich lesen musste, wollte er offenbar einmal die Berichterstattung über sich bestimmen. 

Özil wählte für seine Erklärungen - zumindest in der veröffentlichten Version - die englische Sprache. Nun ist Özil ein weltweit bekannter Fußballer, der in Spanien und nun in England spielte, trotzdem stellt sich die Frage: Wenn seine Botschaft an Deutschland, an den DFB, an deutsche Sponsoren und Medien gerichtet war, warum schreibt er sie dann nicht auf Deutsch?

Klar ist: Ein solch deutliches Statment hat es lange nicht mehr gegeben. Es war nicht glattgebügelt und ausgewogen, es war konfrontativ. Sicherlich wird Özil die Zeilen nicht alle allein verfasst haben, auch er hat Berater. Dass am Ende trotzdem eine derart offene, ungefilterte und vor allem scharf attackierende Version herauskommt, ist sehr ungewöhnlich.

Fazit

Ganz unabhängig vom Inhalt und davon, ob man seine Argumentation teilt, ist seine Offenheit grundsätzlich erfrischend. Özil war ehrlich. Er kann und muss kritisiert werden, aber er hat auch eine Debatte angestoßen. Das passiert, wenn man sich ehrlich die Meinung sagt, und dafür sollte man dankbar sein. 

Mesut Özil hat sich in den letzten Jahren öfters mit dem türkischen Präsidenten fotografieren lassen - ganz ohne Medienecho. Vielleicht versteht er daher tatsächlich die ganze Aufregung nicht und fühlt sich ungerecht behandelt - von den Fans, die ihn auspfiffen, von den Medien, die ihn scharf attackierten und nicht zuletzt vom DFB, dessen Präsident und Teammanager ihn öffentlich zum Sündenbock der WM-Blamage gemacht haben. Das alles hat Özil, der oft als still und sensibel beschrieben wird, ganz offensichtlich sehr verletzt. In jeder Zeile spürt man die Enttäuschung, den Frust, die Wut. Er feuert aus allen Rohren zurück und spricht dabei nur über die Dinge, die andere falsch gemacht haben. Özil spielte immer gern für Deutschland. Dass er sich nun zum Rücktritt gezwungen sieht, scheint bei ihm eine Trotzreaktion hervorgerufen zu haben.

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