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P. Köster: Kabinenpredigt: Die letzten Tage des SV Werder Bremen

Der Abstieg rückt näher, nur ein kleines Wunder kann die Bremer retten. Ein selbstverschuldetes Unglück, sagt stern-Stimme Philipp Köster. 

Coach Florian Kohfeldt  steht vor einer großen Leere.

Coach Florian Kohfeldt  steht vor einer großen Leere.

DPA

Natürlich kann noch ein kleines Wunder geschehen. Sollte der SV Werder am kommenden Wochenende daheim gegen den 1.FC Köln gewinnen und sollte gleichzeitig die Düsseldorfer Fortuna bei Union Berlin verlieren und sollte anschließend der SV Werder auch noch die Relegationsspiele gewinnen, dann bliebe er doch noch in der ersten Liga. Aber das sind so viele Konjunktive, dass nach dem vergeigten Auswärtsspiel in Mainz selbst der qua Funktion zum Durchhalten verdammte Coach Florian Kohfeldt feststellte: "Da ist erstmal viel Leere!"

Das 1:3 in Mainz und der damit entscheidend näher gerückte Abstieg in die 2.Liga markiert die vorläufig unterste Stufe des langen Abstiegs eines Klubs, der in den Nullerjahren eine echte Spitzenmannschaft stellte, die Bayern ärgerte und in der Doublesaison 2004 derart begeisternden Fußball spielte, dass auch in Saarlouis und Garmisch unzählige Jugendliche mit orangegrünen Trikots herumliefen, dem Werder-Chic jener Epoche. 

Goldenen Zeiten liegen weit zurück

Diese Zeiten sind lange vorbei, das zeigen die Abschlusstabellen des letzten Jahrzehnts. 2009/2010 lief der SV Werder zum letzten Mal auf Platz 3 ein, seitdem rangierten die Bremer stets nur im Mittelfeld, mal etwas weiter oben wie 2016/17, ansonsten aber immer schon gefährlich nah an den Abstiegsrängen. Zehn Jahre hintereinander also Platzierungen, die die schwindende Konkurrenzfähigkeit des Klubs zeigten. 

Was den Optimismus der Verantwortlichen jedoch nicht dämpfte. Die Klubführung gab für die laufende Saison die Qualifikation zur Europa League als Ziel aus, was angesichts des Vorjahresplatz 8 nicht völlig absurd war, aber dazu führte, dass im Kader am Ende vor allem hervorragenden Einzelkönner standen, die mit spielerischer Brillanz kompakte Defensivformationen aushebeln können – wie man halt so spielt als Spitzenmannschaft. Als der SV Werder jedoch im Herbst durch Verletzungen, mangelndes Glück und schwindendes Selbstvertrauen in den Tabellenkeller rutschte, waren gänzliche andere Qualitäten gefragt, etwa die bereits erwähnte kompakte Defensive, den einen oder anderen nervlich robusten Führungsspieler und die Bereitschaft zur harten Arbeit an Defiziten.

Der Tabelle ist anzusehen, dass all das fehlte, auch am 33.Spieltag. Und natürlich muss sich die aktuelle sportliche Leitung, Geschäftsführer Frank Baumann und Coach Kohfeldt, kritische Fragen gefallen lassen. Nur die tagesaktuelle Misere zu diskutieren, hieße aber, die strukturelle Fehlstellung des Klubs, gewachsen über Jahrzehnte, entstanden aus falschen Weichenstellungen und übersteigerten Erwartungen, zu ignorieren.

Aus der Mittelklasse der Liga 

Die bittere Wahrheit lautet: Der SV Werder ist kein großer Klub. War er nie und wird er nie mehr. Das klingt hart, ist aber der einzige Schluss nach einem nüchternen Blick auf die empirischen Daten. Er ist einer der größeren Vertreter der Mittelklasse, mit wahrnehmbarer und durchaus überregionaler Anhängerschaft, aber ohne größere internationale Ausstrahlung, in einer wirtschaftlich eher strukturschwachen Region und finanziell und strukturell Lichtjahre von den Großen der Branche, vom FC Bayern und Borussia Dortmund entfernt. Anders als später etwa Borussia Mönchengladbach hat der SV Werder das zwischenzeitlich üppig sprudelnde Geld aus der Champions League nicht genutzt hat, um sich strukturell von der Konkurrenz abzusetzen.

Mit dem "Bremer Weg" in die Sackgasse

Sich dieser Erkenntnis zu stellen und daraus Ableitungen zu treffen, ist das Gebot der Stunde. Eine solche Ableitung wäre beispielsweise den neurotisch überhöhten Blick auf das Traineramt durch eine realistische Jobbeschreibung zu ersetzen. Es ist ja zu begrüßen, dass sie beim SV Werder nur den Trainer rauswerfen, wenn es sich wirklich gar nicht mehr vermeiden lässt. In der laufenden Saison entstand jedoch der der Eindruck, Florian Kohfeldt werde nur deshalb nicht freigestellt, weil die Werder-Führung wild entschlossen war, in Kohfeldt endlich den ersehnten Nachfolger wahlweise von Otto Rehhagel oder Thomas Schaaf gefunden zu haben. Ein völlig unnötiger Ballast, der bislang noch jedem jungen Trainer das Leben schwer gemacht hat, auch ein wirkliches Talent wie Kohfeldt.

Wie überhaupt manche langjährige Etikette und Gepflogenheit die Entwicklung des Klubs hemmt. Sei es, dass der in die Jahre gekommene Willi Lemke mit oft irrlichternden Exegesen immer noch die öffentlichen Debatten bestimmt, gestern schon wieder mit dem Hinweis, nach der Saison dann aber mal wirklich über Kohfeldts Zukunft debattieren zu wollen. Oder sei es der vielbeschworene "Bremer Weg", der mit seinen Grundpfeilern, vorwiegend altgediente Kicker in Funktionärsämter zu berufen und bei finanziellen Entscheidungen jedes größere Risiko zu scheuen, ja vor allem Beständigkeit garantieren soll, aber oft nur noch behäbig wirkt – und das im hochdynamischen Geschäftsfeld Profifußball.

Sich all diesen Fragen endlich zu stellen, ist für den SV Werder eine existentielle Frage. Und am Ende viel wichtiger als der Verbleib in der Bundesliga.

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