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P. Köster: Kabinenpredigt Von wegen hitzköpfig: Rassistische Klischees sind im Profifußball weiterhin wirkmächtig

Der ehemalige Frußball-Profi Steffen Freund
Der ehemalige Frußball-Profi Steffen Freund
© Revierfoto / DPA / Picture Alliance
Die abschätzigen Äußerungen von Steffen Freund über arabischstämmige Kicker sind kein Zufall, sondern im Profifußball weit verbreitet – meint stern-Stimme Philipp Köster.

Es geschieht selten, dass sich Gäste einer Talkshow noch in einer Sendung korrigieren müssen, weil ihre zuvor getätigten Wortmeldungen für öffentliche Empörung gesorgt haben. Am Sonntag jedoch war es soweit, da versuchte sich TV-Experte und Ex-Kicker Steffen Freund vor den laufenden Kameras der sonntäglichen Sport1-Talkshow "Doppelpass" den Eindruck zu verwischen, er habe gerade zwei Schalke-Spieler anhand rassistischer Klischees als arbeitsscheu und aufbrausend abqualifiziert. Die Schadensbegrenzung misslang, auch weil die Entschuldigung es letztlich nur noch schlimmer machte.

Was der mitteleuropäische Minderwertigkeitskomplex so hergibt

Freund hatte dem suspendierten Nabil Bentaleb "unglaublich viel Talent" bescheinigt, leider komme es aber aufgrund seiner "französisch-algerischen Herkunft" schnell zu "Aggressivität" und "Disziplinlosigkeit". Bei Amine Harit eine ähnliche Diagnose, "sein Herz auszuschütten für den Verein", das sei für den Spieler nicht machbar, "mit diesen Wurzeln". Die spätere Relativierung während der Sendung geriet dann ähnlich krude, Bentalebs Herkunft ("französisch-algerisch, Armut"), so Freund, spiele eine Rolle, "wie du als Mensch aufwächst und wie deine Mentalität ist".

Herrjeh.

Man kann das nennen, wie man will. Vorurteile, Ressentiments oder einfach Alltagsrassismus. Man kann sich fragen, wie Freund um Gottes Willen auf die Idee kam, uralte Stereotype über eine vermeintliche arabische Mentalität, wirksam von Marokko bis Algerien, aufzuwärmen. Man kann die Entschuldigung, die der Experte später auf Twitter nachschob, als Indiz dafür sehen, dass er die eigentliche Brisanz seiner Äußerungen nicht erkannt hat. Man kann sich zudem fragen, warum die Äußerungen in der Talkrunde keinerlei Widerspruch erregten und stattdessen Bild-Mann und Dauerexperte Alfred Draxler sogar noch beifällig nickte. Motto: Endlich redet mal einer Klartext. Man kann andererseits auch feststellen, dass Steffen Freund bislang nicht dafür bekannt war, derlei chauvinistischen Unfug zu reden. Und man kann außerdem konstatieren, dass Twitter als Plattform für knallige Zweizeiler bisweilen faire Diskussionen eher verhindert als ermöglicht. 

All das führt allerdings weg vom Kern des Problems, nämlich von der traurigen Tatsache, dass rassistische Klischees im Profifußball weiterhin wirkmächtig sind, bei Trainern, Funktionären und Experten. Und das zu konstatieren, muss nicht einmal an Mesut Özil erinnert werden, der ja nicht zufällig zum Hauptschuldigen für das deutsche WM-Desaster 2018 gemacht wurde. Es müssen auch nicht die rassistischen Chats der Nachwuchstrainer auf dem Campus des FC Bayern bemüht werden. Stattdessen werden zahlreiche Spieler mit arabischem, türkischem, irgendwie "südländischem" Migrationshintergrund permanent mit derlei absurden Zuschreibenden konfrontiert. Sie gelten, bar jeden Beweises, als tendenziell unzuverlässig, aufbrausend, hitzköpfig, verschlagen, schwer zu trainieren – eben all das, was der mitteleuropäische Minderwertigkeitskomplex so hergibt. 

Ein Dialog, der geführt werden muss

So sehr sich der Fußball auch in den letzten Jahrzehnten modernisiert haben mag, so hartnäckig halten sich derartige Vorurteile. Sie werden in Hintergrundgesprächen lanciert, spielen bei der Förderung von Talenten eine Rolle und bilden oft eine fatale Allianz mit anderen antimodernen Abwehrreflexen, sei es gegenüber homosexuellen Kickern oder Frauen im Männerfußball. Dass diese Denkweise, die den Fußball von vorvorgestern konservieren möchte, im "Doppelpass"-Talk sichtbar wurde, war kein Zufall. Denn so sehr neuerdings dort auch jüngere Journalistinnen und Podcaster eingeladen werden, so stabil ist dort dennoch das Personalgerüst aus Ex-Profis und Boulevard-Journalisten, deren gut abgehangenen Anekdoten ("Thomas, du kennst es doch auch von früher!") deutlich machen, wie überfordert sie bisweilen mit der komplexen Fußballwelt von heute sind. Eine Welt, in der arabischstämmige Profis fleißig im Training sind und deutsche Profis ohne Führerschein durch die Gegend fahren.

Dass sich die Fußballwelt verändert hat, ist aber auch eine Chance. Weil sie einen Dialog ermöglicht. Zwischen Steffen Freund, der die Kritik als Chance sehen sollte, eigene Vorurteile zu hinterfragen, zwischen seinem Kollegen Frank Buschmann, dem dämmern könnte, dass eine reflexhafte Pauschalverteidigung ("Freund ist ganz sicher kein Rassist") arg nach Wagenburg aussieht, und all jenen, die sich dringlich einen aufgeklärten, humanistischen, menschenfreundlichen Profifußball wünschen, in dem all diese bizarren Klischees keine Rolle mehr spielen. Dieser Dialog muss geführt werden, es muss ja nicht unbedingt sonntagmorgens um elf sein.

fs

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