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Presseschau zum Fifa-Skandal: "Blatter muss sofort weg"

Die Festnahmen hochrangiger Fifa-Funktionäre erschüttern die Fußballwelt. Die Kommentatoren nehmen angesichts der schweren Korruptionsvorwürfe auch Fifa-Boss Sepp Blatter ins Visier. Die Presseschau.

Der Ruf des Weltfußballverbandes ist seit langem äußerst zweifelhaft, bisher saß die Fifa jedoch alle Angriffe aus. Mit der Festnahme hochrangiger Funktionäre aus dem engsten Kreis um Fifa-Chef Sepp Blatter und die laufenden intensiven Ermittlungen des amerikanischen FBI scheint sich das zu ändern - zu handfest sind die Vorwürfe der jahrelangen Korruption. Die Kommentatoren schießen sich auch auf den allmächtigen Verbandsboss ein. Eine internationale Presseschau.

USA und Großbritannien

"Die Fifa darf dieses Mal nicht so tun, als gehe es um ein paar korrupte Funktionäre. Ein erster Schritt wäre, sofort Herrn Blatter zu schassen und die Fifa umzustrukturieren."
("New York Times", USA)

"Ja, der Fußball ist nur ein Spiel, aber korrupte oder diktatorische Herrscher sonnen sich gern in seinem Glanz. Deswegen wäre es auch ohne Schmiergeldaffäre töricht, die WM in Herrn Putins Russland oder in Katar abzuhalten, wo unterdrückte asiatische Gastarbeiter Stadien für den Wettkampf bauen. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt für die Fifa, ihre Entscheidung für diese beiden Länder zurückzunehmen und die Ausschreibung unter unabhängiger Aufsicht wieder zu eröffnen."
("Washington Post", USA)

"Blatter sitzt ganz oben auf diesem dampfenden Haufen von Bestechung. Er mag äußerlich ruhig wirken, aber er ist am Ende. Entweder er geht, oder die FIFA bricht zusammen. Oder es passiert beides. Die US-Behörden haben es gesagt: 'Der organisierte Fußball braucht einen Neuanfang'."
("Guardian", Großbritannien)

Deutschland

"Der Chef wäscht seine Hände ... wieder einmal in Unschuld. Weil ja weder die amerikanische noch die Schweizer Justiz gegen ihn ermittele... Blatters jahrzehntelange Untätigkeit ist die Quelle eines unermesslichen Image-Schadens für die Fifa. Dabei spielt es keine Rolle, ob er die der Korruption verdächtigten Kollegen gewähren ließ oder ihnen nicht beikommen konnte. Als Oberhaupt wäre es seine Aufgabe gewesen, den Verband vom Ruf einer korrupten Funktionärsclique zu befreien. Er trägt die politische Verantwortung für ein Desaster, das weit über den Fußball hinausreicht. Denn der Fifa-Schmuddel färbt ab. Dass München bei der Bewerbung um die Winterspiele 2022 an der eigenen Bevölkerung scheiterte, hing auch mit den Skandalen um die Wahl Qatars als Ausrichter der WM 2022 zusammen."
("Frankfurter Allgemeine Zeitung")

"Seit Jahrzehnten schmort die Fifa im eigenen Saft der Intransparenz. Denn neben den Daten und Computern, die von der Schweizer Polizei ebenfalls sichergestellt wurden, sind es vor allem die verhafteten Fifa-Funktionäre, von denen nun die Wahrheit zu erwarten ist, so kurios das klingen mag. Bei der Schwere der Vorwürfe und zu erwartenden Strafmaße wird wohl kaum ein Täter dem Angebot widerstehen können, als Kronzeuge die eigene Position zu verbessern."
("Die Welt")

"Was nun? Es bliebe ein Weg, den Verbraucher schon oft gegangen sind. Es ist der Weg des Verzichts. Kein Verband ist Zwangsmitglied der Fifa. Kein TV-Sender muss die Rechte kaufen. Und kein Zuschauer ist gezwungen, eine Fifa-Veranstaltung zu besuchen. BSE in der Kuh, Weichmacher im Spielzeug, Wahnsinn in der Fifa: Der Verbraucher hat die Macht, das zu ändern. Tut halt weh, der Verzicht auf Steak und Stollenschuhe. Zuerst aber sollten jene Funktionäre, die im Baur au Lac unbehelligt zu Ende frühstücken durften, aufstehen. Blatters Wahl würde das System in die Unendlichkeit verlängern - sie darf jetzt nicht stattfinden..."
("Süddeutsche Zeitung")

"Im Hause Fifa arbeitet niemand, der das Ruder in Richtung echter Fairness herumreißen könnte. Blatters Gegenkandidat bei der anstehenden Präsidentschaftswahl, der jordanische Prinz Ali bin al-Hussein, ist erklärter Befürworter eines WM-Turniers im Fußballland Katar. Für Wechsel steht er gewiss nicht. Das System von Geben und Nehmen, das die Fifa etabliert hat, ist durch ein paar Verhaftungen und die Sicherstellung von Akten so schnell nicht zu erschüttern. Die Staaten, die gewinnorientierten Großverbänden wie der Fifa, der Uefa oder dem IOC immer noch den roten Teppich ausrollen, tragen daran eine Mitverantwortung (...)."
("tageszeitung")

"Ein WM-Boykott? Der würde nur funktionieren, wenn alle mitmachen, Sponsoren, Fernsehanstalten und die Fans. So lange die Fifa die WM sicher in ihren Händen hält, hat sie auch die Fans in ihrer Hand. Der europäische Verband Uefa könnte die Besten der Welt zu einer erweiterten EM einladen und die Fifa ausstechen. Aber auch europäische Funktionäre haben oft mitgemauschelt und beispielsweise für eine WM in der Wüste von Katar gestimmt. So hoch der Preis dafür auch wäre - eine Milliardenentschädigung für Russland und Katar -, weniger als eine Neuvergabe der nächsten Turniere und eine Abwahl der Führung sollte man gar nicht erst versuchen. Sonst bleibt die Korruption treu an der Seite der Fifa. Bis dahin bleibt nur der Traum, UN-Blauhelme besetzten die Fifa-Zentrale. Im Namen aller Fans des beliebtesten Spiels der Welt."
("Der Tagesspiegel")

"Das, was unter dem Dach der Fifa passiert, ist derart weit weg von üblichem Anstand, ist dermaßen unglaublich und unverfroren, dass es einem die Sprache verschlägt."
("Südwest-Presse")

"Die Fifa ist nun bemüht, auf Selbstberuhigung zu setzen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass Blatter nun erst recht in seinem Amt bestätigt wird. Die Kräfte des Verbandes zur Selbstreformierung haben sich zuletzt als äußerst begrenzt erwiesen. Es wäre naiv zu erwarten, dass nun ein Ruck durch die Mitgliederverbände und ihre saturierten Repräsentanten geht."
("Berliner Zeitung")

Deutschsprachige Presse

"Neben korrupt ist es vor allem ein Adjektiv, das im Zusammenhang mit Joseph Blatter besonders häufig fällt: mächtig. Der mächtige Präsident, der mächtige Schweizer, der mächtige Sepp. Angesichts der aktuellen Entwicklungen sollte man endlich ein "ohn" voranstellen.
("Der Standard", Österreich)

"Auch wenn die Fifa versuchen wird, ihren Kongress am jüngsten Aufruhr vorbeizunavigieren, werden leere Stühle von den Festnahmen zeugen. Webb und Figueredo werden dem Kongress zwangsläufig fernbleiben und nicht ganz vorne Platz nehmen. ... Die Fifa wird sich um einen ruhigen Kongress bemühen ... Aber ihre dunklen Geister wird sie so schnell nicht los, auch wenn die mutmasslichen (Korruptions-)Vorgänge abermals Erdteile betreffen, die von Europa und Zürich weit entfernt sind."
("Neue Zürcher Zeitung", Schweiz)

Russland

"Einen Image-Verlust erleidet Russland (von dem Skandal) ebenso wie die Fifa und Katar. Sie sitzen alle in einem Boot und wenn einer von ihnen verdächtigt wird, fällt der Schatten automatisch auf die beiden anderen. Und es ist egal, dass im Fall von Katar Menschen ertappt wurden und gegen Russland bei allen Bemühungen nichts gefunden wurde. Im Informationskrieg ist alles erlaubt. Das wichtigste ist, dass es jetzt keine echten Gründe dafür gibt, Russland die Weltmeisterschaft wegzunehmen."
("Sport Express")

Frankreich

"Nach Jahrzehnten der Passivität und Nachsicht scheint sich die Justiz endlich ernsthaft für diese Geldmaschine zu interessieren, die den Fußball seit Ende der 70er Jahre an einige Großkonzerne verkauft hat und der es nur noch um die Vermehrung des eigenen Profits geht. Und dabei besticht, Geld schmutziger Herkunft wäscht und ganze Völker unterwirft. Der Fußball ist nur noch ein Vorwand, eine Methode, um ein System der Vetternwirtschaft zu festigen, das im Dunkeln und in Verachtung des nationalen Rechts agiert. Man darf nicht vergessen, dass die Fifa bei jeder Weltmeisterschaft ohne juristische Grundlage Ausnahmegesetze beschließen lässt, die alle ähnlich freiheitsfeindlich sind. Dieser höchst reiche gemeinnützige Verein hat mehr Macht als ein Staat und die Uno."
("Les Dernières Nouvelles d'Alsace")

"Der Kampf gegen das Schwarzgeld erringt Siege und darüber muss man sich freuen. Aber man darf zugleich nicht blauäugig sein. Denn die Korruption ist eine Hydra, die sich ständig erneuert. Sie profitiert vom unglaublichen Einfallsreichtum der Finanzwelt, die ihr ermöglicht, sich in den verschiedenen Winkeln der Erde zu verstecken. Sie profitiert auch manchmal von einer Form der Nachsicht in der öffentlichen Meinung. Zu viele Fußball-Fans ahnen, dass es in ihrem Lieblingssport traurige Praktiken gibt. Aber sie ziehen es vor, nicht daran zu denken."
("La Croix")

"Korruptionsaffären in sehr großem Stil häufen sich bei der Ffifa, haben allerdings bis heute in Frankreich keinerlei empörte Reaktionen hervorgerufen. Dabei könnte die Person Sepp Blatter durchaus unsere Politiker zornig werden lassen: Der Chef dieser von Korruption durchsetzten Institution ist sexistisch, homophob, leugnet Rassismus im Fußball und Sklavenarbeit in Katar. Wenn Mafia-Methoden einer so mächtigen Organisation wie der Fifa ans Tageslicht kommen, dürfen Politiker nicht schweigen, nur weil sie darauf hoffen, dass ihnen die Organisation einer Sportveranstaltung zugestanden wird."
("Libération")

Weitere europäische Zeitungen

"Die Massenfestnahmen beschmutzen auch Joseph Blatter. Es ist nicht glaubhaft, dass der Präsident die tiefen Korruptionswurzeln nicht gekannt hat. (...) Selbst wenn er wirklich nichts gewusst hat, war und ist Blatter verantwortlich. Der logischste Schritt wäre nun der Rücktritt (...). Damit würde er keine Schuld einräumen, sondern Verantwortlichkeit zeigen."
("El País", Spanien)

"Die Lage ist sehr ernst. Der Weltfußball erlebt einen der größten Korruptionsskandale seiner Geschichte. Die Gegner von Ffifa-Präsident Joseph Blatter blicken nun hoffnungsvoll auf den Gegenkandidaten. Der jordanische Prinz Ali bin al-Hussein soll derjenige sein, der dem Weltfußball sein sauberes Image zurückgibt und aus der Krise führt! Das ist eine schöne, aber etwas naive Vorstellung. ..."
("Lidove noviny", Tschechien)

"Blatters Verbleib im Amt ist tödlich für das Image der FIFA. So sieht es jedenfalls ein Teil der Welt. Blatter hat keine Botschaft für jenen Teil der Welt, der vor allem aus europäischen Ländern besteht. Auf dem Trümmerhaufen der Fußballfestung FIFA lässt er am Freitag die Präsidentenwahl durchziehen, als wäre nichts geschehen."
("De Volkskrant", Niederlande)

dho

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