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Pressestimmen

Staunen über Jogi Löw: "Drei Vorbilder stehen nun als Sündenböcke einer sportlichen Fehlentwicklung da"

Bundestrainer Joachim Löw baut die Nationalmannschaft um - und hat dafür, relativ überraschend, drei Bayern-Stars aus dem Kader geworfen. Ein würdiges Ende für die Weltmeister? Nicht wirklich, meinen viele Kommentatoren. Die Pressestimmen. 

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Fußball-Deutschland staunt und diskutiert über den neuen, konsequenten Joachim Löw: Mit Jérôme Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller hat der Bundestrainer gleich drei Wortführer in der Nationalelf ausgemustert, die mit ihm viele Erfolge gefeiert hatten - unter anderem den Weltmeistertitel von 2014. 

Ein notwendiger, mitunter ein überfälliger Schritt, meinen viele Kommentatoren. Doch: "Der Umbruch hätte direkt nach der WM 2018 kommen müssen", meint etwa das "Flensburger Tageblatt". "Oder noch besser: schon vor dem Debakel in Russland." Nun würden diese "drei Vorbilder einer ganzen Generation von Fußballspielern" als "Verlierer und Sündenböcke einer sportlichen Fehlentwicklung" dastehen, kommentiert die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". "Ein unwürdiges Karriere-Ende". Die Pressestimmen.

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"Spiegel Online" (Hamburg): Löw hat drei Spieler auf Positionen aus dem Sortiment genommen, auf denen er ohnehin über ein üppiges Angebot verfügt. (...) Die Ablösung Hummels, Boatengs und Müllers ist also folgerichtig, aber das wäre sie schon direkt nach der WM gewesen. Dass sie erst jetzt erfolgt, beschädigt die drei Spieler. Sie wirken nun wie alte Autos, die Löw nach dem Crash von Kasan noch einmal fahren wollte, um dann doch zu merken, dass sie nicht mehr verkehrstauglich sind. Ein vernünftiger Abgang, den sie verdient gehabt hätten, bleibt ihnen so verwehrt." 

"Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Der Abschied von drei großen Spielern und Weltmeistern, von denen jeder auf seine Art die Nationalmannschaft auf und neben dem Platz über viele Jahre enorm bereicherte, ist ein eiskalter Abschied. Diese drei Vorbilder einer ganzen Generation von Fußballspielern stehen nun als Verlierer und Sündenböcke einer sportlichen Fehlentwicklung da, die in erster Linie nicht sie selbst zu verantworten haben, sondern ein Bundestrainer, der die Zeichen der Zeit schon länger und bis zuletzt nicht mehr zu lesen fähig war. Müller, Boateng und Hummels haben einen besseren Abschied verdient, als ein seit Monaten überforderter Bundestrainer ihnen noch zugestehen wollte. (...) Nach der unseligen Trennung von Mesut Özil erleben nun auch drei in jeder Hinsicht vorbildliche Weltmeister ein unwürdiges Karriere-Ende in der Nationalmannschaft."

"Süddeutsche Zeitung" (München): "An der Torflaute von Thomas Müller haben sich zuletzt viele abgearbeitet, verflogen sind ein bisschen Sturm und Drang, aber einen WM-Torschützenkönig (2010 in Südafrika) verabschiedet man nicht zwischen Tür und Angel. Löw vollzieht einen notwendigen Generationswechsel. Dazu emanzipiert er sich von sportlichen Weggefährten. Er tut dies in erstaunlichen, oft rätselhaften Etappen. Seine Botschaft lautet heute: Wir sind zusammen Weltmeister geworden (2014); wir sind auf die Schnauze gefallen (2018). Aber wir probieren es nicht mehr zusammen, denn aufstehen müssen jetzt andere. Einerseits nachvollziehbar, andererseits unter den jüngsten Eindrücken nicht leicht zu moderieren."

"Flensburger Tageblatt": "Immerhin, Bundestrainer Joachim Löw hat seinen Mut wiedergefunden und den mehrfach angekündigten Umbruch in der Fußball-Nationalmannschaft nun auch tatsächlich vollzogen. Mats Hummels, Jerome Boateng, Thomas Müller, drei Weltmeister, drei Stars, drei Wortführer - ansatzlos abserviert. Sportlich ist die Entscheidung nachvollziehbar. Alle, die Löw jetzt für sein Handeln feiern, sollten jedoch nicht vergessen: Er hat lange gezaudert und wertvolle Zeit verstreichen lassen. Der Umbruch hätte direkt nach der WM 2018 kommen müssen. Oder noch besser: schon vor dem Debakel in Russland."

"Weser-Kurier" (Bremen): "Joachim Löw hat das Nationalmannschaftsjahr 2019 mit einem Hammer eingeleitet und Mats Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller aus der Nationalelf gestrichen. Das Motto lautet: Auf zu neuen Ufern mit neuen Spielern. Für diese Erkenntnis hat der Bundestrainer viele Monate gebraucht, in denen nicht wenige Experten sogar Löws Entlassung gefordert haben. Weil er nicht bereit schien, den großen Personalschnitt zu machen. Und aus Nibelungentreue an seinen Weltmeistern von 2014 festhielt. Dass Löw jetzt drei Bayern-Spieler seinem Neubeginn opfert, ist bemerkenswert. Zwar hatten Müller und Hummels zuletzt wieder aufsteigende Form, aber ihnen gehört nicht mehr die Zukunft, maximal noch die Gegenwart. Löw aber will es noch einmal wissen und eineinhalb Jahre vor der EM 2020 ein neues Team kreieren. Für diesen Mut ist er zu beglückwünschen. Er kämpft schließlich auch um seine Zukunft."

"Zeit online" (Hamburg): "Mit diesem Schritt will Löw wohl Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen. In seiner fast 13-jährigen Zeit als Nationaltrainer hat er so manche Entscheidung verschleppt, zudem hielt er manchmal zu lange an Spielern fest, die nicht mehr an ihre frühere Leistung herankamen. Das kann man ihm diesmal nicht nachsagen. Doch wird er Widerstand ernten, die Verantwortlichen der Bayern werden sicher Gelegenheit finden, seine neue Personalpolitik zu kommentieren. Mit seiner Verjüngung geht Löw ins Risiko. Vielleicht nimmt er die EM im nächsten Jahr als Zwischenstation und richtet sich bereits auf die nächste WM aus. (...) Vielleicht nimmt er sich Didier Deschamps zum Vorbild. Frankreichs Trainer verzichtete vor der WM 2014 auch auf einige verdiente Spieler, schied mit einer jungen Mannschaft im Viertelfinale aus, um vier Jahre später Weltmeister zu werden."

"Badische Neueste Nachrichten" (Karlsruhe): "So viel Radikalität hatten die wenigsten Experten dem Südbadener zugetraut, dessen Personalpolitik jahrelang von Nibelungentreue zu seinen langjährigen Stammkräften gekennzeichnet war. Das durch einen überalterten Kader im Verbund mit einem entsprechend überholten Spielsystem verursachte WM-Desaster und die Angst vor der nächsten Blamage führten Löw die Hand beim harten Schnitt."

"Mitteldeutsche Zeitung" (Halle): "Spät, aber nicht zu spät, hat Löw mit einer scharfen Zäsur nun ein Zeichen gegeben: Jerome Boateng, Mats Hummels (beide 30) und Thomas Müller (29) hat er wie zuvor schon Sami Khedira die Tür zugeschlagen. Kompromisslos, krachend - und begründet: Weder in Russland noch danach in ihrem Verein, dem FC Bayern, hatten die verdienstvollen Fußball-Weltmeister von 2014 zu glänzen vermocht. Sie wirkten über dem Zenit ihres Könnens. Löw hat richtig gehandelt. Die Weltmeister waren austauschbar geworden. Was übrigens noch für Manuel Neuer gilt."

"Südkurier" (Konstanz): "Lange Zeit war Joachim Löw Untätigkeit vorgeworfen worden. Aussitzen nach den Enttäuschungen im vergangenen Jahr. Lange hat es bis zur Analyse des WM-Scheiterns gedauert, personelle Konsequenzen scheute der Bundestrainer zunächst. Nun aber hat Joachim Löw Courage bewiesen. Es erfordert Mut, auf einen Schlag die bayerischen Schwergewichte Müller, Boateng und Hummels aus der Nationalelf zu befördern. Auch wenn die Entscheidung aus sportlicher Sicht absolut nachvollziehbar ist. Als Nächsten könnte es Manuel Neuer treffen, den Weltmeistertorwart von 2014. Es wäre ein logischer Schritt, da Konkurrent ter Stegen immer stärker wird. Löw also hat das Heft des Handelns wieder fest in der Hand. Nun liegt es an ihm alleine, die sportliche Neuausrichtung voranzutreiben."

Löw-Biograf Mathias Schneider im Interview
fs / DPA / AFP

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