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Trash-Talk in der Liga: "Bist du ein Mädchen?"

Solche Beschimpfungen und Klassiker wie "Stand up and fuck you" oder "Das regeln wir auf dem Platz" sind so alt wie die Bundesliga selbst. Neu ist, dass die Beleidigungen jetzt auch öffentlich thematisiert werden. Dagegen läuft die Branche Sturm.

Von Frank Hellmann

Was ist bloß los auf der Bühne Bundesliga? Die obszöne Geste von Mark van Bommel. Die harsche Beleidigung von Sotirios Kyrgiakos. Das heftige Verbalgefecht vor den Kameras von Maik Franz und Mario Gomez. Kein Spieltag bot so viele unschöne Szenen wie der vergangene. Und schon debattiert das Land über den vermeintlichen Verfall der guten Sitten, wenn der eine "Arschloch" und der andere "stand up, fuck you" sagt. Doch gemach, gemach. Das so genannte "Trash talking", zu deutsche "Müll reden", ist so alt wie die Bundesliga selbst. Und genauso ein Stilmittel wie die Abseitsfalle oder der Freistoßtrick.

Überdies sind die unschönen Worte ja nicht nur im Fußball verbreitet. In der nordamerikanischen Basketballliga NBA gilt beispielsweise bis heute: "Your game is as ugly as your girl - Dein Spiel ist so hässlich wie deine Freundin." Will heißen: Jeder Spruch ist ein Psychotrick, der zur Schwächung des Kontrahenten beitragen darf und soll. Deshalb stellt Friedhelm Funkel, 54-jähriger Fußball-Lehrer von Eintracht Frankfurt und zwischen 1974 und 1990 selbst in der ersten und zweiten Liga aktiv, klar: "Die Sprache auf dem Platz ist manchmal derb, sehr derb. Was glauben Sie, was sich früher die Neues, Briegel, Hrubesch und Kaltz alles an den Kopf geworfen haben? Nur war man damals nicht so empfindlich und alles war nach dem Spiel vergessen."

Permanente Provokation

Und deshalb ist auch der FC Bayern bemüht, seinen Antreiber Mark van Bommel, "unseren Aggressiv-Leader" (Trainer Ottmar Hitzfeld), nach seinem Ausraster nicht als bösen Buben darzustellen. "Jede Mannschaft braucht solche Spieler wie Mark van Bommel oder mich, die mit der Körpersprache deutlich machen, was los ist, wie es abgehen muss auf dem Platz, die eine gewisse Aggressivität haben. Leute, die sich nicht mal scheuen, unpopuläre Dinge zu machen", erklärt Torwart Oliver Kahn. Und zu den unpopulären Dingen zählt die permanente Provokation. "Es ist wie bei Basler oder Effenberg: Gute Typen für deine eigene Mannschaft, aber schlechte für deine Gegner", ergänzt van Bommel.

Und wenn Diego so tat, als seien die Worte seines Widersachers Kyrgiakos eine außergewöhnliche und deshalb zu tadelnde Erscheinung, dann irrt der 22-jährige Brasilianer. Und zieht sich den Unmut eines ganzen Berufsstandes zu. Frank Rost, Torwart des Hamburger SV, kritisiert unverhohlen die Wehklagen des nun für drei Spiele gesperrten Bremer Filigrantechnikers. "Wir können doch die Superstars nicht unter Artenschutz stellen. Wollen wir Superstars in ein Naturschutzgebiet sperren und ein Schild mit einer Eule drauf umhängen? Das kann es doch auch nicht sein. Als herausragender Spieler muss man damit leben. Es macht auch deren Klasse aus, sich nicht provozieren zu lassen."

Diego verstieß gegen Ehrenkodex

Für den 34-jährigen Ex-Bremer ist es viel eher ein Ärgernis, dass Diego gegen den Kodex verstoßen hat. "Es gibt auf dem Platz ein formelles und ein informelles Fairplay. Zum informellen Fairplay zählt, dass Dinge, die auf dem Spielfeld gesprochen werden, hinterher nicht thematisiert werden. Das gehört nicht in die Öffentlichkeit", sagt der in 315 Bundesligaspielen erprobte Rost. Ein deutlicher Rüffel für Bremens Superstar, der die Beleidigung seines Frankfurter Kontrahenten ("Stand up, fuck you") preisgegeben hatte. "Das Spielfeld sollte genau wie die Kabine noch ein Heiligtum sein", betont Rost. "Es ist verpönt, danach darüber zu sprechen."

Seine Empfehlung: "Wenn ich alles ernst nehme, was mir Gegenspieler oder Fans in einem Spiel so an den Kopf werfen, müsste ich ja zum Psychiater gehen. Nicht jedes böse Wort ist gleich eine Majestätsbeleidigung. Fußball lebt doch von seinen Emotionen. Sonst muss es doch bei jedem Hobbyspiel schon zehn Rote Karte geben." Überhaupt sei zu seiner Anfangszeit, als etwa ein Uli Borowka bei Werder Bremen sein Unwesen trieb, härter gewesen - auch verbal. Rost: "Früher war der Umgangston noch rauer, viel rauer."

Es gibt keinen Sittenverfall

Der HSV-Torhüter wird durch die Statistik bestätigt: In der laufenden Runde hat es bislang 33 Platzverweise gegeben, im Vorjahr waren es zu diesem Zeitpunkt schon 42 Gelb-Rote und Rote Karten. Und selbst Herbert Fandel, der Fifa-Schiedsrichter sagt: "Ich stelle keinen Sittenverfall fest. Was uns Schiedsrichter am meisten ärgert, ist, wenn verbal nachgetreten wird." Selbst Franz Beckenbauer empfiehlt nonchalant: "Wir sollten uns wieder anderen Themen zuwenden."

Der "Kaiser" muss es ja wissen: Denn seit Gründung der Bundesliga 1963 haben sich die Protagonisten in kurzen Hosen beschimpft und beleidigt, man hat getreten und gekniffen. Funkel hat in seiner Zeit bei Bayer Uerdingen vor der Ausführung eines Eckballes immer dem gegnerischen Torwart die Füße malträtiert, indem er mit seinen Stollen auf den Schuh des Schlussmannes stieg. "Die habe ich dadurch nervös gemacht. Nur bei Uli Stein und Harald Schumacher habe ich das gelassen - die hätten mir in den Arsch getreten." Funkel: "Es ist auf dem Platz so, dass man die normalen Benimmregeln des Lebens vergisst."

Auch Effenberg und Matthäus kamen ohne Provokationen nicht auf Touren

Schon 1965/66 erlangte der Verteidiger Herbert Finken von Tasmania Berlin eine zweifelhafte Berühmtheit. Weniger wegen seines begrenzten fußballerischen Repertoires als seiner kuriosen Begrüßung der Gegenspieler: "Mein Name ist Hinken, und du wirst gleich hinken." Auch Stars wie Paul Breitner, Lothar Matthäus oder Stefan Effenberg kamen ohne Provokation gar nicht auf Touren. Ihr Tun mit dem Mundwerk war beinahe ebenso elementar wie der Dienst mit dem Fußballschuh. Und auch aktuelle Nationalspieler sind nicht alles brave Jungs wie vermeintlich dargestellt, sondern der eine oder andere soll ein besonders böser Bube sein.

"Michael Ballack war am schlimmsten", urteilt etwa Alexander Schur, das einstige Raubein von Eintracht Frankfurt. Schur: "Mit Ballack habe ich mich immer beharkt. Er erzählt das ganze Spiel über, ist nur beim Schiri und beschwert sich, da drückt man ihm dann halt einen Spruch rein." Und was für welche? "'Bist du ein Mädchen?' 'Was laberst du hier rum?' 'Lass es uns auf dem Platz regeln?' So was in der Art. Aber Ballack hat das eh nicht gestört. Der hat dich permanent zugequatscht", plaudert der heute 36-Jährige aus der jüngeren Vergangenheit.

Wer schüchtern ist, verliert

Schur bestätigt auch, dass manche Provokationen mit Ansage erfolgen: "Man macht das, um einen Gegner zu verunsichern. Man weiß, welcher Spieler keine Härte aushält. Oder wer besonders schüchtern und labil ist. Der bekommt dann halt die entsprechenden Ansagen." Für verwerflich hält einer der einstigen Vorkämpfer der Liga das nicht. "Verbale Auseinandersetzungen finden fast immer unter der Gürtellinie statt. Man muss sehen, unter welchem Druck die Spieler stehen. Da fühlt man sich als moderner Gladiator, der die Hoffnungen einer ganzen Stadt trägt. Da geht man mit Messern zwischen den Zähnen aufeinander los."

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