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Werder-Star Mesut Özil: Die neue Reizfigur

Alarmstufe Rot bei Werder Bremen: Die Formkurve zeigt nach unten - auch weil der geniale Star quer schießt. WM-Hoffnungsträger Mesut Özil ist gerade dabei, durch schlechte Leistungen und provokanten Vertragspoker seinen noch jungen Ruf zu verspielen.

Von Frank Hellmann

Manchmal schaut Mesut Özil hier vorbei. In Ganderkesee beim ortsansässigen Turn- und Sportverein. Niedersächsische Vorortidylle unweit der A 28, die Bremen mit Delmenhorst und Oldenburg verbindet; Reihen- und Einfamilienhäusern so weit das Auge reicht, eine gepflegte Sportanlage mit schmucken Rasenplätzen – sie ist auch nach der Erweiterung kaum groß genug, um all die vielen kickenden Kinder und Jugendlichen aufzunehmen, die hier Fußball spielen wollen. Wenn es Familien in der Stadt Bremen zu eng und zu laut ist, die Baugrundstücke zu klein oder zu teuer sind, zieht man in einen Ort wie Ganderkesee.

Und wenn Mesut Özil hier plötzlich mit Anna Maria Lagerblom, seiner Lebensgefährtin, der Schwester von Popstar Sarah Connor, vorbei schaut, dann strengen sich die F-Junioren des TSV Ganderkesee besonders an, schließlich wissen sie, dass der mit ihnen spielende Montry der Sohn der Blondine aus deren früherer Beziehung mit einem Tänzer ist. Vor den Augen von Mesut Özil dribbeln und tricksen, kämpfen und grätschen die Kleinen mit Herzenslust. Der prominente Profi stellt sich meist ein bisschen abseits, aber die Freude der Knirpse am Fußball kann ihm nicht entgehen. Doch immer öfter fragt man sich: Warum kann der 21-Jährige selbst nicht mehr so unbeschwert aufspielen?

Die Topclubs stehen Schlange

Mesut Özil, der beim FC Schalke 04 geförderte Straßenfußballer, zweitältester Sohn der aus dem türkischen Zongulduk am Schwarzen Meer stammenden und in Gelsenkirchen-Buer wohnenden Familie mit Vater Mustafa und Mutter Gülizar, ist zum weltweiten Spekulationsobjekt geworden. Gestern FC Sevilla und Arsenal London, heute Juventus Turin und FC Barcelona, morgen vielleicht der FC Bayern München – wöchentlich, ja täglich wird ein neuer potenzieller Arbeitgeber für den besten Spieler der U-21-Europameisterschaft in Schweden genannt.

Wer bis dahin noch nicht wusste, dass Werder Bremen im Winter 2008 für fünf Millionen Euro Ablöse aus Schalke einen außergewöhnlich veranlagten Taktgeber angelte, der sah es in Skandinavien beim Titelgewinn der DFB-Talente.

Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Sieben A-Länderspiele haben danach ausgereicht, um den schmalbrüstigen Profi in den Status eines landesweiten Hoffnungsträger und Heilsbringers zu katapultieren – Özil soll ja nicht weniger, als bei der WM in Südafrika vor Michael Ballack und hinter Mario Gomez oder Miro Klose das deutsche Spiel in die richtigen Bahnen lenken. Ein bisschen viel der Verantwortung?

Seit Wochen ist die Körpersprache vernichtend; mitunter wirkt es so, als nehme die Bremer Nummer elf gar nicht vollständig am Spiel teil: Er vertändelt die Bälle, er bleibt stehen, er winkt ab, er kommt nicht in Fahrt. Alles in allem: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft eine Lücke. Und da letztere bei der 0:1-Peinlichkeit bei Eintracht Frankfurt – dem fünften sieglosen Werder-Spiel in Folge – besonders groß war, platzte den Verantwortlichen nun der Kragen.

Trainer Thomas Schaaf empfahl, Özil solle sich selbst helfen, "indem er sich voll auf seine Leistung konzentriert". Das beinhaltet den Vorwurf, dass der Jungstar dies zuletzt nicht mehr getan habe. Manager und Vorstandsboss Klaus Allofs kritisierte gar: "Uns hilft es nicht, wenn vom großen Potenzial erzählt und geredet wird, wer von wem alles umworben wird, wenn man dann auf dem Platz kein Gas gibt." Dies impliziert, dass der Vertragspoker leistungshemmend ist.

"Wenn Werder darauf besteht, erfülle ich meinen Vertrag"

Seit Wochen halten nämlich der Spieler und dessen Berater und Freund Reza Fazeli den Verein hin. Schon vor Monaten ahnte ja Allofs die Entwicklung voraus und wollte das in die Wege leiten, was Werder bei jedem Superstar von morgen tut: den Vertrag verlängern, das Gehalt kräftig anheben – und sogar die mündliche Zusage erteilen, bei einem entsprechenden Angebot sich an einen Tisch zu setzen. Deshalb durfte Diego zu Juventus Turin, Miroslav Klose oder Valérien Ismael zum FC Bayern München, Torsten Frings früher zu Borussia Dortmund. Die Bremer erhielten eine hohe Ablöse, der Spieler ein höheres Salär.

Doch Fazeli, ein gebürtiger Iraner, denkt gar nicht daran. Die jüngste Verhandlungsrunde im Trainingslager im Wüstenstaat Dubai endete mit dem 36-Jährigen so wie alle anderen - ergebnislos. Was Fazeli will, liegt auf der Hand: Spielt sein Mandant, den er regelmäßig in dessen Mietswohnung in Bremen-Schwachhausen besucht und mit dem er fast täglich telefoniert, noch eine auffällige Weltmeisterschaft, dann wäre dieser Sommer die letzte Möglichkeit für Werder, noch Ablöse einzustreichen. Das wiederum bringt den Klub in Zugzwang – und Spieler und Berater in der Branche noch mehr Handgeld.

Längst lässt Özil ja auch in Interviews durchklingen, dass er an Abschied denkt: Eigentlich wolle er gar nichts mehr zu seiner Vertragssituation sagen, einerseits, aber andererseits, betont er doch, nächste Saison unbedingt Champions League spielen zu wollen, "weil das für meine Entwicklung wichtig ist, ich will später nicht sagen müssen, ich hätte eine große Chance verpasst". Und noch dies: "Wenn Werder darauf besteht, erfülle ich meinen Vertrag." Das alles hört sich nicht gut für seinen aktuellen Dienstherrn an, der sich darauf einstellen muss, nur ein Jahr nach Diego den nächsten Ausnahmespieler zu verlieren.

Allofs will bis April Klarheit

Allofs ist diese festgefahrene Gemengelage ein Greul – weil die ständige Unruhe um immer neue Spekulationen die Bremer schon 2007 mit dem Fall Klose die Meisterschaft gekostet hat. "Für Mesut wäre es die beste Entscheidung, in Bremen zu bleiben, da gibt es noch eine ganze Menge Entwicklungspotenzial", insistiert der 53-Jährige, "doch wir können derzeit nicht mehr einschätzen, wie es da weitergeht."

Bis Mitte März, spätestens April möchte Allofs Klarheit – doch bis dahin könnte der SV Werder schon alles verspielt haben. Bereits am Samstag kommt der FC Bayern an die Weser. Allofs würde es wenig wundern, sollten sich auch die Münchner bald um das Buhlen einschalten. "Wir wissen, dass sich viele Topklubs Gedanken in Richtung Mesut Özil machen. Da wäre es keine große Überraschung, wenn darunter auch Bayern München wäre", sagte der Manager unlängst. Und was sagt Özil eigentlich? "In Frankfurt haben wir als Mannschaft versagt. Ich weiß, dass ich schlecht gespielt habe, und muss noch stärker an mir arbeiten. Das alles hat keinen Einfluss auf mein Spiel." Es sieht aber anders aus.

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