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Eishockey: DEL - Außenseiter Straubing fordert Meister Berlin

Hauptstadt gegen bayrische Provinz, Rekordmeister versus Playoff-Neuling – die Begegnungen zwischen Straubing und Berlin in den Halbfinals der DEL werden ein Aufeinandertreffen von David und Goliath. Wir geben einen Ausblick auf das Duell der Gegensätze.

Ungleicher kann ein Duell eigentlich nicht sein: Berlin 3,5 Millionen Einwohner - Straubing 45.000, Berlin 892 Quadratkilometer Fläche – Straubing 68 Quadratkilometer, Berlin 17 Partnerstädte (darunter Metropolen wie Los Angeles, Paris, Madrid, Moskau, London, Peking, Buenos Aires) – Straubing drei Partnerstädte, deren Namen kaum jemand kennt: Romans-sur-Isère (Frankreich), Wels (Österreich) und Tuam (Irland).

Auch sportlich könnten die Gegensätze zwischen den beiden Halbfinalisten kaum größer sein. Der amtierende Champion aus Berlin feierte im vergangenen Jahr bereits seinen fünften Titel und ist seitdem gemeinsam mit Mannheim Rekordmeister. Nach dem ersten Platz in der diesjährigen Hauptrunde sind die Eisbären wie so oft in den letzten Jahren der große Favorit auf den Titel. Sage und schreibe 13 Mal war der Hauptstadt-Klub in den bisherigen 17 Spielzeiten der DEL in den Playoffs vertreten.

Ganz anders Straubing: Die Tigers schafften heuer erstmals überhaupt den Sprung in die K.O.-Runde und mehr als eine krasse Außenseiter-Rolle billigten ihnen die meisten Experten kaum zu. Schon die direkte Qualifikation als Sechster der Hauptrunde galt als Sensation, nachdem das Team von der Donau im Vorjahr sogar nur Vorletzter geworden war.

Finanziell zwei verschiedene Dimensionen

Es ist also kein Wunder, dass auch finanziell zwei Welten aufeinander prallen. Mit einem Etat von annähernd acht Millionen Euro haben die Berliner knapp doppelt so viel Geld für eine Saison zur Verfügung wie der Außenseiter aus dem Süden der Republik (rund 4 Mio.). Ähnlich eklatant ist der Unterschied zwischen den Spielstätten. Während die Eisbären in der o2-World auflaufen, einer der modernsten Multifunktionsarenen der Welt mit einem Fassungsvermögen von über 14.000 Zuschauern, drehen die Straubinger nach wie vor im 1967 erbauten Eisstadion am Pulverturm ihre Kreise.

Diesen Gegensatz wollen sich die Verantwortlichen der Tigers bewusst erhalten. Seit der Ummantelung der Ostseite entspricht das Stadion DEL-Standards, eine neue Arena sehnt sich in Niederbayern keiner herbei. Hier kann man Eishockey noch im wahrsten Sinne des Wortes "erleben“, sind die Straubinger stolz auf die Nähe zum Ursprünglichen. 5.800 Plätze fasst der "Pulverturm“, für die eishockey-verrückte Stadt scheint das dieser Tage aber noch viel zu wenig zu sein.

Denn die Karten für das Halbfinal-Heimspiel gegen Berlin sind im Nu über den Tresen gegangen. Es dauerte gerade einmal 86 Minuten, bis alle Tickets vergriffen waren, die Schlangen vor den drei Kassen des alten "Pulverturms“ zogen sich viele hundert Meter weit. Eishockey erlebt in Straubing zurzeit einen wahren Boom, schon in den Viertelfinals gegen Wolfsburg stieß die Heimspielstätte (zweimal ausverkauft) an seine Grenzen. In Relation zu den 14.000 Zuschauern der Berliner mit ihrem rund sechs Millionen Menschen großem Einzugsgebiet sind das beachtliche Zahlen.

Straubing als Anti-These zum Arena-Boom

Damit gibt das Beispiel Straubing den Traditionalisten unter den Eishockeyfans Recht, die behaupten, dass Eishockey auch ohne moderne Arenen mit gepolsterten Sitzen und neuester Technik durchaus in der Lage ist, die Menschen zu begeistern. Trotz der Erfolglosigkeit der vergangenen fünf Jahre kamen in der Hauptrunde im Schnitt deutlich über 4.000 Zuschauer zu den Heimspielen der Tigers. In dieser Saison konnte sie die Zahlen auf fast 5.000 steigern und lagen damit im Besucher-Ranking der DEL auf Rang sechs, vor den weitaus moderneren Spielstätten wie dem König-Palast (Krefeld), der Saturn-Arena (Ingolstadt) oder der TUI-Arena (Hannover).

Allen Unterschieden zum Trotz: Wenn am Donnerstagabend um 19:35 Uhr in der Berliner o2-World das erste Bully stattfindet, ist das kleine Straubing gegen den Riesen Berlin beileibe nicht ohne Chancen. Wie sehr das Team aus Niederbayern Erfahrung, Routine und größere Kadertiefe der Gegner mit schier grenzenlosem Einsatz und beispielhafter Leidenschaft wettmachen kann, mussten im Viertelfinale bereits die Wolfsburger schmerzlich erfahren. Auch sie galten als großer Favorit und bekamen gegen die wie entfesselt auftrumpfenden Straubinger schlichtweg keinen Schlittschuh aufs Eis.

Wolfsburg keine Chance gelassen

Mit 4:0-Siegen fegte Straubing die Grizzly Adams förmlich vom Eis. Der Vizemeister des Vorjahres, wenn auch von Verletzungen gebeutelt, hatte nicht den Hauch einer Chance. Mit 19:5 Toren schickte das Team von Trainer Dan Ratushny den Kontrahenten aus der VW-Stadt, die Mannschaft mit der besten Abwehr der Hauptrunde, in den Sommerurlaub.

Der Kanadier Ratushny (41), der seit dieser Spielzeit bei den Tigers hinter der Bande steht und zuvor in der Schweiz coachte, ist einer der Schlüsselfiguren des Erfolgs. Aus der Mannschaft, in der sechs Spieler aus der Region und mit Rene Röthke sogar ein waschechter Berliner auflaufen, ragen zurzeit wenige Akteure heraus. Das Team auf dem Feld präsentiert sich als homogene Einheit, auch was das Toreschießen anbelangt. Elf Spieler konnten sich in den vier Playoff-Partie gegen Wolfsburg bereits als Torschütze in die Liste eintragen. Zwischen den Pfosten ist Barry Brust der große Rückhalt, der mit knapp 96 Prozent Fangquote im Viertelfinale ähnlich gut hielt wie sein Gegenüber, Nationaltorhüter Rob Zepp.

Wie das Halbfinale gegen Berlin auch ausgehen mag, in Straubing ist die Saison schon jetzt eine für die Geschichtsbücher des Vereins. Das Heimspiel am Samstag wird der nächste Höhepunkt für die ganze Region. "Unglaublich, was hier los ist“, staunte Trainer Ratushny schon nach dem Weiterkommen gegen Wolfsburg. Die Straubinger Spieler und Fans sind sich einig: In gemeinsamer Anstrengung wollen sie den Beweis antreten, dass das Wunder von der Donau noch ein paar Wochen weiter gehen kann.

Daniel Pietzker

sportal.de / sportal

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