HOME

Lukas Podolski: Die Prinzenrolle

Er soll die ganze Stadt erlösen und den 1. FC Köln zu einem Klub von Weltruf machen. Mehr wollen sie gar nicht von Lukas Podolski, der am Samstag gegen Wolfsburg endlich wieder dabei ist. Doch Podolski möchte nur eins: Fußball spielen, schön in Ruhe.

Von Mathias Schneider

Der Prinz hat jetzt erst einmal Hunger, denn täglich diese Wunder für all seine Untertanen zu vollbringen, das kostet sogar einen wie ihn Kraft. Sie pilgern ja wieder zu Hunderten zu ihm hinaus, vor die Tore der Stadt. Mit glänzenden Augen treten sie vor ihn. Sie tragen seinen Namen auf dem Hemd, den sie fortwährend rufen. Er soll sie aus dem Tal der Enttäuschungen führen. Immer wieder muss er seine Unterschrift auf ihre T-Shirts kritzeln. Kinder werden von Vätern mit Schweißperlen auf der Stirn vor ihn gezerrt. Sie pressen ihren Frauen die Kamera in die Hand und zischen: "Drück drauf, drück drauf!"

Von allen Seiten laufen seine Fans herbei, wie am Dienstagmorgen, als sich die Kunde verbreitet, dass er über den Rasen wandelt. Und während man sich nach der Trainingseinheit noch fragt, was so ein Erlöser einer ganzen Region wohl bestellt, ruft Lukas Podolski auch schon in die Küche des Geißbockheims seines 1. FC Köln: "Bratkartoffeln mit Putenstreifen, alles wie immer. Gut angebraten, bitte."

Er ist also wieder zehuss in seinem Kölle, von dem er sagt: "Ich möchte, dass mein Herz wieder zufrieden schlägt, und das tut es hier." Es ist das Rührstück dieses Fußballsommers, denn noch nie in der Bundesligahistorie hat eine Stadt einen Spieler so mit Zuneigung überhäuft, wie es die verrückten Kölner mit dem Bergheimer Instinktfußballer Lukas Podolski tun. Es ist eine mächtige Sekte, die sich da unbehelligt vom Verfassungsschutz wieder mit ihrem spirituellen Führer vereint hat, der nach Jahren im Münchner Exil endlich ausreisen durfte. Der Vereinsmanager Michael Meier drückt das so aus: "Diese Stadt und dieser Klub sind eine emotionale Einheit. Was dem Verein fehlte, war ein Gesicht. Das haben die Menschen jetzt wieder."

Nun sind Sympathiebekundungen für einen leicht erklärbar, der im besten Fußballeralter freiwillig auf zig Millionen verzichtet, die er anderswo, zum Beispiel bei Manchester City, hätte verdienen können. Kaum jemand geht wohl freiwillig vom großen FC Bayern zurück zu einem Verein, der in den vergangenen elf Jahren viermal abgestiegen ist. Und doch erklärt sich das Phänomen der Poldisierung eines ganzen Landstrichs allein daraus nicht. Das geht schon ein bisschen tiefer rein in die kölsche Seele.

Prinz Poldi wird geliebt

Erwachsenen Männern laufen gewöhnlich nicht die Tränen bei einem Freundschaftsspiel ihres Vereins über die Wangen. Aber der Poldi, der bringt das fertig bei der Partie seiner Kölner gegen den FC Bayern, zu dem mal eben 50.000 kommen und sich auch noch schröpfen lassen. Der Poldi, ihr Prinz, nein, der ist nicht nur beliebt. Den lieben sie. Anderswo mag man so eine Rückkehr auf halber Strecke, quasi mitten in der Karriere, als bittere Niederlage werten. Für den Kölner ist es ein Märchen, das von den Gebrüdern Grimm für diese Stadt ersonnen sein könnte.

Sie haben ja von jeher einen Hang zum Sentimentalen, sie kultivieren das regelrecht mit ihren 1000 Liedern, die natürlich alle von der Stadt selbst handeln, wovon auch sonst. Weltstädtisch wollen sie gern wirken, aber bloß nicht raus aus diesem schrecklich gemütlichen Megadorf. "Das ist die ewige Quadratur des Kreises, die der Kölner versucht: die Größe und Gemütlichkeit unter einen Hut zu bringen", sagt der Kölner Psychologe Stephan Grünewald. Man könnte Poldis Dilemma nicht besser beschreiben. Mit 24 hat er bereits 64 Länderspiele absolviert, ein WMHalbfinale gespielt und ein EM-Finale. Er war hinausgezogen, um Karriere zu machen. Er verkörperte ihre weltstädtische Seite, und deshalb waren sie auch ein bisschen mit ihm stolz, dass er von den Bayern gerufen wurde. Nun treibt ihn Heimweh zurück, weil es in München unter all den eitlen Stars mit ihren spitzen Ellbogen für einen wie ihn, der Nestwärme braucht, nicht auszuhalten war.

Der Poldi, der steht für den ganz großen Wurf und das Scheitern auf höchstem Niveau in einer Person, wie es in dieser Stadt irgendwie dazugehört. 2,66 Mil­liarden Euro Schulden hat sie mittlerweile zusammengetragen. Noch immer steht nicht fest, wo das eingestürzte Stadtarchiv wieder aufgebaut werden soll. Die Sanierung der Oper und der Neubau des Schauspielhauses stocken bereits, bevor es richtig losgeht. Seit dem Jahr 2000 wechselte die Regierungskoalition viermal, im Moment setzt sie sich aus Rot-Grün unter der Duldung der Linkspartei zusammen. Den Oberbürgermeister stellt die CDU. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Kulturhauptstadt? Essen. Bundeshauptstadt? Früher Bonn, dieses Kaff. Landeshauptstadt? Auch das noch: Düsseldorf.

Lockere Sprüche statt unangenehmer Fragen

Sie lassen sich all die kleinen Kränkungen der vergangenen Jahrzehnte nicht anmerken, sondern feiern lieber drüber weg mit ihrem ganzjährigen Karneval.

Auch das haben sie mit ihrem Poldi gemeinsam, der ungern über seine Gefühle spricht und sich lieber mit einem lockeren Spruch unangenehmen Fragen entzieht. "Es muss nicht jeder alles über mich wissen. Meinem Vater, meiner Freundin Monika und einem engen Freund erzähle ich alles, sonst niemandem", sagt er.

Er mag es nicht, wenn man ihm mit bohrenden Fragen zu nahe tritt, er kann dann richtig aufbrausend werden. Kritik, egal ob berechtigt oder unberechtigt, macht ihm zu schaffen. Ob es ihm schwerfalle, nicht mehr in einem Spitzenverein zu spielen, ist so eine Frage, die einen wunden Punkt berührt. "Nein, ich hätte ja zu einem Spitzenverein gehen können, wenn mir Pokal und Titel so wichtig wären", antwortet Podolski. Dann wird er lauter. "Es heißt ja immer: Er muss, er muss. Ich muss aber überhaupt nichts. Ich muss das tun, was für mich am besten ist."

Man kann ihm nicht böse sein

Es nervt ihn, dass ganz Deutschland ihn an die Hand nehmen will, nur weil er oft ein Lächeln im Gesicht trägt, das ihm etwas Kindliches verleiht.

Andererseits bewahrt ihn gerade dieses Lächeln vor allerlei Ungemach. Man kann ihm einfach nicht richtig böse sein, das hat er mit dem Beckenbauer Franz gemeinsam, der auch die Gnade ewiger Sympathie genießt, selbst wenn ihn der heilige Zorn einmal packt. Als Podolski beim Länderspiel gegen Wales dem Kapitän Michael Ballack vor Millionen Augen mit der Hand durchs Gesicht fuhr, weil er sich von ihm gegängelt fühlte, beließ es der Bundestrainer Löw bei einer sanften Ermahnung und ein bisschen Sozialarbeit. Jeder andere hätte wohl seinen Koffer packen dürfen. Beim 3 : 0 im Pokal in Emden traf den Amateur Holger Willms die Hand des Kölner Gottes. Ob absichtlich, ließ sich diesmal nicht zweifelsfrei ermitteln.

Wer Podolski beim Training beobachtet, wie er nach Fehlpässen dem Gegenspieler schon mal hinterherjagt und ihm heftig in die Beine fährt, der erkennt eine Grundaggressivität, die man ihm eigentlich nicht zutraut. Aber am Ende sind es doch die flapsigen Sprüche, die hängen bleiben, wie neulich bei der Präsentation des Hauptsponsors Rewe. Nein, er kaufe dort nicht, ließ er die verdutzten Gäste wissen: "Ich kaufe immer bei Edeka."

Eine Projektionsfläche für Sehnsüchte

So einer taugt gerade in Köln, wo sie das Leben gern mit einem Augenzwinkern nehmen, perfekt zur Projektionsfläche für all ihre Sehnsüchte. Wer hat denn heute noch einen Poldi zu bieten? In einem Sport, in dem das Geld vielen Spielern längst die Leidenschaft ausgetrieben hat? Ribéry will zu Real Madrid, obwohl sie ihn in München verehrt haben wie einen Popstar. Der Wolfsburger Dzeko träumt vom AC Mailand, der Bremer Diego hat bereits rübergemacht über den Brenner - zu Juventus Turin. Nur der Poldi, der kommt ihnen quasi entgegen auf seinem Heimweg.

Jetzt muss er seine Kölner allerdings noch aus den Klauen des Misserfolges befreien. Der Psychologe Grünewald nennt das Phänomen "die Stunde des Heilsbringers". Den Heilsbringer schicke der Kölner gern vor, er solle mit seiner Allgewalt Glanz über ihn bringen, ohne dass es für ihn selbst allzu anstrengend werde. Ganz und gar unpoldianische Tugenden sind also gefragt. Der Poldi soll auf und außerhalb des Feldes vorneweg marschieren. Dabei taucht er doch am liebsten in der Gruppe unter und hat seine Ruhe. Wenn sie da mal nicht zu viel von ihm verlangen.

Wie damals von Wolfgang Overath. 2004 übernahm er das Amt des Heilsbringers und Präsidenten, sozusagen in Personalunion. Als Weltmeister von 1974 wurden ihm selbstredend übersinnliche Kräfte zugeschrieben.

Kein Durchbruch

Weil aber unter seiner Regentschaft überraschenderweise ebenfalls nur Auf- und Abstiege heraussprangen, entließ sich Overath 2006 zumindest als Hoffnungsträger selbst und übertrug die Rolle 2006 an den Trainer Christoph Daum, eine Art Volkstribun, der 1989 und 90 den FC zur Vizemeisterschaft führte. Doch wieder war es nichts mit dem großen Durchbruch. Mit der Verkündung von Podolskis Transfer zu Beginn des Jahres begann endgültig Daums Götterdämmerung. Er schien sie zu ahnen und trainiert mittlerweile wieder bei Fenerbahçe Istanbul.

Ihm folgt nun der Anti-Daum auf der Bank, einer, den sie ausschließlich für die Realität eingestellt haben, sozusagen als Gegengewicht zum Poldi-Hype. Sein Name ist Zvonimir Soldo, und er trainiert ab sofort Podolski und den ganzen Rest. Bereits während seiner zehn Jahre beim VfB Stuttgart stand Soldo, 41, für Pragmatismus. Er sitzt in einem Café in der Kölner Innenstadt, stochert in seinem Schafskäsesalat, ein Mann wie ein Baum, der auf die Kraft klarer Ansagen setzt und auf Disziplin. Er sagt ganz und gar unkölsche Sätze, die so gar nicht nach ungezügelter Begeisterung klingen, wie: "Der Lukas hat wenig gespielt in den letzten Jahren. Wie lange er braucht bis zur Bestleistung, ist schwer zu sagen." Man dürfe von ihm nicht das Außergewöhnliche verlangen. Mit allen Freiheiten will er ihn aber schon ausstatten. Der Lukas, das sei ein Gefühlsfußballer, "so einen kannst du in kein System pressen".

Man darf gespannt sein, wie der ungezügelte Podolski sich da mit seinem Partner Milivoje Novakovič arrangiert, dem ein großes Ego zugeschrieben wird. Bislang durfte der Slowene sich als unumschränkter Star dieser Mannschaft fühlen. Ab sofort thront neben ihm dieser Podolski.

Die Kinder lieben ihn

Kein deutscher Spieler wird von den Kindern so verehrt wie der Poldi, egal, ob er in Köln, Hannover oder Leipzig auftaucht. Podolski ist gelebte Folklore, Typ Rudi Völler. Man fragt sich nur, wie lange so ein junger Kerl den ganzen Wahnsinn durchhält. Bisher mache ihm die Poldimania nicht allzu viel aus, sagt er. Er ist ohnehin keiner, den es ins Nachtleben treibt. Er geht in der Familie auf, der eigene Sohn und die Freundin Monika, die er schon kennt, seit er 17 ist, das sind seine Fixpunkte. Dazu noch die Eltern in Bergheim und die Großeltern in Polen, die er besucht, sooft es geht. Das ist seine Welt.

Nun sind sie wieder alle vereint. Lukas Podolski ist mit sich und seiner Entscheidung offenbar im Reinen, kein Wort des Zweifels kommt über seine Lippen. Tief drinnen wird er wissen, dass er, so reich an Talent, eigentlich nach Höherem streben sollte. Dass er sich weiter mit den Besten messen müsste, in Barcelona, München oder Manchester, um selbst den letzten Schritt zum Topspieler zu vollziehen. Doch er ist nicht für die Fremde geschaffen. Lukas Podolski bleibt jetzt erst einmal hier, und vielleicht ist es ja wirklich am besten so. Manche Leute soll man schließlich nicht verpflanzen, schon gar nicht aus Köln, wo sie immer auch noch ein bisschen Kind bleiben wollen. Als der Sponsor Solarworld zwei Tage vor der Saisoneröffnung einen Werbespot auf einer Wiese hinter dem Trainingsgelände mit Podolski drehte, stellte die Produktionsfirma dem Hauptdarsteller wie einem Schauspieler einen eigenen Wohnwagen hin, mit Soundsystem und Playstation. Gingen die Gummibärchen aus, brauste ein Helfer davon, um Nachschub zu holen. Nichts sollte die Laune des Prinzen trüben. Podolski legt keinen Wert auf Extravaganzen, aber das Gefühl, wichtig zu sein, das genießt er schon ein bisschen.

Ob die Geschichte vom Sohn, der heimkehrt, um eine ganze Stadt mit seinen Toren zu verzaubern, mit einem Happy End gekrönt wird, lässt sich erst in einigen Monaten sagen. Das Auftaktspiel am vergangenen Samstag ging bei Borussia Dortmund verloren - ohne Podolski, der verletzt fehlte. Am Samstag kommt der Meister aus Wolfsburg, ein happiger Start. Podolski wird diesmal dabei sein. Die Fans in der Südtribüne werden nicht pfeifen, wenn ihr Poldi das Tor nicht gleich trifft oder mal wieder ein bisschen zu lange auf dem Spielfeld untertaucht. Eher werden sie mit ihm leiden. Tief drinnen wissen auch sie, dass ihr Poldi sie nicht allein mit seinen fulminanten Sprints und dem harten linken Schlappen wird nach oben schießen können. Aber das Träumen, das haben sie sich noch nie nehmen lassen. Die Angst, mit einer durchschnittlichen Mannschaft wieder in die zweite Liga zu plumpsen, ist eh schon groß genug.

Und sollte es am Ende tatsächlich schiefgehen, werden sie sich eben alle wieder zurückziehen in ihre kuscheligen Veedels, wie der Kölner seinen Kiez nennt. Sie werden sich in diese wohlige Melancholie schunkeln und irgendwann, nach dem vierten oder fünften Kölsch, werden sie schwelgen, was das doch für eine sensationelle Party war, damals, 2009, in dem Jahr, als der Prinz zurück in die Stadt kam.

print

Wissenscommunity