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Russische Invasion Wie viel Russland steckt noch in der deutschen Wirtschaft? Welche Unternehmen Gazprom (un-)treu bleiben

Das Gazprom-Logo ist an einer Niederlassung des russischen Staatskonzerns in St. Petersburg
Das Gazprom-Logo ist an einer Niederlassung des russischen Staatskonzerns in St. Petersburg zu sehen
© Igor Russak / DPA
Bleiben oder gehen? Das ist die Frage, die sich viele Unternehmen mit Blick auf das Russlandgeschäft bisher stellen mussten. Die Antwort ist für alle klar.

Wie sehr Russland noch in der deutschen Wirtschaft mitmischt, lässt sich relativ leicht beantworten: nicht sehr viel. Namhafte Konzerne wie SAP, RWE, Eon und Siemens haben sich aus dem Russlandgeschäft zurückgezogen, kappen bestehende Projekte und Lieferverträge oder legen geplante Projekte auf Eis. Außenstehende mögen dieses konsequente Verhalten gegenüber Russland lobend beklatschen – konzernintern dürfte aber wegen Milliardenverlusten die ein oder andere Träne geflossen sein.

Zum Ärgernis wurde der russische Einmarsch in der Ukraine vor allem für den börsennotierten Industriekonzern Linde. Das deutsch-amerikanische Unternehmen mit Sitz in Dublin hatte erst letztes Jahr zwei Aufträge im Wert von insgesamt sechs Milliarden Dollar erhalten. Gazprom und Linde arbeiteten da bereits gemeinsam an Flüssiggaslieferungen.

Im Dezember letzten Jahres erhielt Linde den Zuschlag für den Bau einer dritten LNG-Pipeline im Baltischen Meer, die zum Hafen der gerade einmal 2000-Seelen großen russischen Siedlung Ust-Luga an der Grenze zu Estland führen sollte. Die Röhre sollte den Komplex erweitern, mit dem Linde und Gazprom nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters 45 Milliarden Kubikmeter Gas und 13 Million Tonnen Flüssiggas pro Jahr transportieren wollten.

Dann schickte Putin seine Truppen über die ukrainische Grenze, die EU und die USA verhängten Sanktionen – und Linde verurteilte den Krieg via Firmenwebseite und kündigte gleichzeitig an, die gesamte Zusammenarbeit zurückzufahren und aufzugeben. Neue Geschäfte werde es demnach nicht mehr geben, aktuelle Projekte würden zurückgefahren und der Verkauf von Anlagen in Russland geprüft.

Zukunftsträchtige Prestige-Projekte abgeschrieben

Soweit, so ärgerlich, denn Linde war bis dahin auch an Projekten beteiligt, mit denen Gazprom China an das russische Netz anbinden wollte. Die "Power of Sibiera" im Osten Sibiriens soll von Linde geplant und gebaut werden, für die Kosten sollte Gazprom aufkommen. Das Projekt war bereits 2015 gestartet, in zwei Jahren sollte die ganze Anlage stehen – und mit einer Verarbeitungskapazität von bis zu 49 Milliarden Kubikmetern Erdgas pro Jahr eines der weltweit größten Gasverarbeitungsprojekte sein. Die strategische Zusammenarbeit wollten beide Unternehmen eigentlich noch verstärken.

Doch daraus wird nichts. Linde strebe "schon seit einigen Monaten kein Neugeschäft in Russland mehr an", teilt ein Unternhemenssprecher auf stern-Anfrage mit. Zudem arbeite man daran, die Präsenz in Russland herunterzufahren, "indem wir die Belieferung bestimmter Kunden eingestellt haben und Industrieanlagen veräußern". Das gelte auch für das LNG-Projekt. Für das Unternehme bedeutet das Abschreibungen von rund einer Milliarde US-Dollar. Mittlerweile droht sogar ein dramatischer Stellenabbau.

Während aus der einen Ecke also ein klares Nein zur Zusammenarbeit mit Gazprom schallt, bleibt ein anderer Konzern dem russischen Energieriesen treu.

Wintershall will Russland nicht das (Gas-)Feld überlassen

Das Russlandgeschäft von Wintershall Dea werde sich erst einmal nicht ändern, teilte Vorstandschef Mario Mehren zuletzt mit. Während etwa Linde finanzielle und personelle Verluste hinnimmt, will Wintershall die Vermögenswerte und die Mitarbeiter in dem Land nach eigenen Angaben schützen. "Ein vollständiger Ausstieg aus allen laufenden Aktivitäten in Russland wäre eine sehr weitreichende Entscheidung, mit enormen Auswirkungen", sagte ein Wintershall-Sprecher im Juni auf stern-Anfrage.

Daran hat sich auch zwei Monate später kaum etwas geändert. "Es gibt klare rote Linien. Rote Linien, die auch eine langjährige wirtschaftliche Zusammenarbeit in ihren Grundfesten in Frage stellt", heißt es auf Anfrage. Der Krieg sei eine solche rote Linie. Deshalb habe sich Wintershall dazu entscheiden, keine weiteren Gas- und Ölförderprojekte zu verfolgen. Neue Projekte werden eingestellt. "Zudem hat Wintershall Dea rund 1,5 Milliarden Euro aufgrund der Wertminderung russlandbezogener Aktivitäten abgeschrieben – eine Milliarde Euro davon entfällt auf die Abschreibung der Finanzierung des Nord Stream 2-Pipelineprojekts."

An den Prestige-Projekten im Osten Russlands hält Wintershall aber weiter fest. Etwa an dem Erdgasfeld Juschno Russkoje, an dem Wintershall zu einem Viertel beteiligt ist und in dem jährlich 14 Milliarden Kubikmeter Gas gefördert werden. "Russland einfach zu verlassen, würde bedeuten, der russischen Regierung ein großes Geschenk zu machen, und ich sehe keinen Grund dafür", hieß es aus dem Vorstand. Mit 15,5 Prozent ist Wintershall auch an der nun stillgelegten Pipeline Nord Stream 1 beteiligt.

Die besondere Gazprom-Beziehung

Für seine Entscheidung wird der Konzern scharf kritisiert. "Sie profitieren von einem brutalen Krieg und gleichzeitig werden Millionen Europäer durch die Wucherpreise in die Energiearmut getrieben", sagt etwa Louis Wilson von der Nichtregierungsorganisation Global Witness. Die NGO hatte im Juni eine Studie herausgegeben, die zeigt, wie sehr auch die russischen Kriegskassen von der Zusammenarbeit mit dem deutschen Konzern profitieren.

Dass sich Wintershall nicht aus Russland zurückzieht, mag jenseits der Aussagen aus dem Vorstand weitere Gründe haben. Zum einen gehört der Konzern nicht nur dem deutschen Chemieunternehmen BASF (73 Prozent). Einen Anteil von 27 Prozent hält auch die Investorengruppe Letter One – die dem russischen Milliardär Michail Fridman gehört. Dazu passt, dass Wintershall Deutschlands größten Gaspeicher im niedersächsischen Rehden Gazprom für die Beteiligung an Gasfeldern in Sibirien überlassen hat.

Zwar wurde der Gasspeicher seit dem russischen Überfall auf die Ukraine von der Bundesregierung verstaatlicht, interne Dokumente, die der ARD vorliegen, liefern aber weitere Belege für die Verstrickung der beiden Firmen. Dem Bericht zufolge ist der deutsche Konzern für Gazprom "unser größter Befürworter in Europa". Die Hoffnung des russischen Energieriesen: eine stärkere Lobby und "besseren Schutz vor Sanktionen".

Ganz vor den russichen Karren spannen lassen, will sich WIntershall aber offensichtlich doch nicht. Bereits vor Monaten kündigte das Unternehmen an, seine Ölförderung in der Nordsee ausbauen zu wollen. Auch mit Norwegen strebt Wintershall eine engere Zusammenarbeit, etwa bei der Speicherung von CO2 in der Nordsee an. Wintershall plant zudem zusammen mit Nord-West-Oelleitung (NWO) in Wilhelmshaven Wasserstoff zu produzieren.

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