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Arbeitsmarkt: Glücklich werden - beim Nachbarn

Sie wandern aus - und bleiben doch im europäischen Haus. 50 Jahre nach Gründung der EU nutzen Arbeiter, Designer und Wissenschaftler, was ihnen der vereinte Kontinent für ihren beruflichen Ein- und Aufstieg bietet: grenzenlose Möglichkeiten.

Von Tilman Müller

Sie brechen in alle Himmelsrichtungen auf, um Arbeit zu finden oder sich eine neue Existenz aufzubauen. Fern der Heimat, aber doch auf dem eigenen Kontinent. Sie ziehen von Rumänien an die Costa del Sol, von Slowenien nach Zypern, aber auch von Hamburg nach Riga, von der Bretagne nach Bratislava. Etwa fünf Millionen EU-Bürger jobben derzeit bereits in einem anderen Mitgliedsland - eine neue Mobilität, die das Gesicht Europas verändert.

400.000 Rumänen jobben in Spanien

Deutsche Installateure klopfen Überstunden in Norwegen, um daheim ihre Familien zu ernähren. Allein 400.000 Rumänen jobben in Spanien, in Zypern machen Schwedinnen die Hotelbetten, in London werken Polen und Portugiesen, und in Lettland werden Moldawier angeheuert, weil heimische Arbeitskräfte nach Irland ausgewandert sind.

Das stetige Hin und Her, begleitet vom Sprachengewirr der Neuankömmlinge, ist in den USA seit jeher gang und gäbe. In Europa indes ist das Phänomen relativ neu. Erst mit der EU-Erweiterung vor drei Jahren stieg die Mobilität in der Union sprunghaft - obwohl sie schon 47 Jahre zuvor begründet wurde. An einem Tag, den Frankreichs Ex-Präsident François Mitterrand "einen der wichtigsten in unserer Geschichte" nannte - am 25. März 1957, als Vertreter der sechs EWG-Staaten die "Römischen Verträge" unterzeichneten.

Heftiges Ringen um Erklärungen

In Artikel 3 ist unter anderem der freie Verkehr von Personen und Dienstleistungen und Kapitalverkehr zwischen den Mitgliedsstaaten festgeschrieben - Arbeitnehmerfreizügigkeit, wie man heute sagt. In Rom läuteten am 25. März heftig die Kirchenglocken, zu früh, wie man heute weiß. Denn zu dem Zeitpunkt lagen wegen vieler Meinungsunterschiede noch keine Vertragstexte vor. Auch um die "Berliner Erklärung", die EU-Ratspräsidentin Angela Merkel kommenden Sonntag exakt 50 Jahre nach dem historischen Datum abgibt, wird noch heftig gerungen.

Diesmal sind es nicht 6, sondern 27 Staaten, die ihren Senf dazugeben. Die einen wollen, dass das Verfassungsdilemma unerwähnt bleibt, andere möchten die soziale Dimension Europas hervorheben oder sind gegen jede neue Erweiterung - am Ende wird es eine auf drei bis vier Seiten zusammengestauchte Rede sein, die an den 500 Millionen EU-Bürgern vorbeirauscht.

Von Transsylvanien zum Atlantik

Die EU war schon immer ein Eliteprojekt, doch was dem Signal von Rom folgte, ist gigantisch. In der Nacht zum 1. Juli 1968 rollte ein Lastwagen mit französischem Bier erstmals zollfrei über die Europabrücke nach Kehl, heute ist die EU der größte Binnenmarkt der Welt, und nächstes Jahr zahlt man wohl auch im fernen Zypern mit dem Euro. Im einst geteilten Trümmer-Kontinent, der allzu lange bedroht war von sowjetischen SS-20-Raketen, in dem man über Jahrzehnte nicht einfach von Paris nach Prag telefonieren konnte, düsen die Bürger heute mit Billigflügen zum Preis eines guten Mittagessens von Transsylvanien zum Atlantik, vom Nord- zum Mittelmeer.

Die Idee eines geeinten Europas hat sich durchgesetzt, bisweilen rasant, zuletzt leider von Rückschlägen gezeichnet. An ihrem 50. Geburtstag ist die Union weniger frohe Botschaft als bittere Notwendigkeit. Klimawandel, Energiekrise, Globalisierung - einzeln können die 27 Mitgliedsstaaten diese großen Probleme nicht lösen, sondern nur mit geballter Kraft der EU. Ein "Europa der Resultate", wie es EU-Chef José Manuel Barroso propagiert, ist der richtige Weg. Momentan ist seine Kommission dabei, die letzten "Zölle" zu beseitigen - die Roaming-Gebühren beim Telefonieren.

Drei Millionen offene Jobs

Auch mit dem Eures-Programm verfolgt sie bürgernahe Ziele. Auf der Website der europaweiten Arbeitsvermittlung sind täglich etwa eine Millionen Jobs im Angebot. Bis zu drei Millionen Stellen sind in der EU unbesetzt, obwohl es zwischen Rom und Riga mindestens 17 Millionen Arbeitslose gibt. In den USA, wo man im Schnitt doppelt so oft den Job wechselt wie in Europa, ist die Mobilität höher und die Arbeitslosigkeit niedriger.

Es sind meist jüngere Menschen, die heute in ein anderes EU-Land ziehen. Anders als frühere Generationen, deren Migration meist darauf ausgerichtet war, das ganze weitere Arbeitsleben im neuen Land zu verbringen, gehören bei den Euro-Jobbern auch Kurzeinsätze dazu. Dabei sind zwei Grundmotive erkennbar: Wer aus einem ärmeren Gebiet kommt, geht weg, um schnelles Geld zu verdienen. Wer aus einer Boom-Region kommt, nimmt den Ortswechsel auf sich, um im erlernten Beruf bleiben zu können.

Reichere Länder wie Deutschland haben sich vor der Osterweiterung Klauseln zum Schutz ihres Arbeitsmarkts vorbehalten, sie können bis maximal 2011 die Zuwanderung aus der EU einschränken. Daher stammen heute nur 0,9 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland aus den neuen EU-Staaten. Nur in wenigen Regionen der Gemeinschaft sind sie in größerem Umfang präsent. In Andalusien etwa, wo sie zum Teil die Billigarbeiter aus Afrika verdrängen. Kaum einer von ihnen bringt es wie in den USA vom Tellerwäscher zum Millionär, aber um die Familie zu Hause über Wasser zu halten, reicht es allemal.

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