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Österreich: Das bessere Deutschland

Wie haben die das bloß geschafft? Gute Stimmung, mehr Wachstum, neue Jobs: Während hierzulande Frust grassiert, Geiz zur Nationaltugend wird und die Arbeitslosigkeit steigt, geht es in der Alpenrepublik voran.

So was hätte es früher nicht gegeben, dass Deutsche Österreicher bedienen. Zumindest nicht hier, im Hotel "Edelweiss" im Stubaital, mit Blick auf den 3200 Meter hohen Gletscher. Früher arbeiteten Jugoslawen und Türken als Stubenmädchen und Kellner. Heute bedienen Christin, 20, und Janina, 24. Die beiden tragen rosa Dirndl, es ist früher Nachmittag, die ersten Gäste sitzen auf der Terrasse. "Der Wirtschaftskammerpräsident hat ja gesagt, die Deutschen seien willig und billig", amüsiert sich ein Österreicher im braunen Sakko.

Christin übergeht die Bemerkung. Die Reisekauffrau aus Sachsen war nach ihrer Ausbildung arbeitslos und bewarb sich vergangenen Oktober als Kellnerin im "Edelweiss". Sie bekommt 1200 Euro netto und wohnt im Nachbardorf Volderau, wo die Hoteliersfamilie schon acht deutsche Mitarbeiter einquartiert hat. "Mit Küche und Badewanne", sagt Christin. "Ich würd eigentlich jedem empfehlen, hierher zu kommen." Während Christin vorhat, nur während der Skisaison zu arbeiten, will Janina bleiben. "Ich will Österreicherin werden", sagt die gelernte Zahnarzthelferin. "Berlin ist mir zu dreckig, zu stressig, und die Leute sind ständig genervt. Hier ist die Landschaft viel schöner." In den ersten zwei Wochen habe sie mehr Leute kennen gelernt als das ganze Jahr zuvor in Berlin.

Das "Edelweiss" ist ein Wellnesshotel, in dem vor allem Selbstständige und Freiberufler aus Deutschland urlauben. Manuela Pfurtscheller, die 40-jährige Chefin, trägt ein grünes Dirndl mit weißer Bluse. Sie wundert sich: "Seit Jahren heißt es doch schon, dass es bei euch nicht gut läuft. Aber wirklich überrascht hat mich, wie viele jetzt zum Arbeiten kommen." Vor fünf Jahren beschäftigte Frau Pfurtscheller noch keinen einzigen, heute stammen schon zehn ihrer 20 Angestellten aus Deutschland, vor allem aus der ehemaligen DDR. "Es ist fast schon beängstigend, wie viele sich melden, wenn ich eine Anzeige aufgebe", sagt die Chefin. "Langsam hab ich den Eindruck, bei euch gibt's wirklich keine Arbeit mehr."

Die rückständigen Österreicher haben die Deutschen überflügelt

Nicht nur im "Edelweiss", in nahezu jedem Tiroler Hotel trifft man mittlerweile auf Deutsche, die kellnern, Betten aufschütteln oder in Suppentöpfen rühren. Die Wirtschaftskammer schätzt, dass insgesamt 5500 Ostdeutsche im österreichischen Fremdenverkehr arbeiten. "Früher Gast, heute Gastarbeiter", spottet das Nachrichtenmagazin "News" und warnt auf dem Titelblatt: "Die Deutschen kommen!" Vor fünf Jahren arbeiteten erst 20.000 "Piefkes" in Österreich, heute sind es 45.000. Der "Kurier" titelte selbstzufrieden: "Österreicher sind kaufkräftiger als die Deutschen."

Schwer zu glauben, aber es stimmt: Die ewig rückständigen Österreicher haben die Deutschen in den ökonomischen Daten tatsächlich überflügelt:
- Österreichs Wirtschaft wächst dieses Jahr mit 2,1 Prozent. Deutschland erreicht gerade mal 0,8 Prozent.
- Die Arbeitslosenquote in Österreich beträgt 4,5 Prozent - bei uns 9,5 Prozent.
- Österreichs Neuverschuldung beläuft sich dieses Jahr auf 1,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, in Deutschland werden es 3,3 Prozent sein.
- Die Österreicher erwirtschaften jedes Jahr inzwischen 29.700 Euro pro Einwohner, die Deutschen 26.400 Euro.

Vom Himmel gefallen sind diese Erfolge nicht. Die Österreicher neigen zwar auch dazu, Reformen ewig zu diskutieren - allerdings mit dem kleinen Unterschied, dass sie die Ergebnisse am Ende konsequent umsetzen:
- So hat die Regierung die Staatseinnahmen schon vor Jahren verbessert, indem sie die Mehrwertsteuer auf 20 Prozent anhob. In Deutschland beträgt die Mehrwertsteuer 16 Prozent, und Steuererhöhungen gelten immer noch als tabu, egal wie marode die Schulen sind.
- Auch den Arbeitsmarkt haben die Österreicher reformiert: Die hohen Abfindungen bei Kündigungen wurden 2003 abgeschafft. Jetzt zahlen Arbeitgeber pro Monat 1,53 Prozent des Bruttolohns in eine Kündigungskasse, das Geld erhalten die Beschäftigten. Gekündigt werden kann ohne Angabe von Gründen, die Frist beträgt bei Arbeitern vier Wochen, bei Angestellten eineinhalb bis fünf Monate. In Deutschland muss jede Kündigung begründet werden. Die Frist beträgt ein bis sechs Monate. Anspruch auf eine Abfindung haben Mitarbeiter aber nicht.
- Vor zwei Jahren erlebte Österreich die größte Demo seit Kriegsende, weil die Regierung die Rente reformieren wollte - inzwischen hat man sich mit den Gewerkschaften geeinigt und schafft die Frühpensionierungen tatsächlich ab. In Deutschland bleibt die Kluft zwischen gesetzlichem Renteneintrittsalter (65 Jahre) und tatsächlichem (60) bestehen.

- Österreich senkte Anfang des Jahres die Körperschaftssteuer auf 25 Prozent, die Gewerbesteuer wurde zuvor abgeschafft. Die Regierung Schröder will die Körperschaftssteuer auch senken, ändert aber nichts an der Kompliziertheit des deutschen Systems.
- Das Arbeitsamt wurde in Österreich in den vergangenen Jahren zu einer echten Serviceagentur umgemodelt - ohne den Arbeitslosen ihr Geld zu kürzen. In Deutschland müssen Langzeitarbeitslose seit Januar von Hartz IV leben, der Umbau des Arbeitsamtes geht dagegen nur schleppend voran, in den neuen Hartz-IV-Behörden (ARGE) knirscht es ständig.
- Österreichs Universitäten erleben derzeit eine Revolution im Innern: Sie müssen nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit im Ministerium nachfragen und können mit ihrem Geld so viele Leute einstellen, wie sie wollen. In Deutschland kann die Bundesregierung nichts reformieren, weil die Länder sich nicht in Bildungsfragen hineinreden lassen wollen.

Selbst Kritiker geben heute zu, dass die als Chaotentruppe gestartete Koalition aus ÖVP (vergleichbar mit der CDU) und Jörg Haiders FPÖ das Land wirtschaftlich nach vorne gebracht hat - ohne die Bevölkerung besonders zu quälen. Als die Regierung im Jahr 2000 an die Macht kam, rief die EU wegen Haiders Rechtslastigkeit noch zum Boykott auf. Doch Bundeskanzler Wolfgang Schüssel hat sich gehalten und dürfte sogar die ehemaligen Boykotteure Joschka Fischer und Gerhard Schröder überleben.

Schüssel verlegte den Sitz des Bundeskanzlers am Ballhausplatz zurück in jene Räume, wo schon Fürst von Metternich amtiert hatte - jener Kanzler, der im 19. Jahrhundert mit Polizeigewalt alle liberalen Regungen unterdrückte. Prunk und Protz haben sich aus der Kaiserzeit in die Gegenwart gerettet. Die Wiener Hofburg wirkt mit ihrer Architektur immer noch so, als werde von hier aus ein ganzes Kaiserreich gelenkt - und nicht ein Land mit gerade mal acht Millionen Einwohnern. Vorbei an drei Meter hohen Holztüren wird man durch schmale Gänge geleitet, öffnet Türen, hinter denen ein schläfriger Uniformierter sitzt, und steht dann vor einem blankpolierten Messingschild mit der Aufschrift "Kabinett des Bundeskanzlers".

Der Kanzler will Optimismus verbreiten

An den Wänden hängen vier mal fünf Meter große Gemälde, dazwischen riesige Spiegel, sodass der Bundeskanzler fast ein bisschen klein wirkt. Es ist ein warmer Frühlingstag, Schüssel öffnet die Balkontüre, und es drängt ihn, sein Land anzupreisen. Dass es Österreich heute "bittschön so fantastisch" gehe, liege an "drei wirklich magischen Momenten", sagt der Kanzler: der Öffnung zu Osteuropa, dem EU-Beitritt, "und der dritte Vorteil war sicher diese Reformregierung". In Deutschland sieht er - "darf ich offen sprechen" - viel zu viel Pessimismus. Auch auf dem Foto will der Kanzler Optimismus verbreiten und greift nach einem Hinkelstein, der in der Ecke seines Büros steht - dass der Hinkelstein aus Pappmaché ist, irritiert den Alpen-Asterix kaum.

Schüssels Optimismus schallt einem auch bei Unternehmern entgegen. Egal, mit wem man spricht, jeder preist die "Riesenchancen der Osterweiterung" - während man in Deutschland ängstlich auf die billige Konkurrenz in Polen blickt. Was die Österreicher mit Chancen meinen, sieht man zum Beispiel bei der Firma Henkel. Henkel sitzt seit 1927 in der Erdbergstraße im dritten Wiener Bezirk. Bis 1990 war es eine gewöhnliche Niederlassung des Düsseldorfer Weltkonzerns. Henkel Austria produzierte für den heimischen Markt Persil, Dixan und Weißer Riese. Ende der 80er Jahre stagnierte das Geschäft. "Doch dann kam das Glück der Geschichte", sagt Henkel-Chef Günter Thumser. "Sobald die Grenzen offen waren, nahmen wir Kontakt zu Firmen im Osten auf, vergaben Lizenzen und kauften Betriebe." Bereits 1991 gab es Henkel-Töchter in Ungarn, der Tschechoslowakei, Slowenien und Kroatien. Die Henkel-Zentrale übertrug den Wienern bald die Zuständigkeit für ganz Osteuropa.

"Österreich ist eine ideale Brücke zwischen Ost- und Westeuropa"

Heute ist Wien ein Sub-Headquarter, verantwortlich für 7700 Mitarbeiter in 29 Ländern. Präsident Thumser, gerade aus Zagreb zurückgekommen, gibt zu, dass Henkel Austria ohne Osteuropa zu einer kleinen Vertriebseinheit geschrumpft wäre. "Statt 800 Leuten würden wir in Wien vielleicht noch 100 beschäftigen." Heute arbeiten die meisten der 800 Beschäftigten nicht mehr in der Produktion, sondern als Manager, Marketingfachleute und Controller - hochqualifizierte Mitarbeiter in hochbezahlten Jobs. "Österreich ist eine ideale Brücke zwischen Ost- und Westeuropa", schwärmt Thumser. Eigentlich hätte auch Berlin eine solche Brückenfunktion einnehmen können. "Aber die deutschen Firmen hatten vor allem die ehemalige DDR im Visier."

Bereits 300 Konzerne benutzen Wien inzwischen als verlängerten Schreibtisch für Osteuropa, darunter Renault, Coca-Cola, McDonald's, Siemens, Philips, Beiersdorf, Bosch, BASF und Neckermann. "Jahrzehntelang haben sich die Österreicher den Deutschen unterlegen gefühlt", sagt Thumser. "Auch wir waren nur eine kleine Landesgesellschaft. Aber inzwischen haben wir eine Region aufgebaut, darauf beruht ein neues Selbstbewusstsein. Das gilt für uns wie für Österreich insgesamt." Thumser räumt ein, dass die Regierung in Wien die richtigen Anreize geschaffen habe. So profitieren die Unternehmen nicht nur von der Senkung der Körperschaftssteuer auf 25 Prozent, sondern können seit 1. Januar auch Verluste in anderen Ländern mit der Steuerlast in Österreich verrechnen.

In Berlin kündigte zwar auch Schröder nach dem "Job-Gipfel" an, die Körperschaftssteuer zu senken, sogar auf 19 Prozent - nur wird das leider wohl wieder verpuffen. Denn Deutschland leidet weniger an der Höhe seiner Steuern als an ihrer Kompliziertheit: Unternehmen zahlen Körperschaftssteuer an den Bund, Gewerbesteuer an die Gemeinden, wobei die Bemessungsgrundlage unterschiedlich ist und die Gewerbesteuer zum Teil auf die Einkommensteuer angerechnet werden kann. Österreich hat die Gewerbesteuer einfach abgeschafft. Unternehmer zahlen 25 Prozent Körperschaftssteuer - basta.

Trotz der Reformen und Privatisierungen, die der konservative Schüssel durchdrückte, herrscht in Österreich nicht die rücksichtslose Profitgier, die das Klima in Deutschland zunehmend vergiftet. Post und Bahn sind in Österreich immer noch Staatsbetriebe mit einem großzügigen Beamtenapparat. Selbst auf Provinz-Bahnhöfen findet man Beamte, die Fahrkarten verkaufen. Die Bewohner von Kiefersfelden in Bayern etwa schätzen das so sehr, dass sie über die Grenze ins benachbarte Kufstein fahren, um sich ein Bahnticket zu kaufen - zu Hause haben sie nur einen Automaten.

"Vor zehn Jahren sind wir das schlechtere Deutschland gewesen"

Mit "Geiz ist geil" wirbt Saturn zwar auch in Österreich, doch der Slogan trifft auf kein Grundgefühl. Die Gesellschaft für Konsumforschung fragt jedes Jahr einmal: "Was sind die dringlichsten Aufgaben, die heute zu lösen sind?" In Deutschland antworten darauf 77 Prozent mit "Arbeitslosigkeit". In Österreich nur 40 Prozent. Die Angst um den Arbeitsplatz ist ins Schüssels Republik nie so allgegenwärtig wie bei uns - dafür sind die Kaufhäuser voll mit Kunden.

In Wien arbeitet einer der angesehensten Ökonomen des Landes: Professor Karl Aiginger, Leiter des Instituts für Wirtschaftsforschung (WiFo). Aiginger, 56, empfängt in einem schmucklosen, zehn Quadratmeter großen Besprechungszimmer. Er trägt eine altmodische Krawatte mit blauen Kugeln, spricht leise und schnell: Deutschland habe vor 15 Jahren den Fehler begangen, nicht weiter in High Tech zu investieren, sondern sich auf die Deutsche Einheit zu konzentrieren. 1980 seien die Deutschen noch die Nummer eins in der Forschungsquote gewesen, heute Nummer fünf in Europa. Die Löhne seien aber immer noch die höchsten. Das passe nicht mehr recht zusammen. "Vor zehn Jahren sind wir das schlechtere Deutschland gewesen", resümiert Aiginger. "Wir waren bei den Löhnen und bei der Technologie zehn Prozent hinterher und hatten höhere Steuern. Inzwischen sind wir das bessere Deutschland." Aiginger ist immerhin so freundlich zu sagen, dass "die Deutschen wohl den richtigen Weg gegangen wären - wären sie durch die Wiedervereinigung nicht abgelenkt worden".

Was also sollen die Deutschen tun? "Schwierig", sagt der Professor und kratzt mit den Fingern auf der Tischplatte. "Was eigentlich passieren müsste, ist ein Umschwung in der Stimmung. Die Deutschen sollten sagen: Was geschehen ist, wird wirken, und jetzt packen wir's an." In Österreich herrsche dagegen fast schon zu viel Optimismus. "Ich sag den Politikern immer: Wir müssen mehr in Forschung investieren." Gerade was die Wachstumsdynamik angehe, liege Österreich nur im Mittelfeld. "Grob gesagt, haben die Deutschen ein Prozent Wirtschaftswachstum, wir zwei Prozent, die skandinavischen Länder aber drei Prozent."

"Ich habe jetzt die Stellung des Vorstands einer Aktiengesellschaft"

Für grundsätzlich richtig hält Aiginger deshalb Schüssels Hochschulreform. Vor fünf Jahren gab es in Österreich erst 10.000 Fachhochschulstudenten, heute sind es 24.000. Dazu kommt eine Revolution der Universitäten im Inneren.

Beispiel Linz, 180.000 Einwohner, zwei Autostunden westlich von Wien. Rektor Rudolf Ardelt verabschiedet an diesem Tag gerade feierlich die Absolventen, die Eltern stehen um ihre fein gekleideten Sprösslinge herum. Später im Rektorat erläutert Ardelt, dass man gerade in einem "radikalen Deregulierungsprozess" stecke. "Vor fünf Jahren wäre das unvorstellbar gewesen." So darf die Uni künftig, ohne das Ministerium zu fragen, selbst festlegen, was in den Lehrplan gehört, in welchen Fächern sie Schwerpunkte bildet, wie groß Institute sein sollen und wie viele Professoren sie beschäftigt. Rektor Ardelt nippt an seinem kleinen Kaffee und erklärt: "Ich habe jetzt die Stellung des Vorstands einer Aktiengesellschaft."

Selbst die früher übliche "Verkalkungszulage", wonach ein Professor umso mehr verdient, je älter er ist, fiel weg. Das hat zur Folge, dass ein junger Professor in Österreich heute 20 Prozent mehr verdient als an einer deutschen Uni. Weil Ardelt zeigen will, wie die Reform in der Praxis wirkt, ruft er Professor Richard Hagelauer zu sich, einen Deutschen. Hagelauer, 53, leitet das Institut für Integrierte Schaltungen und lobt, dass in Österreich vieles weniger starr sei. "Ich kann zum Beispiel selbst mit Unternehmen Drittmittel-Verträge abschließen. In Deutschland müsste das alles über die Uni-Verwaltung gehen." Mit gemischten Gefühlen betrachten der Rektor und der Professor allerdings die Studiengebühren von 363 Euro pro Semester, die Österreich im Jahr 2001 eingeführt hat. Die Uni Linz nimmt dadurch zwar sieben Millionen Euro mehr im Jahr ein, ihr Etat wurde dafür aber um 2,5 Millionen gekürzt.

Wir investieren "nicht aus Sentimentalitätsgründen" in Österreich

Wer sich als Student die Gebühren verdienen muss, findet in Österreich aber relativ leicht einen Ferienjob. Zum Beispiel bei Wolf-Dietrich Schulz. Schulz ist ein bulliger Typ: blaues Businesshemd, hochgekrempelte Ärmel, Bürstenhaarschnitt. Der 52-jährige Deutsche war lange Zeit bei Opel in Rüsselsheim beschäftigt, heute ist er Produktionschef bei Magna Steyr in Graz, Österreichs größter Autofabrik. Die Werkshallen sind blitzblank, und die Endmontage läuft automatisiert wie bei den großen Fabriken in Deutschland. Kein Wunder: Magna baut für BMW, Daimler Chrysler und Saab komplette Fahrzeuge, und Schulz ist dafür zuständig, dass genau so viele Arbeiter am Band stehen, wie Magna für die aktuelle Fertigung braucht. Dazu beschäftigt er 8000 Festangestellte und rund 1000 Leiharbeiter, großteils Studenten aus Graz.

Vor zwei Jahren hat Magna erst 118.000 Autos gebaut, im vergangenen Jahr waren es 227.000. Die Zahl der Mitarbeiter verdoppelte sich in den vergangenen fünf Jahren fast, der Gewinn kletterte im abgelaufenen Jahr um 320 Prozent. Es gibt nur wenige Firmen, die so stark wachsen. Magna-Chef Sigi Wolf, 47, sagt, dass man "nicht aus Sentimentalitätsgründen" in Österreich investiere, sondern weil die Facharbeiter hier sehr gut ausgebildet seien und man sich mit den Gewerkschaften immer einigen könne.

Einerseits redet Wolf wie ein typischer Arbeitgeber, wenn er die Lockerung des Kündigungsschutzes in Deutschland fordert. Andererseits sagt Wolf Sätze, die man zuletzt wohl in der DDR gehört hat: "Jeder Mensch hat ein Recht auf Arbeit. Das sollten sich die Manager mal hinter die Ohren schreiben." Auf ihre Weise sind der "Sigi" und sein Oberboss "Fränk" Stronach typische Unternehmer: Sie haben gute Kontakte in die Politik, auch zu Gewerkschaften, und den Mitarbeitern gegenüber präsentiert man sich am liebsten als Patriarch. An diese Art musste sich der Deutsche Schulz erst gewöhnen: "Wer die Devise ,Gewinne werden geteilt" akzeptiert, kann mit den Gewerkschaften über fast alles verhandeln."

Obwohl Graz nur 30 Kilometer vom billigen Slowenien entfernt liegt, würde der deutsche Manager niemals vorschlagen, die Produktion dorthin zu verlagern. "In der Autoindustrie liegt der Lohnkostenanteil bei zehn Prozent. Selbst wenn ich die Mitarbeiter um 20 Prozent drücken könnte, würde ich an den Gesamtkosten nur zwei Prozent sparen." Für zwei Prozent legt man sich in Österreich aber nicht mit der Gewerkschaft an.

Selbst der Präsident der Wirtschaftskammer, Christoph Leitl, redet von den Gewerkschaften stets nur als seinen "Partnern". Leitl, 56, hat in Österreich etwa die Funktion, die Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt in Deutschland hat. Er präsentiert sich gut gelaunt an diesem Morgen, greift beherzt in die Obstschale in seinem Büro und muss gleich mal ein Bonmot loswerden: "Kennen Sie den Unterschied zwischen Deutschland und Österreich? Die Deutschen leben, um zu arbeiten. Die Österreicher arbeiten, um zu leben." Gut, der Spruch ist alt, und eigentlich hat man ihn bisher über Franzosen und Deutsche erzählt. Aber Leitl findet's sehr komisch. Er erzählt amüsiert weiter, wie er vor kurzem einen Vortrag in Frankfurt hielt und danach in der Zeitung stand: "Das hat gerade noch gefehlt: Ein Österreicher macht uns Mut." "Haha!"

In Deutschland hält man nicht viel von Kungelrunden der Sozialpartner

Drei Tage später trifft sich Leitl in der "Coffee Lounge" mit Bundeskanzler Schüssel und dem Gewerkschaftsboss Fritz Verzetnitsch auf einen kleinen Kaffee. Als wären sie x-beliebige Geschäftsleute, kaum beobachtet von Passanten, sitzen der oberste Gewerkschafter der Republik, der Regierungschef und der Arbeitgeberpräsident zusammen, um Arbeitsmarktfragen abzustecken. In Deutschland hält man nicht mehr viel von solchen Kungelrunden der Sozialpartner. In Österreich sind sie effektiv: So einigten sich die Beteiligten vor zwei Jahren, die Lohnnebenkosten für ältere Mitarbeiter zu reduzieren. Frauen ab 56 Jahren und Männer ab 58 müssen seit Anfang vergangenen Jahres keine Beiträge mehr zur Arbeitslosenversicherung zahlen. Mit dem 60. Lebensjahr fallen noch mehr Beiträge weg. Die Arbeitgeber sparen damit bei älteren Mitarbeitern 9,6 Prozent des Lohnes, die 60-Jährigen selbst sparen drei Prozent. Leitl: "Wenn wir wollen, dass die Menschen später in Pension gehen, müssen wir ältere Menschen für die Betriebe auch so attraktiv machen, dass sie nicht arbeitslos werden."

Womit wir bei einem der größten Unterschiede zwischen Deutschland und Österreich wären: der Arbeitslosigkeit. Früher hieß die zuständige Behörde auch in Österreich Arbeitsamt, seit 1994 nun Arbeitsmarktservice (AMS). Heute gehört Österreich zu den Ländern in der EU mit der niedrigsten Arbeitslosenquote überhaupt, das Bundesland mit der geringsten Quote innerhalb des Landes ist Tirol. In der Landeshauptstadt Innsbruck waren im Mai rund vier Prozent arbeitslos.

Wer jemals ein deutsches Arbeitsamt besucht hat, wird überrascht sein, wie freundlich es in Innsbruck zugeht. Vermutlich liegt das auch an Thomas Netzer, 45. Von seinem Büro aus blickt der Arbeitsamtsleiter auf die 2400 Meter hohe Nockspitze, auf die er gelegentlich wandert. Das Bild hinter seinem Schreibtisch zeigt illegale albanische Erntehelfer in Kalabrien. Netzer sagt, er brauche gelegentlich den Blick auf das Fremde, um aus dem Gewohnten herauszukommen. Der studierte Psychotherapeut und Bauingenieur leitet das Arbeitsamt seit sechs Jahren ziemlich eigenständig: Er bekommt jährlich ein festes Budget und zehn "Zielwerte", die er erreichen muss. Dazu gehört dieses Jahr zum Beispiel, die Zahl der Langzeitarbeitslosen nicht über 2,5 Prozent wachsen zu lassen, mindestens 735 junge Leute in einen Qualifizierungslehrgang zu vermitteln und bei 9080 Stellenbesetzungen aktiv mitzuwirken. Wie er diese Ziele mit seinem Budget erreicht, bleibt ihm überlassen. Er muss selbst abwägen, wie viel Geld er in Weiterbildungskurse steckt und welche Summen er Firmen anbietet, damit sie ältere Arbeitlose einstellen.

"Aber für Kellner hätt ich sofort was frei"

Netzer besucht regelmäßig Freunde in Deutschland, aber von den Arbeitsmarktreformen dort hält er nicht viel. "Ich- AGs oder Zeitarbeits-Agenturen bringen nicht viel", sagt er. "Mich wundert, dass so hochqualifizierte Manager wie Peter Hartz glauben, damit die Massenarbeitslosigkeit beseitigen zu können." In Österreich werden Langzeitarbeitslose zudem besser ausgestattet: Das Arbeitslosengeld beträgt 55 (mit Familie 60) Prozent des letzten Nettolohns und wird bis zu zwölf Monate lang bezahlt. Die Empfänger müssen nur solche Jobs annehmen, bei denen sie mindestens 80 Prozent des früheren Gehalts verdienen. Nach einem Jahr droht nicht Hartz IV, sondern "Notstandshilfe", die 95 Prozent des zuvor erhaltenen Arbeitslosengelds beträgt. Erst jetzt muss man jeden Job annehmen - theoretisch. Tatsächlich aber können viele Stellen in Tiroler Hotels und Gaststätten nicht besetzt werden, weil den Einheimischen die Bezahlung zu gering erscheint. Dabei werden dort keineswegs Dumpinglöhne gezahlt. Denn, weiterer Vorteil: Es gibt in Österreich einen faktischen Mindestlohn, weil jedes Unternehmen den Tariflohn zahlen muss - auch Firmen, die osteuropäische Billiglöhner anheuern. Kein Arbeitgeber kann aus dem Tarifvertrag ausbrechen. In Deutschland hingegen kann ein Unternehmen Schlachter aus Polen zu Dumpinglöhnen beschäftigen und die alte Belegschaft feuern.

Weil der AMS Innsbruck keine Einheimischen mehr fand, die in Hotels arbeiten wollen, knüpfte man vor fünf Jahren Kontakt zu den deutschen Arbeitsämtern Gera und Jena. Netzers Mitarbeiter Helmut Entner, 53, fährt immer noch regelmäßig nach Thüringen, um Arbeitslose für Jobs in Tirol anzuwerben. "Vor 2000 haben wir Leute aus Skandinavien geholt", erinnert sich Entner. Aber die Ostdeutschen "sprechen deutsch und denken nicht dauernd nur ans Skifahren".

Auf Entners Schreibtisch liegen auch Mappen mit der Aufschrift "Halle" und "Stralsund". Für die Küche nehmen Hotels zwar lieber Tschechen und Ungarn, weil die Deutschen oft nur Fertigprodukte kennen. "Aber für Kellner hätt ich sofort was frei." Wie viele offene Stellen gibt es im Moment? Entner tippt in seinen Computer und hat das Ergebnis in Sekunden. "Im Tourismus hab ich 199 Stellen." Wer jetzt immer noch zögert, für den legt Entner nach: "Es gibt auch 90 Stellen mit kostenlosem Quartier. Da können Sie morgen anfangen."

Markus Grill / print