Die Opel-Krise Wie Opel und GM gerettet werden sollen


Milliardenbürgschaften, Riesenkredite, Staatsbeteiligungen: Die Rettung des US-Autokonzerns General Motors und seiner Tochter Opel wird teuer. Aber was genau ist geplant? Und welche Rolle spielen die Regierungen dies- und jenseits des Atlantiks? Wir geben Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Es waren lange Sitzungen und hitzige Diskussion, die im Hotel Adlon und im Bundeskanzleramt abgehalten wurden. Das Ergebnis: Opel scheint vorerst gerettet und wird aus dem Mutterkonzern General Motors herausgelöst. GM meldete am Montag in New York wie erwartet Insolvenz an. Die amerikanische Regierung wird neuer Mehrheitseigner.

Mit staatlichen Bürgschaften, neuen Investoren und massiven Sparplänen soll der völlige Kollaps der beiden Unternehmen verhindert werden. Bereits am Dienstag erhielt Opel einen staatlichen Überbrückungskredit in Höhe von 300 Millionen Euro. Die US-Regierung will GM mit weiteren 30 Millairden Dollar unter die Arme greifen.

Aber wie groß sind die Chancen einer erfolgreichen Rettung? Was will Russland mit Opel? Wie viel Geld wird eine Sanierung kosten? Wir beantwortet die wichtigsten Fragen zur Krise von General Motors und Opel.

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Warum ist General Motors so abgestürzt?

Aufstieg und Niedergang des US-Autoriesen General Motors lassen sich in drei Buchstaben zusammenfassen: SUV. Mit Geländewagen und anderen hochmotorisierten Modellen machte der Konzern jahrzehntelang fette Gewinne und den Konzern zum größten Autobauer der Welt. Ende des 20. Jahrhunderts leiteten die Spritschlucker dann aber auch den Untergang ein. Der Konzern verpasste im Glauben an die Großkarossen die Entwicklung sparsamer Zukunftsmodelle. Damit setzte eine Abwärtsspirale in Gang, die das Unternehmen in die Insolvenz getrieben hat.

Schon in den 1980er Jahren begann der schleichende Niedergang. Ausländische Konkurrenten wie Toyota ließen sich in den USA nieder und nahmen den amerikanischen Herstellern Marktanteile ab. Die Japaner produzierten billiger und trieben parallel zu Geländewagen auch den Bau zukunftsfähiger Hybrid-Fahrzeuge voran. Als der Benzinpreis in den USA vergangenes Jahr über die Marke von vier Dollar pro Gallone (rund 3,8 Liter) sprang, stieg die Nachfrage nach dem Hybridmodell Prius derart, dass Toyota mit der Auslieferung nicht mehr hinterherkam. Gleichzeitig lösten die Japaner GM nach 77 Jahren als weltgrößten Hersteller ab.

Auch nach dem Öl- und Benzinpreisrückgang der vergangenen Monate konnte GM das Ruder nicht mehr herumreißen. Wegen Überkapazitäten verbrennt der Konzern jeden Monat Milliarden und muss von der US-Regierung künstlich am Leben gehalten werden. Seit Anfang 2005 fuhr der Hersteller Verluste von insgesamt 88 Milliarden Dollar ein, allein 2008 betrug das Minus 30,9 Milliarden Dollar.

Was passiert mit General Motors durch die Insolvenz?

General Motors, einst größter Autobauer der Welt und noch Mutterkonzern von Opel, hatte am Montagnachmittag Insolvenz eingereicht und Gläubigerschutz nach Chapter 11 des US-Rechts ersucht. Mit einem solchen gerichtlichen Verfahren können US-Unternehmen zunächst geschützt vor Gläubigern weiterarbeiten, Ballast abwerfen und sich so womöglich sanieren. Das Problem dieser Variante des US-Insolvenzrechts: Sie kann sich über Monate oder gar Jahre hinziehen. Diese Zeit hat GM nicht - und Opel genauso wenig.

Präsident Barack Obama will bei GM deshalb ein wohl höchstens 60 bis 90 Tage dauerndes "chirurgisches Insolvenzverfahren" durchziehen. Bei dem Schnelldurchgang ("quick-rinse-bankruptcy") sollen Rahmenbedingungen der Sanierung - etwa Finanzierung, Schuldenabbau, neue Eigentümer - schon zuvor für den Insolvenzrichter festgelegt sein, damit es dann ganz fix geht.

Im Zentrum soll die rasche Übernahme (Paragraf-363-Verkauf) des um Altlasten bereinigten Herstellers durch Regierung, Gewerkschaft und Gläubiger stehen. Dazu wird der Konzern in einen "guten" und einen "schlechten" Teil aufgespalten. Der als lebensfähig erachtete Kern mit Marken wie Chevrolet und Cadillac soll die Insolvenz rasch wieder verlassen. Die Altlasten würden schrittweise entsorgt oder wie etwa die Marke Hummer verkauft.

Größte Verlierer sind die Investoren. Nur wenigen Banken besitzen gesicherte Ansprüche, der größte Teil hat Unternehmensanleihen von General Motors gekauft. Diese müssen sie jetzt gegen eine Beteiligung an GM tauschen, ohne wirklich zu wissen, wie erfolgreich die geplante Sanierung sein wird.

In einem ersten Schritt erhalten die Gläubiger eine Beteiligung von zehn Prozent, diese kann jedoch im Verlauf auf bis zu 25 Prozent aufgestockt werden. Die Gewerkschaften werden mit 17,5 Prozent beteiligt und die kanadische Regierung erhält 12,5 Prozent. Die restlichen 60 Prozent hält die US-Regierung.

Welche Rolle spielt die US-Regierung?

Kritiker bezeichnen General Motors mittlerweile schon als "Government Motors". Nicht ohne Grund, wird doch die Regierung in Washington künftig mit 60 Prozent an dem einstmals größten amerikanischen Automobilkonzern beteiligt sein. Die US-Regierung wendet noch einmal 30 Milliarden Dollar für die Restrukturierung des Unternehmens auf. GM hat bislang bereits fast 20 Milliarden Dollar Staatshilfe von Washington erhalten.

Unabhängig davon, ob die Rettung des schwer angeschlagenen Konzerns erfolgreich ist oder nicht, die US-Regierung steht vor einem extrem schwierigen Balanceakt. Auf der einen Seite ist sie Eigentümer eines Auto-Konzerns und gleichzeitig dessen Gläubiger. Auf der anderen Seite ist sie aber auch Regulierer und Gesetzgeber für die gesamte Branche. Interessenskonflikte sind da vorprogrammiert.

Das Risiko für US-Präsident Barack Obama ist enorm. Ein endgültiges Aus könnte über GM hinaus Hunderttausende oder sogar mehr als eine Million Jobs weltweit gefährden. GM hat insgesamt mehrere Zehntausend Gläubiger.

Wie will General Motors die Wende schaffen?

Nichts wird mehr so sein wie früher: General Motors steht vor dem größten Umbau in seiner Firmengeschichte und hat diesen auch bitter nötig. In Amerika fiel der Marktanteil im April auf unter 20 Prozent. Zum Vergleich: In den 80ern kam noch fast jedes zweite Auto in den USA von GM. Einem Vermögen von rund 80 Milliarden Dollar stehen Schulden in einer Höhe von 173 Milliarden Dollar gegenüber.

Um der Krise Herr zu werden, soll jetzt massiv gespart werden: Das Händlernetz soll um insgesamt 2600 Händler gekürzt werden - bislang sind es 6000. Von den 46 GM-Werken ist geplant, 14 zu schließen. Allein in den USA werden 21.000 Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz verlieren. Die schwedische Tochter Saab sowie die US-Marken Hummer und Saturn sollen abgestoßen werden - Pontiac wird eingestellt. Es bleiben unter anderem das Flagschiff Pontiac sowie die kleineren Marken GMC, Cadillac und Buik.

Aber: Bei einem weiter steilen Absturz der Absatzzahlen hat GM keine Überlebenschance. 2008 verkaufte der Traditionskonzern 8,35 Millionen Autos, ein Minus von elf Prozent. In den USA brach der Absatz mehr als doppelt so stark auf den niedrigsten Stand seit 50 Jahren ein. Deshalb ist es für den Konzern ernorm wichtig, dass die weltweite Wirtschaftskrise möglichst bald ein Ende findet.

Wie wird die Zusammenarbeit von GM und Opel künftig aussehen?

Die von General Motors herausgelöste Opel-Gesellschaft bekommt vom ehemaligen Mutterkonzern alles, um eigenständig arbeiten zu können. GM bleibt zudem mit 35 Prozent an Opel beteiligt. Für die Nutzung von Know-How und Lizenzen muss Opel jedoch Gebühren an die Amerikaner bezahlen. Zudem bleibt der amerikanische Markt für Opel vorerst geschlossen, gleiches gilt für Kanada und China.

Wie stark muss Opel bluten?

Eine Herauslösung von Opel aus dem amerikanischen Mutterkonzern General Motors wird den Konzern nicht vor drastischen Sparmaßnahmen schützen. Der österreichisch-kanadische Autozulieferer Magna, der ein einem ersten Schritt 20 Prozent an Opel übernehmen will, plant den Abbau von insgesamt 2600 Jobs in Deutschland - insgesamt 11.000 Opel-Mitarbeiter sollen europaweit wegfallen. Keines der vier deutschen Werke in Bochum, Rüsselsheim, Kaiserslautern und Eisenach soll jedoch komplett geschlossen werden.

Wem gehört Opel und wie geht es weiter?

Der Mutterkonzern von Opel, der amerikanische Autokonzern GM, wird nach der Herauslösung nur noch 35 Prozent an der neuen Opel-Treuhandgesellschaft halten. Die Beschäftigten von Opel werden mit zehn Prozent beteiligt, die russische Sherbank erhält 35 Prozent und der österreichisch-kanadische Autozulieferer Magna wird 20 Prozent der Anteile beteiligt.

Das Treuhandmodell soll verhindern, dass Opel durch eine Insolvenz von General Motors in Mitleidenschaft gezogen wird.

Deutschland ist formal nicht an der neuen Gesellschaft beteiligt. Die Bundesregierung wird sich jedoch finanziell massiv engagieren. Staatliche Banken stellen zunächst 1,5 Millionen Euro für die kommenden sechs Monate bereit. Die Hälfte kommt von der KfW, den Rest übernehmen die Landesbanken der Bundesländer, in den Opel mit Standorten vertreten ist. Die Bundesregierung bürgt zudem für Kredite in Höhe von 4,5 Milliarden Euro. Als Sicherheit erhält Berlin Geschäftsanteile an der neuen Firma in Deutschland. Im schlimmsten Fall haftet damit der deutsche Steuerzahler.

Bis Ende Juni soll über diese Vereinbarung ein Vorvertrag abgeschlossen werden. Der endgültige Vertrag soll dann bis Ende September fertig sein. Macht Magna einen Rückzieher, könnte Fiat doch noch zum Zug kommen.

Welches Interesse hat Russland an Opel?

Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin will nach dem Einstieg der staatlichen Sberbank die nationale Autobranche mit dem Rüsselsheimer Konzern anschieben. Opel müsse in die Strategie der Regierung zur Entwicklung der russischen Autoindustrie eingebunden werden, forderte Putin am Montag in Moskau. Auch wenn der Staat kein unmittelbarer Anteilseigner bei Opel werde, begrüße er daher die geplante Beteiligung der Sberbank.

Auch die Sberbank betrachtet den Einstieg bei Opel als Chance für die einheimische Autoindustrie. Opel sei einer der fortschrittlichsten europäischen Auto-Hersteller, sagte Sberbank-Chef German Gref am Samstag dem Fernsehsender "Westi 24". Nach seinen Worten ist es das Anliegen des staatlich kontrollierten Instituts, die russische Automobilindustrie mit der Hilfe des deutschen Unternehmens zu restrukturieren. Der Zuschlag zu einem beispiellos niedrigen Preis sei eine sehr gute Gelegenheit dazu.

Auch der zweitgrößte russische Autobauer GAZ betonte sein Interesse an einem Technologietransfer. Das Unternehmen stehe als industrieller Partner für Opel bereit, sagte die stellvertretende GAZ-Chefin Jelena Matwejewa der Nachrichtenagentur Reuters. Die Vorbereitungen für die Produktion von Opel-Modellen in Russland werde sechs bis neun Monate in Anspruch nehmen. Ihr Unternehmen sei sehr an einer rentablen Auslastung des Werks am Firmensitz in Nischni Nowgorod interessiert. GAZ will sich nicht direkt an Opel beteiligen, wurde von Magna aber ins Boot geholt, um den russischen Markt zu erobern.

Wie geht es Chrysler und Ford?

Zwei der "Big three", wie die drei großen Automobilkonzerne in den USA auch genannt werden, sind insolvent. General Motors und Chrysler. Letzterer hat aber schon einen neuen Besitzer gefunden. In der Nacht zum Montag genehmigte das Insolvenzgericht in New York den Verkauf an den italienischen Wettbewerber Fiat.

In einem ersten Schritt soll Fiat 20 Prozent der Anteile erwerben, die Mehrheit können die Italiener erst dann übernehmen, wenn alle Verbindlichkeiten an die US-Regierung zurückgezahlt worden sind. Die Gewerkschaft UAW bekommt anfangs 55 Prozent - im Tausch für Milliardenforderungen ihres Gesundheitsfonds für Betriebsrentner. Den Rest bekommt der Staat. An die Gläubiger sollen bei dem Verkauf dafür rund zwei Milliarden Dollar fließen. Chrysler steht bei ihnen mit knapp sieben Milliarden Dollar in der Kreide.

Konkurrent Ford versucht derweil, ohne staatliche Hilfe durch die Krise zu kommen. Und das, obwohl der Umsatz des zweitgrößten US-Autobauers in den ersten drei Monaten 2009 um 43 Prozent auf 24,8 Milliarden Dollar einbrach. Mit 1,4 Milliarden Dollar war es für Ford das höchste Minus in einem ersten Quartal seit 17 Jahren. Im Gegensatz zu den beiden Konkurrenten hat es das Unternehmen jedoch geschafft, ein finanzielles Polster aufzubauen. Ende März hatte die Auto-Sparte 21,3 Milliarden Dollar an Barmitteln.


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