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Ukraine-Krieg Wie kommen wir endlich los von Putins Gas? Warum LNG leider kein echter Ausweg ist

Flüssiggas kann mittels spezieller Tankschiffe über große Strecken transportiert werden
Flüssiggas kann mittels spezieller Tankschiffe über große Strecken transportiert werden
© Kiyoshi Ota/Bloomberg / Getty Images
Es ist ein Dilemma: Putin wirft Bomben auf Kiew – und wir finanzieren seinen Krieg durch unseren Energie-Hunger. Gibt es wirklich keine Alternativen zum russischen Gas? Flüssiggas – sogenanntes LNG – könnte ein Ausweg sein. Aber leider nur auf den ersten Blick.

Spätestens nach dem russischen Überfall auf die Ukraine werden die Rufe immer lauter: Deutschland soll alle Erdgas-Importe aus Russland einstellen, um der russischen Kriegsmaschinerie nicht auch noch das Geld für die Bomben auf Kiew zu überweisen.

Bislang schreckt die Bundesregierung vor diesem Schritt zurück. Gebetsmühlenartig wiederholte Wirtschaftsminister Robert Habeck in den letzten Tagen die Befürchtung, dass ein Verzicht auf russisches Gas – anders als beim Erdöl – zu schweren Verwerfungen in der deutschen Wirtschaft führen würde. "Wir reden nicht über individuelle Komforteinschränkungen, sondern von Arbeitslosigkeit und gesamtwirtschaftliche und gesamtgesellschaftliche Schäden schwersten Ausmaßes", so Habeck.

Um sich dennoch so bald wie möglich aus dem Würgegriff Russlands zu befreien, reist Habeck derzeit zu Energielieferanten wie Norwegen und Katar, um die deutschen Energieimporte auf eine breitere Basis zu stellen. Besonders im Blick dabei: das sogenannte Flüssiggas LNG (Liquefied Natural Gas). LNG kommt per Tanker in europäische Häfen und kann von dort aus ins europäische Ferngasleitungssystem eingespeist werden. Nach Angaben der EU-Kommission werden derzeit rund 25 Prozent des europäischen Gasbedarfs von LNG-Importen abgedeckt.

© Loic Venance / AFP

Was ist LNG?

Bei LNG (Liquefied Natural Gas) handelt es sich um Flüssigerdgas. Um es zu erhalten, wird Erdgas von verunreinigenden Stoffen wie Schwefel, Stickstoff und Kohlendioxid getrennt und auf Temperaturen bis -162 Grad gekühlt. Dabei wird das Erdgas flüssig und verringert sich sein Volumen extrem, so dass große Mengen gelagert und mittels spezieller Tankschiffe über weite Strecken transportiert werden können. Die größten LNG-Produzenten sind die USA, die ihr Gas zu großen Teilen mittels des umstrittenen Fracking-Verfahrens gewinnen, Australien und Katar.

Zwar hat sich Bundesregierung langfristig im Rahmen der Energiewende zu einem Ausbau der erneuerbaren Energien und deutlich mehr Energieeffizienz verpflichtet. Schnellstmöglich soll zudem die Umstellung von konventionellem Erdgas auf grünen Wasserstoff oder dessen Derivate wie etwa Ammoniak auf den Weg gebracht werden. Allein: Das hilft nicht dabei, sich aus der aktuellen Abhängigkeit von russischem Gas zu befreien.

Deutschland hat derzeit kein LNG-Terminal

Der Einsatz von Flüssiggas kann zumindest in kleinem Rahmen Abhilfe schaffen. Doch auch dabei tut sich ein gewaltiges Problem auf. Deutschland hat derzeit kein Terminal, an dem das flüssige Gas angelandet und in die deutsche Gasversorgung eingespeist werden kann. 37 solcher Terminals gibt es derzeit in Europa. Deutsche Projekte in Stade, Wilhelmshaven und Brunsbüttel lagen lange Zeit auf Eis, ehe sich Bundeskanzler Olaf Scholz Anfang Februar zu einem beschleunigten Bau bekannte. Doch vor 2026 dürften die beiden geplanten Anlagen in Stade und Brunsbüttel nicht ihren Betrieb aufnehmen. Und auch die Kapazität ist im Vergleich zu den russischen Gas-Importen überschaubar, das Terminal in Brunsbüttel soll etwa acht Milliarden Kubikmeter Erdgas verarbeiten können. Zum Vergleich: Allein über die Pipeline Nordstream 1 strömten im vergangenen Jahr knapp 60 Milliarden Kubikmeter Erdgas von Russland nach Deutschland und weiter nach Europa.

Einmal mehr wird deutlich, in welche verhängnisvolle Abhängigkeit von russischem Gas sich Deutschland in den Jahren der Schröder- und Merkel-Regierungen manövriert hat. "Deutschland hätte vor über zehn Jahren besser ein Flüssiggasterminal gebaut als eine direkte Pipeline nach Russland", moniert die DIW-Energie-Expertin Claudia Kemfert.

Für den Übergang bringen Experten jetzt Spezialschiffe ins Gespräch, die flüssigen Brennstoff vor der Küste wieder in Gas umwandeln können, sodass kein komplett neues Terminal gebraucht wird. Einige dieser sogenannten "Floating Storage and Regasification Units" (FSRU) existieren bereits und könnten gechartert werden. Die Jahresleistung liegt bei rund fünf Milliarden Kubikmeter Gas pro Schiff. Norwegen will Deutschland offenbar mit solchen Spezialschiffen aushelfen. Deutschen Regierungskreisen zufolge geht es um mehrere Schiffe, die der Bund mitfinanzieren werde.

Am weitesten gediehen sind die Überlegungen für den Standort Wilhelmshaven. Laut dem niedersächsischen Umweltminister Olaf Lies (SPD) will man dort eine dieser schwimmenden Gasumwandlungsstationen noch vor dem Winter 2023 in Betrieb nehmen.

Darüber hinaus bliebe nur der Umweg über anderer europäische Terminals, etwa in den Niederlanden, Belgien oder Frankreich. Die Auslastung liegt derzeit bei rund 71 Prozent.

Wo sollen die zusätzlichen LNG-Einfuhren herkommen?

Fraglich ist allerdings, wo und zu welchem Preis die zusätzlichen LNG-Einfuhren herkommen sollen. Andreas Goldthau, Professor für Public Policy an der Uni Erfurt, rechnet im "Handelsblatt" am Beispiel Katar vor: "Katar hat 90 bis 95 Prozent seiner LNG-Produktion langfristig verkauft. Das heißt, dass höchstens zehn Prozent der Mengen auf dem Spotmarkt landen und dort kurzfristig eingekauft werden können." Bei einer Jahresproduktion Katars von gut 100 Milliarden Kubikmetern (bcm) "reden wir also über zehn bcm, die überhaupt zur Verfügung stehen", so Goldthau. "Damit kommt man nicht sehr weit." Ebenfalls nicht mit den 1,4 Milliarden Kubikmetern, die Norwegen ab Sommer zusätzlich nach Europa pumpen will.

Sicher scheint: Ein kompletter Importstop von russischem Erdgas beziehungsweise ein Ende der Lieferungen von russischer Seite ist allein durch den zunehmenden Einsatz von LNG wohl nicht zu kompensieren. Aber LNG kann womöglich Bestandteil eines halbwegs wirksamen Maßnahmen-Mixes sein, um sich aus der fatalen Energie-Abhängigkeit von Russland zu befreien. Harte Einschnitte in der Wirtschaft dürften uns dennoch nicht erspart bleiben.

Quellen: DPA, AFP, "Tagesschau", "Handelsblatt"

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