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Magna-Chef Frank Stronach: Der Magnat

Er hat es tatsächlich vom Tellerwäscher zum Milliardär gebracht: Frank Stronach. Wer ist der Mann, der sich zum Retter von Opel aufschwang?

Von Rolf-Herbert Peters

Wer Frank Stronach sprechen will, muss erst einmal die Begrüßung überstehen. Mit der Kraft des gelernten Werkzeugmachers klammert seine Rechte die Hand des Besuchers. Dabei lächelt er wie ein Schelm, sagt "Grüß Gott" mit breitem amerikanischösterreichischem Akzent, und zählt wie ein Wanderprediger auf, was richtig und falsch läuft unter den Menschen. Er sagt, dass man immer und überall "mit dem Herzen dabei sein muss". Unter seinem schlohweißen Mecki blitzen energiegeladene Augen. 76 Jahre soll er sein? Kaum zu glauben.

Stronach ist der wohl mächtigste Industrielle Österreichs mit Wahlheimat Kanada, Chef des Autozuliefererimperiums Magna International, Milliardär, Mäzen. In seinem Heimatland ist die Ansicht verbreitet, was Stronach anfasse, werde automatisch zu Gold.

In Deutschland war in den vergangenen Tagen die Hoffnung gewachsen, der Mann mit dem goldenen Händchen könne auch hierzulande ein Wunder schaffen und den maroden Autobauer Opel aus dem wirtschaftlichen Elend erlösen. Magna bot neben Fiat und dem Finanzinvestor RHJ International um das Traditionsunternehmen. Die Opelaner, General Motors, die IG Metall, die meisten SPD-Politiker, allen voran Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier, aber auch Hessens CDU-Ministerpräsident Roland Koch favorisierten Stronach. Zunächst hatte er seinen Europachef und Kronprinzen Siegfried Wolf vorgeschickt und, als Stimmungsmacher, den früheren österreichischen Kanzler und heutigen Magna-Aufsichtsrat Franz Vranitzky. Am Sonntag dann machte der Milliardär sich selbst auf den Weg nach Berlin, warb bei der Kanzlerin persönlich für sein Konzept und verbrachte mit Steinmeier abends vier Stunden im Hotel Adlon. Nach dem Treffen zeigte sich sogar Angela Merkel angetan von Stronachs Offerte, gemeinsam mit der russischen Sberbank 55 Prozent zu übernehmen, 35 Prozent bei GM zu belassen und 10 Prozent den Mitarbeitern zu übergeben; das nötige Wachstum soll der russische Markt bringen, die Bundesrepublik im Gegenzug rund viereinhalb Milliarden Euro Bürgschaften beisteuern. Ein Streitpunkt blieb, wer für die Betriebsrenten der Opelaner geradestehen soll.

Weisheiten aus der Heimat

Es liegt wohl an Stronachs Herkunft, dass so viele Opel- Anhänger in ihm einen weißen Ritter vermuten - obwohl ihn kaum jemand näher kennt. Wer mit ihm spricht, bekommt viele schlicht anmutende Weisheiten zu hören. "Dinge müssen einfach sein", sagt er, "zu viel Nachdenken verkompliziert die Welt nur." Wo immer man ihm ein Mikrofon unter die Nase hält, formuliert er Sätze wie: "Es ist leichter, glücklich zu sein, wenn man ein bisserl Geld besitzt." Oder: "Unternehmen müssen sehen, was sie der Gesellschaft geben können."

Die Wiege solcher Erkenntnisse steht in der Steiermark. Zwei Autostunden südwestlich von Wien führt eine Landstraße in sanften Kurven hinauf nach Kleinsemmering. Hier wurde Stronach geboren. Das Aufregendste an dem Dorf sind die üppigen Geranien an den Balkonen. Eine Kirche, eine Raiffeisenbank, blitzblanke Häuser, null Tourismus. Bürgermeister Johann Kern sagt: "Die Menschen hier sind Sturschädel, verbissene Kämpfer, die konsequent ihren Weg gehen."

Stronach ist vielleicht noch ein wenig verbissener, sturer, konsequenter, weil er von ganz unten kommt. Buchstäblich. Er erblickte nicht oben im Dorf zwischen den Geranien das Licht der Welt, sondern in einer Barackensiedlung unterhalb von Kleinsemmering. Dort, in der "Kolonie", hausten Bergarbeiter. Franz Strohsack, so hieß er damals, war ein Schmuddelkind, mit dem man nicht spielte. Heute haben die Dorfbewohner das weitgehend verdrängt. Man verehrt ihn - heiliger Strohsack! "Der Bub ist sogar hier getauft worden", sagt die Watzl Aloisia, Jahrgang 1925, die ihn schon damals kannte.

Kindheit und Familie

Es lief zunächst wenig glatt in seinem Leben. Die Mutter, die Gelegenheitsarbeiterin Liesl Strohsack, ließ den Vater ihres Kindes als "unbekannt" ins Taufbuch eintragen. In Wahrheit hieß er Toni Adelmann und war aktiver Kommunist, wetterte verbissen gegen Pfaffen und Aristokratie. Ein gefährlicher Kampf in einer Region, deren Einwohner gerade reihenweise vom Herrgott zu Hitler überliefen. Später wurde Adelmann von der deutschen Wehrmacht zum Tode verurteilt, konnte aber entkommen. Die Erinnerungen an den Vater sind verblasst. "Ich glaube, er war ein tapferer Mann", sagt der Sohn.

Nach dem Krieg zog der junge Bursche mit Mutter, Stiefvater und Geschwistern ins benachbarte Städtchen Weiz. Mutter Liesl arbeitete bei der Elektrofabrik Elin und bekam eine Werkswohnung zugesprochen. Franz, den Freunde "Stroxi" riefen, absolvierte die Hauptschule. Die Familie baute sich ein bescheidenes Idyll auf. Hinter dem Haus hielt sie ein Schwein, für das die Mutter nach der Schicht mit einem Bollerwagen Speisereste in der Stadt einsammelte. Im Herbst 1946 fing Franz als Lehrling bei Elin an. Das Schmuddelkind durfte Werkzeugmacher werden - der Ritterschlag für einen wie ihn.

Mit 22 Jahren packte den jungen Mann die Abenteuerlust. Er wollte weg aus der kleinbürgerlichen Enge, ganz weit weg, fragte an bei Botschaften in aller Welt, wo er zu gebrauchen sei. Als Erstes antwortete Kanada. Bald darauf heuerte er mit seinem Freund Toni Czapka auf einem Überseedampfer in Rotterdam an. Reise dritter Klasse, Kohle schaufeln inbegriffen. Mit einer Handvoll Dollar und Stotterenglisch stiegen sie im Hafen von Quebec aus. Seinen Namen amerikanisierte Franz zu "Fränk Stronnäck". Sein erster bezahlter Job: Tellerwäscher in einem Krankenhaus von Waterloo. Vom Tellerwäscher zum Milliardär: Manchmal produziert das Leben wahre Klischees.

Märchenhafte Erfolgsgeschichte

In einer Garage, natürlich, gründete Stronach seine erste Werkstatt namens Multimatic Investments. Mit einem 1000-Dollar-Kredit kaufte er eine Drehbank und andere Maschinen. Der erste dicke Auftrag kam ausgerechnet von General Motors, der Opel-Mutter. Sie orderte metallene Aufhängungen für Sonnenblenden im Wert von 30.000 Dollar. Sieben Tage pro Woche schufteten die Auswandererbuben. 1969 verschmolz Multimatic mit der börsennotierten Firma Magna Electronics, die Flugzeugteile, Industriekomponenten und Rüstungsgüter produzierte. Das neue Unternehmen bildete das Fundament von Stronachs Imperium, das heute rund 70.000 Mitarbeiter in 326 Betrieben in 25 Ländern zählt und 2008 rund 18 Milliarden Euro umsetzte.

Magna ist einer der unbekanntesten Großkonzerne der Welt: 35 Fabriken stehen in Deutschland, aber wer kennt sie schon? Dabei gibt es kaum einen namhaften Automobilhersteller, den Stronach nicht mit Sitzen, Schlössern oder Antriebssträngen beliefert. 1998 übernahm er den österreichischen Traditionskonzern Steyr-Daimler-Puch. Seitdem ist er selbst ein kleiner Fahrzeughersteller, fertigt komplette Modellreihen wie die Mercedes G-Klasse oder den BMW X3. Zum Hauptaktionär Opels wollte er dennoch nicht werden, der Magna-Anteil sollte sich nach dem Angebot aus der vergangenen Woche auf 20 Prozent beschränken - schon um den Schein zu wahren: "Wir wollen doch nicht Konkurrent unserer eigenen Kunden werden."

Was nicht heißt, dass er anderen das Steuer überlässt. Stronach ist zwar offiziell nur noch Aufsichtsratsvorsitzender von Magna, den Vorstandsvorsitz hat sein Ex- Schwiegersohn Donald J. Walker inne. Auf der Rückbank sieht er sich aber nicht. "Wer das Gold hat, macht die Regeln. Und ich habe das Gold", lautet eines seiner hausgemachten Gesetze. Seine Manager akzeptieren das - oder gehen. "Wer mit ihm auskommen will, muss ihn allein glänzen lassen. Er ist der Held", erzählte ein langjähriger Weggefährte Stronachs Biografen. Doppeldeutiger Titel des Buchs: "Let's be Frank" - seien wir aufrichtig.

Strenger Patriarch

Kapitalismus und Arbeiterinteressen bilden bei Stronach keinen Gegensatz: "Für Arbeiter bin ich sehr sensibel. Ich war ja selbst mal einer." Ohne Arbeiter kein Profit, auch das zählt zu seinen einfachen Wahrheiten. Was sozial ist, hat er in einer "Magna Charta" festgeschrieben. Jeder Mitarbeiter erhält sie bei der Einstellung. Auch die Aufteilung der Gewinne folgt strengen Regeln: 20 Prozent vom Profit für die Aktionäre, 10 für die Arbeiter, 7 für die Forschung, 6 für das Management, 2 für Sport und Kultur. Der Rest bleibt im Unternehmen: "Ich denke laufend nach, wie ich das Herz der Arbeiter gewinnen kann", sagt er mit der Überzeugung des Schäfers, der zu wissen glaubt, was für seine Herde am besten ist.

Bockige Betriebsräte mag der Patriarch dabei überhaupt nicht - auch wenn er in langen Jahren als Unternehmer gelernt hat, sich mit ihnen zu arrangieren. "Keine Regierung, keine Gewerkschaft kann eure Arbeitsplätze sichern", schwört er die Belegschaft immer wieder ein. "Die beste Sicherung ist, wenn wir, das Management und die Arbeiter, zusammenarbeiten." Das scheint zu wirken. Im Magna-Reich gab es noch nie einen Arbeitskampf. "Streiks sind ein Mittel der Steinzeit", sagt Stronach und schüttelt fast angewidert den Kopf. Man könne sich doch immer einigen, meint er milde. Dass dies dann meist zu seinen Bedingungen geschieht, sagt er nicht. Eine spannende Frage ist, wie der treu sorgende Patriarch Stronach mit dem in der Krise äußerst selbstbewusst gewordenen Opel- Gesamtbetriebsratschef Klaus Franz klarkommen würde. Der ist nämlich auch zutiefst davon überzeugt, dass er weiß, was für seine Schäfchen am besten ist.

Stronachs Handschlag zählt, sagen Geschäftspartner. Sie bewundern seine zupackende Art. Dem Zufall würde der Unternehmer aber nichts überlassen. Das galt auch für sein Privatleben. Als er sich alt genug fühlte, eine Familie zu gründen, reiste er in die Steiermark, um eine Frau zu finden und mit ihr zwei Kinder zu zeugen. Eine Kanadierin zu heiraten schien ihm zu riskant: Was, wenn er eines Tages wieder nach Österreich zurückkehren wollte? Mit seinem fünfeinhalb Meter langen Pontiac Parisienne, schwarzer Lack, rote Sitze, cruiste er durch Weiz - und eroberte am Ende die kleine Schwester eines Freundes. Ehefrau Elfriede, das rund zehn Jahre jüngere "Friederl", ist heute noch "sehr, sehr stolz" auf ihn. Und auf ihre - wie geplant - zwei Kinder Belinda und Andy.

Anwesen mit Sissi-Charme

Der Clan lebt auf einem rund 250 Hektar großen Gelände in Aurora, 50 Kilometer vor den Toren Torontos. Hier steht auch die Firmenzentrale. Alles ist picobello gepflegt, alles ein bisschen übertrieben. Vor der großen Freitreppe plätschert ein üppiger Brunnen, das Hausmobiliar vermittelt Sissi-Charme, ein riesiger Golfplatz und die Pferdeställe wirken geziert wie aus dem Heimatfilm.

Regelmäßig geraten die Stronachs in die Schlagzeilen. Frank etwa, wenn die britische Königin ihm persönlich zum Sieg eines seiner 1500 Rassepferde gratuliert. 1988 erlebte er seine düstersten Stunden. Da wollte er für die Liberalen ins kanadische Parlament einziehen - und ging bei den Wahlen fürchterlich baden. Tochter Belinda, 43, zwei Kinder, zwei Scheidungen, wurde gar eine Affäre mit Bill Clinton zugeschrieben. Über Jahre führte sie den Magna-Konzern und wurde 2005 von Kanadas Premierminister Paul Martin zur Ministerin für Staatsbedienstete berufen.

Eine Kopie seines amerikanischen Traums hat Stronach in Oberwaltersdorf bei Wien aus dem Boden gestampft. Wer die kleine Brücke neben dem Wasserfall zum Wohnpark Fontana überschreitet, findet sich in einem Beverly-Hills-Mikrokosmos wieder: Tulpeninseln, künstliche Seen, geleckte Straßen. In einem mächtigen Palast residiert Siegfried Wolf, Magnas Europastatthalter und Stronachs Kronprinz. Ein Steirer wie Stronach, voller "Demut und Bodenhaftung", wie er von sich selbst behauptet. Andere betonen seine ausgeprägte Bauernschläue. "Frankies Boy" rufen sie ihn in der Firma - weil er in Treue zu Stronach steht wie Graf Andrássy zu Kaiser Franz.

Stronachs Geschäftsphilosophie

Sollte Stronach trotz Favoritenrolle am Ende bei Opel nicht zum Zuge kommen, liegt es vielleicht auch an seiner Aufsteigerbiografie, die ihn gelehrt hat, das Geld zusammenzuhalten. Arbeitsplätze zu garantieren, um Politikern zu gefallen, ist nicht sein Ding: "Wir müssen Profit machen. Nur eine gesunde Firma trägt zu einer ausbalancierten Gesellschaft bei." Auch der Magna-Umsatz ist mit der Krise eingebrochen, Stellenabbau und Kurzarbeit sind Alltag. 2500 Opelaner, so hieß es im ersten Magna-Konzept, seien in Deutschland überflüssig.

2007 stand Stronach schon einmal kurz davor, einen Autohersteller zu kaufen: Er wollte Daimler von Chrysler erlösen. Als ihm die Bedingungen zu schlecht wurden, ist er im Bieterkampf ausgestiegen. Chrysler ist heute pleite. Stronach weiß, dass sich durch Anfassen allein nichts zu Gold verwandeln lässt.

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