Steve Jobs lenkt seine Firma Apple immer weiter raus aus der Computerecke. Er will Märkte aufrollen. Jetzt legt er sich mit den Nokias und den Motorolas dieser Welt an. Die Technik-Branche schaut gebannt, ob Apple mit dem iPhone noch einmal ein Coup wie beim iPod gelingt. Von Thomas Borchert

Apple-Chef Steve Jobs und sein großer Hoffnungsträger© Kimberly White/Reuters
Er kommt. Wie immer im schwarzen Rollkragenpulli, mit Jeans und Turnschuhen. Er sagt kein Wort, tritt nur auf die Bühne. Aber die Menge tobt schon vor Begeisterung. Dann beginnt die Steve-Jobs-Show. Der Apple-Chef lässt die Superlative von der Leine: Sein iPod ist der "erfolgreichste Musikspieler der Welt, mit weitem Abstand", der iMac "der schönste Computer der Welt" und die Apple-Software OS X "das fortschrittlichste Betriebssystem der Welt". Aber eigentlich ist völlig egal, was er sagt - die Zuschauer klatschen und jubeln, als wäre er ein Rockstar. Oder ihr Heiland. Wie eine Sekte feiern sie die zwei, drei Auftritte, die ihr Idol ihnen pro Jahr gewährt.
Bei seiner letzten großen Präsentation war Jobs in Bestform: "Heute werden wir zusammen Geschichte schreiben", sagte er in die knisternde Spannung im Saal hinein. "Auf diesen Tag habe ich zweieinhalb Jahre gewartet. Denn ab und zu kommt ein revolutionäres Produkt auf den Markt, das alles verändert..." Dann kündigte Jobs gleich drei an. Erst einen Breitbild-iPod. Johlen aus dem Publikum. Dann ein Mobiltelefon. Johlen und Trampeln. Und ein "bahnbrechendes Internet-Kommunikationsgerät". Stürmischer Applaus. Er grinste schelmisch und sagte: "Habt Ihr's begriffen? Hier geht es um ein einziges Gerät." Und er nannte es iPhone, das Handy von Apple. "Heute wird Apple das Telefon neu erfinden", versprach Jobs. Und das soll vor allem so gehen: Das iPhone hat nur noch einen Knopf - zum Ein- und Ausschalten. Die übrige Bedienung erfolgt mit den Fingern über den berührungsempfindlichen Bildschirm, der fast die gesamte Vorderseite einnimmt.
Jetzt ist es so weit: Am Freitag kommt das Apple iPhone in den USA auf den Markt. Schon vorher ist klar, dass die Marketing-Maschine von Apple bestens funktioniert hat: Seit der Ankündigung verging keine Woche ohne eine Meldung über irgendeine Eigenschaft des Handys in den Medien: wie lange die Akkus halten, wie hell das Display leuchtet, wo es ab Freitag am besten zu kriegen ist, wie lang die Wartelisten sind - alles eine Nachricht oder zumindest ein Gerücht im Internet wert.
Zehn Millionen Exemplare will Apple bis Ende kommenden Jahres verkaufen, das wären ein Prozent des weltweiten Handymarkts. Doch schon jetzt ergeben Umfragen, dass 19 Millionen Amerikaner starkes Interesse am iPhone haben - obwohl sie wissen, dass es mindestens 500 Dollar kostet. Und zwei Drittel der Interessenten sind sogar willens, zum Mobilfunk-Anbieter AT&T zu wechseln - denn nur mit dessen Vertrag gibt es das Apple-Handy. Inzwischen ist klar: Wer in den USA mit dem iPhone von Apple telefonieren will, wird dafür in zwei Jahren mindestens rund 2000 Dollar (etwa 1480 Euro) ausgeben müssen. Frühestens Ende dieses Jahres kommt das iPhone in Europa in den Handel, bei welchem Mobilfunk-Anbieter ist noch unklar.
Jenseits der Großspurigkeit des Chefs und des Fanatismus vieler Apple-Kunden markiert das iPhone die Strategie von Apple: Steve Jobs lenkt seine Firma immer weiter raus aus der Computerecke. Er will Märkte aufrollen. Mit dem Musikplayer iPod ist ihm genau das gelungen: Dessen weiße Ohrstöpsel-Kopfhörer sind das Statussymbol einer ganzen Generation geworden. Der iPod ist für das neue Jahrhundert das, was Sonys Walkman in den Achtzigern war: das coole Technikspielzeug, das jeder haben will. Jetzt legt sich Jobs mit den Nokias und den Motorolas dieser Welt an. Und die Technik-Branche schaut gebannt, ob ihm noch einmal ein Coup wie beim iPod gelingt.
Im PC-Geschäft lebt Apple seit Jahrzehnten am Rande der Bedeutungslosigkeit - nach Verkaufzahlen: 2,6 Prozent Marktanteil weltweit erreichen die Computer mit dem Apfel-Logo derzeit, ein Höchststand seit Jahren. Zwar brachte die Firma in den siebziger Jahren mit dem "Apple II" den ersten brauchbaren PC heraus. Doch das ist lange her. Ebenso wie der erste Macintosh-Rechner 1984, mit dem Apple die Computerbedienung mit Maus, Menüs und Fenstern zwar nicht erfand, aber als erstes populär machte. Seit Jahrzehnten beherrscht der auf einem Entwurf von IBM beruhende PC mit Microsoft Windows den Markt: Bei 92 Prozent und mehr liegt sein Anteil. Bill Gates wurde so zum reichsten Mann der Welt - und zu Jobs' ewigem Gegenspieler.
Doch Marktanteile verraten nur einen Teil der Geschichte: Denn Apple verkauft viel mehr als Computer. Apple verkauft ein Lebensgefühl. Hartmut Esslinger, Designer der ersten Apple-Rechner, erklärt: "Früher war man schon froh, wenn Technik überhaupt funktionierte. Heute, wo sie jeden Winkel des Alltags durchdringt, zählt das, was Steve Jobs schon immer wichtig war: Eleganz, einfache Bedienung und Sex-Appeal. Einfach nur ein Produkt verkaufen - das genügt nicht."
Bestens beobachten lässt sich das Phänomen Apple mittags um halb zwölf im Café Sankt Oberholz in Berlin-Mitte. Junge Menschen im betont lässigen Look sitzen auf Flohmarktmöbeln und starren auf Bildschirme. Hier brummen drei Dutzend Laptops leise vor sich hin - Dreiviertel sind von Apple. Das Funk-Internet ist gratis. Milchkaffee, frisch gepresste Säfte und Bagel gibt es per Selbstbedienung an der Theke. Hier trifft sich die "digitale Bohème", wie sie sich selbst gerne nennt: Praktikanten, freischaffende Designer und Autoren.

Adman Yildiz und Esther Lu machen sich's mit ihren Macbooks im Berliner Café Sankt Oberholz gemütlich© Heinrich Völker/Ostkreuz
Daniel West, 25, ist erst vor einer Woche aus London nach Berlin gezogen. Er schreibt als freier Journalist über Mode, Musik und Kunst. "Mein Mac ist wie ein Haus, in dem ich lebe. Die Programme sind wie einzelne Räume, die ich nutze", erklärt er. Die norwegische Journalistin Julie Fjeldstad, 28, schneidet auf einem kleinen, ramponierten PowerBook einen Film. Ein Apple ist für die junge Frau der ideale Rechner für Menschen, "die nicht wirklich wissen wollen, wie die Kiste funktioniert." Adnan Yildiz aus Istanbul, 27, und Esther Lu aus Taipeh, 29, sind in ein gestenreiches Gespräch auf Englisch vertieft. Ihre weißen Apple-Notebooks liegen zugeklappt nebeneinander. Die beiden freiberuflichen Ausstellungsmacher schwärmen von ihren Computern, als würden sie von Apple bezahlt: "Ich liebe die Bedienoberfläche. Sie lässt mir Raum für meine Kreativität", sagt der junge Türke. Das Design findet er "unfassbar gut: Man kann es nicht verbessern."
Kein Mensch redet so über seinen Windows-PC! Der beherrscht die Welt der Unternehmen, der ist funktional und der ist - wichtig in einer "Geiz ist geil"-Welt - billiger. Apple jedoch hat den Nimbus des Coolen, des Spielerischen und Kreativen. Journalisten, Werber, Künstler oder Schauspieler sind es, die Macs kaufen und benutzen. Kommt in Hollywood-Filmen ein Computer vor, ist es ein Mac - nur die Bösen haben Windows-Rechner. Sogar die Werbung von Apple ist Kult.