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So verändern Smartphone-Apps unser Liebesleben

Im Labyrinth der Möglichkeiten: Dienste wie Tinder sorgen für eine riesige Auswahl, Apps machen die Partnersuche schnell und bequem - dabei verändern sie die Art, wie wir leben und lieben.

Von Helen Bömelburg

  Seht her, wie glücklich wir sind - mit Pärchenselfies wird in sozialen Netzwerken ein Image kreiert. Frauen sind dabei Meisterinnen im Eifersüchtigmachen.

Seht her, wie glücklich wir sind - mit Pärchenselfies wird in sozialen Netzwerken ein Image kreiert. Frauen sind dabei Meisterinnen im Eifersüchtigmachen.

Dieser Text erschien in der stern-Printausgabe Nr. 2 am 02. Januar 2015.

Eine junge Frau auf Europatour: London, Paris, Istanbul. Sie reist allein und doch nicht allein. Denn über ihr Smartphone werden ihr jede Menge Männer angeboten. James, 27, wischt sie weg. Aber Typen wie Sam, 25, klickt sie an. Mit dem einen geht sie ins Fußballstadion, mit dem anderen fährt sie Riesenrad. Sie tanzt durch die Nacht, steigt in ein Schaumbad, reitet ein Kamel. Am Ende bekommt sie rote Rosen vor dem Eiffelturm. Alle sind in sie verknallt - und sie vor allem in sich selbst.

Das Leben als eine Serie euphorischer Momente. Schöne neue Dating-Welt, die dieser Werbespot zeigt. Es ist die Welt von Tinder.

Tinder, zu Deutsch Zunder, ist eine App für das Smartphone und das heiße Ding auf dem Markt der digitalen Paarungsmaschinen. Geschätzte 30 Millionen Menschen "tindern" weltweit. In Deutschland tun dies mehr als eine Million, täglich kommen etwa 8000 neue Nutzer dazu.

Jedes dritte Paar lernt sich im Netz kennen

Eine Überraschung ist dieser Erfolg nicht. Noch nie gab es so viele Singles wie heute. Jeder Fünfte in Deutschland lebt allein, in den Großstädten sogar fast jeder Dritte. Noch nie war die Vereinzelung so alltäglich, der Wunsch nach Beziehung und Bestätigung so groß.

Genau dieses Bedürfnis wollen die vielen Online-Dating-Portale bedienen. Jedes dritte Paar lernt sich inzwischen im Netz kennen. Etwa 2000 Vermittler sind auf dem Markt; es gibt Spezialisten für Akademiker, Vegetarier, Hundefreunde oder Christen. 3,2 Milliarden Euro geben die Deutschen im Jahr für diese Dienste aus.

Herkömmliche Dating-Portale lassen ihre Kunden seitenlange psychologische Tests ausfüllen, sie müssen Fragen zur eigenen Erziehung, Bildung, Streitkultur und zu Lieblingsurlaubszielen beantworten. Nach dem Prinzip "Gleich und Gleich gesellt sich gern" errechnet ein Algorithmus die passenden Partner.

Bloß eine Sexsuchmaschine?

Tinder geht anders: Mit einem Klick verbindet sich die App mit dem Facebook-Konto, saugt Profilfotos und Freundeslisten herunter. Man muss wählen, ob man Männer oder Frauen (oder beides) will, muss das gewünschte Alter (zwischen 18 und 50 Jahre) angeben sowie die maximale Entfernung, in der Tinder per GPS nach Partnern suchen soll (zwei bis 160 Kilometer). Sekunden später erscheint ein endloser Katalog von Kandidaten auf dem Handy: Gesichter, Gesichter, Gesichter.

Nach rechts wischen heißt: gefällt mir. Nach links: weg damit. Erst wenn jemand, den man mag, auch das eigene Foto interessant findet, ergeben die beiden ein Match. Jetzt kann man chatten, SMS Verschicken, sich in der wahren Welt begegnen. Die Maschine meldet: "Herzlichen Glückwunsch! Du und Dingsbums stehen aufeinander."

Apropos bums: Tinder gilt vielen als geniale Sexsuchmaschine. Vor allem Männer schwärmen, dass es noch nie so einfach gewesen sei, hier und jetzt und kostenlos "Tinderellas" zum Flachlegen zu finden. Auch Frauen stellen die S-Frage ganz direkt und bloggen anschließend über ihre Tinder-Dates.

Eine Sache begeistert sie alle: War es früher ein Eiertanz, herauszufinden, ob das Zielobjekt auch will, weiß man dank Tinder schon im Vorfeld, dass der andere ähnliche Absichten hegt. Soziologen nennen das "Erwartungssicherheit".

Bezahlt wird mit Daten

Eine App wie eine Kneipe, sagen Fans. Tür auf, Blick in die Runde. Und nach Sekundenbruchteilen hat das Stammhirn sein Urteil gefällt. Der da geht nicht. Der auch nicht. Der? Nö. Aber der da hinten: Oh, yes!

Tinder fragt nicht nach gemeinsamen Interessen oder Lebenszielen. Sondern allein danach, ob zwei Menschen sich äußerlich attraktiv finden. Eigentlich kein schlechter Start für eine Beziehung. Eben wie in einer echten Kneipe.

Nur dass man da noch einen zweiten Blick frei hat. Bei Tinder geht das nicht: Einmal wisch und für immer weg. Die Schöne und das Biest, Bridget Jones und Mister Darcy, George Sand und Chopin: Solche Paare kann es bei Tinder nicht geben. Es sei denn, man installiert die Premiumversion, die es in Deutschland bald für etwa 15 Euro im Monat geben soll. Darin erscheint ein gelber Button, mit dem das letzte Wischen zurückgenommen werden kann. Ups, hab's mir anders überlegt!

Ansonsten zahlen die Nutzer bei Tinder mit ihren Daten. Wer mit wem, wo und wie und wer mit wem nicht - dieses Wissen macht Tinder reich und reicher. Analysten schätzen den Wert des Unternehmens auf derzeit etwa 1,2 Milliarden Euro, schreibt das US-Wirtschaftsblatt "Forbes".

Das Unternehmen Tinder
Die Idee

Tinder ist die Idee von ehemaligen College-Studenten aus Los Angeles. Bei der Entwicklung im Frühjahr 2012 wurden sie von Hatch Labs unterstützt, einem sogenannten Inkubator zur Förderung junger Unternehmen. Über die Motivation der Gründer sagte ein Unternehmer, der die App im Frühstadium kaufen wollte: "Sie hofften auf schnellen Sex." Eine Beta-Version der App ging an 600 Freunde und Freundesfreunde aus der Partyszene in Los Angeles.

Die Verbreitung

Von da an verbreitete sich das Wisch-und-weg-Spiel auf dem ganzen Globus: Zuerst an den Universitäten der Westküste, dann im Olympischen Dorf der Winterspiele 2014 in Sotchi. Tinder-Dates unter den Athleten wurden zu weltweiten Nachrichten - und die App registrierte bald eine Milliarde Matches. Einer der Giganten des Internet-Business, IAC, kaufte daraufhin den größten Anteil an Tinder.

Der Skandal

Im Juli 2014 verklagte Whitney Wolfe, 24, die ehemalige Tinder-Marketingchefin, das Unternehmen und ihren Exfreund, Tinder-Mitgründer Justin Mateen, wegen sexueller Belästigung. Mateen musste gehen, Wolfe bekam außergerichtlich geschätzte 800.000 Euro.

Der Datenschutz

Datenschützer haben mehrere Sicherheitslücken bei Tinder kritisiert: Es sei leicht, die Position einer Person auf 30 Meter genau und noch bis zu einem halben Jahr nach dem letzten Tinder-Kontakt zu verfolgen. Außerdem sei Tinder anfällig für Spam-Angriffe mit gefälschten Profilen.

Die Millionen

Die App existiert inzwischen in 24 Sprachen und hat rund 30 Millionen Nutzer, die pro Tag 1,2 Milliarden potenzielle Partner anschauen. Analysten schätzen den Wert von Tinder auf etwa 1,2 Milliarden Euro. Die Bank of America erwartet für 2015 einen Umsatz von 120 Millionen Euro.

"Angst vor Zurückweisung abgeschafft"

Tinder sei besser als das echte Leben, findet die Netzgemeinde. Soll heißen: schneller, unverbindlicher, kindischer. "Boyfriend für den Winter", titelte ein Lifestyle-Magazin, das im selben Verlag wie der stern erscheint. Und behauptet: "Der Trend geht zum Saison-Lover." Einer zum Kuscheln für die kalten Tage, der im Frühling durch einen Unternehmungslustigen ersetzt wird.

Um den zu finden, ist Tinder ideal. Man braucht keinen Mut und hat keine Verantwortung. Denn niemand erfährt, wenn er weggewischt oder gelöscht wurde. Der User sieht immer nur die, die ihn auch wollen. "Wir haben die Angst vor Zurückweisung abgeschafft", sagt Sean Rad, 28, einer der Tinder-Gründer. Angstfreies Kennenlernen, angstfreies Trennen. Und dazwischen wird das Ego von immer neuen Interessenten gestreichelt. "Schneller sich einen auf sich selbst runterholen geht doch gar nicht mehr. Das ist der bisher größte Schwanz, den uns die Technologie des Internets zur künstlichen Penetration unserer Seelen hingereicht hat", schreibt eine Bloggerin.

Tinder wirkt wie Ecstasy für unser Belohnungssystem. Spielen, Konsumieren, Lästern, den eigenen Narzissmus pflegen. Es passt damit perfekt in unsere Zeit.

"Die Liebe ist tot"

Doch was macht das mit uns, wenn wir Menschen wie Produkte anschauen und nach rein oberflächlichen Merkmalen bewerten? Was macht es mit Beziehungen, wenn sie uns in leicht konsumierbaren Häppchen angeboten werden, die wir jederzeit wieder ausspucken können?

"Left-Swiping", das Nach-links-Wischen, ist bereits zum Begriff geworden für "Passt nicht." Der Nächste, bitte. Es gibt ja viele andere da draußen. "Ghosting" ist ein weiteres Wort für das neue Miteinander: Wer nicht mehr gewollt wird, dem wird das nicht gesagt. Er erhält immer weniger und schließlich keine Antworten mehr auf Chat-Anfragen und SMS - und verblasst in den Kontakten des anderen wie ein Geist.

"Die Liebe ist tot. Sie wurde durch neue emotionale Formen ersetzt", schreibt die israelische Soziologin Eva Illouz, die durch Essays und Bücher über die Liebe im digitalen Zeitalter bekannt geworden ist. Das Warten, die Verführung und die einzigartige Begegnung, seien passé. Heute bewerten wir Beziehungen nach Nützlichkeit, Verfügbarkeit und Wettbewerb. Unsere Sprache für das größte Gefühl der Welt hat das Vokabular der Marktwirtschaft und des Konsums tief in sich aufgesogen. Im Internet wird endlos über Erfolg und Misserfolg bei der Partnersuche berichtet, vieles davon besteht aus Listen:

"35 Matches
17 ohne Lebenszeichen
3, die nur Sex wollten
15, mit denen ich schreibe
5 davon, mit denen ich regelmäßig schreibe."

"Technik hemmt Entscheidungswillen"

Warum sollte man sich auf jemanden einlassen, wenn der Nächste nur einen Klick entfernt ist?

Online-Dating ist so attraktiv, weil es ein überwältigendes Angebot an Partnern bietet und die Komplexität dieses Angebots auf ein paar greifbare Merkmale reduziert. Das ist aufregend und entspannend zugleich.

"Die Technik hemmt den Entscheidungswillen, weil sie uns glauben lässt, dass da immer noch jemand Besseres wartet", sagt Doreen Zillmann, die als Soziologin an der Universität Bamberg an einem großen Forschungsprojekt zur Online-Partnerwahl arbeitet.

Oft fangen Beziehungen gar nicht richtig an, sie schweben halb entwickelt durch den digitalen Äther.

Und sie hören auch nie so richtig wieder auf. In der Offline-Welt kann man sich trennen, gemeinsame Freunde meiden und in Ruhe seine Wunden lecken. Wer häufig seine Facebook-Seite besucht, kann das kaum.

Studien zeigen, dass das Netzwerk Trennungen und deren Verarbeitung erschwert, weil die Expartner online in Verbindung bleiben. Der Verlassene erleidet "Binge-Reading", das zwanghafte Lesen der Profilseite des Ex.

Laut einer kanadischen Untersuchung beobachten 88 Prozent der ehemaligen Partner noch ein Jahr nach der Trennung die Facebook-Seite des anderen. Die Distanz fehlt, das Publikum ist bei durchschnittlich etwa 120 Facebook-Freunden beträchtlich. Unter dem Strich führt das aus der Sicht der Psychologen dazu, dass die Gefühle negativer ausfallen und die persönliche Reifung geringer.

Mehrere, kürzere Partnerschaften

Der amerikanische Journalist und Buchautor Dan Slater ("Love in the Time of Algorithms" und "A Million First Dates") sieht dennoch goldene Zeiten voraus: "Verändert Online-Dating meine Wahrnehmung von Dauerhaftigkeit? Ohne Zweifel. Immer wenn ich eine Trennung kommen sah, machte es mir nicht so viel aus. Keine lange Trauerzeit."

Slater prophezeit, dass durch Online-Dating die Beziehungen kürzer, aber glücklicher werden. So wie Nachrichten, Börsenkurse und Produkte immer schneller kommen und gehen, so wird es auch mit Partnerschaften sein: eine Serie glorreicher Momente.

Das Geschäftsmodell von Dating-Portalen basiert gerade nicht darauf, den Kunden schnell an einen festen Partner zu verlieren, sondern ihn im Gegenteil möglichst lange als zahlenden Liebessucher und Werbekonsumenten zu behalten. Partner werden in Zukunft wohl stärker als Produkt wahrgenommen, und Beziehungen gelten als eine Art Dienstleistung aneinander.

An die Stelle der Gesamtheit und Einzigartigkeit jedes Menschen treten leicht quantifizierbare Merkmale. Und die müssen ständig optimiert werden. Tinder steht für eine Verschärfung des Zwangs zur Selbstoptimierung, so wie Botox spritzen, Eizellen einfrieren oder Credit Points sammeln.

Online sind Menschen dieselben wie offline

Doch was passiert mit der Liebe, wenn sie sich diesen Gesetzen unterwirft? Stirbt sie? Oder zersplittert sie nur in tausend glückliche Augenblicke? Kontrolliert das Internet den Menschen - oder kontrolliert der Mensch die Maschine?

Klar ist, dass Online-Dating keine anderen Menschen hervorbringt als die wahre Welt. Der Aufreißer im Netz ist auch der Aufreißer im Biergarten. Der Romantiker zitiert Gedichte offline wie online. Gefühle werden anders kommuniziert, folgen aber den ewigen psychologischen Konstanten von Männern und Frauen.

Ein Wissenschaftlerteam der Hochschule Fresenius in Köln hat das Phänomen der Eifersucht im Internet untersucht. Ergebnis: Männer reagieren stark bei sexueller Konkurrenz und besonders auf optische Reize, etwa dann, wenn die Partnerin ein Foto von sich mit einem anderen postet. Statusänderungen der Liebsten – "Bin wieder Single" oder "It’s complicated" - regen Männer hingegen weniger auf. Frauen bringt es auf die Palme, wenn sie sich emotional vernachlässigt fühlen: Chats des Partners mit einer anderen kommen nicht gut an. Dafür sind sie Meisterinnen im Eifersüchtigmachen.

Es ist also alles wie gehabt.

Die Paare, die beim Online-Dating herauskommen, unterscheiden sich kaum von denen, die sich bei der Arbeit oder im Urlaub kennenlernen. Unter Soziologen kursierte die hoffnungsvolle These, Online-Dating würde die sozialen Milieus stärker durchmischen, weil sich im Internet auch der Bäckergeselle und die Chirurgin treffen und verlieben könnten. Theoretisch.

Überall die alten Konventionen

Das Gegenteil ist der Fall: Das Internet kennt genauso viele Milieus wie die analoge Welt. Gleiche Bildung, gleiches Alter und gleiche Herkunft finden online sogar noch häufiger zusammen als offline.

Alle folgen dabei den altbekannten Konventionen. Man erkennt das an den kleinen Lügen, die Partnersuchende sich gegenseitig auftischen. Etwa ein Viertel der Online-Dater sagt, dass sie am eigenen Profil bewusst herumschrauben und zwar genau, wie es der Mainstream verlangt: Männer machen sich größer, Frauen schlanker. Männer schummeln ihr Jahresgehalt nach oben, Frauen ihren Bildungsgrad nach unten. Doktorhüte auf Frauenköpfen sind im Jahr 2015 immer noch ein Flirt-Hemmnis, Internet hin oder her.

Auch für digitale Paarungsmaschinen gilt die alte Handwerker-Weisheit: Das Ding ist immer nur so doof wie sein Benutzer. Und die Liebe so tief, wie zwei es zulassen.

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