Fettarmes Essen ist gesund, verkündet die Deutsche Gesellschaft für Ernährung - mit wichtigen Konsequenzen für die Verbraucher. Dabei häufen sich Beweise, dass die These nicht stimmt. Von Sonja Popovic

Ernährungswissenschaftler streiten, wie viel Fett ist gesund ist© Colourbox
Fast ein halbes Jahrhundert haben Ernährungsfachleute gepredigt, dass wir uns fettarm ernähren und gesättigte Fette meiden sollen. Butter, Sahne und rotes Fleisch seien schlecht fürs Herz. Zu viel Fett mache dick, und Übergewicht erhöhe das Risiko für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfall. Die wichtigste Institution in Sachen Ernährung in diesem Land, die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), ist eine Verfechterin der fettarmen Kost. Ginge es nach ihr, würden alle Bürger nur mageres Fleisch, fettarme Milch und fettreduzierten Käse verzehren.
Wird eine Aussage nur häufig genug wiederholt, glaubt man sie irgendwann vielleicht. Wahr muss sie deswegen noch lange nicht sein. Denn die Experten sind sich in der Fett-Frage nicht so einig, wie es scheinen mag. Tatsächlich tobt ein heftiger Streit, der in den vergangenen Monaten neu befeuert wurde.
Anlass dafür sind drei neue Meta-Analysen. Darin haben Forschergruppen aus den USA unabhängig voneinander bereits vorhandene Studien zu diesem Thema ausgewertet. Ergebnis: Sie fanden keinen Zusammenhang zwischen dem Verzehr gesättigter Fettsäuren und dem Risiko für koronare Herzerkrankungen. Auch fehlte jeglicher Beleg dafür, dass eine fettarme Ernährung das Leben verlängert. Als schädlich eingestuft werden lediglich die so genannten Transfette, die unter anderem beim Frittieren und der Teilhärtung pflanzlicher Fette entstehen und zum Beispiel in Pommes und industriell gefertigtem Gebäck stecken.
Was sagt die DGE zu den neuen Erkenntnissen? Die Gesellschaft hat bereits 2006
"In weiten Teilen ist diese Leitlinie sehr gut", sagt Ernährungswissenschaftlerin Ulrike Gonder, die sich intensiv mit der Fett-Problematik beschäftigt und darüber sowohl ein Buch geschrieben als auch eine Dokumentation gedreht hat. "Die verfügbare Literatur wurde endlich zusammengetragen und Fette weitgehend rehabilitiert. Die Leitlinie hat jedoch Schwächen, vor allem in den Kapiteln über das Herz-Kreislauf-Risiko und Adipositas." Dort sei ein Zusammenhang hergestellt worden zwischen einem hohen Konsum von Fett, insbesondere von gesättigten Fettsäuren, und diesen beiden Erkrankungen. Und der sei so nicht haltbar. Die Wissenschaftlerin wirft der DGE Fehlinformation und Täuschung vor, denn im Zuge der neuen Erkenntnisse müssten die Leitlinien angepasst werden. Das ist bislang nicht geschehen.
Immerhin hat die DGE kürzlich bestätigt, dass die aktuellen Meta-Analysen keinen Zusammenhang zwischen dem Konsum gesättigter Fettsäuren und Herz- oder Hirninfarkt gefunden hätten. Gleichzeitig schreibt sie, diese Ergebnisse bedeuten nicht, "dass gesättigte Fettsäuren keinen Einfluss auf das Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten haben". Die Begründung: "Die Zufuhr der gesättigten Fettsäuren sollte nicht unabhängig von der Zufuhr der ungesättigten Fettsäuren betrachtet werden. Das bestätigen zwei neuere Auswertungen", sagt eine Sprecherin der DGE. "Weitere Untersuchungen müssen abgewartet werden." Die isolierte Betrachtung eines Nährstoffs werde der tatsächlichen Ernährung nicht gerecht.
"Das stimmt", sagt Ernährungswissenschaftler Nicolai Worm, der die Logi-Diät, ein kohlehydratarmes Abnehmkonzept, weiterentwickelt hat. "Dennoch ist es erstaunlich, dies ausgerechnet von der DGE zu hören. Sie selbst hat Nahrungsmittel immer auf Grund ihres Gehaltes an isoliert betrachteten gesättigten Fettsäuren abgewertet." Fleischfett habe sie als riskant eingestuft, obwohl Rinderfett gleich viel und Schweine- oder Geflügelfett sogar deutlich mehr ungesättigte als gesättigte Fettsäuren enthalten, so Worm. "Vollfette Milchprodukte wurden als bedenklich bewertet, obwohl ein Großteil der gesättigten Fette darin keinen Einfluss auf den Cholesterinstoffwechsel hat. Und für beide Nahrungsgruppen fanden entsprechende epidemiologische Studien kein Risiko für Herz- oder Hirninfarkt."
Worm wirft der Fachgesellschaft vor, zentrale Ergebnisse der Arbeiten zu verschweigen - und stattdessen aus Untergruppenanalysen zu zitieren, die wiederum auf fragwürdigen Studien basieren. "Das ist, als würde man nach einer Wahl nur die Ergebnisse einer kleineren Partei veröffentlichen und unterschlagen, wer die Wahl eigentlich gewonnen hat!"