Europas gar nicht lustiges Pferdekarussell

21. Februar 2013, 11:40 Uhr

Der Pferdefleischskandal ist nicht nur eine Geschichte über dubiose Geschäftsleute, sondern auch über blindes Vertrauen und abstruse Handelsstrukturen. Kurz: eine Story zum Gruseln. Von Thomas Schmoll

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Eine Probe von Pferdefleisch©

Rumänien. Osteuropa. Betrüger. Das klingt für viele nach einer plausiblen Kausalkette. Der angebliche Hort der Fleischpanscher stand deshalb schnell fest: Rumänien. Zumal auch ein mutmaßliches Motiv für Überschuss an Pferdefleisch existiert: Schließlich hat das Land vor sechs Jahren den Gebrauch von Pferdekutschen im öffentlichen Verkehr verboten. Das macht manchen wackeren Gaul überflüssig. Die britische Presse spricht von einer "rumänischen Pferdemafia". So verwundert es nicht, dass Präsident Traian Basescu längst zittert, die Glaubwürdigkeit seines Landes könnte "auf Jahre beschädigt sein". Doch bisher gibt es maximal Indizien, jedoch keinen einzigen Beweis dafür, dass Rumänen hinter dem Betrug stecken. Alles deutet daraufhin, dass die Hintermänner - in jedem Fall aber Komplizen - in Westeuropa sitzen. Wer genau - da wiederum tappen die Ermittler noch im Dunkeln. Sie müssen sich durch ein Dickicht aus abstrusen Handelsstrukturen wühlen, die Betrug eher erleichtern als erschweren.

Hinter den Machenschaften muss noch nicht einmal straff organisierte Kriminalität stecken, wie Politiker vor allem in Großbritannien vermuten. Das System ist leicht zu überlisten. Gemessen an der Menge des Pferdefleisches, das letztendlich in Fertiggerichten auf den Markt kam, ist der Skandal eher klein. Zugleich scheinen die bisherigen Daten aber auch nur die Spitze eines Eisbergs sichtbar zu machen: Funde von Pferdefleisch in Dönern sind Hinweise dafür, dass das Ganze Methode hat. Ermittlungen laufen in Großbritannien, Irland, Frankreich, Spanien und Deutschland. In Asien ist die Affäre nun auch angekommen. Eine Supermarktkette in Hongkong nahm eine Tiefkühllasagne aus den Regalen, weil sie "mit Pferdefleisch versetzt worden sein könnte, das keinen Tests auf Medikamente unterzogen wurde".

750 Tonnen Fleisch sind eine Marginalie

Der Unterschied zwischen unbelastetem Pferde- und Rindfleisch ist nicht so gravierend, dass bei Umdeklarierungen schnelle Millionengewinne winken, wie immer wieder kolportiert wird. Erst die Masse macht's. Ein Nachfragemarkt für Pferdefleisch existiert faktisch nicht. Dennoch ist die Zahl der Pferdeschlachtungen in vielen europäischen Staaten deutlich gestiegen. Manch Spanier oder Ire musste seinen geliebten Gaul der Eurokrise opfern. Auf der grünen Insel, wo der Skandal aufgedeckt wurde, endete dem Landwirtschaftsministerium in Dublin zufolge 2012 für 24.000 Pferde das Leben im Schlachthof. Drei Jahre zuvor waren es 3000 Tiere. In Großbritannien stieg die Zahl im selben Zeitraum von 3000 auf 9000 Pferde. In Spanien wurden vergangenes Jahr für fast 80.000 Pferde geschlachtet, ebenfalls eine Verdreifung im Vergleich zu 2009. Das Fleisch wird nach Russland, Frankreich und vor allem Italien exportiert, wo Pferd als Deliktatesse gilt. In Deutschland besteht schlicht keine Nachfrage. Die wenigen Liebhaber des Produktes achten auf Qualität. Und die kostet. "Wir können uns nicht vorstellen, dass Pferdefleisch zu einem Bruchteil des Preises für Rind legal gehandelt wird", sagt ein Sprecher des Deutschen Fleischerverbands.

Die Menge des Pferdefleisches, das als Rind verhökert worden ist, ist - gemessen am Fleischverbrauch in Europa - eine Marginalie. 750 Tonnen Pferdefleisch wurden seit August 2012 aus Rumänien nach Frankreich geliefert. Allein in Deutschland wurden laut Statistischem Bundesamt vergangenes Jahr acht Millionen Tonnen Fleisch erzeugt. Ein etwa 700 Kilo schweres Pferd bringt es auf etwas mehr als 400 Kilo Schlachtgewicht, bei einem Ackergaul oder einem Mastpferd können es durchaus 900 Kilo sein. Für 750 Tonnen Pferdefleisch müssen also gerade einmal 800 bis 1900 Exemplare geschlachtet werden. 2012 wurden in Deutschland dem Statistischen Bundesamt zufolge 11.499 Pferde zum Metzger geführt. Zum Vergleich: Vergangenes Jahr kamen 3.654.794 Rinder und 58.349.687 Schweine auf die Schlachtbank. "Die Gesamtmenge wird wahsninnig überschätzt", heißt es denn auch beim Bundesverband für Fleischwirtschaft zum aktuellen Fall.

Wie beim Waschen von Schwarzgeld

Für die Verbraucher ist entscheidend, dass sie sich im doppelten Sinne betrogen fühlen. Sie erwerben ein Gericht mit Rindfleisch, bekommen für ihr Geld billigen Ackergaul serviert und sind obendrein Opfer einer langen Betrugskette. Wie gesagt: Die Masse macht's. Werden 750 Tonnen Pferdefleisch billig erworben und - umdeklariert zu Rind - teuer weiterverkauft, geht der Gewinn in die Millionen. Der eigentliche Skandal - so wird es von Tag zu Tag offenkundiger - sind die Strukturen, die den Betrug ermöglichen. Ein einziges schwarzes Schaf unter den Händlern oder Herstellern kann das fragile Netz aus privatunternehmerischer Selbstkontrolle und staatlichen Stichproben ausnutzen, um Etikettenschwindel zu betreiben.

Bei Schwarzgeld gilt seit Jahrzehnten: Man schiebt es über Landesgrenzen so oft hin und her, bis es reingewaschen ist. Viel anders ist das nicht in der Fleischindustrie. Die Ware wird quer durch Europa geordert und transportiert, so dass erst in mühevoller Detektivarbeit herausgefunden werden muss, wer wen beliefert hat, wo die Bestellung gelandet und was daraus hergestellt worden ist. Gaunern bietet sich damit ein Tummelplatz für krumme Geschäfte. In den aktuellen Skandal sind europaweit zig Unternehmen verwickelt, fast täglich kommt ein weiteres hinzu. In welcher Supermarktkette auch immer in eine Lasagne oder andere Fertiggerichte gepiekst worden ist, es fanden sich Spuren von Pferdefleisch. Keiner will es gewesen sein, jeder Beteiligte übt sich in Schuldzuweisungen. Wer im strafrechtlichen Sinne mitmischte, wird noch ermittelt.

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