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22. August 2010, 08:22 Uhr

Die geniale Nervensäge

47 Jahre alt war Christoph Schlingensief, als bei ihm Krebs diagnostiziert wurde. Der umstrittene Künstler produzierte gegen das Sterben an. Er hat den Kampf verloren - kurz vor seinem 50. Geburtstag. Von Anja Lösel

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Christoph Schlingensief: chaotisch, verrückt, unverschämt, unerträglich© Thomas Peter/ Reuters

Ich war grade dabei, wieder ins Leben zurück zu kommen", sagte Christoph Schlingensief im letzten Dezember. Da hatten die Ärzte "zehn neue erbsengroße Metatasen" entdeckt - "in dem einen Lungenflügel, der mir geblieben ist". Den anderen hatten sie ihm schon rausgeschnitten: Krebs.

Schlingensief wusste sehr genau, wie es um ihn stand. Und stürzte sich doch immer weiter in seine Arbeit, die sein Leben war und ohne die er nicht sein konnte. "Was für ein Glück! Ein Riesengeschenk", jubelte er, als Tilda Swinton ihn im Februar 2009 in die Jury der Berlinale einlud. Die wunderbare Tilda, mit der Schlingensief in jungen Jahren mal eine Affäre hatte und mit der er jetzt Filme über Filme angucken durfte. "Letztes Jahr um die Zeit fast weg und nun wieder in der alten Heimat! FILM! Das hat mich unglaublich aufgebaut!", schrieb er in seinem "Schlingenblog".

Der Apothekersohn aus Oberhausen war das Enfant Terrible der deutschen Kulturszene - und zugleich ihr liebster Junge. Nett, charmant, mit genialisch verstrubbelten Haaren tigerte er durch Berlin, inszenierte Theaterstücke, trat in Talkshows auf, kannte alle, sprach mit jedem. Seine chronische Arbeitswut war berüchtigt: ein Berserker, hart und erbarmungslos mit sich und anderen, zugleich aber sanft, verletzlich und klug. 80 Theaterstücke und Aktionen hat er inszeniert, zuletzt die Oper "Mea Culpa" am Burgtheater in Wien. Dutzende von Filmen gedreht, eine eigene Talkshow gestaltet, wild und expressiv gemalt und skurrile, begehbare Skulpturen gebaut. Wenn er als Regisseur probte, nervte er seine Schauspieler mit stundenlangen Monologen. Trotzdem liebten sie ihn alle - von Irm Herrmann bis Fritzi Haberland.

"Provokationsprofi"

Das konnte man von seinem Publikum nicht unbedingt sagen. Chaotisch, langweilig, verrückt und manchmal auch unverschämt und unerträglich fanden viele seine Stücke. Als "Provokationsprofi" bezeichneten sie ihn, als einen, der "auf der Bühne die heiligen Kühe der Gesellschaft schlachtete".

Seine Filme trugen Namen wie "Ein deutsches Kettensägenmassaker", "100 Jahre Adolf Hitler" und "Terror 2000". Auf der Bühne schockte er mit "Schlacht um Europa" oder "Fickcollection". Er ging mit geistig Behinderten zum Weihnachtsshoppen. Gründete die Partei "Chance 2000" mit dem Slogan "Scheitern als Chance". Lud alle deutschen Arbeitslosen dazu ein, gleichzeitig in den Wolfgangsee zu springen, um ihn zum Überlaufen zu bringen und dadurch Helmut Kohls Urlaubsort zu fluten. Und als Schlingensief auf der documenta in Kassel "Tötet Helmut Kohl" forderte, wurde er verhaftet. Aber er ließ nicht locker.

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