Für viel Geld wurden Oliver Pocher und Johannes B. Kerner als Aushängeschilder zu Sat.1 geholt. Doch die Quoten enttäuschen. Dem hochverschuldeten Sender fehlt jegliche Identität. Mangelnde Führung könnte jetzt auch die anderen Sender des Konzerns mit in die Krise reißen. Von Bernd Gäbler

Eigentlich sollten Oliver Pocher und Johannes B. Kerner Sat1 groß machen© Alex Gottschalk/AP
Sat.1 kauft Oliver Pocher als programmprägende Persönlichkeit ein, muss schon bald feststellen, dass er kaum in der Lage ist, eine gesamte Show zu tragen. Mit noch mehr Geld, Vorschusslorbeeren und Freiheiten lockt der agile Senderchef Guido Bolten Johannes B. Kerner weg vom ZDF und wundert sich, dass er im Programm von Sat.1 nicht zündet.
Was mögen die Ursachen sein? Es hat mit dem Konzept von Kerners Magazin zu tun, das bisher keine Höhepunkte bot, sondern Allerweltsthemen wie Schnäppchenjagd und Billigtarife bei Kfz-Versicherungen bietet. Es hat aber auch mit dem Programmumfeld zu tun. Beim ZDF konnte Kerner eine Relevanzvermutung ins Bouleverdeske hin ausweiten; bei Sat.1 vermutet keiner Relevanz, Kerner läuft dem vermeintlichen Stammpublikum hinterher.
Über lange Zeit hinweg hatte Sat.1 den richtigen Riecher für das Nachmittagsprogramm, erfand Telenovelas oder Gerichtsshows, jetzt ist die Marktführerschaft in diesem Programmsegment perdu. Früher gab es immer wieder großartige Fernsehfilme wie "Wambo", "Der Tunnel" oder "Tanz mit dem Teufel" zur Oetker-Entführung, jetzt gibt donnerstags ein paar Schmonzetten. Früher gab es gute Serien wie "Edel & Starck"; jetzt gibt es Billigheimer wie "Lenzen und Partner". Lange ist es her, dass Sat.1 im Polit-Talk durch "Talk im Turm" führend war; jetzt erreichte sogar eine mit Stefan Aust und Sabine Christiansen höchst prominent besetzte "Wahlarena" nur das desaströse Ergebnis von 580.000 Zuschauern. Vor der Bundestagswahl wollte Sat.1 unbedingt zu den "großen Vier" gehören, die das "Kanzler-Duell" ausstrahlten; aber weit mehr Zuschauer schauten sich zeitgleich auf ProSieben die "Simpsons" an. Das von RTL kopierte Show-Format "Yes we can dance" wurde zum Flop; Eierstock-Durchleuchtungen wie in der Reality-Soap "Deutschland wird schwanger" prägen das Image.
Natürlich gibt es auch auf Sat.1 noch Kleinode, die Improvisationsshow "Schillerstraße" oder die Kleinoden "Pastewka" oder "Ladykracher". Dies löst aber nicht die Grundfrage, welches Image der Sender ansteuert. Auch der Werbe-Claim "Colour Your Life", der auch eine Farbfilm-Reklame sein könnte, klärt nichts. Und Billigprogramme können andere auch, treffen damit aber eher den Geist der Zeit, als es Sat.1 gelingt.
Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags - das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat.1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.