Wenige geben es zu, aber vier Millionen Zuschauer fiebern mit Germany's Next Topmodel. Doch die Castingshow mit Heidi Klum handelt mit einem hohlen Traum, der mit dem wahren Modelleben nicht viel zu tun hat. Amüsiert haben sich bisher nur die Zuschauer. Von Jochen Siemens

GNTM-Mutter Heidi Klum, 34. Ihr Satz "Ich habe kein Foto für dich" wurde jedes Mal zum Schafott für einen Mädchentraum© Chris Pizzello/AP Photo
Guckt ja eigentlich keiner. Also keiner, den man kennt jedenfalls. Ja, so ein paar Teenies vielleicht, und man selbst war neulich nur zufällig beim Zappen mal kurz hängen geblieben. Wirklich nur kurz. Diese Christina hat schon dolle Augen, und wenn die auf dem Laufsteg geht, ist sie fast so gut wie Jennifer mit den kurzen Haaren, die ist erst 17, aber diese Beine, sagenhaft. Und Gina- Lisa, ja, die mit der Oberweite und den blonden Haaren, das war schon echt eine Type, oder? Aber die musste ausscheiden, es geht doch um Topmodels und nicht um Autoausrüster. Ganz am Anfang war da auch noch diese…wie hieß sie noch? …na, jedenfalls war die so hübsch, als sie in New York diese Treppen hochlaufen und im 15. Stock ganz cool posieren musste, das war eine super Folge. Und, sowieso klar, der Favorit ist doch Christina, oder? Nee, sagen die anderen, die auch "nur mal so" geguckt haben, Janina, Carolin, Jennifer, Wanda sind besser.
So gehen sie zurzeit, die TV-Gespräche in Deutschlands Wohnküchen, Fitnessstudios, Schulhöfen und Latte-macchiato- Runden. Doch die seltsame Magie von Castingshows, in die jeder mal zufällig hineinzappt, und die unter Kennern nur noch als Abkürzungen wie BB oder DSDS gehandelt werden, hat bei GNTM, ausgeschrieben "Germany's Next Topmodel", die übliche Zielgruppe bildungsentfernterer Zuschauer längst verlassen. Die Modelparade schauen sich auch Lehrer, Rechtsanwälte und selbst eingeschworene Arte-Gucker an. Denn anders als der tiefer gelegte Witzbolide Bohlen bei "Deutschland sucht den Superstar" dirigiert mit Heidi Klum ein Weltmodel rheinischer Herkunft ihre Castingshow gekonnt mit vorgeblicher Klasse. In den vergangenen drei Monaten wurden zehn Mädchen einmal um die Welt geflogen - Köln, New York, Sydney, Los Angeles -, mussten mal angezogen, mal weniger angezogen auf Laufstegen balancieren, an Häuserwänden aufrecht gehen und Wörter wie "Shooting", "Fashion", "Performance" oder "Challenge" aufsaugen. Das hatte was, da konnte man selbst in einem Wohnzimmer in Neckarsulm ein wenig Karl Lagerfeld in sich spüren. "Während ich GNTM sehe, stelle ich mir immer vor, wie es wäre, bei denen dabei zu sein", sagte eine 14-jährige Anna der "Süddeutschen Zeitung". "Da kann ich sehen, wie es im Modelalltag zugeht, und was die Mädchen alles machen müssen."
So, wie man sich früher den "Playboy" nur wegen der Artikel anschaute, gucken und zappen die Klum-Show viele natürlich nur wegen ihrer Kinder, ihrer Freundin, der Mode oder was es sonst noch für Ausreden gibt. Es ist Zoo-TV erster Klasse oder Lagerfeuer-Fernsehen wie früher. Mädchencliquen lachen über die Peinlichkeiten anderer Mädchen. Dorfschönheiten gucken sich deren Bewegungen und Mimik ab, hässliche Entlein wähnen sich träumend künftige Schwäne, Mütter denken leise, ob ihre Tochter da wohl mithalten könnte. Und Männer halten wie im Fußball zu ihrem Verein, der diesmal lange Beine hat. Eigentlich geht es nicht mal um Topmodels, aber jeder hat was zu gucken. Vier Millionen Zuschauer verzeichnet der Sender Pro Sieben mittlerweile verlässlich am Donnerstagabend, 27 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe. Das heißt, dass mehr als ein Viertel aller Zuschauer zwischen 14 und 49 sich ansieht, wer von den 19 Kandidatinnen am Ende jeder Folge mit Heidi Klums schafottigem Satz "ich habe heute kein Foto für dich" aussortiert wird, und aus Mädchenaugen mal mehr, mal weniger Tränen fluten. Wenn in der kommenden Woche dieser Satz zum letzten Mal fällt, hat GNTM zum dritten Mal eine Siegerin, die dann mit dem Titel "Topmodel" für die nächsten zwei Jahre leben darf. Oder muss, je nachdem. Denn so lange besteht der Hauptgewinn, ein Vertrag mit der Agentur IMG, europäischer Geschäftssitz Paris und ursprünglich eine Sportmarketing-Agentur. Aber dazu später.
Dass GNTM genauso viele erwachsene Fans wie bekennende Gucker aus der "Bravo"- Liga hat, wird beim Sender Pro Sieben ebenso als Überraschung gesehen wie die mediale Wiederbelebung eines eigentlichen abgelegten Themas: Models. Denn nach dem Ende des Supermodelkults der 90er Jahre, bei dem jeder die Namen Claudia, Cindy oder Naomi aufsagen konnte, wurde das Fashionpersonal auf den Laufstegen namenlos und dürr. Im Saisontakt wurden in Mailand und Paris die Mädchen ausgetauscht, die Wiedererkennbarkeit ging in der Flut osteuropäischer Models unter, die meistens Olga Irgendwaspowa hießen. Lediglich zwei Namen machten noch Schlagzeilen: Gisele Bündchen, weil sie teuer war, und Kate Moss, weil sie beim Einsaugen eines weißen Pulvers und beim Küssen eines delirierenden Skandalrockers gefilmt wurde. Der Begriff Model wurde gleichbedeutend mit einer Welt aus Magersüchtigen, die Drogen nahmen und nur mit Mühe drei zusammenhängende Sätze sagen konnten. Keine gute Kulisse für eine TV-Show, eher Dramastoff wie zurzeit in der Endlosserie "Gute Zeiten schlechte Zeiten", wo die Figur Emily als Model dem Koks verfällt. "Alle Versuche, das Thema Model im deutschen Fernsehen in einer Show zu etablieren, sind vor ,Germany's Next Topmodel‘ gescheitert", sagt Pro-Sieben- Sprecher Christoph Körfer. Sat 1 versuchte es einmal mit "Starsearch", und kaum jemand schaute zu.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 23/2008