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6. Januar 2007, 10:00 Uhr

Der Tod eines Models

Ana Carolina Reston war gerade einmal 21 Jahre alt, als sie an mehrfachem Organversagen starb. Das brasilianische Model hatte sich für den Erfolg zu Tode gehungert. Reston wurde Opfer einer Branche, die sich selbst vom Tod unbeeindruckt zeigt. Von Joachim Rienhardt und Jochen Siemens

Laszives Modefoto: "Jeder hat das Potenzial dieser Frau erkannt", sagt ihr Agent aus São Paulo© L'Equipe Agence/Handout/Reuters

Die Karriere des Fotomodells Ana Carolina Reston endete am 14. November 2006 im Krankenhaus für städtische Angestellte, São Paulo, Brasilien, besiegelt durch den Totenschein mit der Nummer 162730. Es war früh um 7.10 Uhr, als das Mädchen mit den kastanienbraunen Haaren seine Augen für immer schloss. Sie waren, laut eigener Bewerbungskarte, honigfarben. Alter: 21 Jahre. Größe: 1,74 Meter. Das Gewicht ist auf dem Ärzteblatt vermerkt: 40 Kilo. Ana Carolina erlag mehrfachem Organversagen, einer Blutvergiftung, einem Harnwegsinfekt. Als Anmerkung steht über dem amtlichen Stempel der Sterbeurkunde: "Hinterlässt keine Kinder. Hinterlässt keine Güter. Hinterlässt kein Testament."

Das Einzige, was Ana Carolina Reston hinterlassen hat, war der Traum von der Karriere. Ihr letzter Booker, Alexandre Torchia von der Agentur L'Equipe, beschreibt sie so: "Ihr Gesicht war perfekt, ihre Haare, ihr Mund, die Augen, die Proportionen. Dazu eine tolle Ausstrahlung." Für Torchia war Ana Carolinas Durchbruch "nur eine Frage der Zeit. Sie hatte das Zeug für Paris und Mailand." Für jene Modemetropolen, in denen man heute so tut, als habe dieses Mädchen nie existiert.

Der traurige Blick der Todgeweihten

Ana Carolina wuchs auf dem Lande heran. Nahe der Stadt Jundia', Bundesstaat São Paulo, 60 Kilometer vor den Toren der Mega-City. Das Landhäuschen der Eltern ist vollgestopft mit alten Kesseln, Sätteln, Bügeleisen, Nähmaschinen. Der Blick von ihrem Kinderzimmer geht über das tiefgrüne, hügelige Hochland, teils mit Reben, teils mit Palmen bewachsen. Im Garten plätschert Wasser in einem kleinen Swimmingpool. Ihre Mutter Miriam hat Bilder der Tochter quer über deren Bett verteilt. Bilder ihrer Karriere, Produktionen in Kleidern von Armani, Fendi, Dior, aufgenommen in Rio, Hongkong, Mexico City, Osaka. Die Bilder zeigen Ana Carolina mal kindlich, mal als Vamp, mal sexy, mal als Lady. Ihren Blick nimmt man heute, da man weiß, dass Ana schon damals dem Tode geweiht war, als traurig wahr.

Dokumente einer Karriere: Miriam Reston blättert die Fotomappe ihrer Tochter auf© Harald Schmitt

2006 war das Jahr der Magermodels, das Jahr, in dem "dünn" zu "dürr" wurde und "schlank" zu "krank". 2006 starrte die Welt auf knochige Mädchenstars wie Nicole Richie und Keira Knightley, beide Opfer der Hollywood-Stylistin Rachel Zoe, einer Art Diätdomina. Im August dieses Jahres starb das 22-jährige Model Luisel Ramos aus Uruguay während einer Modenschau in Montevideo nach einem Herzinfarkt - sie hatte viele Tage vorher nichts gegessen. Wenige Wochen später verhängte die Modewoche in Madrid ein Laufstegverbot für zu schmale Models. Dann kam die Idee auf, alle Mädchen mit einem Body-Mass-Index von unter 18 von Modenschauen zu verbannen. Für Ana Carolina hätte dies bei ihrer Größe von 1,74 Meter ein Gewicht von knapp 55 Kilogramm bedeutet - 15 Kilo mehr, als sie zuletzt wog.

Karrierestart in der Dorfdisco

"Ana Carolina fand es toll, fotografiert zu werden. Da fühlte sie sich wichtig", sagt ihre Mutter, eine Goldschmiedin, die früher selbst gemachten Schmuck von Haus zu Haus verkaufte. Heute verflucht die Mutter jenen Tag, an dem die Tochter im Alter von 14 an einem Schönheitswettbewerb in der Dorfdisco teilnahm: "Schon vier Tage später klingelte das Telefon. Es waren die ersten Aufträge für Fotos." Models sind Idole in Brasilien, spätestens seit Gisele Bündchen aus dem Süden des Landes zu den ganz Großen der Branche zählt.

Wenn Agenturen zu Nachwuchswettbewerben aufrufen, melden sich bis zu einer Million Aspirantinnen, viele von ihnen mit der Hoffnung auf den schnellen sozialen Aufstieg. "Bei Ana ging es anfangs nur um Spaß", behauptet die Mutter. "Geld hatten wir genug." Das stimmte bestenfalls, bis eine bewaffnete Bande vor fünf Jahren das Elternhaus überfiel. Die Eindringlinge zerrten Ana aus dem Pool, sperrten die Familie ins Bad, auch den Vater, der damals schon an Alzheimer litt. Im Keller fanden sie vier Kilo Gold, die Grundlage für den Lebensunterhalt der Familie. Danach teilte die Mutter Ana und ihrem Bruder mit: "Jetzt kann ich nichts mehr für euch tun. Jetzt müsst ihr mir helfen."

Mit Hormonen wuchsen auch ihre Chancen

Das gelang Ana mit 16, als sie von der Agentur Ford engagiert wurde. Gleich mit dem ersten Job, einem Werbespot für Coca-Cola, konnte sie umgerechnet 3000 Euro zur Familienkasse beisteuern. Oft fuhr sie direkt nach dem Unterricht noch in Schuluniform in die Stadt, eineinhalb Stunden hin, eineinhalb Stunden zurück. Dass Ärzte ihr eine maximale Körpergröße von nur 1,68 Metern errechnet hatten, schreckte sie nicht. Ein Spezialist verschrieb ihr Hormone, und Ana schluckte sie neun Monate lang. Als sie nach zwei Jahren von der Agentur Ford zu Elite wechselte, wurde sie bereits mit 1,74 Meter vermessen.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 1/2007

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KOMMENTARE (3 von 3)
 
me.dani (07.01.2007, 22:01 Uhr)
paradox.
jedes magazin, jede zeitung empört sich darüber, was in der modewelt vor sich geht.
und wo buchen (die meisten von ihnen) ihre mädchen, wenn sie mal modestrecken o.ä. veröffentlichen? bei genau den agenturen, die mädchen wie ana vertreten. paradox.
sundancer (06.01.2007, 21:46 Uhr)
Magermodels
Irgendwas mache ich falsch. Das Model hatte eine Größe von 1,74 bei 40 kg - ich habe gefühlsmäßig die halbe Größe bei dem doppelten Gewicht. Damit bei mir Kleidungsstoffe weich fließen, brauche ich wohl ein Zelt. Wahrscheinlich kann ich deshalb nicht verstehen, wie denn bitteschön jemand es schafft, trotz kompletten Unterzucker, zittrig, depressiv, mit totalen Schmerzen und was noch alles sich aber mit reiner Haut und schönen Haaren präsentieren kann. Da brauchts schon mehr als einen Stylisten - mindestens auch einen Maskenbildner! Solange die Designer lieber ihre Klamotten an (noch)laufende Kleiderständer hängen sollte man warnende Kleiderannäher anbringen: "Achtung, das Tragen dieser Kleidung ist tödlich" oder so.
rolfgunther (06.01.2007, 19:13 Uhr)
Magermodels-die gezüchteten Kleiderständer
Würde man das gleiche mit Tieren machen,z.B.Hunde auf Untergewicht züchten,dass man alle Rippen sehen kann, käme spätestens übermorgen der Tierschutzverein mit einer Anzeige wegen Tierquälerei. Würde dann dazu ein Herrchen Joop dazu bemerken, dass es halt zum "schönsein" dazu gehört, würde es Proteste sämtlicher Tierschutzvereine hageln und Herrchen Joop hätte kein Schoßhündchen mehr.
Wie heißt es doch so schön? Die Tumpheit der Menschen ist grenzenlos.
R. Lübbers
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