Wenig Verständnis hat der Oberstaatsanwalt auch für Mannichls öffentlich vorgetragenen Vorwurf, die Beamten der inzwischen aufgelösten Sonderkommission "Fürstenzell" hätten seinerzeit unprofessionell gearbeitet, weil sie keine Proben von Mannichls Fingernägeln nahmen, um mögliche DNA-Spuren des Attentäters zu sichern. "Als die Kripo am Tatort eintraf, war Herr Mannichl schon im Krankenhaus", sagte Walch stern.de. "Er ist sofort einer Notoperation unterzogen worden. Schon durch die medizinischen Vorbereitungsmaßnahmen, aber auch durch den Kontakt mit verschiedenen Personen wurden die Fingernägel sehr stark kontaminiert. Dann hat Herr Mannichl in den ersten Vernehmungen den Angriff so geschildert, dass ein unmittelbarer Kontakt, insbesondere ein Hautkontakt mit dem Täter nicht stattgefunden habe." Später habe Mannichl "die Auseinandersetzung im Detail allerdings als wesentlich intensiver, die Art, aber auch die Angriffs- und Abwehrbewegung anders geschildert". Walch: "Ich kann aus Rücksicht auf die Ermittlungen leider die Details nicht nennen, aber es sind Widersprüche da."
Erst nach seinen von den ursprünglichen Einlassungen abweichenden Darstellungen habe Mannichl "moniert, dass keine Spurensicherung an seinen Fingernägeln erfolgt" sei. Wirklich verärgert ist der Oberstaatsanwalt vor allem über Mannichls Kollegenschelte: "Ich muss die Polizeibeamten dafür in Schutz nehmen, dass sie keine Proben von den Fingernägeln genommen haben. Herr Mannichl ist der einzige, der den Ablauf beobachtet hat, er ist hoher Polizeibeamter, er weiß um die Brisanz und den Beweiswert von Fingernägeln. Er war der Vorgesetzte der Polizeibeamten, die fast täglich bei ihm im Krankenhaus waren, und er hat zu keinem Zeitpunkt die Beamten gefragt: Warum nehmt ihr keine Proben von den Fingernägeln? Wenn er selbst das nicht für erforderlich gehalten hat, dann kann man den Polizeibeamten jetzt auch keine Vorwürfe machen."
Unterschiedliche Aussagen eines Zeugen zu einer Tat sind für Ermittler nichts Neues. Das bedeutet auch noch nicht, dass alles unglaubwürdig ist, was zu Protokoll gegeben wird. Walch will bislang Mannichl als Zeugen nicht fallen lassen, obgleich der mit seinen widersprüchlichen Angaben nicht geholfen hat, dass die Ermittler durch sein Verhalten gut dastehen. "Die Widersprüche sind da", sagt der Chef-Ermittler.
Die Stichverletzung ist längst verheilt. "Es bestand keine Lebensgefahr", sagt Walch. "Gott sei Dank ist es nicht zu inneren Blutungen gekommen und kein Organ verletzt worden. Der Stich war nicht sehr tief. Es war kein heftiger Stich. Der Blutverlust war äußerst gering."
Ob der Tathergang jemals rekonstruiert und ein Täter gefunden werden kann, ist auch ein Jahr nach der Attacke unklar. Fest steht nach den bisherigen Erkenntnissen der Ermittler allerdings, dass es sich kaum - wie von Mannichl vermutet - um einen gezielten Anschlag aus der rechtsradikalen Szene gehandelt haben kann. "Mit jeder Überprüfung ist es unwahrscheinlicher erschienen", so Walch, "dass der Täter im organisierten rechtsradikalen Spektrum zu finden ist. Unsere sehr intensiven Ermittlungen lassen den Schluss zu, dass keine Organisation dahintersteht. Das ist eine Kernaussage." Stattdessen gebe es inzwischen die Vermutung, "dass es sich um einen Einzeltäter handelt, der, unzufrieden mit seinem Leben und seiner sozialen Situation, rechtsradikalen Argumenten erlegen ist".