Das ist Deutschlands beste Schule

9. Dezember 2008, 16:28 Uhr

Keine Schulklingel, mehr Zeit zum Lernen, dazu viel Theater und Musik: Die Wartburg-Grundschule in Münster ist in Berlin von Bundespräsident Horst Köhler zur besten Schule Deutschlands gekürt worden. Außerdem sind sechs weitere Schulen ausgezeichnet worden. Was machen sie besser? stern.de präsentiert die Vorzeigeschulen. Von Catrin Boldebuck

Schule, Grundschule, gute Ausbildung, Elite, Vorzeigeschulen

Schüler der Siegerschule, der Wartburg-Grundschule in Münster. Gemeinsames Lernen mit anderen Jahrgängen ist normal©

In der Grundschule in Münster begegnen sich die 360 Schüler und 40 Pädagogen und Erzieher auf Augenhöhe, alle sind per Du. Die Kinder dürfen mitbestimmen, nicht nur im Schulparlament. "Demokratie wird an dieser Schule ganz groß geschrieben", sagt Enja Riegel. Die ehemalige Leiterin der legendären Helene-Lange-Schule in Wiesbaden ist Mitglied der Expertenjury, die über die Vergabe des Deutschen Schulpreises entscheidet. Nachdem sie die Wartburgschule zwei Tage lang inspiziert hat, stellt Enja Riegel der Wartburgschule ein hervorragendes Zeugnis aus: "Die Schule ist rundum sehr gut. Jedes Kind ist intensiv bei der Arbeit, mit sehr guten Materialien. Auch geistig behinderte Kinder werden integriert. An allen Ecken Kunst, dazu viel Theater und Musik. Und das alles in einer freundlich gelassenen und ermutigenden Atmosphäre."

Der Bundespräsident zeichnet die Schule aus Die Wartburg-Grundschule ist deshalb am Mittwoch von Bundespräsident Köhler in Berlin als "Beste Schule Deutschlands" ausgezeichnet worden. Initiatoren des Wettbewerbs sind die Robert Bosch Stiftung und die Heidehof Stiftung in Kooperation mit dem ZDF und dem stern. 900 Schulen haben bisher teilgenommen, 250 waren es in diesem Jahr.

Nicht nur beim Schulklima und im Umgang mit der Vielfalt ihrer Schüler, auch bei den Kriterien Leistung, Unterrichtsqualität, Verantwortung und Schulentwicklung, erhielt die Schule hervorragende Noten.

Klassenzimmer mit Rückzugsräumen Die Schule, das sind vier Häuser, zwei Stockwerke mit flachen Dächern, großen Glasfronten und Holzterrassen. Sie wurden 1996 gebaut. Architekten haben das pädagogische Konzept in Holz, Glas und Stein umgesetzt. "Kinder brauchen Geborgenheit", erklärt Schulleiterin Gisela Gravelaar. "90 bis 100 Kinder sind in einem Haus untergebracht, sie kennen und helfen sich."

Die Häuser sind durch einen langen Gang verbunden und nach Kontinenten benannt: Afrika, Asien, Australien und Europa. Alle Türen haben Fenster - der Unterricht ist offen. Die Klassenräume sind verwinkelt, mit Nischen in die sich die Schüler auf Sofas und Kissen zum Lesen und Arbeiten zurückziehen können. In drei Häusern dauert der Unterricht bis 15.40 Uhr, im Haus Asien endet der Unterricht mittags um 12.40 Uhr.

Das Los entscheidet morgens über den Sitzplatz Greta und Johanna sitzen im Untergeschoß des Europahauses an einem Tisch. Die beiden Siebenjährigen gehen in die Igel-Klasse. Die Schüler haben keine festen Plätze, sondern ziehen jeden Morgen, wenn sie zwischen 7.30 Uhr und 8.15 Uhr in die Klasse kommen, eine Nummer und suchen sich dann ihren Platz. "Dadurch sitzt man jeden Tag neben jemand anderem. Manchmal auch neben einem Kind, das man nicht so mag. Aber dann lernt man sich besser kennen und mag sich doch", erzählt Greta. Auf der Tafel steht der Plan für den Tag, heute liest ihn Karolina vor: "1. Tagesplan lesen, 2. Wochenarbeitsplan, 3. Frühstück und Pause, 4. Musik mit Wolfgang, 5. Mittagessen, 6. Was ihr wollt, 7. Faustlos, 8. Knobeleien."

Viel Zeit zum Lernen Gelernt wird in fächerübergreifenden Projekten und nach dem Wochenarbeitsplan, kurz "Wap". Die Kinder bekommen viel Zeit zum Lernen: Der 45-Minuten-Takt wurde aufgehoben, die Stunden dauern 60 Minuten, oft gibt es Doppelstunden. Auch die Schulklingel wurde abgeschafft. Johanna hat sich ihren "Wap" gegriffen. Ein Heft, in dem rund zwanzig Aufgaben für die nächsten zwei Wochen stehen, zum Beispiel Aufgaben im Mathe-Heft lösen oder Übungen im Schreibheft machen. Die Lehrer achten darauf, dass die Kinder alle Fächer gleichermaßen lernen. Wenn Johanna mit ihrem Wap fertig ist, schreibt sie in ihr Heft, wie sie gearbeitet hat: Was ist ihr gut gelungen? Was nicht? "Wenn wir im Wap alles fertig haben, dürfen wir Freiarbeit machen", erklärt Johanna.

Jedes Kind hat Lernziele Ein Gong ertönt. Felina, steht vor der Tafel, den Gong in der Hand. "Mir ist es hier zu laut", sagt sie. Sofort sind alle 28 Kinder wieder ruhig. Felina geht an ihren Platz zurück und arbeitet weiter. Fachgespräche im Flüsterton sind erlaubt, lautes Gequatsche mit der Freundin nicht. Greta hat ihre "Lernlandkarte" vor sich ausgebreitet. An einer langen Spur, die sich in Kurven über den DIN-A-3-Zettel schlängelt, stehen ihre Lernziele, abgeleitet vom offiziellen Lehrplan. Da heißt es zum Beispiel: "Ich kann anderen zuhören", "Ich kann eigene Erlebnisse aufschreiben" oder "Ich kann Zahlen bis 100". Einige der Stationen hat Greta bunt angemalt, bei manchen steht "Ja" dahinter, bei einigen "Nein". "Nur Gisela darf die Kreise machen", erklärt Greta. "Ich sage, was ich kann und sie prüft es mit mir." Schulleiterin Gisela Gravelaar unterrichtet zwölf Stunden bei den Igeln. "Wenn ich alles in der Lernlandkarte geschafft habe, dann komme ich zu den Luchsen", erklärt Greta, die jetzt schon ein Jahr bei den Igeln ist. Die Luchse gehen in die Jahrgangsstufe 3 bis 4.

Die Jahrgänge lernen zusammen Die Kinder lernen jahrgangsübergreifend, das heißt Erst- und Zweitklässler lernen zusammen, die Dritt- mit den Viertklässlern. "Wenn wir etwas nicht verstehen, dann fragen wir ein anderes Kind", erklärt Greta. Erst wenn der Mitschüler nicht weiter weiß, fragen sie einen Lehrer. Alle profitieren von dem Helfer-System: Wer erklärt, der verfestigt sein Wissen. Und im nächsten Jahr sind die Kleinen die Großen und stolz darauf, den Neuen alle Regeln zu erklären und sie beim Lernen zu unterstützen. "Die Kinder kommen mit einem ganz unterschiedlichen Wissensstand zu uns", erklärt Schulleiterin Gravelaar. "Wenn eines bei der Einschulung schon lesen kann, dann hat es das Recht zu lesen." Wer länger als die üblichen zwei Jahre braucht, bleibt ein drittes Jahr in der Lerngruppe. So wie Luca. Der Zehnjährige ist seit den Sommerferien bei den "Wombats", dem Jahrgang 3 bis 4 im Haus Australien. "Ich war in Mathe nicht so der Kracher, ich bin immer hinterher gehinkt. Deshalb bin ich noch ein Jahr geblieben. Das war nicht schlimm, ich fand es schön in meiner alten Klasse", erzählt er seelenruhig. "In dem Jahr habe ich viel in Mathe gemacht. Und jetzt kann ich es sogar sehr gut." Sein Klassenkamerad Tim dagegen ist erst sieben und hat eine Klasse übersprungen.

Lehrer und Erzieher arbeiten im Team In allen Klassen arbeiten zwei Grundschullehrerinnen und eine Erzieherin im Team. 29 Kinder mit besonderem Förderbedarf verteilen sich auf fünf Lerngruppen. In den Integrationsklassen gibt es neben der Grundschullehrerin eine Sonderschullehrerin und eine Heilpädagogin. Shirin geht in die Gazellen-Klasse. "Ich kann nicht so gut schreiben", erklärt die Zehnjährige ihr Handicap. Sie braucht Förderung bei ihrer Körpermotorik. Die Pädagogen-Teams bereiten ihren Unterricht gemeinsam vor. Alle zwei Wochen treffen sich die Kollegen aus den Nachbargruppen. Und einmal im Monat setzen sich alle Lehrer und Erzieher aus dem ganzen Haus zusammen. "Unsere Schule hat den Ruf, dass man hier mehr arbeiten muss als an anderen", sagt Lehrerin Ulrike Ilskensmeier, 42. Ein Wochenende brauche sie schon dazu, die Waps durchzusehen und neue zu schreiben.

"Wir sind eine Leistungsschule." "Ja, die Lehrer arbeiten hier viel", sagt Schulleiterin Gisela Gravelaar. Aber das findet sie völlig in Ordnung. So kämen schließlich nur die motivierten an ihre Schule. Die Lehrer gestalten ihren Lehrplan selbst und verwalten pro Haus einen eigenen Etat von dem sie Lernmaterialien kaufen. Die Schule bekommt nicht mehr Mittel als andere Ganztagsschulen in Münster. Mit ihrer Art zu Unterrichten hat die Schule Erfolg: "Wir sind eine Leistungsschule", sagt die Schulleiterin. Obwohl niemand Sitzen bleibt, keiner Zensuren bekommt, statt dessen Seiten lange Berichte über seinen Lernstand, es weder Hausaufgaben noch Klassenarbeiten gibt, herrscht an der Wartburg-Grundschule keine Kuschelpädagogik. Rund 70 Prozent der Schüler wechseln nach der vierten Klasse aufs Gymnasium oder die Gesamtschule, gut 20 Prozent gehen zur Realschule und nur 5 Prozent besuchen eine Hauptschule.

Die Kinder lernen, selbstständig zu lernen Auch auf den klassischen humanistischen Gymnasien kommen die Schüler gut zurecht, weil sie in der Grundschule gelernt haben selbständig zu lernen, Referate vorzubereiten und vorzutragen. Eine Mutter erzählt beim Info-Tag den neuen Eltern, die ihr Kind an der Wartburgschule anmelden wollen: "Mein Ältester ist inzwischen an der Uni. Jetzt, im Studium schreibt er sich selbst Arbeitspläne zum Lernen, so wie er es hier in der Grundschule gelernt hat." In Zukunft wollen die Lehrer alle Kinder zusammen unterrichten "Die Schulen sollten mehr Freiheiten bekommen", fordert die Schulleiterin. Sie und ihre Kollegen würden die Grundschulzeit gern um zwei Jahre verlängern, damit sie die Kinder nicht mehr so früh auf die weiterführenden Schulen verteilen müssen. Auch die Noten am Ende der vierten Klasse würden die Lehrer am liebsten abschaffen. "Noten sind ungerecht, sie beschämen die Kinder. Wir brauchen sie nicht", sagt Gisela Gravelaar. Durch die erfolgreiche Teilnahme am Deutschen Schulpreis, so hofft sie, "bekommen wir mehr Spielraum".

Lehrer werden mit dem Vornamen angesprochen "Unsere Schule hat gleich mehrere Preise verdient", meint Luca von den "Wombats". "Die Lehrer sind sehr nett, wir dürfen sie mit dem Vornamen ansprechen. Wir haben tolle Klettergerüste. Und es gibt keine Hausaufgaben." Auch die Schulpreis-Jury findet: "Von dieser Schule können Praxis, Wissenschaft und Bildungspolitik sehr viel lernen."

Der Wettbewerb

250 Schulen bewarben sich in diesem Jahr, 20 kamen in die engere Wahl. Im Sommer wurden sie zwei Tage lang von Experten der Jury besucht. Die Jury besteht aus zwölf Pädagogen, Schulleitern und Wissenschaftlern. Sie haben sechs Kriterien entwickelt, nach denen sie die Schulen bewerten: Leistung, Schulklima, Verantwortung, Unterrichtsqualität, Umgang mit Vielfalt und Schulentwicklung.

Die Preisträger

Die Siegerschule, die Wartburgschule aus Münster, bekommt 100.000 Euro. Vier weitere Schulen erhalten Anerkennungspreise von je 25.000 Euro: Die Grund- und Hauptschule Altingen; Das Gymnasium Schloss Neuhaus in Paderborn; Die Gesamtschule Bonn-Beuel, die Schule am Voßbarg in Rastede. Erstmals gibt es auch Sonderpreise von je 15.000 Euro: Die Werkstattschule Bremerhaven in Bremen erhält den "Preis der Jury", die Grundschule im Grünen in Berlin den "Preis der Akademie".

Die Jury

Prof. Michael Schratz, Institut für Lehrerbildung und Schulforschung, Universität Innsbruck; Enja Riegel, ehemalige Leiterin der Helene-Lange-Schule Wiesbaden; Prof. Hannelore Faulstich-Wieland, Fachbereich Erziehungswissenschaften, Universität Hamburg; Prof. Eckhard Klieme, Deutsches Institut für internationale pädagogische Forschung, Frankfurt; Prof. Jürgen Oelkers, Pädagogisches Institut der Universität Zürich; Prof. Peter Fauser, Institut für Erziehungswissenschaften, Universität Jena; Dr. Johan van Bruggen, ehemaliger Hauptinspektor des niederländischen Schulinspektorates (SICI); Dr. Erika Risse, Vereinigung der Deutschen Landerziehungsheime, Oberhausen; Prof. Erich Thies, Generalsekretär der Kultusministerkonferenz, Bonn; Dr. Otto Seydel, Institut für Schulentwicklung, Überlingen; Prof. Manfred Prenzel Leibniz-Institut der Naturwissenschaften, Kiel, und Gisela Schultebraucks-Burgkart, Leiterin der Grundschule Kleine Kielstraße, Dortmund

Interview mit dem Chef der Pisa-Studie

Prof. Manfred Prenzel ist Jurymitglied beim Schulpreis und Chef der deutschen Pisa-Studie.

Herr Prenzel, Sachsen hat bei der Pisa-Studie als bestes Bundesland abgeschnitten. Nordrhein-Westfalen rangiert auf den hinteren Rängen. Jetzt bekommt eine Grundschule aus Münster den Deutschen Schulpreis. Wie passt das zusammen? Prenzel: Auch in Nordrhein-Westfalen kann es doch ausgezeichnete Schulen geben! Bei Pisa betrachten wir die Länder genau, und sehen uns nicht die einzelnen Schulen so gründlich an wie beim Deutschen Schulpreis. Die Pisa-Untersuchung konzentriert sich auf die Leistungen in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Beim Deutschen Schulpreis legen wir dagegen eine Reihe von Kriterien an.

Ist der Deutsche Schulpreis der härtere Test? Pisa untersucht Stichproben von Schulen wie von Schülerinnen und Schülern und schließt daraus auf die Qualität der Lernergebnisse in einem Land. Wir können bei Pisa jedoch nicht so viel über die einzelne Schule sagen wie beim Deutschen Schulpreis. Die Schulen, die sich dafür erfolgreich bewerben, besuchen wir zwei Tage. Das ist ein sehr harter Test.

Reichen sechs Kriterien, um eine Schule zu beurteilen? Ja, denn die Jury des Deutschen Schulpreises interessiert sich vor allem dafür, wie sich eine Schule entwickelt, wie sie ihre Probleme löst. Heute kann keiner sagen, was wir für Schulen in zehn Jahren brauchen. Deshalb haben Schulen, die sich bewegen, sehr gute Voraussetzungen in Zukunft erfolgreich zu sein.

Zwei Tage lang wird die Schule von Experten inspiziert. Wie läuft so ein Schulbesuch ab? Wir sprechen mit unterschiedlichen Gruppen, mit der Schulleitung, den Lehrern, Eltern und Schülern. Wir setzen uns in den Unterricht, spazieren durch die Gänge, gehen unangemeldet in Klassenzimmer rein. Wir schauen: In welchem Zustand befindet sich die Schule? Wie sehen die Gänge aus? Wie das Klassenzimmer? Man kann viel über eine Schule erfahren, wenn man in der Mensa zu Mittag ist. All diese Eindrücke setzen sich dann zu einem Gesamtbild zusammen.

Was nützt es mir als Mutter mit Kindern, die in Hamburg zur Schule gehen, wenn in Münster eine Grundschule ausgezeichnet wird? Sie können sich auf der Homepage der Bosch Stiftung über die sechs Kriterien informieren, die über die Vergabe entscheiden. Diese Qualitätsmerkmale können Ihnen dabei helfen, sich ein Urteil über eine Schule zu bilden. Wir hoffen, dass der Schulpreis Signal-Wirkung hat. Andere Schulen sollen angesprochen und ermutigt werden, sich aktiv mit ihren Problemen zu beschäftigen.

Die Schulen, die bisher beim Wettbewerb ausgezeichnet wurden, haben alle ähnliche Strukturen: Sie nehmen jedes Kind mit, machen individuellen Unterricht. Das könnte doch für alle als Vorbild dienen. Neben gutem Unterricht ist mir vor allem wichtig: Wie überprüft eine Schule ihre Leistung? Hat sie eine Vision? Und externe Partner, die sie auf ihrem Weg unterstützen? Wie stützt und fördert sie schwache Schüler?

Was können Eltern tun, um Reformprozesse an ihrer Schule anzustoßen? Da sollten Eltern sehr sensibel vorgehen. Viele Lehrer und Rektoren reagieren auf Kritik sehr empfindlich. Wenn Eltern versuchen, eine Schule zum Umdenken zu zwingen, die noch nicht soweit ist, können sie auch Schaden anrichten. Dabei können jede Menge Spannungen entstehen unter denen dann letztlich das Kind leidet. Eltern sollten überlegen: Wer ist ein geeigneter Partner für Veränderungen? Sie können sich in der Elternvertretung oder der Schulkonferenz engagieren und das Gespräch mit der Schulleitung suchen. Schulen haben häufig ein Schulprogramm. Da steht viel auf dem Papier, wie zum Beispiel Konflikte gelöst oder Schüler gefördert werden sollen. Aber häufig ist das sehr theoretisch und abstrakt. Gemeinsam mit Lehrern können Eltern überlegen, wie sie diese Visionen im Alltag umsetzen können. Gelingt ihnen das, haben sie bereits den ersten Schritt getan. Und weitere Reformen können folgen.

Interview: Catrin Boldebuck

Anerkennungspreis: Die Schule am Voßbarg, Rastede

"Ich habe eine Rechenschwäche", sagt der zehnjährige Julian, "aber dafür habe ich jede Menge Phantasie." Rot glühen seine Backen im ansonsten blassen Gesicht. "Ich habe schon mal eine Super-Laser-Hightech-Zentrale erfunden." Julian ist ein schmaler Junge mit dicken Brillengläsern. Geradewegs vor ihm auf dem Tisch steht ein Rechenschieber. Der Junge mit den wuscheligen Haaren würdigt aber die blauen und roten Holzperlen keines Blickes. In Gedanken ist er schon bei seiner Kugelfisch-Laterne, an der er in der nächsten Stunde weiterbasteln will. Es ist die dritte Stunde, kombinierter Mathe- und Deutschunterricht. Die Schule am Voßbarg im nordniedersächsischen Rastede ist eine Förderschule mit vielen Besonderheiten. Eine ist, dass die Kinder schon ab der ersten Klasse hierher kommen können. Eine andere, dass zehn Jahre später ein Hauptschulabschluss möglich ist. Bis dahin aber brauchen die 101 Kinder und Jugendlichen ganz besondere Unterstützung, um das Lernen zu lernen.

Individuelle Aufgaben Die Schüler haben Schwierigkeiten, von denen viele gar nicht wissen, dass es sie überhaupt gibt: Rechnen mit Zahlen über 20 kann für manchen Teenager eine enorme Herausforderung bedeuten. Bei einigen reichen die intellektuellen Fähigkeiten schlichtweg nicht aus, um in der Regelschule mitzuhalten, anderen ist das Lernen durch psychische oder familiäre Probleme erschwert. Um auf die unterschiedlichen Schwächen - und Stärken - der Kinder einzugehen, stellt Lehrer Jürgen Sellere jedem andere Aufgaben zusammen. Der elfjährige Shemredin formt aus Knetgummiwürsten die Worte "Ente", "Wiese" und "Gras", die zehnjährige Vivian übt am Nachbartisch Silben. "Kaufen" liest sie aus ihrem Lernheft vor. Sie wirft Jürgen Sellere einen Schaumstoffwürfel zu und ruft "kau" - der Lehrer antwortet: "fen" und wirft den Würfel zurück. "Zwei", sagt Vivian, und schreibt den Begriff in krakeliger Schreibschrift in die Spalte mit den zweisilbigen Wörtern.

Buchstaben werden mit Lauten verbundenWas einfach aussieht, ist knochenharte Basisarbeit. Das Kneten spricht den Tastsinn an, die bunten Farben wecken Emotionen. So verankern sich die Buchstabenfolgen fester im Gehirn als beim Schreiben mit Tinte. Und Vivians Silbenzählen ist ein Schritt auf dem schwierigen Weg zum flüssigen Lesen. Geduldig korrigiert Jürgen Sellere jeden ihrer Fehler. Am Ende der Stunde schafft sie sogar das komplizierte Wort "Scho-ko-la-den-pud-ding" auf Anhieb fehlerfrei. Noch Grundlegenderes übt Jürgen Selleres Kollege Frank Wronski mit den Jüngsten: Die Erst- und Zweitklässler sind "Affenkinder", die zu Dschungelgeräuschen aus dem CD-Player durch die Turnhalle toben. Rasselt Wronski dazu mit einer Rassel, stürmen sie kreischend die Sprossenwand. Schlägt er auf eine Trommel, flitzen sie unter ein in einer Ecke aufgespanntes Tuch. "Das trainiert ihre Assoziationsfähigkeit", erklärt der Pädagoge. Wenn sie "Rassel = Schlange = auf-den-Baum-klettern" miteinander verbinden können, oder "Trommel = Gewitter = in-die-Höhle-kriechen", dann fällt es ihnen auch leichter, Buchstaben mit Lauten zu verknüpfen.

Die Schule kämpft mit Vorurteilen So angenehm die Atmosphäre innerhalb der Schule ist, nach außen haben Schüler und Eltern noch mit Vorurteilen zu kämpfen: Die Kinder steigen in einen anderen Schulbus als die anderen, und sie haben weniger Freunde in der Nachbarschaft. "Das Stigma ‚Förderschule' können wir nicht aufheben", sagt Schulleiter Bernhard Schrape. "Wir können nur damit umgehen." Mit dreierlei begegnet die Schule am Voßbarg der drohenden sozialen Ausgrenzung ihrer Schüler: Erstens durch die Bestrebung, so viele von ihnen wie möglich in den ursprünglichen Schulen zu belassen - ein Drittel ihrer Stunden verbringen die Lehrer in den acht anderen Grundschulen in Rastede und im benachbarten Wiefelstede, wo sie zum Beispiel Kinder mit Sprachstörungen und Verhaltensauffälligkeiten betreuen.

Eltern und Schüler sind stolz auf ihre Schule Zweitens sorgt das Kollegium dafür, dass Eltern und Schüler stolz auf "ihre" Schule sind. Durch einen engen Kontakt zur Regionalzeitung etwa, die über Pilotprojekte der Schule berichtet, durch die erfolgreiche Teilnahme an Schülerwettbewerben oder einfach durch positive Rückmeldungen. Ein Lehrer rief kürzlich die Eltern eines sehr scheuen Mädchens an: "Ihre Tochter hat heute zum ersten Mal vorgelesen", gratulierte er ihnen. Drittens schließlich helfen die Lehrer jedem einzelnen, seine persönlichen Talente zu entwickeln. Das Angebot an Arbeitsgemeinschaften der Ganztagsschule ist, gemessen an der geringen Zahl der Schüler, gewaltig. Die Kinder können wählen, ob sie nachmittags nähen oder den Gemüseacker bewirtschaften, ob sie zu der Mofagruppe, den "Lesegeistern" oder der Schülerband gehören wollen, ob sie beim Küchendienst "Iss was" mitmachen, dem Bügelservice "Heiße Eisen" oder der schuleigenen Imkerei, wo die Kinder selbst Honig produzieren - vom Aussäen der Blumenwiese bis zum Abfüllen der 250-Gramm-Gläser.

Die Mädchen und Jungen leisten mehr, als von ihnen erwartet wird Und noch etwas trägt dazu bei, Vorurteile gegenüber den Förderschülern aufzuheben: Die Rasteder Mädchen und Jungen leisten oft weitaus mehr, als von ihnen erwartet wird. Von den 80 Absolventen der letzten drei Jahre schafften 47 den Hauptschulabschluss, 8 wechselten anschließend auf die Realschule und 13 begannen eine Ausbildung. So beeindruckend die Lehrer selbst die Erfolgsquote ihrer Schüler finden, schätzen sie deren Chancen am Arbeitsmarkt doch als schwach ein. Sie wissen, wie wenig einer auf dem Arbeitsmarkt zu erwarten hat, der seinen Hauptschulabschluss nur unter idealen Bedingungen geschafft hat - und vielleicht auch bloß mittelmäßige Noten vorweisen kann.

Sie wollen realistisch sein - und das Träumen dennoch nicht verlernen Umso motivierter sind die Pädagogen, die Schüler mit Fertigkeiten wie Bügeln und Spülen auf Alternativen zu Ausbildungsberufen vorzubereiten. Deshalb schafft Schulleiter Schrape so exotische "Lehrmittel" wie die neue "Hauben-Durchschubspülmaschine" an: Wer dieses zischende Profigerät aus Edelstahl bedienen kann, bekommt später leichter einen Job als Hilfsarbeiter in einer Kantine. Es gehört zu den vielen Spagaten an der Schule am Voßbarg, die Jugendlichen trotz dieses Realismus in ihren Träumen zu bestärken.

Es duftet nach Apfelringen Zeit für Träume ist zum Beispiel nach getaner Arbeit, als die Küchen-Crew mit ihrer Lehrerin Elis Ritterbeeks zum Tee im Keller zusammenkommt. Den Raum haben die Schüler mit Herbstlaub und Kürbissen dekoriert, es duftet nach Apfelringen, die unter der Decke zum Trocknen hängen. Der 15-jährige Marvin erzählt, dass er Bäcker werden will. Heute Mittag hat er würzige, handtellergroße Fladenbrote gebacken, als Beilage zum Gemüseauflauf. Seit seinem Schulpraktikum jobbt er in einer Bäckerei. "Ich stehe gerne früh auf", sagt er. "Und ich will eine Dönerbude aufmachen, wie mein Onkel", sagt der 16-jährige Ersan. "Am liebsten zusammen mit Frau Ritterbeeks, schließlich sind wir schon seit zehn Jahren ein eingespieltes Team." Der dunkelhaarige, kräftige Junge lacht seine Lehrerin an. "Wie man das genau anstellt, weiß ich noch nicht. Man muss wohl reich sein, und ein bisschen geschickt auch. Aber ich habe ja noch Zeit, das alles zu planen."

Sara Mously

Anerkennungspreis: Integrierte Gesamtschule Bonn-Beuel

Wenn Noris vorlesen soll, wird seine Stimme immer ganz leise. Schüchtern schiebt er vorweg: "Aber mein Text ist nur ganz kurz." Der dunkelhäutige Junge mit den breiten Schultern wirkt eigentlich nicht wie einer, der sich klein machen muss. Aber das Vorlesen fällt dem Zwölfjährigen sichtlich schwer, seine Mitschüler lauschen geduldig, wie er ein Wort nach dem anderen zögerlich über die Lippen schiebt. "Das war doch gut", sagt sein Nebensitzer Pablo hinterher aufmunternd. Deutsch in der 6a in der Integrierten Gesamtschule Bonn-Beuel. Auf den ersten Blick eine klassische Stunde. In Kleingruppen besprechen die Schüler ihre Hausaufgaben. Erst auf den zweiten Blick fallen die Besonderheiten von Bonns größter Schule auf. An einem Tisch sitzt ein Kind im Rollstuhl, ein Mädchen am Nebentisch wirkt viel jünger als seine Mitschüler. Sie ist erst neun und hat einige Klassen übersprungen, dafür Schwierigkeiten, sich sozial zu integrieren. Einer ihrer Klassenkameraden ist fünf Jahre älter, er musste Schuljahre wiederholen. Zwei andere Kinder der Klasse gelten als lernbehindert. Der gemeinsame Unterricht mit ihren Klassenkameraden ohne Behinderung bietet diesen Kindern viele Möglichkeiten jenseits der klassischen Förderschulen. Das erlebt gerade auch Noris, dem eine Sprachbehinderung attestiert wurde.

"Eine Schule für alle Kinder" Noris Freunde halten sich mit solchen Definitionen nicht auf. "Lies doch einfach ein bisschen lauter", sagt Pablo, "du denkst immer, das ist peinlich, wenn du liest, aber das ist es gar nicht." Noris und Pablo sind zwei von knapp 1400 Schülern, die an der IGS Bonn-Beuel unter dem Motto "Eine Schule für alle Kinder" gemeinsam lernen. Ein zentrales Standbein dabei ist der gemeinsame Unterricht von Förderschülern und solchen, die keine sonderpädagogische Förderung benötigen. Von sechs Parallelklassen sind je zwei gemischt. Jeder Schüler wird gemäß seiner Bedürfnisse individuell gefördert, dafür sorgen die Lehrer mit sonderpädagogischer Ausbildung, die die Fachlehrer begleiten. Aber vom Leitsatz "Jedes Kind ist einzigartig" soll die ganze Schule profitieren, denn: Heterogenität fördert und fordert alle. Das hat die Wissenschaft der Schule schon vor 24 Jahren bestätigt, als die IGS gemeinsamen Unterricht auch gegen anfängliche Widerstände durchsetzte. Inzwischen hat es sich herumgesprochen; die Nachfrage nach Schulplätzen ist am dreißigsten Geburtstag der Schule größer als das Angebot.

Heterogenität als Chance Das war noch nicht immer so. Noch vor zwölf Jahren litt die IGS unter einem für Gesamtschulen nicht seltenen Problem: Angesichts der Konkurrenz dreier privater Gymnasien in direkter Nachbarschaft war die Gymnasialspitze fast weg gebrochen. Gesamtschulen hatten den Ruf, nur die Schwachen zu fördern. "Man muss natürlich dafür werben, dass Heterogenität eine große Chance ist", sagt Jürgen Nimptsch heute. Das tut der Schulleiter seit seinem Amtsantritt. 1996 richtete sich die Schule neu aus, die individuelle Förderung wurde zentraler Teil des Profils. Innerhalb weniger Jahre verdoppelte Nimptsch die Zahl der Schüler mit Förderbedarf, zudem wurde die Förderung Hochbegabter ins Programm aufgenommen. "Durch die Integration wird Sozialkompetenz wie von selbst erworben", sagt Nimptsch. Sozialkompetenz klingt reichlich abstrakt für das, was die Schüler an der IGS täglich erleben. "Man lernt halt, anderen zu helfen", sagt die zehnjährige Carolin. Und wieso auch nicht: "Die sind ja genauso nett wie die anderen Kinder." Zuvor hat sie ihrer geistig behinderten Freundin Annika beim Experiment "Hast du Töne" eine Stimmgabel angeschlagen, ihr die Haare aus dem Gesicht gestrichen und die Stimmgabel an die Wange gehalten. "Was fühlst du?" Annika hat die Nase gekräuselt und gegrinst. "Es kribbelt." Gemeinsam haben die Schülerinnen die Beobachtung in Annikas Heft geschrieben.

Lernmethoden begleiten durch alle Klassen "Stationenlernen" heißt die Methode, mit der die Schüler der 5a an diesem Morgen im Fach Naturwissenschaften das Wesen der Töne und Schwingungen erforschen. Es ist das erste Mal, dass die Jüngsten der Schule eine Lernmethode ausprobieren, die sie durch alle Klassen begleiten wird: In Kleingruppen machen sie verschiedene Experimente. Förderlehrerin Gerlinde Klein hat ein besonderes Auge auf Annika, sowie auf ein gehbehindertes Mädchen, einen Jungen im Rollstuhl und einen autistischen Jungen. "Wir thematisieren natürlich, dass sie anders sind", sagt sie. Aber es wird wie selbstverständlich damit umgegangen. Aber es gab auch andere Zeiten. Zeiten der Unsicherheit. Jonas brachte Gerlinde Klein an ihre Grenzen. Vor sechs Jahren war er ihr erster autistischer Schüler. "Jonas hat in der fünften Klasse die Hälfte der Zeit unter dem Tisch verbracht und geweint", erinnert sie sich. Mit solchen Situationen umgehen, das lernt man in keinem Studium. Gerlinde Klein hat sich Schritt für Schritt herangetastet, viel gelesen und mit Therapeuten gesprochen. Sie wurde in dieser Zeit zu Jonas Ansprechpartnerin. In kleinen Schritten lernte sie, wie sie den Schüler erreichen konnte, was ihm half. "Für Autisten gibt es keine andere Schule", sagt sie. Weder Einrichtungen für geistig Behinderte noch Schulen für Erziehungsschwierige werden ihnen gerecht.

Jede Integrationsklasse betreut ein Fachlehrer und ein Integrationslehrer Die Jahre haben die Lehrer zu Experten werden lassen. Vieles hängt von ihrem Engagement ab. Jede Integrationsklasse wird von einem Fachlehrer und einem Integrationslehrer mit sonderpädagogischer Ausbildung betreut. "Nach etwa fünf Jahren im Schnitt haben beide Kompetenzen in beiden Bereichen", sagt Schulleiter Nimptsch. Eine Ausbildung zum Lehrer für Integrationsklassen gibt es nicht. Nur die Praxis zählt. Für die Lehrer bedeutet das oft mehr Arbeit, doch der Erfolg motiviert. Nimptsch hat keine Probleme, geeignetes Personal zu finden, viele wollen an der Schule unterrichten, die mit einem einst umstrittenen Konzept beste Ergebnisse erzielt: Bei Lernstandserhebungen erhält die Schule seit 2005 durchgängig in allen Fächern die Auszeichnung "exzellente Ergebnisse", die Schüler liegen mit ihren Abschlüssen über dem Durchschnitt, in 30 Jahren verließen nur Zwölf ohne Abschluss die Schule. Die Kinder mit Förderbedarf erreichen im gemeinsamen Unterricht ungleich bessere Abschlüsse als Gleichaltrige auf reinen Förderschulen.

Auch Jonas muss sich heute nicht mehr unter dem Tisch verstecken. Er ist in der 11. Klasse und wird in zwei Jahren Abitur machen. Dass er es so weit geschafft hat, ist nicht selbstverständlich, findet er: "Es ist ein großes Glück, dass ich auf dieser Schule gelandet bin." Er hat den Raum bekommen, den er brauchte. Wenn ihm mal wieder alles zu viel wurde, durfte er allein in der Bibliothek sein. Die Lehrer übten soziale Verhaltensweisen mit ihm ein und warben bei den Mitschülern um Verständnis. Heute merkt man ihm den Autismus kaum noch an. Dank der IGS, sagt er: Die Möglichkeiten des gemeinsamen Unterrichts und die Offenheit der Lehrer und Mitschüler hätten ihn aus einem Loch geholt. "Ich will mir gar nicht vorstellen, was ohne Frau Klein aus mir geworden wäre", sagt er leise. Nach dem Abitur wird er Geologie studieren.

Eva Wolfangel

Anerkennungspreis: Gymnasium Schloss Neuhaus, Paderborn

Bernhard Gödde sitzt in einer Schaltzentrale. Wenn er mit seinem Bürostuhl zwischen den drei Computern auf seinem großen Schreibtisch hin und her rutscht und auf den Monitoren schaut, was es Neues gibt und wo er eingreifen muss, wirkt es, als steure er den Zugverkehr der Nation. Er tippt hier ein paar Zahlen ein, schreibt dort eine E-Mail, protokolliert da ein Gespräch. Alle paar Minuten unterbricht ihn das klingelnde Telefon. Oder ein Schüler mit einer dringenden Frage.

Denn Bernhard Gödde ist nicht der Chef einer Leitzentrale, sondern Rektor eines Gymnasiums. Knapp 1400 Schüler besuchen das Gymnasium Schloss Neuhaus in Paderborn. Allein alle dringenden Belange der Schüler und der 102 Lehrer zu verwalten, wäre ein Fulltime-Job. Aber Bernhard Gödde will es dabei nicht belassen. "Wir sind eine lernende Organisation, die möglichst allen gerecht werden will", definiert er seinen Arbeitsplatz.

Hausaufgaben stellen die Schüler ins Intranet Zwischen Telefonaten und dem Entwurf eines Elternbriefes kontrolliert der Schulleiter an einem der Computer, ob sein Mathe-Leistungskurs die Hausaufgaben ordnungsgemäß ins schuleigene Intranet gestellt hat. Immer neue Formeln und Kurven öffnen sich auf dem Bildschirm. Bernhard Gödde schaut sich die Lösungen genau an, sein Grinsen wird immer zufriedener. "Das können die alles", sagt er schließlich.

Dass der Rektor einen hohen Anspruch nicht nur an sich selbst stellt, hat über die Grenzen Paderborns hinaus die Runde gemacht. Überdurchschnittliche Ergebnisse in den Vergleichsarbeiten, ein breites Fremdsprachenangebot und Auszeichnungen für zahlreiche Schüler in Wettbewerben sprechen für sich. Aber Bernhard Gödde gibt sich auch damit nicht zufrieden. Er will alle mitnehmen: "Unsere Begabtenförderung gilt als Aushängeschild, dabei stecken wir vier Mal mehr Energie in die Förderung der schwächeren Schüler."

Es geht ums "Gleichgewicht", um das soziale Miteinander Dass aber ein Schüler xy zum Beispiel seine Versetzung geschafft hat, steht nicht in der Zeitung. Anstrengungen für die Schwachen? Das gilt als nicht prestigeträchtig. Bernhard Gödde geht es indes um das "Gleichgewicht" der Schule, wie er es nennt. Und um das soziale Miteinander. "Wir erwarten, dass sich die starken Schüler für unsere Unterstützung revanchieren", sagt er. Sie bieten ihren Mitschülern Nachhilfe an, engagieren sich als Paten für die neuen fünften Klassen oder organisieren die nachmittägliche Hausaufgabenbetreuung "Silentium".

Alle mitnehmen - dieses Prinzip verfolgt die Schule auch bei Schülerreisen und Auslandsaufenthalten. Die Poster der verschiedenen Klassen an den Wänden des Schulhauses zeigen lachende GSNler in Partnerschulen in Schweden, Finnland, den Niederlande, Polen, der Türkei, Ungarn, Rumänien, Italien und Spanien. Für so eine große Schule braucht es auch viele Partnerschulen, findet Bernhard Gödde: "Während andere Schulen acht Schüler nach China schicken, schicken wir alle 160 eines Jahrgangs ins Ausland."

Erstklassiges Benehmen für die Klassenfahrt Nur zu einer Fahrt dürfen nicht alle mit: "Bedingung: erstklassiges Benehmen", steht auf dem Plakat, das die Ferienfahrt ankündigt. Alljährlich fährt der Schulleiter eine Woche lang in den Sommerferien mit einer ausgewählten Schülerschar in Deutschland in den Urlaub - privat. Exzellentes Benehmen? "Man sollte sich schon für die Schule engagieren", sagt Bernhard Gödde. Trotz der strengen Ausschreibung sind die Ferienfahrten mit dem Rektor ein Renner. Es gibt regelmäßig deutlich mehr Anmeldungen als Plätze. Alljährlich opfert Bernhard Gödde dafür eine Woche seines Urlaubs und wechselt die Rolle. Im Schulalltag würde ihn kaum jemand in kurzer Hose zu Gesicht bekommen.

Die Schüler wissen dieses Engagement zu schätzen. "Es macht einfach Spaß, mit ihm wegzufahren", sagt Sarah aus der elften Klasse, die erst als Teilnehmerin und nun als Leiterin mitfährt. "Die Lehrer geben in ihrer Freizeit Nachhilfe oder organisieren abendliche Treffen mit ihren Kursen", lobt Ex-Schulsprecher Marius, "in so einer Schule engagiert man sich gerne." Schülervertreter Max gefällt außerdem die soziale Kultur an seiner Schule: Patenschaften, Stufenfeiern, Ferienfahrten - "man kann sich hier so gut integrieren."

"Strebsam zu sein, gilt als gut" Für ein gutes Schulklima ist auch die Auseinandersetzung mit Vorurteilen wichtig. Das GSN gilt als Leistungsschule. "Niemand möchte ein Streber sein", sagt Gödde, der viel über dieses Thema nachgedacht hat, "aber strebsam sein, gilt als gut." Persönlich sei er zu dem Schluss gekommen, dass Leistung eine erweiterte Definition benötige. So gibt es die schuleigenen GSN-Awards auch für soziales Engagement, für den Einsatz für die Schule oder für sportliche Erfolge.

Eine Leistungsschule ohne Streber? Oberstufenschüler Patrick fasst das in eigene Worte: "Man muss an dieser Schule keine Angst haben, gute Leistungen zu zeigen." Er ist einer der so genannten "Springer": der 17-Jährige hat eine Klasse übersprungen und geht nun in die 13. Klasse. Zusammen mit seiner Mitschülerin Ann-Kathrin, auch eine "Springerin", überlegt er, was anders an ihnen ist. "Wir sind vielleicht an manchen Themen ein bisschen interessierter als andere", sagt Ann-Kathrin schließlich vorsichtig. "Und uns fällt vieles leichter." Denn den ganzen Tag Zuhause sitzen und lernen, das würde ihr keinen Spaß machen. "Hochbegabt" wollen sich die beiden nun wirklich nicht nennen. "Wir sind eigentlich ganz normal", sagt Kathrin lachend. Aus dem vom GSN gezimmerten Rahmen fällt niemand heraus.

Frühwarnsystem für die Schwachen Für die Schwachen hat die Schule eine Art Frühwarnsystem eingerichtet. Fällt die Leistung eines Schülers ab, benachrichtigen die zuständigen Fachlehrer einen Koordinator. "Wir bieten frühzeitig Förderkurse an und nicht erst dann, wenn die Versetzung in Frage steht", sagt Mittelstufenkoordinator Stefan Balthasar. In einem Ordner hat er alle Förderkurse gesammelt, dazu Namen und Klassen der teilnehmenden Schüler. "Schließlich wollen wir keinen mit Förderkursen überfordern."

Und oft geht es auch wie nebenbei. "Guck mal, das ist ganz einfach", sagt Arne in der Pause zu seinem Mitschüler David, der über seinem Matheheft brütet. Mitten im Pausenchaos der 8c studieren die beiden Kurven und Formeln, der Lärm der anderen prallt an ihnen ab, als hätten sie eine Käseglocke über sich gestülpt. Einfach? David schaut zweifelnd.

Arne ist bekannt als Überflieger, zwei Mal hat er bei der Matheolympiade landesweit den dritten Platz belegt. Zu den Wettbewerben hat ihn stets ein Lehrer begleitet, das ist Teil der Begabtenförderung am GSN. Aber auch er hält nicht viel davon, den ganzen Nachmittag am Schreibtisch zu verbringen. Keyboardspielen bereitet schließlich viel mehr Spaß. Dass er hin und wieder freiwillig zu "Zahlenschlachten" fährt, finden seine Klassenkameraden nicht weiter seltsam. "Viele sind stolz, so jemanden in der Klasse zu haben", sagt er. Und nebenbei ist es ganz praktisch: Denn trotz seiner Begabung findet Arne die richtigen Worte, um die Matheaufgaben einfach zu erklären. "Und dann setzt du das einfach in die Geradengleichung ein", endet er pünktlich zum Klingeln am Ende der Pause. David nickt: "Stimmt", sagt er dann: "Einfach."

Eva Wolfangel

Anerkennungspreis: Grund- und Hauptschule Altingen

An diesem Morgen sitzen zwei junge Männer mit zwei Sozialarbeitern in einem Besprechungszimmer, Mike* und Thomas*. Vor ihnen auf dem Tisch liegt ein Vertrag.

Es soll der Schlusspunkt eines seit längerem schwelenden Konflikts in Klasse acht werden. Der begann vor einigen Monaten scheinbar harmlos mit der Verballhornung von Mikes Nachnamen. Dann folgten Sticheleien über seinen Körpergeruch. Einer versprühte demonstrativ Deo im Klassenzimmer. "Mike stinkt", hieß es. Viele machten mit, vor allem Thomas. "Ärgerspiele" nennt Schulsozialarbeiter Walter Brückner solche Rituale, die kein Spiel mehr waren, jedenfalls nicht für Mike. Der große und schwere Junge, weniger wortgewandt als seine Peiniger, wusste nicht, wie er sich wehren sollte. Einmal rannte er mitten in der Stunde aus der Schule.

Jeder Schüler kann den Klassenrat einberufen Die Stimmung ist ernst, als sich eine Stunde später die ganze Klasse im Stuhlkreis zur "Schülerversammlung" trifft. Jeder Schüler hat das Recht, den Klassenrat einzuberufen, auch die Lehrer. Der Schulsozialarbeiter eröffnet die Runde. Er nennt das Problem beim Namen: "Ausgrenzung." Es gehe nicht nur um Mike und Thomas. "Es gibt auch andere, die geärgert werden." Nach und nach trauen sich einige Schüler aus der Deckung. Luisa*, sichtlich aufgewühlt, hebt den Finger und will erzählen. Stattdessen bricht sie in Tränen aus. Die Klasse schaut betroffen.

Der Klassenrat ist so wichtig wie Deutsch oder Mathe Die dritte Stunde am Freitag ist reserviert für den Klassenrat. An der Grund- und Hauptschule in Altingen bei Tübingen ist der Klassenrat eine Institution, so wichtig wie Deutsch oder Mathe und wenn ein Problem drängt, muss dafür auch mal eine Mathestunde ausfallen. Denn wer kapiert schon Prozentrechnen, wenn er vor Wut kocht? Der Klassenrat ist an dieser kleinen Schule - 187 Schüler, davon 25 Prozent Migranten - das Parlament der Schüler. Hier lernen sie Demokratie, fairer als in jedem Erwachsenenparlament. Hier wird zugehört, hier spricht nur, wer an der Reihe ist, keiner darf diffamiert werden. Der Gedanke dahinter: Nur wer erfährt, dass er selbst gerecht behandelt wird, kann auch zu anderen gerecht sein. Nur wer sich verstanden fühlt, kann andere verstehen.

Das tägliche Miteinander ist ein wichtiger Teil des "Altinger Modells," das Schulleiter Ulrich Scheufele, 58, mit seinem Kollegium seit über zwanzig Jahren fort entwickelt, ein Reformkonzept, das großen Wert auf Gerechtigkeitssinn und menschlichen Umgang legt. Fähigkeiten, die nicht unbedingt im Lehrplan stehen, die aber dafür sorgen, dass es an dieser Hauptschule kaum Gewalt gibt, obwohl die Welt auch hier längst nicht mehr heil ist. "Zwei Fälle in zwanzig Jahren", sagt Scheufele.

Der Unterricht soll spannend und lebensnah sein Natürlich ist der Unterricht das Kerngeschäft auch dieser Schule. Natürlich sollte er spannend und lebensnah sein. Dafür sorgen in Altingen monatelange, fächerübergreifende Projekte, die echtes Erleben ermöglichen. Beim "Waldprojekt" in Klasse sechs beispielsweise lebte die Klasse eine Woche lang im Wald und baute sich aus Stämmen und Zweigen eine Hütte. Das Thema Wald wurde in allen Fächern behandelt und mündete in eine Ausstellung, die der ganzen Schule präsentiert wurde (www.altinger-konzept.de). Stets sind Experten dabei, Förster, Gärtner, Handwerker oder Schauspieler, die die 19 Lehrerinnen und Lehrer unterstützen.

Aber genauso wichtig ist Scheufele und seinem Kollegium eine "Lehrkraft," deren Bedeutung oft unterschätzt wird: die Gemeinschaft. "Das soziale Lernen ist so wichtig wie das kognitive Lernen, es ist die Voraussetzung, dass man sich fürs kognitive Lernen öffnen kann," sagt der Rektor. Schon in der ersten Klasse lernen die Altinger Schüler, dass sie sich Hilfe holen können, wenn sie drangsaliert werden oder sich ungerecht behandelt fühlen - auch vom Lehrer. Jedes Kind soll eine Stimme bekommen, auch die Schüchternen, die wenig Wortgewandten.

Jeder soll sich selbstbewusst zu Wort melden Das wird ständig geübt, mal in der großen Schulversammlung, wenn sich alle Schüler in der Turnhalle treffen, mal in der Klassenversammlung. Diese Runde kann bei Konflikten auch über eine Wiedergutmachung entscheiden. Der Lehrer hat theoretisch ein Vetorecht, wenn die Entscheidung gegen die Würde eines Schülers oder die Schulordnung verstößt. Doch das braucht er selten. Zu Anfang von Klasse fünf nehmen sich die Lehrer viel Zeit für das Sozialtraining. Viele Kinder kommen gedrückt, weil sie ja "nur" Hauptschüler sind. Aus ihnen wird eine Gemeinschaft geschmiedet, beispielsweise, indem man gemeinsam eine hohe Tanne erklimmt und sich dabei gegenseitig sichert. Doch wer glaubt, soziale Fähigkeiten, einmal einstudiert, sitzen für immer, der täuscht sich. "Wir üben uns darin, und es gelingt mal mehr und mal weniger," sagt Lehrerin Karina Vogel-Pahls bescheiden.

Regeln fürs Reden Joao meldet sich, er will die Schülerversammlung in Klasse acht leiten. Er wiederholt kurz die Regeln: Nur in der Ich-Form zu sprechen, den anderen ausreden lassen, ihn nicht beleidigen. Wiederholungen vermeiden. Nur wer den roten Ball in Händen hält, darf sprechen. Mike sagt, was er sich wünscht: "Dass man mich respektiert." Er würde an Mikes Stelle auch aus dem Klassenzimmer rennen, bekennt ein Mitschüler. Mike müsse sich "auch an die eigene Nase fassen," wendet Hami, der Klassensprecher, ein. Das Problem liege nicht nur an der Klasse. "Sag es ihm direkt, was du dir von ihm wünschst," wird Hami aufgefordert. Hami wird deutlich: "Ich will nicht mehr, dass du deine Wut an mir raus lässt, ich will nicht mehr von dir mit einer Schere bedroht werden." Nun zeigt sich eine andere Seite von Mike: Es gefällt ihm, seine Mitschüler von hinten zu attackieren. Er piekst sie in die Seiten, so dass sie vor Schreck zusammen zucken und "hopsen".

Jetzt sollen Vorschläge gemacht werden, wie der Streit zu lösen ist. Das Ziel: Mike, Hami und Thomas müssen keine Freunde werden, aber sie sollen respektvoll miteinander umgehen. Thomas berichtet von dem Vertrag, den er eine Stunde zuvor mit Mike im Beisein der Sozialarbeiter geschlossen hat: Sollte es noch mal dumme Kommentare geben, wird sich Thomas demonstrativ auf Mikes Seite stellen. "Aber ich will nicht ausgelacht werden," fordert Thomas von der Klasse. "Es soll keiner sagen, dass ich mich bei Mike einschleime." Es folgen eine Menge Vorschläge, wie sich das Klassenklima verbessern ließe. Mike könnte ein Papier zerknüllen, wenn er wütend ist, schlägt ein Junge vor. Oder den Boxsack traktieren. "Ich bin bereit, dich nicht mehr zu beleidigen," sagt Joao, "wenn du aufhörst, mich zu pieksen."

Betriebe schätzen das Selbstwertgefühl der Absolventen Es geht den Lehrern in Altingen nicht nur ums Wohlfühlen, sondern auch um Qualitäten für den späteren Beruf. Betriebe schätzen das Selbstwertgefühl der Absolventen aus Altingen ebenso wie ihre Fähigkeit, im Team zu arbeiten. In den letzten Jahren fanden 76 Prozent der Absolventen eine Lehrstelle, weitere 18 Prozent machten den Realschulabschluss, berichtet Schulleiter Scheufele. Nach gut einer Stunde ist die Aussprache in Klasse acht zu Ende. Thomas und Mike geben sich die Hand. Thomas wird nicht mehr lästern, Mike nicht mehr abhauen. Achim wird Thomas beistehen, falls ihn einer ärgern sollte. Als sie in die Pause gehen, sehen alle erleichtert aus.

Ingrid Eißele (*Namen geändert)

Preis der Jury: Werkstattschule Bremerhaven

An dieser Schule schaut man sich vergeblich nach Tafel und Pulten um. Statt Kreidestaub steigt hier der Geruch von Sägespänen, Schmieröl und Wandfarbe in die Nase. "Moin, Frau Elias", grüßen zwei Jugendliche in blauen, dreckverschmierten Latzhosen, als sie die Werkshalle durchqueren. Einer von ihnen hat eine lange Aluminiumleiter geschultert. Sie sind auf dem Weg zu ihrer Baustelle. "Das herkömmliche Schulsystem hat bei unseren Leuten nicht gegriffen, deshalb probieren wir etwas anderes mit ihnen aus", erklärt Sozialpädagogin Birgit Elias das Modell "Produktionsschule": die Jugendlichen arbeiten, anstatt die Schulbank zu drücken. In richtigen Werkstätten und auf richtigen Baustellen. Nebenbei schafft über die Hälfte den Hauptschulabschluss, den sich viele von ihnen schon gar nicht mehr zugetraut haben.

Schüler gehören zu den Schwächsten der Gesellschaft Die Schüler der Werkstattschule Bremerhaven gehören zu den schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft: In einer ohnehin von Arbeitslosigkeit und sozialer Not geprägten Region sind sie die Außenseiter. Entweder, weil sie als Teeanger nach Deutschland kamen und nie wirklich die Chance erhielten, dem deutschsprachigen Unterricht gut zu folgen. Oder weil fehlende Unterstützung im Elternhaus es ihnen erschwerte, sich selbstbewusst in der Klasse zu behaupten - oder, oder, oder. Gründe zu versagen gibt es viele. Wer von den Dauerschwänzern, Mehrfachabbrechern und notorischen Rausfliegern die Mitarbeiterin von der berufspädagogischen Beratungsstelle davon überzeugen kann, dass er es wirklich versuchen will, bekommt einen der 72 Plätze an der Produktionsschule - und die Gelegenheit, noch wertvolleres zu erreichen als allein das Abschlusszeugnis: Viele erleben hier zum ersten Mal das Gefühl, überhaupt etwas zu können.

"Sie sehen sich häufig als Opfer" "Diese Jugendlichen sehen sich häufig als Opfer. ‚Keiner mag mich, die haben was gegen mich.' Dabei treffen sie laufend Entscheidungen." Elias, zuständig für die Malergruppe, bringt ihren Schützlingen nicht nur bei, wie man Türzargen und Fußleisten lackiert, sondern auch, wie man Verantwortung übernimmt. Dafür nutzt sie jede noch so kleine Gelegenheit. Paul vermisst seinen Spachtel? "Selbst schuld. Wer auf seine Sachen aufpasst, wird auch nicht beklaut." Daniel wird von der Lehrerin einer Schule, an der sein Team gerade einen Auftrag erfüllt, vom Hof geschickt? "Kein Wunder, wenn du deine Arbeitskleidung nicht trägst!"

Zimperlich geht die 48-Jährige mit den Jugendlichen nicht um. Sie sind oft ohne Struktur groß geworden, ohne Halt. Umso wichtiger ist es, dass sie handfeste Regeln anzuerkennen lernen, wenn sie in ein, zwei Jahren eine Ausbildungsstelle finden wollen. "Die Chefs achten immer mehr auf die Persönlichkeit und das Sozialverhalten ihrer Azubis. Da muss man schon ‚Bitte' und ‚Danke' sagen können." Alles Handwerkliche lässt sich Elias - sollte ihre achtjährige Erfahrung an der Werkstattschule einmal nicht reichen - von einem Malermeister erklären, der auch an der Schule arbeitet.

"Wichtig ist, dass sie überhaupt arbeiten" Einer von Elias' Schülern ist der 16-jährige Paul, Sohn polnischer Einwanderer, der mit seiner Mutter nach Bremerhaven ziehen musste, obwohl er lieber beim Vater in Berlin geblieben wäre. Oft geht der intelligente, blasse Blondschopf den anderen mit seiner Energie auf die Nerven, immer hat er das letzte Wort. "Ich sitze nicht gern auf Stühlen" sagt er über sich selbst. Stattdessen hockt er auf dem Fußboden, den er und die anderen zum Schutz vor der Farbe mit Pappe abgedeckt haben, und schmiert Spachtelmasse in einen Riss in der Wand. Aus dem Handy klingelt ein "Bushido"-Song. "Ich bin auch Rapper", erklärt Paul, der zu Hause jede freie Minute in seine Musik investiert. Eine Ausbildung will er trotzdem machen. "Maler", sagt er stolz. Eigentlich tragen alle Schüler die gleiche blaue Arbeitskleidung. Aber Paul besitzt schon eine richtige Gesellenhose und trägt passend dazu ein weißes Sweatshirt. Auf seinem Kopf thront eine weiße Baseballmütze mit silberfarbenem "Yankees"-Logo.

Nicht alle haben sich schon auf einen Berufswunsch festgelegt. Regina will "vielleicht Friseurin werden, vielleicht Verkäuferin". Für den Augenblick ist es egal, ob die Schüler malen oder Holz bearbeiten, ob sie zu den Metallarbeitern, Maurern, Bootsbauern oder Druckern gehören. "Wichtig ist, dass sie überhaupt arbeiten", sagt Lehrerin Elias, "und zwar real." Denn die Teams, je acht Schüler, arbeiten an richtigen Aufträgen an Schulen, Kindergärten und Verwaltungsgebäuden. "Natürlich zahlt die Stadt uns weniger, als eine richtige Firma bekommen würde, wir brauchen einfach länger. Aber sie zahlen richtiges Geld, und dafür müssen wir auch richtige Arbeit abliefern." Ist ein Auftrag einmal angenommen, wickelt Elias ihn zusammen mit ihren Schülern von Anfang bis Ende ab: vom ersten Sichten und der Berechnung der benötigten Farbmenge bis hin zum Aufräumen und Reinigen der Baustelle.

"Die letzte Chance für unsere Kundschaft" Ihren Hauptschulabschluss schaffen die Jugendlichen mit nur einem regulären Schultag pro Woche. Donnerstags versammeln sie sich im einzigen Unterrichtsraum, der etwas abseits im Obergeschoss liegt, und eher nach Konferenz- als nach Klassenraum aussieht. Das Nötigste nur in Politik, Deutsch und Mathe lernen sie dort. Aber auch im Praxisunterricht steckt jede Menge Theorie, zum Beispiel beim Berechnen von Flächen und Prozentwerten.

"Die Werkstattschule ist die letzte Chance für unsere Kundschaft", sagt Schulleiter Gerd Liersch. Das erste Schuljahr startete er 1998, damals lautete der Auftrag für alle Beteiligten, sich eine eigene Schule erst einmal selbst zu bauen. Für den maroden Klinkerbau, von Lehrern und Schülen wegen seines gewölbten Dachs auch "Tonne" genannt, hatte die Stadt keine Verwendung mehr, als Liersch und seine ambitionierten Kollegen sie zugewiesen bekamen. Sie krempelten die Ärmel hoch, richteten das Gebäude wieder her und schufen den Beginn eines sich bis heute ständig wandelnden Projekts.

Neben den Schülern der Produktionsschule kommen noch etliche weitere Jugendliche in der Werkstattschule unter, die irgendwie aus dem System fallen: Zum Beispiel die Jugendlichen, die zwar einen Abschluss haben, aber noch keinen Ausbildungsplatz, und die mit einer Mischung aus Unterricht und Praktikum ihre Chancen verbessern wollen. Oder behinderte Jugendliche und auch jene, die Deutsch als Fremdsprache erst noch lernen müssen. Dann gibt es die, die ihre Ausbildung gleich ganz an der Werkstattschule absolvieren. Und schließlich die "Kängurus", wie die 15- bis 18-jährigen Mütter und Schwangeren liebevoll genannt werden, die hier die Hauptschule besuchen können, während ihre Kinder direkt nebenan von Tagesmüttern betreut werden.

In vielen Facetten beweist die Schule, dass man mit Kreativität und Engagement aus fast jeder Situation noch ein bisschen mehr herausholen kann. Das bekommen auch die Schüler zu spüren, vor allem, wenn sie Erfolge feiern. Eine Schülerin der Auftragsschule steckt den Kopf durch die Tür und fragt Paul und seine Kollegen: "Was machen Sie da?" - "Siehst du", erklärt Paul einem anderen. "Kaum trägst du Arbeitskleidung, siezen dich die Leute. Auf einmal bist du wer."

Sara Mously

Preis der Akademie: die Grundschule im Grünen, Berlin

Im alten Rom bewachten Gänse das Capitol, im heutigen Malchow sorgen sie sich um die Schule. Schon von weitem empfängt das Federvieh den Besucher mit aufgeregtem Geschnatter. Auf dem Pausenhof grasen Schafe, und als beim Betreten des Portals ein braunbunter Hahn im Rücken kräht, leuchtet ein, warum sich diese staatliche Bildungsstätte im Nordosten Berlins "Schule im Grünen" nennt; durch die Beine an der Tür huscht Rudi, eine der fünf Schulkatzen. Die Wände zieren im Flur gemalte Landschaftsbilder voller Bäume, Tiere und Menschen. Es riecht nach Dung. Diese Schule ist anders. Als Tobias Bartl 1991 ihre Leitung übernahm, war er 27 und voller Träume. Erhaltung der Natur sollte nicht nur den Lehrplan durchdringen, sondern auch gelebt werden. In den folgenden 18 Jahren entwickelte sich die Grundschule zu einem Abenteuerspielplatz für Lehrer und Schüler, auf dem sich die Schulleistungen über dem Berliner Schnitt bewegen. Und das liegt nicht nur an den vielen Tieren.

Alle profitieren vom Mix der Schüler Fünf Kinder stehen brav Schlange, um sich mit Christine Wolff zu besprechen. Es ist kurz nach acht, Mathematik steht in der "Lerngruppe 9" auf dem Lehrplan. Doch Lehrerin Wolff steht weder an der Tafel noch hinter einem Pult, sie hat gar keines: Im die ersten drei Jahrgangsstufen gleich zusammen beherbergenden Raum wandert sie von Tisch zu Tisch, begleitet von emsigem Getuschel. "Wie viel ergeben diese Striche und Punkte?", fragt sie Paula. Die Sechsjährige steht schon zum dritten Mal in fünf Minuten bei Christine Wolff. "Ich versteh das nicht", sagt das Mädchen und schaut verzweifelt. "Schau", springt die gleichaltrige Hannah der Lehrerin zur Seite: "Das ist wie eine Geheimschrift: Striche für Zehner und Punkte für Einer."

In der "Lerngruppe 9" unterrichten sich die Schüler auch untereinander, bilden spontan Kleingruppen. Hier die hörgeschädigte und unsichere Paula, und dort die hochbegabte Hannah, die gleich nach der Einschulung mit dem Lehrstoff für Drittklässler eingestiegen ist. Alle profitieren von diesem Mix. Paula begreift das Strichsystem, und Hannah fühlt sich gebraucht. Am Ende der dreißigminütigen Arbeitsphase ertönt ein Windspiel, und die Schüler ziehen Bilanz. "Ich bin heute besser vorangekommen", sagt die neunjährige Shirley in die Klasse, "es war leiser als gestern".

Das Erfolgsrezept in Malchow: Vielfalt Das Erfolgsrezept in Malchow heißt Vielfalt. Die Schüler stammen aus Durchschnittsfamilien: 17 Prozent von ihnen beziehen Schulbücher vom Staat, kommen aus bedürftigen Familien. 9,3 Prozent sind hochbegabt, 8,4 Prozent sind Integrations-Kinder mit Beeinträchtigungen. Gerade hyperaktiven Schülern mit dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADHS empfehlen Ärzte die "Schule im Grünen"; angesichts der vielen Tiere und der sich daraus erwachsenden Aufgaben, der zahlreichen Angebote und des starken inneren Zusammenhalts verschwinden ihre "Besonderheiten".

Vor den Tieren sind alle gleich: "Wo ist Windel-Winni?", fragt Liv. Sie steht im rohsteinernen Hasenhaus der "Knirpsenfarm" auf dem Schulhof und sucht ihren Lieblingshasen. Doch Winni, hinten weiß und vorne braun, hat sich im Stroh verzogen. Die Achtjährige zieht weiter zu Minischwein Fritzi, das auf dem freien Gelände umhertappt, entlang der Hühner, Tauben und Gänse. Eine einzige Tierpflegerin für die 16.000 Quadratmeter großen Gehege hat die Schule angestellt. Die restliche Fürsorge erledigen 1,50-Euro-Jobber von der Arbeitsagentur - und vor allem die Schüler selbst.

Zum Unterricht gehören Müllproblematiken, regenerative Energiequellen und Klimaschutz Im dritten Stock des Fontanegebäudes reinigen Josi, Benni und Annabel die Klos der Wüstenrennmäuse, schnippeln Kohlrabi und Mohrrüben aus dem eigenen Schulgarten für sie klein und wenden sich den Rotwangenschildkröten zu; auch die Stabheuschrecken und kleinen Hummer warten auf Futter. In jeder Pause ist eine andere Klasse dran mit der Aufsicht und Pflege ihrer kleinen Lieblinge. Einen ganzen Schultag lang in der Woche widmet sich eine Klasse den Arbeiten im Grünen - Eltern inklusive.

Ökologische Bildung beginnt mit dem Bestaunen der Vergänglichkeit, aber auch der Entstehung und Entwicklung von Leben - und eben auch im Begreifen seiner selbst als Lebewesen. In der Malchow-Schule sind sie schon weiter: In Deutschland einzigartig, lernen die Schüler im Regelfach "Umweltlehre" über Müllproblematiken, regenerative Energiequellen, gesunde Ernährung und Klimaschutz. Das Schuldach ziert eine Photovoltaik-Anlage, sechs Haushalte im Jahr kann sie mit Strom beliefern. Die Schüler züchten Honigbienen, kochen Marmelade aus geernteten Früchten und backen im selbst gebauten Lehmofen Brot. Beim Betrachten der "Schule im Grünen" zeichnet sich ein einheitliches Bild ab, plötzlich erhält das so abstrakte Wort "Nachhaltigkeit" konkrete Züge: im Stolz, den die Pennäler auf ihre Schule zeigen. So wie Uwe, Anja und Nadine, sie stehen im Foyer hinter ihrem "Upi-Shop" (wofür Upi steht, das fragen sie sich schon seit langem) und warten auf Kundschaft. Umweltfreundliches Papier, Umschläge, Bleistifte und Holzkulis verkaufen die drei von der Schülerfirma. "Damit finanzieren wir unser Tiergehege", erklären sie und recken sich noch ein wenig höher. In der ersten Pause haben sie schon 5,40 Euro eingenommen.

Bis in den Abend sind Lehrer und Schüler dabei Kein Wunder, dass hier Lehrer und Schüler mehr Zeit verbringen als an anderen Schulen. Zwar sind viele Engagements über so genannte "Angebotsstunden" in den Unterricht eingebunden, aber zahlreiche freiwillige Arbeitsgemeinschaften beleben Klassenzimmer und Gehege bis in den Abend hinein.

Anfangs hatte es Schulleiter Tobias Bartl nicht leicht. Viele Malchower beobachteten den Wandel ihrer alten Dorfschule in eine grüne Natur-Lehrstätte mit Argwohn. So viel hatte sich für sie verändert: Zuerst Mitte der Achtziger die wuchtigen Hochhäuser, die das Dorfbild zerschnitten und wie in den Boden gerammt die Schule umschließen - "Honneckers letzte Rache", sagt dazu der Volksmund. Dann der Fall der Mauer und plötzlich Lehrer, die von Ökologie sprachen. Doch von Jahr zu Jahr wuchs die Akzeptanz. "Zu uns kommen auch Schüler aus Mitte, Charlottenburg oder Schöneberg", sagt Tobias Bartl. 466 Schüler zählt nun die Einrichtung, nur wenige kommen aus der Nachbarschaft - denn das kleine Malchow gibt nicht viel her. "Um zu bestehen, müssen wir überzeugen", fasst Bartl zusammen. "Wir sind ähnlich organisiert wie eine Privatschule."

Die Schule hat sich zum Schnittpunkt für die Dorfbewohner entwickelt Heute besuchen die Anwohner auch am Wochenende den kleinen Schulzoo. Rentner unterstützen in den Lesestunden die Lehrer. Und Gruppen von anderen Schulen besichtigen das Feuchtbiotop und die Gartenarbeitsschule mit ihren vielen Beeten sowie den zwei Gewächshäusern. Die Schule hat sich zum Schnittpunkt für die Dorfbewohner entwickelt. Etwas Neues ist da entstanden: Das Grau der Hochhäuser wird zwar von Tag zu Tag grauer. Doch das Gesicht Malchows ist nun ein anderes. Es trägt grün.

Jan Rübel

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KOMMENTARE (10 von 15)
 
Smithwicks (11.12.2008, 16:34 Uhr)
zu lange abgewartet!
Tolle Kommentare von "Experten", was in 5 bis 10 Jahren aus diesen Kindern geworden ist... Die "Experten" sollten sich mal vor Augen halten: ja, das was JETZT an den weiterfuehrenden Schulen ist, das ist das, was JETZT mit "konventionellen" Grundschulen angerichtet haben. Wir haben den Kindern Stoff vorgeworfen, nach dem Motto "friss oder stirb". Warum sollten wir nicht gleich 100 Kinder pro Klasse unterrichten, hat doch bisher mit 35 Schuelern schon nicht geklappt. Die Schule in Muenster geht den Montesori weg, dh. man lehrt den Kindern nicht den Stoff sondern man lehrt ihnen das Denken, neugierig zu sein, man lehrt ihnen sich Stoff zu erarbeiten. Genau das brauchen wir spaeter in der Arbeit! Unser bisheriger Schulansatz ist voellig ueberholt, es wird Zeit etwas daran zu aendern, sonst wird aus dem Land der Dichter und Denker ein Land der Harz IV Empfaenger...
sportartmakler (11.12.2008, 09:40 Uhr)
der richtige weg
der dutzerei stehe ich allerdings auch skeptisch gegenüber. spätestens ab der pubertät tauchen hier wohl probleme auf. es glaubt doch keiner dass alle jugendlichen, die diese art der schulbildung / des unterrichtes durchlaufen werden auch durch die bank weg begeistert sind und nur noch lernenlernenlernen wollen. ein hirngespinst der pädagogik jeden erreichen und motivieren zu können...dauerhaft.
@davehaasters: da hast du recht, 90% zu veranschlagen ist mehr als dreist. kein wunder dass du nur 3 lehrer angeben kannst mit denen du zufrieden warst, hälts du doch immerhin 90% des lernstoffes für überflüssig. wie es in den wald hineinruft ne? natürlich gibts arschlöcher und inkompetente, sich nichts sagen lassen wollende lehrer. statt nur auf die lehrer zu verweisen sollte man auch mal seine wirkung auf andere menschen genauer überprüfen, aber is halt einfacher...
im letzten satz kommt im übrigen eine regelung zum tragen die wohl zu den vermeintlich unnützen infos zählt
ganzbaf (10.12.2008, 19:49 Uhr)
Könnten wir schon lange flächendeckend haben...

gäbe es nicht so viele rektionäre Schnarchsäcke, Dumpfbacken und Nasshutträger in der Regierung.
kepe (10.12.2008, 17:12 Uhr)
Ich bin beeindruckt
zu welchen Erkenntnissen man sich in Deutschland noch durchringen kann. In dem Land, in dem ich lebe ist das ALLTAG. Dafür entstehen andere Probleme, keine Sorge, diese Schulform ist nicht des Rätsels Lösung.
sternchen2007 (10.12.2008, 17:09 Uhr)
Wer den Artikel richtig gelesen hat,...
...der hat verstanden, dass es hier eben nicht darum geht, nur zu tun, was man will. Erst muss ein Kind den Wochenplan erfüllen, bevor es frei arbeiten darf.
minihami86 (10.12.2008, 16:23 Uhr)
Ich verstehe...
die Aufregung auch nicht ganz. Wieso wird hier darüber spekuliert, wie es in einigen Jahren aussieht? Wenn ich richtig gelesen habe, hat sich das Konzept dieser Schule bereits in der Praxis bewährt. Des Weiteren wurde ganz klar geschrieben, dass es eben NICHT nach dem Prinzip "alles dürfen, aber nichts müssen" geht. Allerdings ist für solch ein Schulkonzept die entsprechende Lehrermotivation notwendig, diesbezüglich wurde ja sogar die Direktorin zitiert. Würde entsprechende Motivation an "normalen" Schulen existieren, wäre das Problem gar nicht so groß. Ich hatte das Glück, ein paar mehr tolle Lehrer zu haben (nicht nur 3). Jedenfalls verstehe ich dann erst recht Motte07 nicht, inwiefern kann man über solche Nachrichten nur schmunzeln oder weinen? Schmunzeln oder weinen sollte man viel eher darüber, ob das Konzept auch entsprechend weitergeführt, entwickelt und auf andere Schulen übertragen wird (nach wie vor unter dem Aspekt, dass sich das Prinzip ja bereits bewährt hat).
davehaasters (10.12.2008, 15:33 Uhr)
Was wollt ihr eigentlich ...
... mit euren "in 10 Jahren" ... habt ihr etwa den Artikel nicht gelesen? 70% der Abgänger gehen aufs Gymnasium z.B. ... oder der Uni-Sohn der sein Wissen aus der Grundschule dort einsetzt ... Grundschulen haben nix mit "was mich nicht interessiert mach ich nicht" zu tun, denn dort lernt man das Basiswissen jedes Lebens! Da gibts keine Themen, die man später nicht braucht, so wie auf weiterführenden Schulen. Das hier beschriebene Grundschulmodell scheint ja exzellent zu sein, doch was ist mit Gymnasium und Co.? Dort lernt man oft von inkompetenten Lehrern, denen sowieso alles egal ist Stoff, den man sein ganzes Leben nicht mehr gebrauchen wird. Ich würde mal ganz dreist behaupten, dass 90% des Stoffs auf Gymnasien sowas von zu speziell und sinnlos ist. Und genausoviel Prozent an Lehrern im falschen Beruf. Ich hatte in meinem ganzen Leben insgesamt 3 sehr gute Lehrer. Ein Paar waren ok und der Großteil war ... inkompetent (nett gesagt).
Motte07 (10.12.2008, 15:27 Uhr)
@SirDidimus
Wenn man jeden Tag sieht was die zuführenden Schulen so anrichten, kann man über solche "positiven Nachrichten" nur schmunzeln oder weinen.
@Goofy4: Volle Zustimmung! Genau so ist es!
SirDidimus (10.12.2008, 15:15 Uhr)
bei positiven nachrichten
kommen die orakel aus dem hinterhalt und wissen schon, was in 10 jahren los sein wird. spielt lotto und freut euch, dass es zum thema bildung auch mal was positives zu vermelden gibt.
goofy4 (10.12.2008, 14:59 Uhr)
In fünf Jahren wissen wir mehr
Unterricht nach dem Motto „jeder kann machen was und wie er es will“ stehe ich sehr skeptisch gegenüber. Die Erfahrung in der Berufsschule zeigt, dass die Schüler ohne entsprechenden Druck gar nichts machen. Hausaufgaben werden max. von 10% der Schüler gemacht, wenn sie nicht ständig kontrolliert und bewertet werden. Während der Zeit in der die Schüler selbständig Aufgaben zu lösen haben oder Projekte bearbeiten wird gerne für andere Fächer gelernt, Zeitung gelesen oder Computer gespielt, sofern man nicht ständig überprüft was die Schüler gerade machen.
Möglicherweise wird dies ganz anders, wenn die jetzigen Grundschüler in 5 Jahren in der Berufsschule auftauchen. Glauben mag ich aber nicht daran.
Die Aussage, dass man es vergessen kann alle Schüler einer Klasse annähernd auf den gleichen Leistungsstand zu bringen halte ich auch für problematisch. Das ist nur dann in Ordnung, wenn gewisse Mindeststandards nicht unterschritten werden können.
Wenn sich das ansonsten so fortsetzt gilt dies auch für die Zeit nach der 9. oder 10. Klasse. Die Berufsschullehrpläne bauen aber voll auf das theoretische Leistungsniveau der Haupt- und Realschulen auf. Ein Schüler der hier hinterherhinkt kann das kaum noch aufholen. Nach drei bis dreieinhalb Jahren steht eine meist bundeseinheitliche Abschlussprüfung an. Da interessiert es keinen mehr wann und warum in der Schulzeit der Leistungsstand nicht erreicht wurde.
Momentan gibt es Schüler mit einer zwei in Mathematik (Realschule) die von Formelumstellung, Bruchrechnung, Prozent- und Potenzrechnung so wenig Ahnung haben, dass sie in den technischen Fächern direkt auf sechs stehen, weil sie absolut nichts ausrechnen können. Selbst Schüler mit Fachhochschulreife gehen teilweise in die Ausbildungsbegleitende Hilfe, weil sie den Stoff nicht bewältigen können.
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