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Terror bis in den Tod

Wer war der junge Mann, der erwürgt in der Wohnung des Berliner Piraten-Politikers Gerwald Claus gefunden wurde? Wie konnte es so weit kommen? Dem stern liegt die Ermittlungsakte vor. Rekonstruktion einer angekündigten Katastrophe

Gerwald Claus saß für die Piratenpartei im Berliner Abgeordnetenhaus

Gerwald Claus saß für die Piratenpartei im Berliner Abgeordnetenhaus

Um 16.40 Uhr nimmt Kommissar R. auf der Polizeiwache 52 in Berlin-Kreuzberg die Strafanzeige wegen Nachstellung auf. Es ist Montag, der 27. Juni 2016. Der Mann, der vor dem Beamten sitzt, heißt Jan Mirko L. Er erstattet Anzeige gegen einen Gerwald Claus-Brunner, 44, Abgeordneter der Berliner Piratenpartei. Er trägt gern Latzhosen und um den Kopf geschlungen ein Palästinensertuch. Den Namen Claus-Brunner hat er sich selbst gegeben. In Wirklichkeit heißt er einfach nur Gerwald Claus. Er ist so etwas wie das Gesicht der Partei.

Jan Mirko L., 29, gibt zu Protokoll, dass er für den Politiker gearbeitet habe. Sie seien sogar Freunde geworden. Dann aber habe der Abgeordnete "eine tiefergehende Beziehung angestrebt" . Er aber sei nicht homosexuell, erwidere die Gefühle nicht. Ende 2014 habe man deshalb das Arbeitsverhältnis "einvernehmlich beendet".

Jan Mirko L. war Claus' Mitarbeiter im Berliner Abgeordnetenhaus

Jan Mirko L. war Claus' Mitarbeiter im Berliner Abgeordnetenhaus. Der Politiker verliebte sich in ihn

Seitdem verfolge Claus ihn. Mit Anrufen, SMS und Whatsapp-Nachrichten. Die Botschaften habe er gelöscht, aber gerade sei etwas Neues hinzugekommen. Claus habe ein Facebook-Profil unter dem Namen Jan Mirko L. angelegt und kontaktiere darüber seine Freunde, um Informationen über ihn zu sammeln. Die Sache werde ihm "langsam ungeheuerlich", sagt Jan Mirko L. dem Polizisten. Der Pirat habe ihn auch schon vor seiner Wohnungstür abgepasst. Er fühle sich, so heißt es in der Anzeige, "erheblich in seiner Lebensqualität eingeschränkt und fürchte, dass die Situation eskalieren könne, da er dem Tatverdächtigen körperlich unterlegen sei". Tatsächlich ist Gerwald Claus über zwei Meter groß und kräftig, Jan Mirko L. deutlich kleiner und schmächtig. Mehrfach habe er den Piraten gebeten, ihn in Ruhe zu lassen. Claus habe daraufhin gedroht, er werde "richtigen Terror veranstalten".


Ein Fragebogen, kein Strafantrag

Nachdem Jan Mirko L. den Abgeordneten angezeigt hat, nimmt die Bürokratie ihren Lauf. Wie bei vielen anderen Stalking-Fällen auch. Der Polizist leitet die Anzeige an das zuständige "Abschnittskommissariat 36" weiter. Drei Wochen später, am 18. Juli, schicken die Beamten Jan Mirko L. einen Fragebogen. Er soll noch einmal "eine eigene ausführliche Sachverhaltsschilderung" abgeben und entscheiden, ob er einen Strafantrag stellt. Denn Nachstellung ist ein sogenanntes Antragsdelikt. Die Staatsanwaltschaft verfolgt es nicht von Amts wegen, sondern erst, wenn das Opfer es ausdrücklich beantragt. Es ist üblich, das Opfer gleich beim Erstatten der Anzeige zu fragen, ob es Strafantrag stellen will. Warum das im Fall von Jan Mirko L. nicht geschehen ist, vermag die Berliner nicht zu sagen.

Ausriss aus der Ermittlungsakte

Ausriss aus der Ermittlungsakte

Aber auch ohne Strafantrag sind der Polizei nicht die Hände gebunden. Sie kann mit einem mutmaßlichen Stalker sprechen, um zu zeigen, dass sie über den Fall informiert ist. Nicht wenige hören nach einer sogenannten Gefährderansprache auf, ihre Opfer zu verfolgen. Aber Claus wird von der Polizei in Ruhe gelassen. Es habe "zu diesem Zeitpunkt keine Beweismittel bzw. konkreten Hinweise" gegeben, dass Jan Mirko L. "unmittelbar gefährdet" gewesen sei, heißt es später. Und so warten die Beamten auf Antwort von Jan Mirko L. Als die nicht kommt, füllt am 17. August ein Polizist den Vordruck für den "Schlussbericht Kleinkriminalität" aus und schickt ihn an die Amtsanwaltschaft. Für die Polizei hat sich der Stalking-Fall erledigt.

Auf der Polizeiwache 52 in Berlin-Kreuzberg gab Jan Mirko L. seine Anzeige gegen Gerwald Claus auf

Auf der Polizeiwache 52 in Berlin-Kreuzberg gab Jan Mirko L. seine Anzeige gegen Gerwald Claus auf

Vier Wochen später, am 15. September, ist Jan Mirko L. tot. Feuerwehr und Polizei finden ihn nackt, in eine weiße Decke gehüllt, auf einer Matratze im Wohnzimmer von Gerwald Claus. Er wurde erwürgt. Der Piraten-Politiker liegt nebenan nackt in seinem Schlafzimmer auf dem Bett. Um das rechte Handgelenk ein unisoliertes Stromkabel. Er hat nach der Tat Selbstmord begangen.

Jan Mirko L. war froh, dass er die Stelle als persönlicher Mitarbeiter von Gerwald Claus bekam. Er hatte die Schule geschmissen, eine Lehre abgebrochen, hatte noch nie so richtig gearbeitet. Auch seine Eltern, die Mutter promovierte Lehrerin, der Vater Psychologe, freuten sich. Jan Mirko L. bewunderte "Faxe", wie Gerwald Claus von allen genannt wurde, für seine "Gradlinigkeit". Faxe half L. beim Umzug, baute Möbel für ihn zusammen, schenkte ihm Winterstiefel. Die beiden verreisten sogar mal zusammen. Doch dann verliebte sich Gerwald Claus in ihn. Und es geschah noch etwas. Etwas, das Jan Mirko L. später nicht zu Protokoll geben, sondern nur seiner Mutter erzählen würde: Als Claus einmal im Krankenhaus lag, sollte L. ein paar Dinge aus dessen Wohnung holen. Auf dem Rechner, der lief, waren Fotos zu sehen. Bilder, die Freunde von Claus auf der Toilette zeigten. Der Abgeordnete musste seine Gäste heimlich aufgenommen haben. Doch weil er Faxe schützen wollte, ihm nicht politisch schaden wollte, wie seine Mutter später bei der Mordkommission aussagen würde, schwieg Jan Mirko L. über seine Entdeckung. Er stellte den Piraten auch nicht zur Rede, er kündigte einfach seinen Job. Gerwald Claus versuchte, ihn zu halten. Es gab also keine einvernehmliche Trennung.

Ausriss aus der Ermittlungsakte

Ausriss aus der Ermittlungsakte

Jan Mirko L. lebte fortan von Hartz IV. Er pflegte seine über 90 Jahre alte Großmutter. Ab und an fuhr er in ein Meditationszentrum der Anhänger von Mata Amritanandamayi, einer Inderin, die Weltfrieden und Nächstenliebe predigt. Über das Zentrum hatte er eine afghanische Flüchtlingsfamilie kennengelernt. Er passte auf die Kinder auf, wenn die Mutter zum Sprachkurs musste. Ging mit dem Vater einkaufen. Ansonsten spielte er Brettspiele wie "Gemblo", "Blokus" oder "Caylus" und rezensierte sie im Netz; in seiner Wohnung stapelten sich die Spiele im Regal bis unter die Decke.

Eine Freundin gab es nicht. Jan Mirko L. hatte noch nicht viele Beziehungen gehabt. Seine Mutter wusste nur von einer Opernsängerin, die nach Indien ausgewandert war. L. hatte homosexuelle Freunde und Verehrer, aber die Mutter sagt, das sei alles nur platonisch gewesen. "Ein Komponist wollte was von ihm", erzählt sie. Aber Jan Mirko habe sich die Männer immer "vom Hals gehalten".

Den Politiker Claus traf Jan Mirko L. nur noch selten. Einmal ging er noch zu dessen Geburtstag. Er habe es dem alten Freund nicht zu schwer machen wollen, erzählte er seiner Mutter. Er reagierte wie viele Stalking-Opfer, die sporadisch Kontakt halten, weil sie gutmütig sind und die Gefahr unterschätzen.

Eine Kamera, eine Anzeige, ein Facebook-Profil

Doch Gerwald Claus wurde immer aufdringlicher. Lauerte seinem "Wuschelkopf", wie er Jan Mirko L. nannte, vor dessen Haustür auf. Als L. den Abgeordneten einmal auf einem Bahnhof traf, schrie er ihn an, um ihn zu vertreiben. Freunde erzählten ihm, dass Gerwald Claus sie gefragt habe, ob sie Jan Mirko L. für ihn ausspionieren könnten. Gegen Geld. Aufgelöst erzählte L. seiner Mutter, dass er eine Kamera in seinem Duschknopf gefunden habe. Er glaubte, dass Gerwald Claus heimlich in seine Wohnung eingedrungen sei, um die Kamera dort zu installieren.

Der Screenshot von Twitter zeigt den letzten Tweet von Claus, mit einem Foto seines Opfers

Der Screenshot von Twitter zeigt den letzten Tweet von Claus, mit einem Foto seines Opfers

Am 1. Juni zeigte der Pirat Jan Mirko L. wegen Verleumdung an. "Die Anzeige dient meinem Selbstschutz, um den falschen Verdächtigungen etwas entgegenzusetzen, weil damit meine Reputation und Leumund nachhaltig beschädigt wird", gab der Politiker bei der Berliner Polizei zu Protokoll. Claus behauptete, Jan Mirko L. würde herumerzählen, dass er "mehrfach" in dessen Wohnung eingebrochen sei und "dort Spionage/Videokameras installiert" habe. Er denunzierte Jan Mirko L. als Verrückten: "Herr Mirko L. sollte ob dieser paranoiden Wahnvorstellung einen Facharzt aufsuchen, da hier offensichtlich eine schwere Persönlichkeitsstörung vorliegt." Auch diese Anzeige landete mit einem "Abschlussbericht Kleinkriminalität" beim Amtsanwalt, ohne dass etwas geschah.

Drei Wochen später, am 23. Juni, tauchte das gefälschte Facebook-Profil von Jan Mirko L. im Netz auf. Ein Bekannter, der eine Freundschaftsanfrage erhalten hatte, machte L. darauf aufmerksam. Jan Mirko L. war entsetzt – und ging vier Tage später zur Polizei. Dass Gerwald Claus ihn selbst angezeigt hatte, ahnte L. nicht. Er erzählte jedoch nichts von einer im Duschkopf. Er verschwieg auch, dass er glaubte, dass Gerwald Claus in seiner Wohnung gewesen war.

Als die Polizei seine Stalking-Anzeige im August zu den Akten legte, war Jan Mirko L. gerade auf dem Elblichtfestival bei Magdeburg. Er meditierte, feierte unter freiem Himmel und lernte die Studentin Anne W. kennen. Die beiden verbrachten in den Wochen danach viel Zeit miteinander. "Man kann sagen, dass wir auf dem Weg waren, eine Lebensgemeinschaft aufzubauen" , würde Anne W. später bei der Polizei aussagen. Auch die Nacht vor seinem Tod verbrachte sie mit Jan Mirko L. in dessen Wohnung. Am Morgen des 15. September fuhr er zu der Flüchtlingsfamilie, passte auf die afghanischen Kinder auf. Mittags kehrte er zurück, aß mit Anne. "Er war gut drauf" , sagte sie später.

Gegen 14 Uhr ging L. erneut aus dem Haus, er wollte zu einem Freund, Tischtennis spielen. Anne W. blieb allein zurück, verließ die Wohnung gegen 17 Uhr. Die beiden hatten sich für den späteren Abend lose verabredet. Noch war nicht klar, wer bei wem übernachten würde.

Wenig später, gegen 18 Uhr, nahm eine Überwachungskamera Gerwald Claus in einem Kiosk in Steglitz auf. Das Geschäft ist etwa 15 Kilometer von Jan Mirko L.s Wohnung entfernt. Claus stellte eine Sackkarre mit riesigem Koffer vor dem Kiosk ab, ging hinein, nahm Groschenromane aus dem Ständer.

Ein Schlüssel, eine Kurznachricht

Eine Bekannte sah ihn kurz darauf an der U-Bahn. Er fuhr mit ihr in Richtung Zentrum, wo die Wohnung von Jan Mirko L. lag. Die Frau wunderte sich noch über den "gewaltigen Rollwagen", den Gerwald Claus hinter sich herzog. Ansprechen wollte sie ihn aber nicht. Im Frühsommer, so würde sie später aussagen, hatte sie mal eine Verabredung zu einem Spieleabend mit Gerwald Claus abgesagt. Der sei darauf so sauer gewesen, dass er sie mit "anmaßenden, pöbelnden, quengelnden" Mails und Anrufen belästigt habe.

Was in den nächsten Stunden geschah, wird wohl nie restlos geklärt werden. Wusste Gerwald Claus, dass Jan Mirko L. seit Kurzem eine Freundin hatte? War Eifersucht der Auslöser für die Tat? Es spricht einiges dafür, dass Gerwald Claus sein Opfer in dessen Wohnung überrascht hat. Dass er einen Schlüssel hatte. Und vielleicht schon wartete, als Jan Mirko L. vom Tischtennisspielen nach Hause kam.

Ausriss aus der Ermittlungsakte

Ausriss aus der Ermittlungsakte

Gegen 21.30 Uhr schrieb Anne W. Jan Mirko L. eine . Ob er die Nacht in ihrer Wohnung verbringen wolle. Hat Gerwald Claus diese Kurznachricht womöglich gelesen? Jan Mirko L. antwortete nicht. Spätabends las eine Piraten-Mitarbeiterin einen Tweet von Gerwald Claus auf Twitter. "Mein Herzmensch wurde heute in Berlin totgeschlagen." Wenig später war der Tweet gelöscht.

Vier Tage darauf, am 19. September, ging gegen Mittag ein Brief im Büro der Berliner Piratenpartei ein. "Wenn Ihr das hier lest, bin ich tot. Bitte informiert die Polizei und gebt ihr den Wohnungsschlüssel, den ich beigelegt habe." Die Feuerwehr öffnete die Tür zu Claus' Wohnung und fand die Leichen von Gerwald Claus und Jan Mirko L. Im Flur stand ein Müllsack mit Kabelbindern, mit denen das Opfer offenbar für den Transport im Koffer gefesselt wurde. Bei der Obduktion stellten die Gerichtsmediziner fest, dass Jan Mirko L. neun gebrochene Rippen hatte. Sie gehen davon aus, dass Gerwald Claus auf dem Brustkorb seines Opfers kniete, als er es erwürgte.

Zwei Tage später überließ ein Exfreund von Gerwald Claus der Polizei ein ungeöffnetes Päckchen, das der Abgeordnete ihm vor seinem Tod geschickt hatte. In dem Päckchen fand die Kripo ein paar Geldbündel, das Testament des Politikers – und sein Geständnis: "Ich habe am 15. September um ca. 22 Uhr Mirko im Affekt getötet. Ich kann ohne ihn nicht leben und folge ihm."

Mit dem Geständnis ist für die Polizei der Fall erledigt. Gegen Tote wird nicht ermittelt. Wäre Claus noch am Leben, würde seine Wohnung durchsucht, seine Computer würden ausgewertet. So wird man wohl nie erfahren, ob er sein Opfer wirklich in der Dusche gefilmt und seine Gäste auf der Toilette fotografiert hat. An Claus' Schlüsselbund stellten die Ermittler allerdings den Haustürschlüssel von Jan Mirko L. sicher. Sie gehen deshalb davon aus, dass Gerwald Claus sich diesen Schlüssel lange vor der Tat besorgt hat und schon früher heimlich in Jan Mirko L.s Wohnung ging – genau, wie der junge Mann es befürchtet hatte.

Dass sie Jan Mirko L. vielleicht nicht ernst genug genommen hat, glaubt die Berliner Polizei nicht. "Die Drohung, 'richtig Terror' zu machen, begründete nicht den Verdacht auf eine konkrete Gefährdung des Herrn L.", schreibt die Pressestelle. "Auch gab es keine Hinweise, dass es sich hierbei um einen eskalierenden Stalkingvorfall handelte."

Übernommen aus dem aktuellen stern.


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