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12. August 2011, 12:09 Uhr

Wir und die Gier

Die Randalierer in London sind Verbrecher: Sie nehmen sich, was sie kriegen können. Aber haben sie nicht Vorbilder im unkontrollierten Kapitalismus? Ein Kommentar von Sophie Albers

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Uneinsichtiger Plünderer in Polizeigewahrsam© Marius Becker/DPA

Ein Wort, das bei den diversen Beschreibungsversuchen der Plünderer von London immer wieder fällt, ist "Gier". "Die Gier der Straße" habe sich gezeigt, "Gier frisst Werte auf" , wenn die Scheiben bersten, "am Ende war es doch nur die Gier" und nicht der politisch motivierte Protest, der Hunderte Menschen zu Gesetzesbrechern gemacht hat.

Das ist derzeit ein großes Dilemma: Während die Konservativen es sich so einfach machen, den "Unterschichtenmob" (Londons Bürgermeister Boris Johnson) mit größtmöglicher Verachtung zu strafen, und Premier David Cameron verspricht, dass jeder Plünderer und Randalierer hinter Gitter kommt, sucht die Linke zuweilen fast verzweifelt, die Ausschreitungen mit den schwärenden sozialen Missständen zu erklären. Es wäre doch unerträglich, wäre es einfach nur die unzivilisierte Gier, die Menschen Anstand und Moral vergessen ließ.

Die allein ist es natürlich nicht - das wird auch Cameron noch begreifen -, aber sie war Teil der Gruppendynamik. Sie ist ein anerkannter Teil unserer Gesellschaft. In Großbritannien, in Deutschland, in aller Welt.

Die gesellschaftsfähige Todsünde

Zwar gilt die Gier den Katholiken als Todsünde, doch in Zeiten von Managerboni trotz Finanzkrise ist das nicht nur bei säkularisierten Menschen in Vergessenheit geraten. "Gier ist gut", lautet das berühmte Zitat aus Oliver Stones Film "Wall Street" (1987), in dem es um Börsenspekulationen auf Kosten schwächerer Konzerne geht. Und Stone selbst hat sich damals gewundert, dass der Bösewicht seines Films und Sprecher des Satzes, der Börsenhai Gecko, zum Helden wurde.

Ein kurzer Blick aufs Weltgeschehen zeigt die Verbreitung des Übels. Gier und Rücksichtslosigkeit gehören längst zum Alltag der Eliten:

Gier hat in den USA die Immobilienblase aufgepumpt und platzen lassen und zur großen Finanzkrise 2009 geführt. Ein Jahr und milliardenschwere Hilfspakete später geht es Banken und ihren Spekulanten, die Millionen Menschen ruiniert und Existenzen zerstört haben, trotzdem prächtig. Wirklich bestraft wurde von den Entscheidungsträgern niemand. Und hat jemand seinen Job verloren, reichen die Boni für einen behaglichen Lebensabend.
Reine Gier zeigte sich, als im Jahr der Krise in Großbritannien bekannt wurde, dass britische Politiker in ihren Spesenabrechnungen Steuergelder für persönliche Belange verpulverten - vom Hausbau bis zum Schokoriegel.
Die Gier der Menschen, die sich vor Steuern drücken und in die eigene Tasche wirtschaften, hat Griechenland in den Bankrott geritten.
Gier hat die kriminelle Seite der Medien offengelegt, wie der Abhörskandal im Murdoch-Imperium zeigt.
Und in Deutschland wird niemand je diesen selbstherrlichen Manager mit seinen "Peanuts" vergessen.

Warum also sollte ein Junge aus Croydon, der nichts hat, nicht mal die Aussicht darauf, dass sich das ändert, es besser machen? Und welche Vorbilder haben eigentlich Kinder und Jugendliche in Berlin oder New York, die sehen, dass Gier in der Erwachsenenwelt zu Erfolg und Reichtum führt? In der "schlechtes" Handeln nicht automatisch für ein "schlechtes" Leben sorgt?

Grenzenlose Gier

Gier kennt keine Grenzen oder Ideologien. Sie steckt in jedem - egal ob arm oder reich, links oder rechts, Oxford-Absolvent oder Rütli-Schüler.

Denn - und warum wundert das eigentlich irgendjemanden - die Gier ist am größten, wenn der andere mehr hat.

Ein Kommentar von Sophie Albers
 
 
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