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Die Milliardärin und der Gigolo

Er suchte keine Liebe, er suchte Bargeld in großen Scheinen. Er trat immer wieder als charmanter Frauenversteher auf und entpuppte sich dann als Ganove. Die unglaubliche Geschichte des Helg Sgarbi, des Mannes, der die Milliardärin Susanne Klatten um Millionen erleichterte, steht kurz vor dem Abschluss. Zum Prozessauftakt hat Sgarbi ein volles Geständnis abgelegt.

Von Claus Lutterbeck

  • Claus Lutterbeck

Der Herzensbrecher sitzt allein am Tisch, freundlich schaut er in die Runde. Frau W.* findet ihn "aufreizend selbstbewusst". Abends um sieben Uhr mümmelt man Buchweizenriegel und trinkt Thymiantee. Es ist still im Speisesaal, weil "man ja nicht viel reden kann, wenn man jeden Bissen 40-mal kauen muss". Der Schweizer mit den guten Manieren ist vor wenigen Tagen im Wellnesshotel "Lanserhof" bei Innsbruck abgestiegen, er ist schlank, Anfang 40, 1,83 Meter groß, athletisch, elegant angezogen, gebräunt. Vor ihm steht die Tischkarte mit seinem Namen: Helg Sgarbi. Er sieht nicht wirklich gut aus. Eine seiner Eroberungen bekennt später auf RTL, "rein optisch" sei er "alles andere als ein Gigolo, und das war sein großer Vorteil: Er war ein Wolf im Schafspelz".

Der nette Fachmann für "Fusionen im Hightech-Bereich" ist bald ein Schwarm an allen Tischen. Er spricht sechs Sprachen, er liest Bücher, er hat in einer Schweizer Großbank gearbeitet. Frau B.*, die mit ihm flirtet, steckt Frau W.* (* Die richtigen Namen sind der Redaktion bekannt) zu, das sei ein Typ, den sie "unbedingt kennenlernen" müsse, der habe einen Draht zu Ackermann von der Deutschen Bank. Es ist Sommer 2007, Banker sind noch Menschen, die man kennenlernen will.

Die richtige Stimmung

Nach dem kargen Abendessen setzt sich Sgarbi mit den Damen in die Korbsessel vor der bodentiefen Panoramascheibe. Er bringt ihnen Kräutertee im großen Henkelglas, man schaut ergriffen über das Inntal hinüber auf die Gipfel der Nordkette, die von der untergehenden Sonne golden gefärbt werden. Die Stimmung sei "fast sakral", erinnert sich ein Augenzeuge, sie öffnet Herzen und Zungen. Sgarbi nutzt die Gunst der blauen Stunde, er stellt gescheite Fragen, ist einfühlsam und versteht all jene Probleme, die ihre Gatten zu Hause nie begreifen werden. Auch er hat ein Problem, gibt er zu, er brauche eine spirituelle Auszeit, da seine Frau mit einem Spanier durchgebrannt sei. Da kennt das Mitgefühl der Damen kaum noch Grenzen. Sgarbi weiß, dass er gut ankommt, einer seiner Eroberungen erzählt er später: "Eigentlich waren dort alle hinter mir her." Ganz falsch ist das nicht.

Was die Frauen nicht wissen: Der Herr ist ein Ladykiller. Er hat schon so viele ausgeplündert, dass es an ein Wunder grenzt, dass er nun im "Lanserhof " fastet und nicht hinter Gittern. Bisher ist er immer davongekommen, das gibt ihm Sicherheit. Mit Sex und Rosen, kleinen Geschenken und ausufernden Lügen erobert er innerhalb weniger Tage drei Frauen und stattet jede mit einem Handy aus, nur dazu gedacht, ihn anzurufen. Doch unter den dreien ist eine, die er unterschätzt. Susanne Klatten werde es im Leben nicht wagen, so glaubt er, die Affäre mit ihm öffentlich zu machen: "Während Dein Risiko sehr hoch ist, erweisen sich meine Risiken als irrelevant", schreibt er später in einem Drohbrief, nachdem er 49 Millionen Euro Schweigegeld gefordert hat. Er täuscht sich. Im Dezember 2007 zeigt sie ihn an.

Weil die BMW-Erbin aus dem Clan der Quandts sich nicht heimlich schämt und still bezahlt, steht Helg Sgarbi vom 9. März an in München vor Gericht. Ihm werden Betrug und versuchte Erpressung vorgeworfen. Auch wenn seine unfassbare Karriere dann in einer bayerischen Gefängniszelle endet - erklären kann man sie eigentlich nur mit Coco Chanel: "Die meisten Frauen wählen ihr Nachthemd mit mehr Sorgfalt als ihre Männer."

Der Mann dahinter

Auf der Anklagebank in München fehlt der Mann, der überlebensgroß hinter dem Gigolo steht: Ernano Barretta, 64. In der pseudokatholischen Wahnwelt, die er um sich aufgebaut hat, gilt er als Statthalter Jesu Christi auf Erden und charismatischer Wunderheiler, im richtigen Leben ist er ein vorbestrafter Gebrauchtwagenhändler. Der Prozess gegen ihn beginnt am 24. März im italienischen Pescara.

Seit 1991 gehört Sgarbi zu seinen ergebenen Jüngern, ihn betrachtet er als den "Maestro meines Lebens", wie er später einem Bekannten schreibt. Bei ihm liefert Sgarbi die Millionen ab, die er seit über zehn Jahren bei reichen Frauen absahnt. Die Bindung an den "Vater, der mich beschützt" trägt pathologische Züge: "Seine Anwesenheit sagt mir immer, dass Gott existiert." So überlegen und selbstsicher Sgarbi wirkt, wenn er allein auf Frauenjagd geht, so unterwürfig und gehorsam ist er in Anwesenheit seines Meisters. Ein gemeinsamer Freund sagt: "Der Helg nimmt kein Glas Wasser, wenn der Ernano es ihm nicht erlaubt."

Es ist ein Wunder, dass es den beiden erst jetzt an den Kragen geht. Susanne Klatten muss für sie der große Coup gewesen sein, auf den sie jahrelang gewartet hatten. Eine unerschöpfliche Geldquelle. Doch statt zu schweigen und zu zahlen, geht die Milliardärin zur Polizei. Anders als so viele Opfer vor ihr. Einige der Ausgenommenen schweigen aus Scham, wie die Unternehmerin* aus dem Kanton Obwalden, die ihn in den 90er Jahren als "Berater" beschäftigt, während er sie zwei Jahre lang rupft. Andere, wie die reiche Engländerin Alice T.*, tun nichts, weil ihnen das verlorene Geld egal ist. Als die Genfer Polizei Sgarbi 2001 in einem Betrugsfall vernimmt, wundert sie sich über die vielen Schlüssel, die der Gigolo bei sich trägt, darunter auch für die Anwesen der Engländerin in Cannes und Antibes. Was er so arbeite, fragt die Polizei. Nichts, antwortet er aufrichtig, "ich lebe von dem Geld, das mir die Frauen geben".

Die Vergangenheit

Damals trägt er noch seinen richtigen Namen - Russak, Sohn eines Vizedirektors der Sulzer-Werke aus Winterthur. Die Schweizer Justiz interessiert sich zu dieser Zeit für ihn, weil seine "Verlobte", eine fast 50 Jahre ältere Comtesse, auf ihrem Konto 27,9 Millionen Schweizer Franken vermisst. Es ist eine Geschichte, die kaum zu glauben, aber aktenkundig ist.

Ende Mai 2001 sitzt die Comtesse Verena du Pasquier-Geubels an Tisch drei im "Hotel de Paris" zu Monte Carlo, wo sie seit 30 Jahren wohnt. Sie langweilt sich. Sie ist trotz ihres Alters von 83 Jahren eine fröhliche Person, sie trägt gern rot gefärbte Haare und große Klunker, sie hat ein Schloss am Genfer See und so viel Geld in Liechtenstein (sie nennt ihre Franken liebevoll "Batzi"), dass sie längst den Überblick verloren hat. Sie könnte glücklich sein, aber sie ist alt und allein. Am Ende ihres Lebens wünscht sie sich einen Mann, der sie beschützt, man hört ja so viele schreckliche Geschichten, auch in ihr Pariser Appartement ist schon eingebrochen worden.

Da schickt ein junger Mann, der ihr Enkel sein könnte, drei Rosen aufs Zimmer und lädt sie zum Essen ein. Sie verliebt sich in Russak, er zieht kurz darauf in ihre Suite. Und dann geht alles so wahnsinnig schnell, dass die Comtesse schon nach einem Monat beim Juwelier Graff Trauringe bestellt. Sie kauft ihm einen Siegelring mit ihrem Wappen, sie will ihn unbedingt heiraten, er will ihren Namen annehmen, die Papiere werden vorbereitet. Vorsichtshalber lässt man mit einem psychologischen Gutachten bestätigen, dass die schwerreiche Gräfin noch ganz bei Sinnen ist, wenn sie fortan einen 36- Jährigen ohne festen Wohnsitz und Arbeit ihre Schecks unterschreiben lässt. Ja, bescheinigt eine teure Privatklinik, Madame la Comtesse weiß, was sie tut. Ihr Galan bereitet die Papiere vor, sie blickt nicht mehr durch: "Herr Russak hat sich um alles gekümmert", sagt sie später der Polizei.

Bares zum Reisen

Weil sie Angst vor schlechten Zeiten hat, bittet sie ihn, doch 550.000 von ihren "Batzi", rund 360.000 Euro, im Hotelsafe zu deponieren, weil man "im letzten Krieg oft Schwierigkeiten hatte, an Bargeld zu kommen". Russak vergisst es und kauft sich zwei Autos, einen Mercedes CLK und einen Jeep Cherokee. Außerdem braucht er Bares, denn ihm stehen größere Ausgaben ins Haus, er muss dringend verreisen. Die Verlobte ist unglücklich, als er sich Ende Juli 2001 für ein paar Tage in Brasilien verabschiedet, sie hat Angst, dass er nicht zurückkommt.

Tatsächlich fährt Russak nach Italien, wo seine echte Braut auf ihn wartet. Gabriele Franziska Sgarbi, genannt Ela, ist ein schlichtes Schweizer Mädchen, sie hat Mittelschule und gehört seit Jahren zu Barrettas kleiner Sekte. Am 5. August 2001 kommen fast 100 Gäste in die schmucke Abbazia di San Clemente in den Abruzzen, wo sich Helg und Ela vor einem Priester das Jawort geben. Es ist seine zweite Ehe, die erste Gattin ist ihm 1994 nach zwei Jahren weggelaufen, weil sie nicht ertrug, dass er in die Sekte abgeglitten war.

Die Flitterwochen in den Abruzzen sind kurz, in Monaco warten die nächsten Heiratsvorbereitungen auf ihn. Der galante Reserveoffizier, der in der Zentrale der Credit Suisse beschäftigt war, weiß, wie man große Vermögen verwaltet. Die Comtesse lässt ihm freie Hand. Hauptsache, ihr naher Angehöriger, der alles erben würde, aber ein kleines Alkoholproblem hat und schon zehn Millionen Batzi verpulvert, kommt nicht an ihr Geld. Russak findet, die vielen Fränkli der Gräfin seien besser aufgehoben, wenn sie auf seinen Namen deponiert würden. Er löst einen Fonds in Liechtenstein auf, "mit dem sie nicht sehr zufrieden war", wie er später der Polizei sagt, und überweist zweimal zwölf Millionen Franken auf zwei Schweizer Konten, die auf seinen Namen laufen. Der Polizei erzählt er, ohne rot zu werden: "Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich eine Person kennengelernt habe, die mir, menschlich gesehen, so nahe stand. Die starken Gefühle, die ich für sie hatte, haben mich dazu gebracht, dass ich mein Leben für sie ändern wollte."

Eine "scheußliche Situation"

Nach wenigen Wochen - er hat die ersten paar Hunderttausend Batzi schon verbraten - gerät Russak in eine jener "scheußlichen Situationen", die ihm immer dann passieren, wenn er mehr Geld braucht. Ein "unbekannter Mann, ungefähr 1,88 Meter groß" habe ihn angesprochen und zwei Millionen Franken verlangt, gaukelt er vor, wenn er nicht umgehend bezahle, drohe "Unheil" von der Mafia. Die Greisin bekommt Angst und steckt ihm die zwei Millionen zu. Das Ergebnis ist ernüchternd: Nun will der Unbekannte drei Millionen und eine Rolex Cellini. Die Gräfin zahlt. Sie fürchtet, ihren charmanten Beschützer zu verlieren, klagt sie später der Polizei: "Er sagte, er liebe mich und wolle bis zu meinem Tod bei mir bleiben."

Als ihr Dr. med Christiane Weyer, die Frau des Konsuls und Titelhändlers, steckt, sie habe gehört, der Russak sei ein mieser kleiner Betrüger, er nehme auch andere Frauen so aus wie sie, zeigt sie ihn endlich an. Russak wird Ende August 2001 in Lausanne festgenommen, der Vorwurf lautet auf Untreue, Erpressung und Diebstahl. Russak spielt die verliebte Unschuld: "Alles, was ich getan habe, war ohne Hintergedanken. Alles, was ich wünsche, ist, bei Verena zu bleiben." Die hat nun freilich genug von ihm. Weil er ihr 20 Millionen Franken zurückgibt, tut er ihr leid, und sie zieht die Klage zurück, das Verfahren schläft ein, die 750.000 Franken Anwaltskosten trägt sie. Alles in allem hat der kurze Sommerflirt die Comtesse rund sieben Millionen Franken gekostet. Im Jahr darauf stirbt sie.

Die Scherereien mit der Polizei erschweren Russak und Barretta das Geschäft. Um "Spuren zu vertuschen", wie die Justiz glaubt, nimmt Russak 2002 im Standesamt Goldach, Schweiz, den Namen seiner Gattin an. Er heißt nun Helg Sgarbi. Doch gleich mit der nächsten Frau, die er zu erpressen versucht, geht es wieder schief. Nach zärtlichen Stunden in einem Apartmenthaus in der Nähe des Zürcher Flug­hafens geht bei Liliane Z.* ein Päckchen von Sgarbi ein. Darin liegt ein Brief an die "kleine Betrügerin und große Hure", die sich in Dinge einmische, die sie nichts angingen. Weil sie ihm und seiner Verbindung mit der Comtesse du Pasquier auf die Schliche gekommen war, droht er: "Du bist dabei, Dein schönes Gesicht für immer zu verlieren." Sgarbi legt eine Panasonic-Minidisc mit Videoszenen eines Rendezvous vom 19. Februar 2002 bei. Sie gibt nicht klein bei und zeigt ihn an. Das Bezirksgericht Bülach, Schweiz, verurteilt ihn im September 2003 wegen "Nötigung und Verletzung des Geheim- und Privatbereichs durch Aufnahmegeräte" zu sechs Monaten Gefängnis auf Bewährung.

Die Karriere

Nach der Verurteilung schaltet Sgarbi einen Gang zurück. In Uznach bei Zürich mietet er eine billige Zweizimmerwohnung und eröffnet das Übersetzungsbüro Technology Business Development, eine Tarnfirma, denn nennenswerte Zahlen gehen beim Finanzamt nicht ein. Gleichzeitig arbeitet er in der Beschwerdeabteilung des Mobilfunkkonzerns Sunrise, wegen seines psychologischen Geschicks wird er bald Fachmann für die renitenten Fälle.

Manchmal geht er auf Batzi-Jagd, verschickt triefende Liebesbriefe, in der Hoffnung, es könne eine Reiche anbeißen: "Du bist eine außergewöhnliche Frau, Du lebst für die Liebe, und das machst Du richtig, denn genau das ist das Leben." Manchmal faxt eine genauso schmalzig zurück, er habe einen "Sturm in ihrem Herzen" ausgelöst: "Nimm mich bei der Hand, auf dass mir Flügel wachsen und wir gemeinsam fliegen können." Spröde Geschäftsfrauen im reifen Alter werden zu schmachtenden Dreizehnjährigen: "Schäume über vor Gefühlen für Dich. Bin in Dir, um Dich. Große Kräfte wirken in uns und auf uns. Was für eine tiefe, große Unruhe in mir." Manchmal wandert er mit einer durch die sternenklare Alpennacht oder fliegt mit ihr nach Barcelona oder kurt mit ihr in der feinen "Wiedemann-Klinik" in Meersburg. Verträumt schreibt ihm eine: "Was ist es, was hier beginnt? Und immer wieder die Frage, warum Gott dich mir geschickt hat?" Eine andere beglückt er nachts am Strand und schreibt dann ein glühendes Briefchen: "Liebste, erinnerst Du Dich? Als wir uns am Strand lustvoll ineinander verkeilten und Du laut stöhntest?" Gestört wird das Schäferstündchen nur von einem Schäferhund, der die Nackten beschnüffelt. "Igitt!", schreibt Sgarbi. Aber der große Fang ist nicht dabei. Er sucht ja keine Liebesgeschichte und kein Sexabenteuer, er sucht Bargeld, in großen Scheinen. Erst im Dezember 2005 hat er wieder einen dicken Fisch an der Angel.

Im vornehmen "Quellenhof " zu Bad Ragaz, Graubünden, lernt er kurz vor Weihnachten 2005 eine damals 64-Jährige kennen, die sich unsterblich in ihn verliebt. Man sitzt in den cremefarbenen Sofas der wunderschönen Bar, von der nachtblauen Decke mit ihrer nachgebauten Milchstraße funkeln kleine Halogen-Sterne, es gibt einen feinen Cognac, das Glas für 398 Franken. Und im Hotel eine "Erlebnisdusche mit Kuschellounge". Ihr Mann ist erfolgreich in der Möbelbranche, besonders glücklich kann die Ehe nicht sein, denn Frau E.* lässt sich fast zwei Jahre lang ausnehmen wie ein goldenes Huhn.

Schnell viel Geld

Sie zahlt für zahllose gemeinsame Nächte mit dem jüngeren Liebhaber, für seine USA-Flüge, und als er "ein Buch schreiben will", finanziert sie ihm den Lebensunterhalt. Sie glaubt seinem atemlosen Bericht, er habe bei einem Verkehrsunfall in den USA ein Kind verletzt und müsse nun sofort 1,2 Millionen Euro zahlen, sonst lande er im Gefängnis. Die Hälfte könne er selbst aufbringen, ob sie ihm nicht mit den restlichen 600.000 aushelfen könne? Sie zögert, doch Anfang März 2006 drückt sie ihm die erste Rate von 100.000 Euro in die Hand, Ende Mai die zweite. Sgarbi drängt, er brauche mehr. Er könne den fehlenden Betrag zwar auch von einer Bekannten in der Schweiz bekommen, schwindelt er, aber da er diese Frau nicht liebe, wolle er auch kein Geld von ihr. Ihr, der Geliebten, zahle er natürlich alles zurück, inklusive Zinsen. Bei einem gemeinsamen Besuch in Wien, wo sich die Frau um ihre Häuser kümmern muss, schlägt er ihr vor, die Liegenschaften zu beleihen und ihm das Geld zu geben. Die Frau schlägt ihn nicht mit einer Bratpfanne in die Flucht, sie löst eine Lebensversicherung auf und gibt ihm 400.000 Euro, in bar.

Sgarbi wittert, dass bei der Arglosen, die seine Mutter sein könnte, mehr zu holen ist. Im Januar 2007 hält er ihr unscharfe Fotos hin, die sie beide beim Sex zeigen, und erzählt, diese Bilder befänden sich auf einem Laptop, der ihm in Rom gestohlen worden sei. Die Nacktfotos seien nun in den Händen der Mafia, die damit drohe, sie an ihre Familie zu schicken, falls man nicht sofort 1,5 Millionen Euro bezahle. Da wird sie böse, zum ersten Mal. Mit welchem Recht er heimlich Sexfotos gemacht habe, will sie wissen. Seine Antwort ist die gleiche, die er den erpressten Frauen immer wieder gibt: "Die habe ich doch nur für mich gemacht, damit ich mir einen runterholen kann, wenn du nicht da bist."

Die Frau geht nicht zur Polizei, sondern nimmt bei der UBS einen Kredit über 1,5 Millionen Euro auf, den sie sich in 1000-Franken-Scheinen auszahlen lässt. Den Betrag überreicht sie Sgarbi am 9. Februar 2007 am Bahnhof von Bad Ragaz in einer schwarzen Plastiktüte. Er kommt in einem Lieferwagen, steigt nicht mal aus dem Auto und verschwindet wieder. Sie ist verstört: "Er hat nicht mal Danke gesagt."

Schmalziges Getue

Sgarbi hat einen siebten Sinn für die heimlichen Sehnsüchte von reichen, im Herzen einsamen Frauen. Nach außen wirken sie womöglich knallhart, keiner legt sie so schnell rein. Aber sie haben auch eine weiche, irrationale Seite, die unbefriedigt bleibt. Da sind seine Opfer verletzlich, und genau in diese Leere trifft er mit seinem schmalzigen und spirituellen Getue.

Die gestandene Geschäftsfrau E. hat ihm nun über zwei Millionen Euro zugesteckt und zahlt einen saftigen Kredit ab (bis heute) - doch auf die Idee, ihn zum Teufel zu jagen, kommt sie nicht. Sie hört ihm sogar noch zu, als er ihr im November 2007 seinen genialen Plan für ein gemeinsames neues Leben ausbreitet. Es gebe drei Möglichkeiten. Erstens: Er miete eine kleine Wohnung und arbeite weiter als Übersetzer, dann müsse sie sich eben einschränken, oder zweitens: Sie kaufe ihm eine Villa am Zürichsee plus ein Auto und gebe ihm noch zwei Millionen Euro drauf, oder drittens, falls Vorschlag zwei zu teuer sei: Sie möge ihm einfach zwei Millionen Euro in die Hand geben, damit er sich eine kleine Firma kaufen könne. Nach fast zwei Jahren Abzocke, hat sie genug. Als er droht, die heimlich geschossenen Sexfotos zu veröffentlichen, geht sie per Rechtsanwalt gegen ihn vor. Sgarbi gibt Ruhe, kein Wunder, er hat jetzt viel zu tun. Die drei Frauen, die er im Sommer 2007 bezirzt hat, verlangen seine volle Aufmerksamkeit.

Für einen Gigolo ist dieser schicke "Lanserhof" der Himmel auf Erden. Er ist halb Wellnessklinik, halb Fünf-Sterne-Hotel, drei Wochen mit Beauty- und medizinischem Service können fast so viel kosten wie ein VW-Golf. Die Beute läuft tagsüber in weißen Bademänteln und Schlappen über die reduziert-weißen Flure, meistens allein. Zieht von der Derma-Station in den Pilates-Kurs und weiter zur Burnout-Vorsorge. Es sind erfolgreiche Frauen, die locker eine fünfstellige Summe dafür hinlegen, dass sie drei Wochen lang fast nichts zu essen kriegen. Mit entschlackten Därmen (die 50-Minuten-Wäsche für 150 Euro), straffer Haut ("Detox-Gesicht entschlackend, entstauend", 75 Minuten für 105 Euro) und runderneuerter Leber ("Deep Liver Detox" für 231 Euro) kehren sie in ihr hektisches Leben zurück.

Das SOS in den Augen

Männer sind eher die Ausnahme im "Lanserhof". Nach seiner Scheidung schaut Roman Abramowitsch mit seinen Leibwächtern vorbei, mietet für angeblich eine Million Euro einen ganzen Flügel und macht sich mit Stoffwechseltee, Reiswaffeln und Einläufen fit für die neue Frau. Manchmal kommen Oktoberfestwirte, um sich zu entgiften. Männer jedenfalls, mit denen man nicht viel reden kann oder will, schon gar nicht über Paulo-Coelho-Bücher, "M & A" ("mergers and acquisitions", Fusionen und Übernahmen) oder Astrologie. Da ist Sgarbi anders, er ist gebildet, und sein Blick, schreibt der Mailänder "Corriere della Sera", signalisiert ein "ständiges SOS an die Frauen".

Er geht methodisch vor. Bei Ausflügen klärt er mit ein paar präzisen Fragen die finanziellen Verhältnisse der Frauen ab. Das geht so schnell und nebenbei, dass sie es nicht merken. Mit Frau W. geht er joggen, einmal auch auf den Flohmarkt nach Innsbruck, aber "mehr war da nicht, ich bin ja verheiratet". Kein Wunder, sie ist nicht reich genug. Wenn aber eine Geld hat, bleibt er dicht dran. Mitte August 2007 ist der Gigolo im Stress, er hat praktisch drei Frauen gleichzeitig zu beglücken, zu erpressen und auszunehmen. Er muss aufpassen, dass er seine erfundenen Geschichten nicht durcheinanderbringt.

Bei jeder kommt er nach kurzem Vorspiel zur Sache und verlangt Geld, oft auch einfach mal so. Nicht alle bezahlen. Die Deutsche N.*, mit der er in Tirol turtelt, soll ihm 800.000 Euro geben, weil er in Italien ein Zigeunerkind überfahren habe und nun von der Familie verfolgt werde - sie gibt ihm nichts. Eine Schweizerin V.*, mit der er Silvester am Arlberg verbringt, lehnt ebenfalls ab. Andere zahlen. Wie die Fabrikantin O.* aus dem Bayerischen, die ihm nach nur zwei Tagen erliegt und ihm die Schlüssel für ihre Villa in Kitzbühel überlässt, wo er im feinen "Tennerhof " angeblich ein wichtiges Meeting hat. Sie ist hin und weg von dem "unglaublich seriösen" Geschäftsmann, der nebenher noch heikle Missionen für die Schweizer Regierung erfülle und ab und zu untertauchen müsse. Er sei dann nicht erreichbar, sie dürfe nicht böse sein, wenn er mal nicht anrufe, flötet er ihr vor, seine Gefühle seien keineswegs abgekühlt, nein!, er liebe sie.

Ein amouröses Wochenende

Sie glaubt es nicht nur, sie ist fasziniert von dem Mann mit dem Diplomatenpass, als er sie für ein amouröses Wochenende nach Rom einlädt, wo er gerade in schwierigen Verhandlungen zwischen Italien und der Schweiz steckt. Am Flughafen steht eine weiße Stretchlimousine mit Fahrer bereit, um sie ins "Hotel Byron" zu fahren (das sie bezahlt). Sie ist aufgeregt.

Auch mit ihr zieht er nach kurzer Zeit die Mafia-Nummer ab. Nach einem Unfall in Italien, bei dem ein Kind auf seiner Kühlerhaube gelandet sei, verlangten die Gangster nun drei Millionen Euro von ihm. Falls er nicht sofort zahle, lande er sicher im Knast. Man würde sich dann "wohl länger nicht sehen". Die verliebte Unternehmerin telefoniert mit ihrer Bank, bei zwei Filialen hebt sie jeweils 150.000 Euro ab und übergibt ihm zwei Päckchen Bargeld, jedes etwas größer als ein Schuhkarton. "300.000 Euro sind für mich kein Betrag, den ich aus der Portokasse bezahle", klagt sie später der Polizei. Die Geschichte der O. kommt erst heraus, als man im Januar 2008 den Audi von Barretta durchsucht und verschlüsselte Zettel mit Hinweisen auf drei erpresste Frauen findet.

Eine davon ist Susanne Klatten, die reichste Frau Deutschlands, der er am Ende sieben Millionen Euro abschwatzt. Sgarbi lernt die BMW-Erbin Mitte Juli 2007 kennen, wochenlang ruft er sie an, er habe sich in sie verliebt. Sie lehnt anfangs ab, doch als er Mitte August bei ihr im Südfrankreichurlaub auftaucht, wird daraus eine Liebesbeziehung. Glaubt sie. Schon wenige Tage später treffen sie sich im "Holiday Inn" in München-Schwabing, Zimmer 629, wieder. Er hat es für sich und das Zimmer 630 daneben für seinen Chef Barretta gebucht. Dort soll Sgarbi am Nachmittag des 21. August nebenbei Videoaufnahmen von mindestens 38 Minuten Länge angefertigt haben, die ihn zusammen mit Susanne Klatten bei "Intimitäten", so die Ermittler, zeigen. Ob Barretta heimlich durch eine Verbindungstür filmt oder ob Sgarbi seinen aufgeklappten Laptop benutzt, der auf dem Schreibtisch steht, muss der Prozess klären.

Sieben Millionen werden zu "7up"

Noch ahnt Susanne Klatten nichts davon. Sie ist verliebt. Er verabschiedet sich zu einer Geschäftsreise "in die USA", fährt tatsächlich aber nach Kitzbühel zu jener Frau, die er mit der Geschichte vom überfahrenen Zigeunerkind ausnimmt. Am 26. August meldet er sich wieder bei Klatten, er sei "in großer Not", er müsse sie sofort treffen. Noch am gleichen Tag mieten sie sich im "Tulip Inn" am Münchner Flughafen ein, wieder einmal zieht Sgarbi seine Opfernummer ab. Bei einem Unfall in Miami, USA, will er ein Kind schwer verletzt haben, nun müsse er sich "freikaufen". Denn als "Sonderberater der Schweizer Regierung in Krisengebieten" könne er sich einen derartigen Prozess nicht erlauben. Von den zehn Millionen Euro, die das koste, habe er drei schon aufgetrieben - ob sie ihm nicht mit sieben aushelfen könne? Nach einigem Zögern knickt sie ein. Intern nennen sie die Summe von nun an "7up". Er verspricht, er werde das Geld zurückzahlen: "Ich weiß, wie man Geld verdient."

Die sieben Millionen werden am 10. September 2007 bei einer Frankfurter Privatbank aus dem Tresor geholt, aus Zeitmangel werden die Seriennummern nicht notiert, ein Fahrer bringt die Kiste voller 500-Euro-Scheine nach München. Am 11. September 2007 übergibt Susanne Klatten Sgarbi in der Tiefgarage des Münchner Hotels "Holiday Inn" den verschlossenen Umzugskarton. Darin befindet sich,verpackt in 14 Klarsichtfolienpaketen, ein Betrag von sieben Millionen Euro. Sgarbi packt das Geld in eine Sporttasche, verschwindet mit einem Leihwagen sofort. Am Abend ruft er Susanne Klatten aus der Schweiz an, alles sei gut gegangen, er habe den amerikanischen Anwälten das Geld übergeben.

Tatsächlich, davon sind die italienischen Ermittler überzeugt, landen die 14.000 Scheine à 500 Euro umgehend in den Abruzzen, wo Barretta nun vor der Schwierigkeit steht, sie zu waschen. "Ein Kubikmeter Geld", wie Barretta in einem abgehörten Telefonat prahlt, ist viel Holz. Auf die Bank kann er nicht damit gehen, denn die italienischen Geldwäschegesetze sind streng. Also kauft er Autos und Häuser; damit es nicht auffällt, lässt er sie auf die Namen seiner Sektenmitglieder eintragen.

Eine Stiftung für den Lebensunterhalt

Sieben Millionen Euro auf einmal - nun wird Sgarbi größenwahnsinnig. In Schwabing mietet er eine kleine Wohnung an, die für künftige heimliche Treffen mit Susanne Klatten dienen soll. Bei einem Rendezvous Anfang Oktober 2007 fordert er sie auf, "sich von ihrem Mann zu trennen und zukünftig mit ihm zusammenzuleben". Zur Finanzierung seines Lebensunterhaltes solle sie 290 Millionen Euro in eine Stiftung einbringen. "Ein derartiges Ansinnen lehnte die Geschädigte jedoch ab", so die Anklage.

Inzwischen weiß Susanne Klattens Mann von der Geschichte. Als er Anfang Oktober ihre Handyrechnung in die Finger bekommt, wundert er sich über die vielen Anrufe auf zwei Schweizer Handynummern. Sie gesteht ihm die Affäre, Rechtsanwälte werden eingeschaltet, dann die Justiz. Am 9. Oktober, zweieinhalb Monate nachdem sie sie begonnen hat, beendet Susanne Klatten die Affäre am Telefon. Glaubt sie. Denn nun geht das Theater erst richtig los. Vom manierlichen Liebhaber wird Sgarbi nun zum miesen Erpresser.

Mitte Oktober gibt er an der Rezeption im "Lanserhof " einen Umschlag ab, in dem sich zwei Videoprints befinden, die er "während eines intimen Kontakts angefertigt" hat. Sie soll "baldmöglichst" wieder mit ihm reden, droht er, das sei "besser für sie". Sie habe ihn "unterschätzt", von nun an werde er sie "persönlich für alles verantwortlich machen". Was er damit meint, erläutert er in einem Telefonat am 2. November, das abgehört wird. Er habe alle intimen Kontakte gefilmt und werde "das Material" an ihren Mann, die BMW-Vorstände, die Verwandtschaft und die Presse schicken. Sie könne die Sache aber "in Ordnung" bringen, wenn sie "7 x 7up", also 49 Millionen Euro, an ihn zahle.

DVDs an die Quandt-Stiftung

Um seine Drohungen zu untermauern, schickt er kurz darauf zwei DVDs "persönlich/vertraulich" an die Quandt-Stiftung in Bad Homburg: "1. Akt einer widerlichen Geschichte" steht darauf. Sie waren "zwar ohne Dateninhalt", steht in der Anklage, sie zeigten aber, dass es ihm ernst war. Weil sie nicht darauf reagiert, schickt er am 12. Dezember noch eine DVD, "diesmal aber funktionstüchtig, nebst einem Brief und acht Videoprints. Diese DVD enthält ohne das Wissen der Geschädigten gefertigte Aufnahmen, die den Beginn von intimen Handlungen zwischen ihr und dem Angeschuldigten ... zeigen". In einem beigefügten Brief reduziert Sgarbi die Forderung auf "2 x 7up", also 14 Millionen Euro, und setzt ein Ultimatum für die Geldübergabe: 15. Januar 2008. Auf diesen Deal geht Klatten, die längst die Polizei eingeschaltet hat, zum Schein ein.

Einen Tag vor der geplanten Geldübergabe in München, am 14. Januar 2008, befinden sich Helg Sgarbi und sein Komplize Barretta auf der Fahrt nach München. Sgarbi in seinem Mercedes 300 SD, Barretta in einem nagelneuen weißen Audi Q7 mit Zürcher Nummernschild ZH 701866, einem Wagen, der nach Erkenntnissen der italienischen Polizei mit 100.000 Euro aus den sieben Klatten-Millionen bar bezahlt wurde. Die beiden telefonieren ständig miteinander. An der Autobahnraststätte Rosenberg in Vomp, Tirol, halten sie an. Es ist drei Uhr nachmittags, Barretta hat Hunger, Sgarbi wartet in seinem Wagen. Barretta hat kaum angefangen zu essen, da stehen drei österreichische Kriminalbeamte in Zivil neben ihm und bitten ihn mitzukommen. Er sei auf dem Weg nach München, um Bodenplatten zu kaufen, sagt Barretta und bleibt ruhig sitzen: "Ich möchte fertig essen." Sie lassen ihn. Nach drei Tagen Haft wird er freigelassen. Sgarbi sitzt bis Mitte März in Innsbruck, dann wird er nach Deutschland ausgeliefert, seither sitzt er in München-Stadelheim. Ein Modellhäftling, der in seiner Kinderschrift höfliche Eingaben an die Richter schreibt.

Die Szene an der Autobahn sagt alles über Barretta, er ist ein geborener Herr- scher. Er gibt die Befehle, die anderen gehorchen. Sgarbi lernt ihn 1991 bei einem Abendessen kennen und verfällt ihm sofort. "Das war die Wende, die meine Existenz verändert hat", schreibt er später. Barretta ist das dritte von zehn Kindern einer armen Bauernfamilie, in den 60er Jahren kommt er als junger Mann nach Konstanz, arbeitet als Kfz-Mechaniker und geht dann in die Schweiz. Er schlägt sich mehr schlecht als recht durch, handelt mit gestohlenen Autos und kassiert dafür 1990 in Rom 11 Monate und 20 Tage Haft auf Bewährung wegen fortgesetzter Hehlerei.

Das Geschäft mit dem Seelenheil

Richtig viel Fränkli aber bringt ihm erst das Geschäft mit dem Seelenheil, das er in Zürich aufbaut. Auf seinen Visitenkarten steht nun mit geschwungenen Goldlettern "Sensitivo" - ein Mann mit übersinnlichen Fähigkeiten. Anfang der 90er Jahre beginnt er, sinnsuchende, oft in psychischer Not lebende Menschen mit viel Hokuspokus um sich zu scharen. Freitags erscheinen Stigmata an seinen Händen. Er kann durch Handauflegen heilen, glauben seine Jünger. Ganz umsonst sind die Wunder freilich nicht, den Buchhändler Andreas G.* kostet das jahrelang 1500 Franken im Monat, andere überlassen ihm Erspartes und Pensionsansprüche, manchmal auch die ihrer Eltern. Die Schweizerin Irene B.* überträgt ihm ihr gesamtes Vermögen, sie stirbt später völlig verarmt. Ihre Tochter, die zeitweise auch in der Sekte lebt, erzählt dem "Tages-Anzeiger" nach ihrem Ausstieg: "Meine Mutter hielt ihn für die Reinkarnation Jesu." Angeblich finanziert Barretta mit dem Geld Waisenhäuser in der Dritten Welt, aber bis heute hat niemand eine der Wohltaten lokalisieren können.

Die jungen Frauen, die Barretta um sich schart, landen umgehend in seinem Bett. "Hatten wir Sex", berichtet eine Abtrünnige später dem Zürcher "Tages-Anzeiger", sagte "er mir immer, er heile mich damit. Sein Sperma sei das Blut Jesu Christi, es reinige den Geist". Generell hätten sie alle eine Art Gehirnwäsche gehabt, "sicher auch Sgarbi". Als Mitte der 90er Jahre ein Zürcher Staatsanwalt wegen Betrugs ermittelt, zieht sich Barretta in sein Heimatdorf Pescosansonesco an die Steilhänge der Abruzzen zurück. Seine Minisekte zieht mit, darunter auch Franziska Sgarbi, die spätere Ehefrau von Helg. Sie alle sind dem megalomanen Chef hörig. Manchmal muckt eine auf, wie Sandra F., mit der er seit 13 Jahren ein Verhältnis hat: "Ich sehe Dich als meinen Retter ... und Du denkst nur ans Vögeln."

Das Kapital kommt in bar aus dem reichen Norden, wo Sgarbi in den besten Hotels anschafft. Barretta kauft wie besessen Häuser, Grundstücke und Autos. Damit es schön unübersichtlich bleibt - er erklärt 2007 nur ein Einkommen von 74.000 Euro -, lässt er die Sektenmitglieder als Strohmänner und -frauen eintragen. Im November 2007 drückt er den staunenden Verkäufern einer Villa einen Stapel von 200.000 Euro bar in die Hand. Um die 500-Euro-Scheine sind noch die Banderolen einer deutschen Bank gewickelt - mit hoher Wahrscheinlichkeit ist es Geld aus der Klatten-Beute.

Geld heißt "Guter Wein"

Ende April 2008 wollen Barretta, sein Sohn Marcello und zwei Jünger nach Ägypten reisen, er will die nächste Rate für eine Villa bezahlen, die er im November 2007 zusammen mit Sgarbi in El Ghouna gekauft hat. Die vier tragen 120.500 Euro in 500er-Scheinen versteckt am Körper - mutmaßlich ebenfalls Klatten-Geld. Doch am Flughafen Rom-Fiumicino nimmt ihnen der Zoll das Geld ab, Barretta und seine Sekte werden schon seit März von der Polizei abgehört und beschattet. Als 80 Polizisten sein Anwesen am 23. Mai 2008 durchsuchen, finden sie 1.611.549,69 Euro, fast alles in 500er-Scheinen, versteckt in Zwischenböden oder einer chinesischen Vase. Dazu Zettel mit kryptischen Hinweisen, wo noch mehr Geld, das im Code "guter Wein" heißt, versteckt sein könnte. Gefunden hat es die Polizei bisher nicht, doch Staatsanwalt Gennaro Varone ist sicher: "Die fehlenden fünf Millionen sind noch da oben versteckt, und wir werden sie finden." Beschlagnahmt werden ebenfalls vier Häuser, zwei Grundstücke und zehn Autos (Barretta besitzt an die 60 Autos).

Sgarbis Anwälte Till Gontersweiler hatte auf Anfragen des stern zunächst nicht reagiert. Sein Frankfurter Anwalt Egon J. Geis findet: "Schweigen ist derzeit das Beste." Barrettas Anwalt Sabatino Ciprietti hält die ganze Sache für "harmlos und fürchterlich von der Presse aufgebauscht". Sein Mandant sei "vollkommen unschuldig". Was sei schon passiert? "Zwei Freunde fahren nach München, der eine lernt eine Frau kennen, vögelt sie, und der andere hat das Zimmer nebenan. Na und?"

Vor dem Landgericht München sah das schon ganz anders aus. Zum Prozessauftakt sagte Verteidiger Egon Geis im Namen seines Mandanten: "Die im Anklagesatz genannten Vorwürfe treffen im Kern zu."

Mitarbeit: Luisa Brandl, Rupp Doinet, Gerd Elendt, Valerio Simeone, Georg Wedemeyer

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