Julian Assange ist festgenommen worden. Der Wikileaks-Gründer soll zwei Frauen vergewaltigt haben. Doch der Verdacht wächst, dass die Verfolger in Wirklichkeit Wikileaks zerstören wollen. Von Manuela Pfohl

Julian Assange bestreitet die Vergewaltigungsvorwürfe© Martial Trezzini/DPA
Die Nachricht verbreitete sich wie ein Virus im Netz: "Julian Assange ist heute, am Dienstag, um 10.30 Uhr in London festgenommen worden." Der 39-jährige Australier soll zwei Schwedinnen vergewaltigt haben und war deshalb von der schwedischen Justiz zur internationalen Fahndung ausgeschrieben worden. Göteborgs Oberstaatsanwältin Marianne Ny hatte bereits Mitte der vergangenen Woche erklärt, dass sie von den britischen Behörden die umgehende Festnahme sowie anschließend die Auslieferung des untergetauchten Wikileaks-Gründers erwarte. Bestätigt sich der Vorwurf, erwartet Assange unter Umständen eine mehrjährige Haftstrafe. Ist dies das Aus von Wikileaks?
Assanges Anwälte versuchen seit Tagen, mit allen Mitteln zu verhindern, dass ihr Mandant hinter "schwedischen Gardinen" landet. Nicht nur, weil der Internet-Aktivist die Vergewaltigungsvorwürfe bestreitet. Anwalt Mark Stephens befürchtet vor allem, dass Assange von Schweden an die USA ausliefert werden könnte - die wiederum wegen der Veröffentlichung vertraulicher US-Depeschen gegen Wikileaks und Assange ermitteln. Der Vorwurf: Spionage. Laut Außenministerin Hillary Clinton ist Wikileaks "eine Gefahr für die USA". Andere US-Politiker bezeichneten ihn als "Terroristen". Einen Staatsfeind, den es "mit aller Härte" zu bekämpfen gilt.
Ist der Vergewaltigungsvorwurf gegen Assange also nur ein vorgeschobener Grund, um den Mann abzustrafen, der es gewagt hat, mit seiner Enthüllungsplattform den "Mächtigen" dieser Welt in die Suppe zu spucken? Nach der Veröffentlichung von hunderttausenden geheimen Dokumenten aus US-Botschaften hat der Australier mehrfach die Befürchtung geäußert, dass ihm Geheimdienste oder andere US-Stellen nach dem Leben trachten könnten. Assanges schwedischer Anwalt, Björn Hurtig, erklärte nach der Festnahme: "Möglicherweise glaubt das große Land im Westen, dass dies der ideale Zeitpunkt ist, sich Assange zu greifen". Ein ziemlich eindeutiger Hinweis darauf, wen der Jurist für den "Nutznießer" der Festnahme hält.
Wäre dem so, wäre das ein Skandal allererster Güte. Doch was sagen die Fakten?
Die Vergewaltigungsvorwürfe stehen schon seit einiger Zeit im Raum. Demnach soll Assange im August im Rahmen einer Veranstaltung in Schweden zwei Frauen kennengelernt und erst mit der einen und danach mit der anderen "einvernehmlichen" Sex gehabt haben. Noch völlig unklar ist, was dazu führte, dass die beiden Frauen sich wenig später entschlossen, zur Polizei zu gehen und Assange wegen Vergewaltigung anzuzeigen. In den Ermittlungen ist jedenfalls davon die Rede, dass Assange einen "sexuellen Zwang" auf die zwei Schwedinnen ausgeübt habe, in dem er ungeschützten Sex verlangt und gegen ihren Willen durchgesetzt habe. Ein Vorwurf, dem indes offenbar nicht alle Ermittler trauen. So hatte es zwischenzeitlich eine Rücknahme der Vergewaltigungsvorwürfe gegeben, weil es innerhalb der Staatsanwaltschaft gegenteilige Ansichten zur Schwere des Vorwurfs gab.
Dass inzwischen offen eine vorgeschobene Vergewaltigungsbehauptung diskutiert wird, kommentiert der Anwalt der beiden Schwedinnen, Claes Borgström, scharf: "Assange lügt, wenn er sagt, dass meine Klientinnen in eine Konspiration mit den USA verwickelt sind. Er weiß ganz genau, dass es keine derartigen Zusammenhänge gibt." Borgström meint: "Das sind zwei ganz normale, schwedische Mädels, die Assange für seine Arbeit bewundert haben. Und jetzt stehen sie unter großem Druck, die Medien stets vor der Tür und ständige Anrufe."