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Beten für Angela

Angela Merkel ist alternativlos. Noch jedenfalls. Doch wenn sich die Wogen der Flüchtlingskrise geglättet haben, könnte die CDU schnell vor der Frage stehen, wer ihr nachfolgen soll - keine rosige Aussicht.

Von Andreas Petzold

Angela Merkel

Hat gerade gut lachen: Angela Merkels Flüchtlingspolitik scheint doch aufzugehen

Geht sie oder bleibt sie? Man kann sich dieses Land derzeit ohne Angela Merkel nur schlecht vorstellen. Das Management der Flüchtlingskrise, der Zusammenhalt Europas - all das scheint vor allem am Willen und an den politischen Überzeugungen der Kanzlerin zu hängen. Auch deshalb kreisen bei manchen Bundestagsabgeordneten der Union sorgenvolle Gedanken, ob die CDU-Chefin 2017 ein weiteres Mal als Kanzlerkandidatin antritt.


Mit der rhetorischen Frage "Wer soll sie denn ersetzen" will sich natürlich niemand zitieren lassen. Denn wenn sich doch ein "Ersatz" finden sollte, würde man gleich zu den Zweiflern der ersten Stunde gehören. Mehr und mehr begreifen nicht nur die Unionisten, dass Angela Merkels Stärke nicht nur aus dem Umstand besteht, dass sie angeblich niemand ersetzen kann. Die Zweifler in Berlin können nun beobachten, wie Merkels Plan, für den sie monatelang geackert hat, am Ende möglicherweise doch aufgeht. Der Flüchtlingsstrom verebbt, der noch wackelige Deal mit der Türkei stabilisiert sich, womit Merkel einmal mehr eine nahezu existenzielle Krise "abgearbeitet" hätte, wie sie es wohl formulieren würde.

Indes haben sich Horst Seehofer und sein parteiinterner Widersacher Markus Söder mit ihrer zornesbebenden Kanzlerinnen-Kritik zu politischen Würstchen degradiert. Unvergessen das Bild, als der CSU-Chef die Regierungschefin auf seinem Parteitag mit einer 15-minütigen Obergrenzen-Suada düpierte. Auch wenn Merkel mit ihrer Politik am Ende Recht behalten sollte - das wird sie dem Bayern nie vergessen. Vorerst genießt sie es still, dass Seehofer nun alle Kärtchen ausgespielt hat, ohne einen Stich zu machen. Wie war das noch mit der Verfassungsklage? "Wir bereiten das gerade vor", antwortet CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer seit Wochen immer wieder tapfer, wenn er morgens im Deutschlandfunk danach gefragt wird. Die Vergütung für Ex-Verfassungsrichter Udo di Fabio, dessen Rechtsgutachten Grundlage für die Klage sein sollte, kann die CSU wohl getrost als Ausfallhonorar ausbuchen.

Angela Merkels Kritiker verstummen

Jetzt, wo der Erfolg von Merkels Flüchtlingspolitik zumindest in Sichtweite gerückt ist, kehren die Opportunisten in Scharen wieder zurück unter ihren Rock. Und sie erkennen auch, dass die Rechtsaußen-Kritiker, die sich auf das politische Establishment eingeschossen hatten, kaum noch ein Echo finden. Viele in der Union, die Angst um ihre Wahlkreise hatten, tun es nun dem grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann gleich und beten neuerdings wieder für Angela. Verstohlen wird darüber spekuliert, ob zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik ein amtierender Kanzler auf die Wiederwahl verzichtet? Merkels Ehemann Joachim Sauer würde dabei eine nicht unwesentliche Rolle spielen, heißt es, schließlich gäbe es ja auch noch ein Leben nach dem Amt. Und die Kanzlerin definiere sich keineswegs ausschließlich über ihre Rolle als Regierungschefin. Sollte die Flüchtlingskrise Anfang kommenden Jahres tatsächlich gebannt sein, die Migration in geordneten Bahnen laufen und die EU einigermaßen geeint dastehen, dann könnte Merkel das Jahr 2016 als eine Art Schlussstein ihrer politischen Karriere betrachten. Und eventuell die Zukunft der Partei in neue Hände legen.

Aber in wessen Hände? Julia Klöckner scheidet bis auf weiteres aus. Sie hat eine verlorene Wahl im Rucksack und wird noch ein paar Jahre brauchen. Thomas de Maizière gilt nicht als erste Wahl. Da fallen die Blicke auf Ursula von der Leyen. Sie ist zwar in der Partei nicht sonderlich beliebt, aber Angela Merkel hat ihr nicht zufällig das Verteidigungsministerium aufs Auge gedrückt. Es ist das am schwersten zu führende Ministerium mit dem wackeligsten Chefsessel. Und bislang, das bescheinigen auch parteiinterne Skeptiker, mache sie ihre Sache ganz gut. Bliebe noch die Frage, ob die Deutschen ein zweites Mal hintereinander eine Frau in das Kanzleramt wählen? Eigentlich ist das ein anachronistischer Gedanke, aber schon Hannelore Kraft hat darüber ernsthaft gegrübelt, als sie den SPD-Oberen seinerzeit als mögliche Kanzlerkandidatin abgesagt hatte.

Wieviel Spaß macht ihr das Amt noch?

Spekuliert wird in Berlin vor allem deshalb, weil sich Angela Merkel zu ihrer Zukunft natürlich mit keinem Wort äußert. Und wenn sie sich entscheidet, heißt es in ihrem Umfeld, dann erst, wenn es wirklich an der Zeit ist. Also Anfang nächsten Jahres. Kolportiert wird natürlich auch, dass ihr das Amt schlicht "großen Spaß" macht. Allein deshalb würde sie noch eine Amtszeit dranhängen. Am Ende dürfte ihr Entschluss vor allem davon abhängen, wie sich die politische Lage in Deutschland, Europa, der Ukraine und im Nahen Osten entwickelt. Wenn sich die Krisen erneut zuspitzen oder unvorhersehbare Konflikte am Horizont auftauchen, dann wird Merkel ihrem Ehemann mitteilen, dass er weitere vier Jahre auf den gemeinsamen Ruhestand warten muss. So preußisch ist sie.


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