Er konnte weder lesen noch schreiben, aß das Fleisch getöteter Feinde und empfahl sich der Queen als Liebhaber. Ugandas Diktator Idi Amin war so bizarr wie brutal und hielt sich doch acht Jahre an der Macht. Nun hat Hollywood das Leben des Popstars unter den Despoten verfilmt. Von Marc Goergen

Idi Amin selbst nannte sich "Dada" (Großer Vater) und war bei seinen Landsleuten anfangs populär© Gamma/laif
Noch einmal will sich Seine Exzellenz, der Präsident auf Lebenszeit, Feldmarschall Al Hadji Doktor Idi Amin, Träger des Victoria-Kreuzes, des Militärkreuzes, Herr über alle Tiere der Erde und Fische des Meeres, Eroberer des Britischen Reiches in Afrika im Allgemeinen und Uganda im Besonderen, im Glanz seiner Titel und Allmacht sonnen. Noch einmal, es ist ein lauer Nachmittag im Februar 1977, will Idi Amin im Stadion von Kampala zum Jahrestag seines Putsches bejubelt werden.
Seit Tagen laufen die Vorbereitungen. Läden täuschen volle Regale vor, bunte Flaggen und Blumenbeete kaschieren das Elend, Grundsteine für fiktive Krankenhäuser liegen bereit, feierlich gelegt zu werden. "Die Welt grüßt Uganda", titelt die "Voice of Uganda" über acht Spalten, als die Nachbardiktatoren aus Zaire und Liberia Telegramme schicken, und ein Leitartikler huldigt: "Oh, Idi Amin Dada. Du großer Afrikaner unserer Zeit. Dein sind Worte und Taten in der heiligen Erde."
Und die Feier scheint standesgemäß. Fünf Stunden lang jubeln die Untertanen, paradiert die Armee vor ihrem Staatschef, ziehen Lehrer und Studenten an ihm vorbei. Und "Big Daddy", wie sich Amin gern nennen lässt, genießt das Schauspiel. Präsentiert sich in der Pracht aller sich selbst verliehenen Orden (Schneider haben dafür die Uniform verlängert), stammelt ohne Manuskript eine Rede zusammen (er kann kaum lesen), und als zum Höhepunkt der Feier zwei schottische Dudelsackbläser in Kilts durchs Oval marschieren, hält es ihn nicht mehr auf seinem Platz.
Er lacht, dass sein massiger 120-Kilo-Körper erbebt, und salutiert der eingekauften Ehrengarde aus dem fernen Schottland, dem er sich großmütig schon mal als König angeboten hat. Ja, Big Daddy ist wieder mal Mittelpunkt der Welt. Nur will die schon lange nichts mehr von ihm wissen.
In diesem siebten Jahr der Herrschaft Idi Amins ist es kein Geheimnis mehr, dass sich hinter der Maske des gutmütigen Kolosses einer der grausamsten Despoten des Kontinents verbirgt. Mehrere Hunderttausend Menschen werden unter seiner Herrschaft verhaftet, gefoltert, ermordet, es ist eine Geschichte, so bizarr und brutal, wie sie nur Afrika erzählen kann.
Sie beginnt irgendwann zwischen 1925 und 1928, das genaue Datum ist nicht bekannt, im Nordwesten Ugandas. Idi Amin wird in den Stamm der Kakwa geboren. Die Kakwa sind Krieger, berüchtigt dafür, das Blut ihrer Feinde zu trinken. Amin besucht vier Jahre lang eine einfache Schule, in der er kaum mehr lernt als ein paar Koranverse. Der Vater lässt die Familie sitzen, und Amin schlägt sich als Straßenjunge in Ugandas Hauptstadt Kampala durch.
Uganda ist in diesen Jahren ein Prunkstück des Britischen Empire, eine "Perle" nennt es Winston Churchill. Fruchtbar, grün und voller Seen, dank Höhenlage mit einem gemäßigten Klima, ein profitabler Exporteur von Bananen, Zuckerrohr, Baumwolle und vor allem Kaffee. Seit 1894 herrschen hier die Briten, und es ist auch die Kolonialmacht, die Idi Amin den Weg zur Herrschaft bereitet. 1946 werden britische Offiziere auf den kräftigen Burschen aufmerksam, der vor ihrer Kaserne lungert.
Sie holen ihn in ihre Einheit, die "King's African Rifles", eine schwarze Elitetruppe, geleitet von weißen Offizieren. Amin scheint der nette Schwarze von nebenan, schlicht im Hirn, aber gut im Herzen, dazu beliebt bei den Frauen, die er immer wieder in die Kaserne schleust, kurz: ein Typ, wie ihn die weißen Herren schätzen.
Ähnlich wie die Franzosen Bokassa, den späteren "Kaiser" der Zentralafrikanischen Republik, aufbauen, fördern die Briten Idi Amin. Vom Hilfskoch steigt er zu einem der wenigen schwarzen Offiziere auf. Doch je höher sein Rang, desto mehr zeigt sich seine dunkle Seite: die des kaltblütigen Mörders. Als er entsandt wird, um aufständische Nomaden zu entwaffnen, lässt er die Männer sich in einer Reihe aufstellen und ihren Penis auf einen Tisch legen. Dann greift er zur Machete. Augenzeugen berichten, der neunte Mann habe schließlich das Versteck der Waffen verraten.
Die Brutalität behindert seinen Aufstieg nicht. 1962 wird Uganda unabhängig und Idi Amin Generalstabschef. Premier Milton Obote schickt ihn in den Kongo, um Rebellen gegen Joseph Mobutu zu unterstützen. Als herauskommt, dass Amin dabei Geld unterschlägt, kommt er seiner Absetzung zuvor: Er putscht gegen Obote.
Es ist der 25. Januar 1971, der Beginn eines der grausamsten Kapitel afrikanischer Geschichte. Ein paar Tage lang zeigt Amin einen fast kindlichen Charme. Lässt sich im Hubschrauber im Land umherfliegen, kurvt im Jeep durch Dörfer und genießt wie ein Junge sein neues Spielzeug: ein ganzes Land! Sitzungen liegen ihm fern. Seinen Fahrer macht er aus der Laune heraus zum Geheimdienstchef, ja mancher befördert sich einfach selbst und verlangt anschließend dementsprechende Bezahlung.
Dokumentiert wird im Staate des Analphabeten Amin ohnehin kaum etwas. Ein geflohener Finanzminister berichtet später: "Alle Minister kriegen in ihre Büros ein Radio. Nachmittags mussten wir es einschalten, um zu hören, was entschieden, wer ernannt und wer rausgeschmissen wurde."
Der Westen begrüßt Amins Staatsstreich. Sein Vorgänger Obote liebäugelte mit dem Sozialismus, und insbesondere die USA und Großbritannien sehen im neuen Herrscher Ugandas ein Bollwerk gegen die Marxisten. Amin sei "gutmütig und zugleich durchsetzungsfähig", notiert das britische Außenministerium in einem internen Bericht.
Schon bald aber tritt grausamer Terror an die Stelle der vermeintlichen Güte. Amin fürchtet die Anhänger des gestürzten Obote, er fürchtet feindliche Stämme, ja er fürchtet jeden, der seiner neuen Macht gefährlich werden könnte. Todeskommandos ziehen durchs Land, morden Dutzende, Hunderte, Tausende. Manchmal werden potenzielle Unruhestifter zuvor verhaftet, doch ist das nur ein Aufschub des Todes.
1974 berichtet ein geflohener Lehrer einer internationalen Kommission von seinen Erfahrungen in den Folterkammern des Regimes. Eines Abends hätten Wärter ihn und andere Gefangene mit schweren Vorschlaghämmern in die Nachbarzelle geschickt. "Dort lagen siebenundzwanzig Menschen, die meisten mehr tot als lebendig. Die Soldaten befahlen uns, diese unsere Brüder zu töten. Wir begannen, ihnen die Köpfe mit unseren Hämmern einzuschlagen. Alle starben an diesem Abend, alle siebenundzwanzig. Ich selbst habe drei umgebracht. Ich habe insgesamt achtmal mit dem Hammer zuschlagen müssen, bis sie tot waren."
Ein paar Tage später, berichtet der Lehrer weiter, hätten die Wärter vor ihren Augen anderen Häftlingen die Kehle durchgeschnitten. Dann habe man sie gezwungen, die Leichen zu zerlegen und über Holzspießen am Feuer zu rösten und anschließend zu essen.
Amins Häscher machen sich keine Mühe, ihre Morde zu verbergen. Sie verhaften ihre Opfer einfach am helllichten Tag von der Straße weg und stecken sie in den Kofferraum ihres Wagens. Die Leichen landen später im Straßengraben oder im Victoriasee.
Doch es sind bald so viele, dass selbst die gefräßigen Nilkrokodile beginnen, dieses Futter zu verschmähen. Immer wieder werden halbverweste Körper an die Ufer des Sees gespült. Mehrmals blockieren die Leichen die Turbinen des Owen-Damms am Abfluss des Sees, bis die Dammverwaltung schließlich einen Arbeiter einstellt, dessen einzige Aufgaben es ist, die menschlichen Überreste vor der Staumauer aus dem Wasser zu ziehen.