Ein Jahr nach dem Fall von Bagdad ist der Irak wieder im Krieg. Mit ihrer Politik der harten Hand haben die USA gleichzeitig Sunniten und Schiiten gegen sich aufgebracht. Selbst gemäßigte Religionsführer warnen, das Land werde "explodieren".

Vor der Rauch- und Flammenwand eines brennenden Tanklasters feiern fanatisierte Iraker den Angriff auf einen US-Konvoi. Neun Menschen starben bei der Attacke auf der Schnellstraße zwischen Bagdad und Fallujah© Karim Sahib/AFP
Der Mann mit der Panzerfaust hebt die Hand und zeigt auf Franco, unseren Fotografen: "Aussteigen!" Die beiden anderen halten ihre Kalaschnikows schussbereit. Schießen sie oder nicht? Aus der Nähe sind Gewehrsalven zu hören, in der Ferne das Wummern von Panzergranaten. Seit fünf Tagen haben mehr als 1200 US-Marines Fallujah abgeriegelt, seit vier Tagen kämpfen sie mit Panzern, Apache-Helikoptern, F-16-Jets gegen die Kalaschnikows und Panzerfäuste derer, die sich Mudschaheddin nennen. Ein paar von ihnen stehen nun vor dem Lieferwagen, der Hilfsgüter in die belagerte Stadt gebracht hat - und den stern-Fotografen Franco Pagetti.
Für einen sehr lang erscheinenden Moment sagt niemand etwas. Ali, der Übersetzer, spricht mit den dreien, Fragen werden gestellt, Francos Pass begutachtet. "Also gut", sagt der Anführer: "Du willst sehen, was hier geschieht? Wir werden es dir zeigen. Komm mit!" 600 Iraker sind seit Beginn des Aufruhrs in Fallujah ums Leben gekommen. Auf der Gegenseite sind allein bei einer einzigen Attacke im Nachbarort Ramadi zwölf Marines getötet worden.
Vorbei an zerschossenen Häusern geht die Fahrt, überall sind kleine Trupps von Kämpfern unterwegs. Sie warten hinter Mauern und Ruinen, sie folgen nicht einmal einem zentralen Kommando, aber halten ganze Stadtteile gegen die Panzer der Amerikaner. "Wir sind keine Fanatiker", sagt der Mann mit der Panzerfaust sehr ruhig, als sie an einer Stellung anhalten, "wir sind auch keine Saddam-Anhänger. Wir wollen unsere Freiheit und den Abzug der Amerikaner. Wenn wir dafür sterben müssen, dann werden wir dafür sterben. Aber wir werden nicht aufgeben."
Sie fahren weiter, zum Krankenhaus, wo der einzige Überlebende von 24 Bewohnern eines Hauses eingeliefert worden ist, wo vollkommen übernächtigte Ärzte aufzählen, was sie nicht mehr haben: Blutkonserven, Narkose- und Schmerzmittel, Antibiotika. Die Toten werden reihenweise im Stadion begraben, drei Kinder in einem Grab, "denn es ist niemand mehr da, der ihre Namen gewusst hätte".
Auf Schleichpfaden durch die Wüste und die Palmengärten am Ufer des Euphrat werden die Schwerverletzten hinaus-, Kämpfer und Munition hineingeschmuggelt. Auch Franco Pagetti verlässt auf diesem Weg nach drei Stunden die Stadt.
Es ist wieder Krieg im Irak, genau ein Jahr nach Bagdads Fall. Doch diesmal gibt es keinen Durchmarsch amerikanischer Divisionen durch ein paralysiertes Land, kein gleichgültiges Desertieren ganzer irakischer Armeen. Es ist der Beginn des Krieges der Iraker gegen die ausländischen Besatzer, die doch versprochen hatten, als Befreier zu kommen. Anfang dieser Woche ist das Land weitgehend abgeschnitten, sind die Wege zu mehreren Grenzen unpassierbar, der Flughafen wird immer wieder beschossen. Japaner, Südkoreaner, Chinesen, Tschechen, Russen, Amerikaner, ein Brite, zwei Palästinenser und ein Kanadier sind entführt worden. Zwei GSG-9-Wachmänner der deutschen Botschaft, die auf dem Weg vom jordanischen Amman nach Bagdad waren, sind östlich von Fallujah beim Versuch, eine Straßensperre zu durchbrechen, erschossen worden.
Das Sterben von Hunderten, das Bombardement von Wohnhäusern und einer Moschee in Fallujah haben fast vergessen lassen, was der Auslöser dieser Kämpfe war: dass dort Tage zuvor fünf Amerikaner getötet worden waren, vier von ihnen bestialisch verstümmelt und vom entfesselten Mob wie Trophäen vorgeführt. Amerika sann auf Vergeltung. Die "bad boys" sollten gefangen, getötet werden. Die Schlacht begann und mit ihr die Mechanik der Rache, sich gegenseitig im Töten zu überbieten. Oder, wie ein US-Regierungsbeamter der "Los Angeles Times" sagte: "Wir haben mehr Männer, mehr Macht, mehr Geld, wir werden siegen!"
Nach vier Tagen haben sie nicht gesiegt. Stattdessen haben sie aus Fallujah, der zuvor im Irak wenig beliebten Stadt sunnitischer Eiferer, ein nationales Symbol der Unbeugsamkeit gemacht. Von Moschee zu Moschee hat sich die Nachricht verbreitet, wurde von den Minaretten verkündet: Ein Konvoi solle am Morgen gen Fallujah aufbrechen. Unbewaffnet. In der Nacht geben Imame die Lebensmittellager frei, Privatleute laden Vorräte in ihre Autos, Gemüsehändler schicken ganze Lastwagen, Apotheker räumen ihre Regale. Im Morgengrauen sammeln sich die Ersten an der Moschee Umm al-Kurra, den amerikanischen Straßensperren zum Trotz. Ein Kleinbus vor uns rast rückwärts, nachdem die Soldaten das Feuer eröffnet haben. Als die Sonne über den Minaretten steht, die Saddam einst in Form von Raketenabschussrampen errichten ließ, sind es etwa 1000 Menschen. Als sich der Zug in Bewegung setzt, doppelt so viele. Als er die Autobahn erreicht, ist eine kilometerlange Karawane daraus geworden.
Niemand hält sie auf. "Min Fallujah ila Kufa, al-watan ma n´ufa", von Fallujah bis Kufa, wir werden die Heimat nicht aufgeben, skandieren sie in der aufsteigenden Hitze. Ein Kioskbesitzer will kein Geld mehr für seine Ware: "Ihr fahrt nach Fallujah? Nehmt mit, was ihr tragen könnt!" Die Stimmung ist gespannt, auf der Gegenfahrbahn patrouillierende US-Jeeps werden mit Schreien der Wut empfangen. Aber kein Schuss fällt.