Seit 2003 ist Michail Chodorkowski in Haft - und seine Familie lebt in Angst. Im stern.de-Gespräch berichten Mutter Marina und Sohn Pawel von den Schikanen der Behörden und dem Leben im Gefängnis.
Marina Chodorkowskaja: Er hat einen sehr starken Charakter. Mir sagt er immer: "Mama, reg dich nicht auf. Ich habe mich hier eingelebt, es ist sehr ruhig hier." Zurzeit ist er immer noch im Moskauer Gefängnis "Matrosenstille". Er hat seinen Humor nicht verloren. Aber wie es in ihm aussieht, können wir nur ahnen.
Marina Chodorkowskaja: Nach dem ersten Prozess wurde das Urteil in der Berufung nur um ein Jahr verringert, auf acht Jahre. Auch diesmal haben wir keine große Hoffnung. Schon während des Prozesses war klar, dass nicht der Richter das Urteil fällt, sondern das Urteil politisch ist.
Marina Chodorkowskaja: Und genau diese höhere Instanz urteilt nun über die Berufung. Wie können wir da Hoffnung haben?
Pawel Chodorkowski: Es geht hier um eine prinzipielle Entscheidung des Staates: Wie lange soll mein Vater im Gefängnis sitzen? Die Entscheidung ist längst getroffen: Er soll ewig sitzen. Sie haben Angst vor ihm. Vielleicht gibt es auch noch weitere Prozesse. Vor wenigen Tagen hat der stellvertretende Premierminister Igor Setschin meinen Vater mit Auftragsmorden in Verbindung gebracht. Putin hatte das im Dezember auch schon getan. Das ist völlig absurd! Im letzten Prozess wurde ihm vorgeworfen, dass er 350 Millionen Tonnen Öl geklaut haben soll, das ist mehr als die Produktion von Yukos. Mein Vater wurde trotzdem schuldig gesprochen, der Staat hat bewiesen, dass er alles kann. Vielleicht hat mein Vater das nächste Mal den Mond geklaut! Und wird dafür verurteilt!
Pawel Chodorkowski: Medwedew hat so viel versprochen. Viele Hoffnungen im Land waren mit ihm verbunden. Er beklagte sogar den Rechtsnihilismus in Russlsand. Aber das sind alles leere Worte. Als das zweite Urteil gesprochen wurde, war er Präsident. Er hätte etwas tun können, um die Sache zu überprüfen. Er trägt die Verantwortung.
Marina Chodorkowskaja: In Moskau dürfen wir ihn zweimal im Monat für je eine Stunde besuchen. Entweder mein Mann und ich oder seine Frau mit den elfjährigen Zwillingen Gleb und Ilja. Oder seine Frau mit seiner Tochter Nastja. Niemals alle zusammen. Alles ist sehr streng. Mein Mann und ich sitzen auf zwei winzigen Hockern in einem winzigen Zimmer hinter einer Glasscheibe. Dahinter sind auch noch Gitter. Hinter den Gittern sitzt er. Wir müssen uns per Telefon unterhalten. Redet mein Mann, kann ich nichts hören, rede ich, hört er nichts. Natürlich ist auch immer ein Offizier dabei. Wir können also nur über Familienangelegenheiten sprechen. Nach 55 Minuten hält der Offizier dann die Hand hoch: Noch fünf Minuten!
Marina Chodorkowskaja: Das Essen ist in russischen Gefängnissen grauenvoll. Einmal wöchentlich dürfen wir ihm ein Paket mit Lebensmitteln schicken. Allerdings schneiden die Wachleute alles auf: jeder Apfel, jede Gurke, jedes Stück Käse, jedes Brot kommt in kleinen Teilen bei ihm an. Sie können sich also vorstellen, wie lange die Sachen halten, besonders im Sommer. Man hat Angst, dass wir etwas einschmuggeln.
Marina Chodorkowskaja: Inzwischen dürfen nicht einmal die Anwälte einen Computer mit zu den Treffen bringen! Nur Papier! Wenn sie sich mit Mischa treffen, um die Berufungsklage zu besprechen, schleppen sie tonnenweise Papier mit. Die Anklage des letzten Prozesses umfasste ja 188 Bände. Nicht einmal Taschenrechner sind erlaubt. Was völlig verrückt ist. Manchmal saßen die Anwälte und die Angeklagten da wie in der Schule und haben lange Zahlenkolonnen schriftlich addiert. Radios sind auch verboten. Bücher dürfen geschickt werden, aber nur direkt aus dem Buchladen. Wir dürfen sie nicht in der Hand gehabt haben. Alles ist verrückt, absurd. Demütigend. Wie im Film.