Hauptquartier der Army-Groupies

15. November 2012, 18:30 Uhr

Die Wege der Protagonisten des CIA-Sexskandals kreuzten sich alle in Tampa in Florida. Dort gehörten sie zum Establishment, feierten Partys, schmiedeten Allianzen und begannen Affären. Von Niels Kruse

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Ein Bild aus besseren Tagen: Scott und Jill Kelley (r.) 2010 unter der Sonne Floridas mit Holly Petraeus, der Frau des Kriegshelden David Petraeus.©

David Petraeus, der gefallene Held: wegen schlechten Gewissens am Boden zerstört. Paula Broadwell, seine Ex-Geliebte: abgetaucht. Jill Kelley, die Generalsmuse und Auslöserin der CIA-Sexaffäre: bettelt bei der Polizei um "Diplomatenschutz". John Allen, 4-Sterne-General und fleißiger E-Mail-Schreiber: harrt in Washington der Dinge. Eine Clique, zwei anrüchige Vorfälle und vier mehr oder weniger zu bedauernde Opfer. Sie haben noch eine Gemeinsamkeit. Ihre Wege kreuzten sich in Tampa, Flordia. Dort gehörten sie zum Establishment. Und - wenn man so will - zur High Society.

Doch die vermeintlich besseren Kreise von Tampa entpuppen sich inzwischen als zwielichtig oder gar anrüchig. Selbst wenn man dort nicht permanent wohnt, sondern nur kurz gelebt hat wie Petraeus und Allen. Oder nicht einmal das, wie zum Beispiel Paula Broadwell. In der 300.000-Einwohner-Stadt laufen offenkundig die Fäden des ominösen militärisch-sexuellen Komplexes zusammen.

Genauer gesagt: In Centcom, dem Sitz des US-Oberkommandos für den Nahen Osten, Irak und Afghanistan sowie bei den Kelleys und ihrem Luxusanwesen Hillsborough Bay, nur wenige Meilen von dem Militärstützpunkt entfernt. Hier gingen sie alle ein und aus, die schneidigen Offiziere mit ihren disziplinierten Frisuren, den gutsitzenden Uniformen und der großen Karriere im Blick. Die Kelleys becircten die sonst so asketischen Heerführer mit levantinischer Leichtigkeit und großen Gastgeberherzen. "Jill Kelley und ihr Mann waren äußerst charmant, sie schmissen Partys auf denen immer mehr aufgefahren wurde, als man hätte essen können", sagte Richard Karl, Gründer der Krebsklinik, in der Scott Kelley seinen Ruf als hervorragender Chirurg erwarb.

Die Schwestern erfüllten eine patriotische Funktion

Das Paar hat es in nur wenigen Jahren geschafft, sich als Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens zu inszenieren. Vor allem im Leben militärischer Führungsränge. Michael DeLong etwa, einer der Stellvertreter in der Centcom-Kommandantur, war öfters zu Gast bei den Kelleys. Seine Frau Kathy sagte in der "Tampa Bay Times" über Jill, dass sie allein mit ihrer Art eine patriotische Funktion in der Stadt erfüllt habe. "Die beiden (Jill und ihre Zwillingsschwester Natalie, d. Red.) traten überzeugender auf als so mancher Politiker. Sie hatten Ausstrahlung und Humor - genau diese Art von Leuten, die man auf einer Party haben will."

Diesem Charme waren offenbar auch David und Holly Petraeus erlegen. Bereits kurz nach dem der Held des Irak-Kriegs in Florida die Leitung von Centcom übernommen hatte, folgte das Ehepaar einer Einladung nach Hillsborough Bay. Freundschaft wurde geschlossen, die auch nach Petraeus' Wegzug Richtung Washington bestand haben sollte und letztlich in einem folgenschweren Eifersuchtsdrama mündete. Zwar deutet alles darauf hin, dass zwischen dem hochdekorierten General und Jill Kelley nichts lief, was aber Petraeus Liebhaberin nicht davon abhielt, der Tampa-Lady Droh-Mails zu schicken. Darin zu lesen sind Sätze wie: "Lass die Finger von meinen Kerl." Einen Grund zur Eifersucht hätte dagegen die Ehefrau von General John Allen haben müssen. Denn der Isaf-Kommandeur war der Dame derart verfallen, dass er ihr sage und schreibe bis zu 30.000 Mails im "Telefon-Sex-Duktus" schrieb - aus dem Kriegsgebiet Afghanistan wohlgemerkt.

Schulden in Millionenhöhe

Das ständige Repräsentieren, die Empfänge und die Charity-Events aber kosten viel, viel Geld. Zwar verdient Scott Kelley als Arzt gut, leider aber nicht genug für den aufwändigen Lebensstil. Laut der "Huffington Post" soll das Paar mehr als 100.000 Dollar aus einer von ihm gegründeten und mittlerweile pleitegegangen Krebsstiftung für Partys, Reisen und Autos ausgegeben haben. Andere Medien zitieren aus Prozessakten, die die finanziellen Schwierigkeiten offenbaren, in denen sich das Glamourpaar offenbar befand und wahrscheinlich wohl noch befindet. Auf mehr als zwei Millionen Dollar sollen die Schulden gewachsen sein: ausgegeben für schillernde Events, verprasst bei exzessiven Kreditkartengebrauch, aufgezehrt durch Immobiliendarlehen. Und ob sie die 800.000 Dollar je wiedergesehen hat, die Jill wiederum ihrer Schwester geliehen haben soll, scheint eher unwahrscheinlich zu sein. Denn Natalie Khawam gilt als besonders schwerer Fall.

Im März 2009 war sie in das Kelley-Anwesen in Tampa gezogen. Geflüchtet trifft es vielleicht besser. Zwei Jahre lang hatte der Vater ihres gemeinsamen Kindes zuvor um das Sorgerecht gekämpft. Das war noch in Washington, und der Streit des Ex-Paares sollte mit ihrem neuen Wohnort nicht beendet sein. Im Gegenteil, er nahm an Schärfe zu. Zuletzt beschuldigte Natalie ihren Kurzzeit-Mann, sie bedroht, geschlagen und das Kind misshandelt zu haben. Beweise blieb sie Presseberichten zufolge schuldig. Als ein Gericht um unabhängige Einschätzungen bat, waren es ausgerechnet David Petraeus und John Allen, die ihr beiseite sprangen. Niemand geringerer als der CIA-Chef persönlich bezeugte, dass Natalie eine tolle und liebevolle Mutter sei, die stets das Beste für ihr Kind wolle, wie der Sender CBS auf seiner Website schreibt.

Jill Schwester habe erhebliche charakterliche Probleme

Das Gericht ließ sich von seiner imposanten Funktion jedoch nicht beeindrucken und attestierte Jill Kelleys Schwester erhebliche charakterliche Probleme. "Frau Khawam mangelt es am Bewusstsein dafür, wie wichtig Ehrlichkeit und Integrität im Umgang mit Familienmitgliedern, Kollegen und anderen Menschen ist", lautete das harsche Urteil. Nicht zu Unrecht, wenn man der "Tampa Bay Times" glauben schenkt. Die Zeitung berichtet unter Berufung auf das Urteil, dass Khawam mit rund drei Millionen Dollar noch höher verschuldet sei als ihre Schwester, dass sie einen Kollegen fälschlicherweise der sexuellen Belästigung beschuldigt habe, und überhaupt alles im allem eine Person sei, die so gut wie keine Ahnung vom grundsätzlichen zwischenmenschlichen Umgang habe.

"Tampa ist ein Ort, in dem man jeder Neuankömmling in einer Nische seinen Platz findet", sagte Pam Iorio, früherer Bürgermeister, der "New York Times". Und die Kelleys hätten sich eben für die Nische Militär entschieden. Letztlich blieb ihnen wohl auch nicht viel anderes übrig, denn viel mehr als dieser Stützpunkt mit seinen mächtigen Männern glänzt in Tampa nicht. Seit den Anschlägen in New York 2001 hat Centcom an Bedeutung gewonnen, alle großen Kriege der USA wurden von hier aus befehligt und die Generäle sind Idole. Umgekehrt genießen bei den Herren in Uniform diejenigen Respekt, die sich wie die Kelleys um Spenden für Veteranen kümmern und den Soldaten andere Wohltaten zukommen lassen. "Dass es aber richtige General-Groupies gibt, hätte ich nie gedacht", wundert sich der Militär-Journalist Jacey Eckhart.

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