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Wie das Heimatland von Anis Amri seine Jugend vernachlässigt

Was ist seit dem arabischen Frühling in Tunesien passiert? Das Heimatland des mutmaßlichen Attentäters von Berlin tut wenig für sein Volk, vor allem für die Jugend. Wer das Leben noch vor sich hat, will einfach nur weg.

Von Mirco Keilberth, Tunis

Eine Demonstrantin hält während einer Kundgebung in Tunis, Tunesien, ein Schild mit der Aufschrift "New Government Free Country"

Das war vor fünf Jahren: Eine Demonstrantin fordert auf einer Kundgebung in Tunis: "Neue Regierung Freies Land"

Ousleitia, Kasserine, Kairouan, Sidi Bousid: Genau dort, wo vor sechs Jahren der arabische mit der Selbstverbrennung eines Studenten begonnen hat, rekrutiert der Islamische Staat so erfolgreich wie sonst nirgends auf der Welt.

"Wir haben als liberalstes arabische Land eben auch die meisten gesellschaftlichen Brüche. Der größte ist die soziale Ungleichheit zwischen dem reichen Nordwesten und den touristischen Küstenorten und dem Hungergürtel", erklärt Hussam Rabhi. Der Menschenrechtsaktivist hilft Opfern von Polizeigewalt. Sein Vater arbeitete als stadtbekannter Gerichtsvollzieher, er weiß daher um die Nöte und Sorgen vieler Menschen, denen die wirtschaftliche Misere die Lebensgrundlage in den vergangenen Jahre zerstörte. Bis auf eine Molkerei wurde nichts in den Orten investiert, in denen vor allem Jugendliche 2011 in erster Linie für Jobs und nicht als Protest gegen die Diktatur auf die Straße gingen.

Nun ist der Staat ganz weg. "Für viele ist der korrupte und gewalttätige Polizist das einzige, was sie vom tunesischen Staat kennen", sagt Rabhi, der auch viele verteidigt.


Polizeigewalt , Willkür, Aussichtslosigkeit

Er kennt viele, die sich nach Libyen oder in die Berge bei abgesetzt haben, zu islamistischen Zellen. Angriffe auf Polizisten sind an der Tagesordnung. Durch den von Präsdident Essebsi gerade zum dritten Mal verlängerten Ausnahmezustand ist jede Reform von Justiz und Polizei unmöglich. Ein Teufelskreis. Schon wer den durch die Straßen patrouillierenden Beamten auffällt, landet auf der Wache. Martialisch tritt diese Polizei auf: oft maskiert und in bulligen Mannschaftswagen. Rabhis Klienten berichten von Schlägen und Folter. Wer mit Haschisch erwischt wird, sitzt ein Jahr hinter Gittern.

Dazu kommt, dass in den Moscheen bis zum vergangenen Jahr oft Imame predigten, deren salafistische oder wahabitische Ideologie von den Golfstaaten finanziell gefördert wurde. Zuvor waren Moscheen rigoros vom Staat des Diktators Ben Ali kontrolliert worden. "Viele meiner Schulfreunde hatten nur die Wahl, rund um die Uhr in einem Café auf ein Wunder zu warten, auszuwandern oder in einer Art von den Imamen nach Libyen oder Syrien geschickt zu werden. Dort konnte man zumindest ein Held werden", sagt Rabhi.

Wer das Leben noch vor sich hat, will weg

Bis auf Massenverhaftungen hat der tunesische Staat bisher keine Antwort auf die soziale Schieflage gefunden. 45 Prozent der jungen Tunesier wollen laut einer kürzlich durchgeführten Umfrage auswandern, einen Groll auf die korrupten Beamten haben alle.

Hussam Rabhi schaut auf den übergroßen Gemüsekarren, der im Zentrum von Sidi Bousid an den Studenten Bouasisi errichtet wurde, der damals sich selbst verbrannte und so die Proteste von 2011 auslöste. Wie der Vater des Berliner Attentäters Anis Amri brachte Bouasisi kaum über 100 Euro im Monat nach Hause. Rabhi fällt es immer schwerer die Jugendlichen darauf einzuschwören, sich mit – oft langwierigen und wenig aussichtsreichen – rechtsstaatlichen Mitteln zu wehren. Die Islamisten dagegen bieten schnelle Hilfe: Waffen, Geld und ein Gruppengefühl, das stark macht.

Hussam Rabhi ist pessimistisch: "Die Dikatur ist weg, aber das Vakuum das sie in den Köpfen hinterlassen hat, ist zur Gefahr für die ganze Welt geworden. Helft uns endlich."

Mirco Keilberth

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